Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 53
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
Schließen

Navigation:

 

Achtzehnter Gesang

    Nachdem der hohe Lehrer so geendet,
Sah er ins Antlitz mir, wie um zu fragen,
Ob mich befriedigt, was sein Wort gespendet.

    Und ich, den neuer Durst begann zu plagen,
Blieb äußerlich zwar stumm, doch sprach ich innen:
»Frag nicht zuviel, leicht machts ihm Unbehagen.«

     Doch ward mein schüchternes verschwiegenes Sinnen
Von diesem echten Vater schnell ergründet,
Und sprechend hieß er Sprache mich gewinnen.

    Drum ich: »Mein Blick wird, Meister, so entzündet
An deinem Licht, daß ich mir leicht erkläre,
Was deine Schilderung mir schenkt und kündet.

    Drum, lieber teurer Vater du, gewähre
Mir Aufschluß von der Liebe, die als Quelle,
wie du gesagt, Gutes und Böses nähre.« –

    »Blicke auf mich scharf und verstandeshelle,«
Sprach er; »dann wird der Irrtum dir zerstieben
Der Blinden, die da stehen an Führerstelle.

    Die Seele, die geschaffen, schnell zu lieben,
Sucht allem, was sie freut, stark zuzustreben,
Wenn wirklich Lustempfindung sie getrieben.

    Die Fassungskraft zieht aus dem wahren Leben
Ein Bild sich ab, das sie in euch entfaltet,
Sodaß die Seele völlig ihm ergeben.

    Und wenn zu ihm die Neigung in euch waltet,
Nennt Liebe, nennt Natur sich dieses Neigen,
Die das Gefallen neu in euch gestaltet.

    Denn wie das Feuer muß nach oben steigen,
Nach seiner Art erzeugt, dahin zu dringen,
Wo seinem Stoff die längste Dauer eigen,

    So fühlt die Seele Sehnsucht sich bezwingen
(Was geistige Regung ist) und ruhet nimmer,
Bis sie das Heißgeliebte darf umschlingen.

    Nun kannst du sehn, wie doch der Wahrheit Schimmer
Verhüllt so tief ist jenen, die da meinen,
Ansich sei jede Liebe löblich immer.

    Der Stoff kann gut sein, wer will das verneinen?
Doch schützt davor des besten Wachses Masse,
Daß Siegel unschön-abgedruckt erscheinen?« –

     »Dein Wort und mein Verstand, soweit ers fasse,«
Sprach ich, »läßt mich enthüllt die Liebe sehen;
Doch so nicht, daß michs neu nicht zweifeln lasse.

    Denn macht ein äußerer Eindruck sie entstehen:
Ists recht, daß man verantwortlich sie mache,
Wenn sie gekrümmt muß oder grade gehen?«

    Und er: »Ich kann nur sagen, wie die wache
Vernunft es sieht. Noch besser wird entfalten
Dir Beatrice, weil dies Glaubenssache.

    Jedwede Wesensform, die losgespalten
Vom Stoff ist, aber doch mit ihm verbündet,
Hat eine Sonderkraft in sich erhalten,

    Die lediglich wird an der Tat ergründet,
Die erst in Wirkung offenbart ihr Leben,
Wie grünes Laub des Baumes Leben kündet.

    Auskunft kann keine Menschenweisheit geben,
Woher die Urbegriffe uns entstanden,
Woher der Urtrieb stammt, das Urbestreben.

    Wie Honigsammeln als der Drang vorhanden
In Bienen, wird des Wollens Ursprungsquelle,
Ansich nicht gut nicht bös, uns nie zuschanden.

    Daß dem Trieb jeder andre sich geselle,
Ließ die Geburt euch Urteilskraft erringen;
Und die soll hüten des Entschlusses Schwelle.

    Sie ist der Urgrund, und aus ihr entspringen
Euch Gründe zum Verdienst, ob schlechte Liebe
Ihr meiden wollt und gute an euch bringen.

    Die eingeborene Freiheit eurer Triebe
Sahn die, die bis zum Grunde konnten blicken,
Und wollten, daß Moral der Menschheit bliebe.

    Gesetzt, Notwendigkeit mag euch umstricken
Zu jeder Liebesglut in euerm Leben:
Macht habt ihr, daß sie sich muß fügsam schicken.

