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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 57
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Zweiundzwanzigster Gesang

    Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der Engel, der zum sechsten Kreis gelangen
Uns ließ und meiner Stirn ein Mal vertrieben.

     Und die da nach Gerechtigkeit hier bangen,
Pries er »Beati«; doch nur »sitiunt« riefen
Die Worte, weil den Rest sie übersprangen.

    Und ich, viel leichter als in frühern Tiefen,
Ging also, daß ich nachstieg ohne Mühe
Den schnellen Geistern, die bergaufwärtsliefen.

    Da sprach Vergil: »Wo auch durch Tugend glühe
Die Liebe, Gegenliebe muß sie zünden;
Gesetzt, daß sie nach außen sichtbar sprühe.

    Und so – seit zu des Höllenvorhofs Gründen
Hinabstieg Juvenal, und ich von deinen
Gesinnungen für mich ihn hörte künden –

    Fühlt ich für dich Wohlwollen wie für keinen,
Dem man es mag als Niegesehenem weihen,
Daß mir jetzt kurz wird diese Treppe scheinen.

    Doch sag – und wolle mir als Freund verzeihen,
Wenn so mein Freimut läßt die Zügel schießen,
Und sprich alsob wir alte Freunde seien –

    Wie konnte nur sich deine Brust erschließen
Dem Geiz bei deines Geists Vollkommenheiten,
Wie sie dich ließ dein edler Fleiß genießen?«

    Ein Lächeln sah ich um den Mund erst gleiten,
Eh Statius sprach: »Mir kann die kleinste Frage
Als Liebesmerkmal Freude nur bereiten.

    Wohl bringen Dinge oft uns in die Lage,
Die fälschlich Anlaß sind, zu zweifeln leise;
Denn selten liegt der wahre Grund zutage.

    Du glaubst (mir dient dein Fragen zum Beweise),
Daß Habgier mich im andern Leben plagte:
Wohl weil ich mich befand in jenem Kreise.

    Vernimm denn, daß ich stets dem Geiz entsagte.
Sein Gegenteil wars grade, die Verschwendung,
Drob ich vieltausend Monde lang hier klagte.

     Und gabst du meinem Wandel nicht die Wendung
Als ich es las, wo du in zornigen Zeilen
Empört zurufst der menschlichen Verblendung:

    ›Wohin noch, frevler Golddurst, läßt du eilen
Der Menschen Gier?‹ – ich würd im Höllengelände
Lastwälzend heut den bittern Streit noch teilen.

    Da sah ich ein, daß man zuweit die Hände
Auch öffnen kann; bereute drum und glaubte,
Daß Gott mich der nebst andrer Schuld entbände.

    Wieviel erstehn einst mit gerupftem Haupte,
Weil Unkenntnis des Fehls ein Insichgehen
Im Leben wie im Sterben ihnen raubte.

    Und wisse: siehst du eine Schuld hier stehen,
Und drüben grad ihr Widerspiel dagegen,
So wirst du beider Laub verwelken sehen.

    Drum, wenn ich bei dem geizigen Volk gelegen,
Dem weinenden, daß Läutrung mir gelänge,
Geschah mirs nur des Gegenteiles wegen.« –

    »Doch als du sangst die grausen Waffengänge,
Die ob zwiefachen Leids Iokaste rügte,«
Sagte der Sänger ländlicher Gesänge,

    »Schienst du nach dem, wie Klio sich dir fügte,
Dem Glauben gläubig wohl noch nicht verpflichtet,
Ihm, ohne den kein Rechttun je genügte.

    Ist dem so, welche Sonne hat durchlichtet,
Welch Kerze deine Nacht, bis gut dichs deuchte,
Daß du dein Boot dem Fischer nachgerichtet?«

    Und er: »Du hast zuerst mich an die feuchte
Parnassusflut zum Trinken hingeleitet,
Und warst sodann, nächst Gott, mir eine Leuchte.

    Du tatest dem gleich, der im Dunkeln schreitet,
Die Fackel hinter sich, die seinem Tritte
Nicht frommt, doch allen Folgern Licht bereitet,

     Indem du sprachst: ›Verjüngt wird Welt und Sitte;
Gerechtigkeit kehrt heim nach Urzeitsfristen,
Ein neu Geschlecht naht aus des Himmels Mitte.‹

    Durch dich ward ich Poet, durch dich zum Christen.
Doch daß noch deutlicher das Bild dir werde,
Brauch ich die Hand nach Art des Koloristen.

