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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 59
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
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Vierundzwanzigster Gesang

    Nicht hemmte das Gespräch das Gehn, das Gehen
Nicht das Gespräch; nein plaudernd gings vonstatten
Schnell wie ein Schiff in günstigem Windeswehen.

     Und die scheinbar zweimal-verstorbenen Schatten
Blickten erstaunt aus hohlen Augenringen,
Als sie Beweis von meinem Leben hatten.

    Und ich fuhr fort, indem wir weitergingen:
»Des andern halb mag er wohl minder eilen,
Als sonst geschäh, zum Gipfel aufzudringen.

    Doch weißt dus, sag, wo mag Piccarda weilen,
Sag auch, mit wem es sich zu sprechen lohne
Von diesen, deren Blicke sind gleich Pfeilen.« –

    »Die Schwester mein (ich weiß nicht, ob die Krone
Der Schönheit oder Güte mehr sie ehrte)
Strahlt schon gekrönt am hohen Olymposthrone.«

    So sprach er erst; und dann: »Nichts, was mir wehrte
Zu nennen jeden, weil der Fleischverschlinger,
Der Hunger, unser Aussehn so verzehrte.

    Der dort ist Buonagiunt, (er hob den Finger)
Der Buonagiunt von Lucca. Und daneben,
Der mehr als alle im Gesicht geringer:

    Die heilige Kirche hielt sein Arm im Leben.
Er war aus Tours, und büßt hier mit Verdrießen
Bolsenas Aal und firnen Saft der Reben.«

    Er zeigte mir und nannte, wie sie hießen,
Noch viele. Jeder schien sich drob zu freuen,
Da sie Entrüstung nicht erkennen ließen.

    Ich sah Ubaldin Pila zwecklos käuen
Und Bonifaz, der Futter mancher Seele
Unter dem Krummstab pflegte hinzustreuen.

    Ich sah Marchesen, der mit feuchtrer Kehle
Als hier sich wußte zu Forlì zu laben,
Weil, wie er sagte, niemals Durst ihm fehle.

    Doch wie man vieles prüft und dann der Gaben
Beßre sich wählt, macht ichs mit dem Lucchesen,
Der auch mehr Lust schien zum Gespräch zu haben.

     Gentucca, glaub ich, murmelte das Wesen
Von dorther, wo Gerechtigkeit die freche
Genußsucht so zerpflückt hat und zerlesen.

    »Drängt dichs, daß ein Gespräch dein Schweigen breche,
O Geist,« sprach ich, »sag klar denn, was dich quälte,
Daß einer mit dem andern lehrreich spreche.« –

    »Es lebt ein Weib, daß sich noch nicht vermählte,«
Sprach er; »drob wird dir meine Stadt behagen
Dereinst, wie sehr man sie bis jetzt auch schmälte.

    Du magst dies Seherwort nun mit dir tragen;
Und wenn mein Murmeln dunkel dir geblieben,
So wird es bald als Wirklichkeit dir tagen.

    Doch sprich, seh ich hier jenen, der geschrieben
Die neuen Reime?, die also beginnen:
Ihr Frauen, die ihr recht versteht zu lieben.‹«

    Ich sprach: »Fühl ich die Liebe mich durchrinnen,
Lausch ich der Melodie, zu deren Noten
Den Text ich schreibe, den sie vorspricht innen.« –

    »O Bruder,« sprach er, »jetzt seh ich den Knoten,
Der den Notar verstrickt, mich und Guittone,
Und uns den neuen süßen Stil verboten.

    Was euch der Geist diktiert, in treuer Frone
Hin aufs Papier zu werfen, war euch eigen;
Wir aber klebten starr an der Schablone.

    Und wessen Blick sich mag noch schärfer zeigen,
Der schaut nichtmehr von dem zu jenem Stile.«
Und wie befriedigt sank er dann in Schweigen.

    Wie Vögel, die zur Winterfahrt zum Nile
Sich rüsten, vorerst sammeln sich in Haufen,
Dann schnell in Zügen streben hin zum Ziele,

    So sah ich, wie sich ohne zu verschnaufen
Die Scharen eilends von uns wegbegaben,
Durch Magerkeit und Sehnsucht leicht zum Laufen.

     Und wie ein Mensch, der atemlos vom Traben,
Die andern vorläßt, langsam nachzugehen,
Bisdaß ganz ausgekeucht die Lungen haben,

    So ließ es mit der heiligen Schar geschehen
Forese, dann mit mir ihr nachzustreben,
Und sprach: »Wann werd ich wohl dich wiedersehen?« –

    »Wer weiß, wie lang bemessen mir mein Leben,«
Sprach ich. »Doch käm die Rückkehr noch so schnelle,
Mein Wunsch wird früher sich zum Strand begeben.