     Solch edle Kraft nennt Beatrice eben
Die Willensfreiheit. Drum sei dirs empfohlen,
Sollt ihr Gespräch Erwähnung davon geben.« –

    Der Mond, der sich versäumt auf trägen Sohlen
Bis Mitternacht, bleichend der Sterne Reigen,
Und aussah wie ein Kessel glühender Kohlen,

    Begann denselben Weg hinaufzusteigen,
Drauf dann die Sonne flammt, wenn Rom sie gegen
Sardinien sieht und Korsika sich neigen.

    Und jener edle Schatten, dessentwegen
Pietola mehr als Mantua wird erhoben,
Entlud der Last mich, die auf mir gelegen,

    Drob ich, der eine Auskunft durft erproben
Aus alle Fragen klar und unverschwommen,
Dastand gleich dem, den Schlafsucht hält umwoben.

    Doch diese Schlafsucht ward mir schnell genommen
Durch Leute, die im Rücken uns die Pfade
herliefen, um an uns heranzukommen.

    Wie einst Asopens und Ismens Gestade
Zur Nachtzeit sahen das rasende Gestiebe,
Wenn Thebens Volk zum Bacchus rief um Gnade,

    So lief durch diesen Kreis im Wirbeltriebe,
Soviel ich sah beim Nahen all der Scharen,
Wen guter Wille spornt und echte Liebe.

    Bald waren sie zu uns herangefahren,
Denn ihre Eile konnte nichts besiegen,
Und weinend riefen zwei, die vorne waren:

    »Maria ist in Hast bergaufgestiegen,
Und Zäsar schloß, Ilerda zu gewinnen,
Massilien ein, nach Spanien dann zu fliegen.« –

    »Schnell, schnell,« schrien andre, »laßt nicht Zeit verrinnen
Durch Liebesträgheit! Neues Grün laßt geben
Der Gnade uns durch heilsames Beginnen.« –

     »O Volk, in dem solch inbrunstheißes Streben
Vielleicht der trägen Säumnis tut Genüge,
Die Gutes lau euch üben ließ im Leben,

    Dieser hier lebt – und glaubt, daß ich nicht lüge –
Und will empor beim ersten Tagesscheine.
Drum sagt, wo man zum Eingang sich verfüge.«

    So meines Führers Worte. Und der eine
Von jenen Geistern sprach: »Folg unserm Tritte,
So findest du die Öffnung im Gesteine.

    Uns spornt der Drang zur Eile so die Schritte,
Daß wir nicht rasten können; drum verzeihe,
Scheint unser rechtes Tun unfeine Sitte.

    Zu Zenos Abt schuf mich Veronas Weihe
Unter des ›guten‹ Rotbart Herrscherstabe,
Dem heut noch schallen Mailands Weheschreie.

    Und jemand hat schon einen Fuß im Grabe,
Der bald weint um dies Kloster angstbeklommen
Und trauert, daß er drin gewaltet habe,

    Weil er den Sohn, der leiblich ganz verkommen
Und geistig schlimmer noch, und schlimmgeboren,
Statt eines rechten Hirten angenommen.«

    Ich weiß nicht, schwieg er, sprach er noch – den Ohren
Verklangs, weil er entlief ins Ungewisse.
Doch hört ich dies und halts gern unverloren.

    Da sprach der Helfer meiner Kümmernisse:
»Dreh dich! schau! Zweie nahn, die dem Verderben
Der Trägheit strafend geben scharfe Bisse.«

    Die riefen allen hinterdrein: »Erst sterben
Mußte das Volk, das Durchgang fand im Meere,
Bevor der Jordan schaute seine Erben.

    Und jene, die nur halb die Drangsalsschwere
Mit dem Anchisessohne überwanden,
Zogen ein Dasein vor, bar jeder Ehre.«

     Als drauf die Schatten uns soweit entschwanden,
Daß sie vor meinem Blick in Nichts zerflossen,
War ein Gedanke neu in mir entstanden,

    Draus wieder andere, mannigfache schossen.
Und so von dem zu jenem mußt ich schwanken,
Bis sich die Augen mir vom Schwärmen schlossen

    Und mir zum Traume wurden die Gedanken.

 << Kapitel 52  Kapitel 54 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.