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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 60
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Fünfundzwanzigster Gesang

    Zum Aufstieg litt die Stunde mehr kein Säumen,
Denn Sonne mußte schon den Mittagsbogen
Dem Stier, und Nacht dem Skorpion einräumen.

    Drum jenem gleich, der schnell kommt angeflogen,
Und vorwärtseilt, was auch am Weg erscheine,
weil er sich fühlt vom Auftrag fortgezogen,

    So klommen im zerklüfteten Gesteine
Wir nacheinander, weil die engen Stiegen
Nicht duldeten, daß sich ein Paar vereine.

     Und wie der junge Storch voll Lust zum Fliegen
Die Schwingen hebt, doch wieder senkt voll Zagen,
Weil er nicht wagt, sich überm Nest zu wiegen,

    So stieg und sank in mir die Lust, zu fragen.
Doch eh ich noch zum Sprechen mich ermannte,
Erriet, was auf dem Herzen ich getragen,

    Der holde Vater, der kein Stillstehn kannte,
Und dennoch zu mir sprach: »Schieß ab den Bogen,
Dran sich der Strang schon bis zum Drücker spannte.«

    Ich tat den Mund auf, vom Vertrauen bewogen,
Und ich begann: »Wie wird denn jemand mager,
Der nie durch Not zur Nahrung wird gezogen?« –

    »Wenn du gedächtest, wie sich Meleager,
Weil sich ein Holz verzehrte, mitverzehrte,
Nicht wärst du,« sprach er, »ein so heftiger Frager.

    Und dächtest du, was auch der Spiegel lehrte:
Zuckt ihr, muß zuckend ers im Bild bekunden –
Leicht sich das Harte dir ins Weiche kehrte.

    Doch daß du Einblick bald nach Wunsch gefunden,
Sieh Statius hier. Er wird nun Balsam gießen,
Bitt ich ihn drum, als Arzt in deine Wunden.« –

    »Soll ich in deinem Beisein ihm erschließen
Des Ewigen Werk,« sprach er, »mußt du verzeihen.
Wo du befiehlst, darf mich es nicht verdrießen.«

    Dann hob er an: »Soll dir mein Wort gedeihen,
O Sohn, betrachte dann den Sinn recht weise,
Und helles Licht wird er dem Wie verleihen.

    Vollkommenes Blut – vom durstigen Aderkreise
Nicht aufgesaugt und übrigbleibend wieder,
Wie man nach Tische aufhebt eine Speise –

    Empfängt Formkraft für alle Menschenglieder
Im Herzen, gleich dem andern Blut im Leibe,
Das gliederbildend strömt die Adern nieder.

     Zum Orte sinkts, der ungenannt hier bleibe,
Zwiefach geläutert, bis er sich ergossen
Aufs fremde Blut in ein Gefäß beim Weibe.

    Hier werden beide nun in eins geschlossen.
Dulden will dies, auf Tat will jenes sinnen
Nach dem vollkommenen Ort, draus sie entflossen.

    Dort angelangt, regt sich ein frisch Beginnen.
Zuerst gerinnts; dann zeugt es junges Leben
In dem, was es zum Stoffe durft gewinnen.

    Die Tatkraft – der nun Seele ward gegeben
Ähnlich der Pflanze, nur daß die gehalten
Vom Anker schon, und jene noch muß streben –

    Läßt sich Bewegung und Gefühl entfalten
Dem Seeschwamm gleich, worauf sie anfängt, Glieder
Den ihr entkeimten Kräften zu gestalten.

    Jetzt, Sohn, erstarkt, jetzt dehnt die Kraft sich wieder,
Die im Erzeugerherzen sich bereitet,
Drin vorsorglich Natur legt alles nieder.

    Doch wie das Tier zum Kinde weiterschreitet,
Siehst du noch nicht; es fand in dieser Sphäre
Sich schon ein Weiserer als du mißleitet.

    Er lehrte, daß getrennt die Seele wäre
Vom möglichen Verstande, weil sein Sinnen
Kein Werkzeug sah, daraus er sichs erkläre.