    Denn täglich mehr versiegt der Tugend Quelle
Am Orte, wo ich leben muß; und reifen
Seh dessen Sturz ich schon, der ihn zerschelle.« –

    »Nun geh; den Schuldigen wird die Rache greifen,«
Sprach er. »Zum Tal, wo Schuld nichts kann besiegen,
Seh ich an eines Tieres Schwanz ihn schleifen.

    Schrittweis scheint rasender das Tier zu fliegen,
Zerstampft ihn dann in wildes Zornes Gären,
Und graus-entstellt läßt es den Körper liegen.

    Nicht lang wird dieser Räder Umschwung währen,
(Zum Himmel sah er) bis dir klar am Ende,
Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären.

    Nun bleib zurück, die Zeit ist teure Spende
In diesem Reich. Zuviel müßt ich verlieren,
Wenn ich noch Schritte mehr mit dir verschwende.«

    Wie manchmal pflegt hervorzugaloppieren
Aus nahender Schwadron ein einzler Reiter,
Sich mit des ersten Angriffs Ruhm zu zieren,

    So eilte der mit größern Schritten weiter.
Und ich ging fürbaß nun, noch treu-verbunden
Mit jenen Großmarschällen als Begleiter.

    Und als er unserm Ort so fern entschwunden,
Daß ihn mein Blick nicht besser sah im Raume,
Als ich in seinen Worten Sinn gefunden,

     Sah ich von einem zweiten Apfelbaume
Fruchtschwere Äste winken – als ich eben
Mich umgewandt – nicht fern vom Straßensaume.

    Sah Leute unter ihm die Hände heben,
Unklare Worte rufend nach den Zweigen,
Wie Kinder töricht-bettelnd aufwärtsstreben,

    Wobei sich der Umschwärmte hüllt in Schweigen
Und das Begehrte, steigernd ihr Verlangen,
Noch höher hält, um deutlich es zu zeigen.

    Bald waren sie enttäuscht zurückgegangen,
Indessen wir zum großen Baum gekommen,
Den niemals Bitten noch und Tränen zwangen.

    »Geht fort vom Baum, sich nahen wird nicht frommen!
Der, davon Eva brach, steht weiter oben,
Und dies Gewächs hier ward von ihm entnommen.«

    So sprach, ich weiß nicht wer, im Laubwerk droben,
Darob Vergil und Statius an den Seiten
Der Felswand sich mit mir vorüberschoben.

    »Gedenket,« rief es, »der vermaledeiten
Zweibrüstigen weinberauschten Wolkenkinder,
Die gegen Theseus wagten frech zu streiten.

    Denkt an der Juden gierigen Trunk nicht minder,
Die Gideon verschmäht zu Kampfgenossen,
Als er gen Midian zog als Überwinder.«

    So gingen, einer Wand engangeschlossen,
Wir hin und hörten dort im Felsgehege,
Welch böse Frucht der Gaumenlust entsprossen.

    Alsdann, bequemer auf dem freien Wege,
Trugen uns tausend Schritt und mehr ins Freie:
Nachdenklich jeder, und kein Laut ward rege.

    »Was geht so einsamsinnend denn ihr dreie?«
Sprach eine Stimme jäh, daß ich erschreckte,
Wie sich ein Tier bäumt, scheu vor einem Schreie.

     Ich hob das Haupt, daß ich, wers sei, entdeckte.
Und niemals sah man, daß im Flammenspiele
Glas oder Erz so hell und rot sich streckte,

    Als ich hier einen sah, der sprach: »Gefiele
Der Aufstieg euch, so müßt ihr hier euch drehen.
Hierdurch gelangt, wer Frieden sucht, zum Ziele.«

    Mir schwand vor seinem Glanz die Kraft zum Sehen;
Drum drängt ich mich an meiner Lehrer Hüften
Gleich dem, der dem Gehör pflegt nachzugehen.

    Und wie der Mai sich wiegt in lauen Lüften,
Den Herolden der nahen Morgenhelle,
Geschwängert reich mit Kraut- und Blumendüften,

    So fühlt ich eines Fittichs leise Welle
Mich fächeln mitten um die Stirne grade,
Und daß Ambrosiaduft sich ihm geselle;

    Und hörte sagen: »Selig, wem die Gnade
So leuchtet, daß er nicht des Gaumens Knecht ist,
Daß Qualm der Gier die Brust nicht überlade,

    Und er nur soviel hungert stets als recht ist.«

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