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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 55
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Zwanzigster Gesang

    Weil schlecht mit besserm Wollen kämpft das Wollen,
Zog (ihm erwünscht, mir unerwünscht) vom Rinnen
Des Wassers ich den Schwamm fort, den halbvollen.

     Ich ging, und auch mein Führer ging vonhinnen,
Entlang dem Felsen stets, wo frei die Schneise,
Wie man auf Mauern geht hart an den Zinnen.

    Denn jenes Volk, des Auge tropfenweise
Vom Laster trieft, das stets die Welt kasteite,
Lag allzunah dem äußern Rand vom Kreise. –

    Uralte Wölfin du, vermaledeite,
Die du mehr raubst, als andre Bestien rauben,
Du nie von heißer Hungersgier befreite!

    O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir glauben,
Die Erdendinge wandelt mächtigen Zwanges,
wann kommt, vor dem umsonst dein Trotz wird schnauben? –

    Wir gingen langsam und gemessenen Ganges.
Und ich, der Schatten achtend, hörte flehen
Und weinen sie erbarmungswürdigen Klanges.

    Der Zufall ließ mich einiges verstehen.
»Süße Maria,« seufzte da ein Wesen
So schmerzlich wie ein Weib in Kindeswehen.

    Und dann: »Du warst zur Armut auserlesen,
Davon die Herberg giebt so schöne Proben,
Drin du von deiner heiligen Last genesen.«

    Und endlich: »O Fabricius, hoch zu loben!
Armut im Tugendkleid war dein Verlangen,
Statt Reichtum, der mit Lastern ist verwoben.«

    Ich schritt, weil diese Worte lockend klangen
Und mehrversprechend, näher, achtsam-lugend
Zum Geist, von dem sie scheinbar ausgegangen.

    Der sprach auch noch von der freigebigen Tugend
Des Nikolaus, der reich die Jungfrauen machte,
Um Ehrbarkeit zu wahren ihrer Jugend.

    Ich sprach: »Du, der so schöner Tat gedachte,
Wer warst du, Seele? Und aus welchem Grunde
Geschahs, daß nur dein Mund hier Lobspruch brachte?

     Nicht ohne Lohnentgelt bleibt deine Kunde
Wenn hinter mir der kurze Weg gelegen
Des Lebens, das da hinfliegt Stund-um-Stunde.«

    Und er: »Ich will dirs sagen. Doch nicht wegen
Des Trosts, der mich von jenseits läßt genesen,
Nein, weil dir schon vorm Tode strahlt solch Segen.

    Wurzel des argen Baums bin ich gewesen,
Der alles Christenland so sehr beschattet,
Daß selten gute Frucht davon zu lesen.

    Doch Rache hätte längst der Herr verstattet,
Falls Douay, Lille, Gent, Brügge sich entschließen:
vom Weltallsherrn erfleh ichs unermattet.

    Auf Erden sie mich Hugo Capet hießen.
Die Philipps und die Ludwigs, heut Berater
Und Lenker Frankreichs, sah ich mir entsprießen,

    Und in Paris ein Fleischer war mein Vater.
Als schon der alte Königsstamm zuende,
Bis auf den, der den Graurock trug als Frater,

    Fand ich so festgedrückt mir in die Hände
Des Reiches Zaum, zumal sich mir verbanden
Durch Neuerwerb und Freundschaft alle Stände,

    Daß meinem Sohn von den verwaisten Landen
Die Krone fiel aufs Haupt. Aus seinem Blute
All die gesalbten Häupter dann entstanden.

    Eh nicht am provenzalischen Heiratsgute
Ganz mein Geschlecht verlernte, sich zu schämen,
Wars nicht viel wert, doch frei vom Frevelmute.

    Nun ließen sich die Meinen nicht mehr zähmen.
Gewalt und List hielt her, daß sie, zur Buße!
Ponthieu, Gascogne und Normandie sich nähmen.

    Karl kam dann nach Italien. Und, zur Buße!
Ward Konradin geköpft; und für die Sterne
Dann reifgemacht Sankt Thomas, auch zur Buße!

     Ich seh aus Frankreich schon, und nicht ist ferne
Die Zeit, sich einen andern Karl aufraffen,
Daß ihn man und sein Haus erst kennen lerne.

    Wehrlos kommt er und führt sonst keine Waffen
Als nur des Judas Speer. Den wird er schwingen
Dann so, daß dir, Florenz, Flanken klaffen.