    Öffne dein Herz, die Wahrheit zu gewinnen,
Die jetzt erscheint; und wisse – wenn vollendet
Des Hirnes Gliederung im Fötus drinnen –

    Daß froh der Urbeweger sich zuwendet
Solchem Naturkunstwerk. Sein Hauch entzündet
Ihm einen neuen Geist, dem Kraft er spendet,

    Der ansichzieht, was sich dort tätig kündet,
Sein Selbst zu einer Seele zu verweben,
Die lebt und fühlt und insichselbst sich gründet.

     Soll mindern Staunens Grund mein Wort dir geben,
Gedenke, wie den edeln Saft des Weines
Die Sonne kelternd kocht im Holz der Reben.

    Und wenns der Lachesis gebricht des Leines,
Läßt sie den Leib; als Fähigkeit vonhinnen
Mitnehmend Menschliches und Göttlichreines.

    Die andern Kräfte alle stumm verrinnen,
Indes an Schärfe jetzt in höherm Grade
Gedächtnis, Wille und Verstand gewinnen.

    Und ohne Rast an eines der Gestade
Fällt wunderbar vonselbst die Seele nieder;
Und dort erst wird sie kundig ihrer Pfade.

    Sobald ein Raum sie hält in Grenzen wieder,
So strahlt hervor die Formkraft allerwegen,
wie sie es tat, als lebend ihre Glieder.

    Und wie die Luft, drückt sie ein schwerer Regen,
In fremder Strahlen Spiegelschein entglommen,
Ein buntes Farbenkleid pflegt anzulegen,

    Wird von der Nachbarluft hier angenommen
Die Form auch, die darein die Seele drückte
Durch geistige Bildkraft, wenn sie angekommen.

    Und wie dem Brandherd, den man weiterrückte,
Die Einzelflamme folgt, pflegt nachzugehen
Dem Geist die Form, mit der er neu sich schmückte.

    Weil er daher kann sichtbar vor uns stehen,
Heißt Schatten er, und läßt daher erwachen
Werkzeuge allen Sinnen samt dem Sehen.

    Daher wir sprechen und daher wir lachen,
Daher entstehen die Tränen und die Klagen,
Die längs dem Berg dich achtsam konnten machen.

    Ganz nach den Wünschen, drin wir uns behagen,
Und durch Gefühle sonst, formt sich der Schatten.
Und dies wird deines Staunens Grund dir sagen.« –

     Zur letzten Windung ging indes vonstatten
Der Weg, wobei wir uns zur Rechten wandten,
Als wir schon eine neue Sorge hatten:

    Sprühflammen schleudern hier die Felsenkanten.
Doch wirft ein Wind von untenher die Lohe
Zurück, daß oben nur die Flammen brannten,

    Die einzeln wir durchschreiten müssen. Hohe
Züngelnde Flammen dort; und hier ist füglich
Gefahr, daß man hinabzustürzen drohe.

    Mein Führer sprach: »An diesem Ort muß klüglich
Dem Zaum der Vorsicht unser Auge trauen,
Denn Fehltritt kann geschehen unverzüglich.« –

     »Summae Deus elementiae!« Tief im Brauen
Des großen Feuers hört ich dieses singen,
Drob ichs nicht lassen konnte, hinzuschauen.

    Und Geister sah ich, die im Feuer gingen,
Drob achtsam bald an meinem Wegesgleise
Und bald an ihrem meine Augen hingen.

    Sobald beendet dieses Loblieds Weise,
Scholls: »Virum non cognosco!« laut von allen.
Dann wiederholten sie den Hymnus leise.

    Zum Schlusse riefen sie: »In Waldeshallen
Weilte Diana, und sie trieb vondannen
Helice, die dem Venusgift verfallen.«

    Hierauf sie wieder den Gesang begannen.
Dann hört ich, wie man Frauen und Gatten preise,
Die nur auf Ehezucht und Tugend sannen.

    Zufrieden stellt sie, glaub ich, diese Weise
Die ganze Zeit, wo Flammen sie umfließen.
Mit solcher Pflege und bei solcher Speise

    Wird endlich sich die letzte Wunde schließen.

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