    Vom wahren Glauben voll war ganz die Erde,
Den ausgesät, damit Erfolg sie krönte,
Des ewigen Reiches treue Botenherde.

    Und dein vorhinerwähnter Ausspruch tönte
So sinnverwandt dem neuen Predigertone,
Daß ich, sie aufzusuchen, mich gewöhnte.

    Heiß weint ich mit ob allem Schmerz und Hohne,
Mit dem sie Domitian verfolgend jagte,
Sie, die ich würdig hielt der Heiligenkrone,

    Daß ihnen ich, solang das Licht mir tagte,
Beistand und an den sittlichen Genüssen,
Abhold den andern Sekten, mich behagte.

    Und eh die Griechen ich zu Thebens Flüssen
In meinem Lied geführt, ließ ich mich taufen.
Doch weil ichs glaubt verheimlichen zu müssen,

    Und lang noch heidnisch galt dem großen Haufen,
Ließ mehr als vier Jahrhunderte hier oben
Den vierten Kreis die Lauheit mich durchlaufen.

    Du aber, der den Schleier aufgehoben,
Der mir das Heil barg hinter seiner Falte,
Sag mir, solang wir steigen noch nach droben:

    Wo ist Plautus, unser Terenz, der alte,
Cäcilius, Varius? Hast du ihrer Kunde,
Sag mir, falls sie verdammt, welch Kreis sie halte.« –

    »Sie, Persius, ich und mehr noch sind im Bunde,«
Mein Führer sprach, »mit jenem Griechengreise,
Dem Musenmilch zumeist geträuft zum Munde,

     Dort in des blinden Kerkers erstem Kreise.
Vom Berg, wo unsere Nährerinnen thronen,
Sprechen wir oft in uns erfreuender Weise.

    Euripides und Antiphon dort wohnen;
Simonides und Agathon erscheinen
Nebst Griechen sonst, geschmückt mit Lorbeerkronen.

    Dort ist zu sehen aus der Schar der Deinen
Antigone, Deïphila, Argia;
Ismene auch, die heut noch pflegt zu weinen.

    Man siehet, die den Weg wies zur Langia,
Dann des Tiresias Tochter. Siehet dorten
Thetis, und bei den Schwestern Deidamia.« –

    Schon schwieg das Dichterpaar nach diesen Worten,
Aufs neue scharf umher die Blicke sendend,
Erlöst vom Aufstieg durch die Felsenpforten.

    Vier Mägde, schon den Tagesdienst beendend,
Blieben zurück, die fünfte kam gezogen,
Aufwärts die glühende Deichselspitze wendend.

    Drauf sprach mein Führer: »Längs dem Außenbogen,
Glaub ich, muß man die rechte Schulter kehren
Um diesen Berg, wie wir bisher gepflogen.«

    So ließen wir uns durch Gewohnheit lehren
Und schritten fort, weil wir getroster schienen,
Da es auch nach des würdigen Geists Begehren.

    Sie gingen vor; ich folgte einsam ihnen
Und lauschte still für mich, was sie gesprochen,
Daß mirs beim Dichten könnt zum Vorteil dienen.

    Doch hat ihr hold Gespräch bald unterbrochen
Ein Baum, der vor uns stand in Wegesmitten,
Von Früchten voll, die süß und lieblich rochen.

    Wie Tannen aufwärts schmaler sind geschnitten,
So wurden abwärts hier die Zweige schmaler:
Ich glaub, damit sie kein Ersteigen litten.

     Links, wo der Weg versperrt war, sprang aus kahler,
Hoher Felswand ein Sprühquell frisch und helle,
Und war des Laubdachs kühlender Bestrahler.

    Die beiden Dichter nahten sich der Stelle,
Und eine Stimme rief aus Laubesmitte:
»An dieser Frücht gebricht es euch gar schnelle.«

    Dann riefs: »Maria hat an Schmuck und Sitte
Der Hochzeit wohl gedacht, doch um so lasser
Des eigenen Mundes, daß für euch er bitte.

    Und Römerinnen alter Zeit schuf Wasser
Als einziger Labetrunk niemals Verdrießen,
Und Daniel Weisheit fand, weil er kein Prasser.

    Es sah zu Zeiten, die die goldenen hießen,
Hunger in Eicheln eine leckere Speise,
Und Durst in jedem Bache Nektar fließen.

    Denkt an des Wüstenpredigers strenge Weise:
Heuschrecken mußten ihm das Leben fristen
Und Honig. Dennoch ward ihm Ruhm zum Preise,

    Wie uns erklärt ward vom Evangelisten.«

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