    Das wird kein Land, nur Sündenschuld ihm bringen
Und Schmach, was ihn einst umsomehr läßt bangen,
Als er den Schaden hält für ganz geringen.

    Den andern, der vom Schiff einst stieg gefangen,
Seh ich sein Kind verschachern, wie Korsaren
Die Sklavin, hohes Kaufgeld zu erlangen.

    O Habgier, kannst du ärger noch verfahren,
Seit du mein Blut so fingst in deinen Maschen,
Daß es mit Kindern handelt wie mit Waren?

    Um alte Schuld und künftige abzuwaschen,
Seh ich die Lilien nach Alagna dringen,
Christum in seinem Stellvertreter haschen.

    Seh zum erneuten Mal ihn Spott umringen,
Seh Essig dann und Galle sich erneuern
Und zwischen neuen Schächern Tod ihm bringen.

    Seh Wut den neuen Pilatus so befeuern,
Daß Nimmersatt er höhnt des Rechtes Sache,
Zum Tempel gierigen Segels hinzusteuern.

    O Herr, wann seh ich froh, daß deine Rache
(Verborgen noch nach deinem bessern Meinen)
Aus deines Zornes Langmut auferwache?

    Was von der Braut ich sprach – der einzig-einen
Des Heiligen Geists, und was dich zu der Frage
Bewogen, die ich dir nicht will verneinen –

    Dient allen unsern Bitten hier bei Tage
Als Inhaltsvorschrift. Aber wenn es nachtet,
Ertönt vom Gegenteile unsere Klage.

     Dann wird Pygmalion wiederholt betrachtet,
Der zum Verräter, Freundesmörder, Diebe
Geworden, weil er nur nach Gold geschmachtet,

    Und Midas, dem die nimmersatten Triebe
Der Habsucht soviel Elend eingetragen,
Damit er ein Gespött bis heute bliebe.

    Vom Toren Achan wird dann jeder sagen, wo
Der von der Beute stahl, daß alle grollten
Und hier noch Josuas Zorn ihn scheint zu schlagen.

    Saphira und ihr Gatte wird gescholten,
Gelobt die Tritte, die zubodenrissen
Den Heliodor. Mit Schmach wird rings vergolten

    Des Polymnestors Mord, der geizbeflissen
Den Polydor schlug. Endlich ruft es: ›Sage,
O Krassus, wie schmeckt Gold? Du mußt es wissen!‹

    So laut und leise pflanzt sich fort die Klage,
Ganz wie in Gang uns läßt die Inbrunst kommen,
Bald rasch, bald sanft mit ihres Spornes Schlage.

    Und nicht nur ich wars, der vorhin die frommen
Beispiele pries; nur in der Näh soeben
Klang keine Stimme, daß du sie vernommen.« –

    Wir hatten uns von ihm grad wegbegeben,
Bemüht, daß unser Fuß bezwungen sähe
Soviel vom Weg, als Kraft war, fortzustreben,

    Als ich den Berg, alsob ein Sturz geschähe,
Erbeben fühlte, daß ein Frost mich preßte
Gleich einem, der sich sieht in Todesnähe.

    So heftig bebte Delos nicht, das feste,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebären,
Latona dort entwich zum sichern Neste.

    Dann klang ein Schrei aus allen Berges-Sphären,
Daß zu mir trat der Meister: »Hab kein Bangen,«
Sprach er, »da ich dir Führung will gewähren.«

     Und »Gloria in excelsis Deo« klangen
Die Stimmen, wie von denen ichs verstanden,
Die mir als Nächste dies von allen sangen.

    Wir standen reglos-lauschend wie in Banden –
Den Hirten gleich, zu deren Ohr gekommen
Erstmals dies Lied – bis Klang und Erdstoß schwanden.

    Dann ward der heilige Weg neu aufgenommen,
Die Schatten prüfend, die – gewohnte Tränen
Weinend – am Boden lagen furchtbeklommen.

    Nie fühlt ich einen Kampf mit schärfern Zähnen
Unwissenheit und Wißbegier beginnen,
Trübt mein Gedächtnis nicht ein irrig Wähnen,

    Als damals mirs erschien in meinen Sinnen.
Und weder wagt ich bei der Hast zu fragen,
Noch konnt ich Auskunft durch michselbst gewinnen.

    So schritt ich denn nachdenklich und mit Zagen.

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