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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 52
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Siebzehnter Gesang

    Erinnere, Leser, dich, wenn dich umbraute
Ein Nebelqualm auf einem Alpenpasse,
Daß wie durchs Maulwurfsfell dein Auge schaute,

    Wie dann beginnt die dichte feuchte Masse
Sich zu zerstreun, bis langsam durch das Rauchen
Der Sonnenball erscheinen kann, der blasse:

    Und nur geringer Mühe wirst du brauchen,
Dir vorzustellen, wie ich wiederschaute
Zuerst die Sonne, schon im Untertauchen.

    So trat ich gleichen Schrittes wie der traute
Gefährte aus dem Wolkenflor ins Helle,
Indes den Strand schon Dämmerung umgraute. –

    O Fantasie, wie oft entrückst du schnelle
Uns aus unsselbst, daß man das Ohr nicht wendet,
Was auch aus tausend Tuben uns umgelle.

    Was reizt dich denn, wenn dir der Sinn nichts spendet?
Dich reizt ein Licht, wirkend vom Himmel nieder,
Selbständig oder weils ein Wille sendet. –

     Vom Frevel jener, die sich im Gefieder
Des Vogels barg, der immer gern gesungen,
Gab mir Einbildungskraft ein Abbild wieder,

    Das meinen Geist so insich hielt gezwungen,
Daß sich von außen her vor solchem Schilde
Auch nichts den kleinsten Eindruck hätt errungen.

    Dann senkte sich ins hohe Traumgebilde
Mir ein Gekreuzigter. Zorn sah ich beben
Und Stolz im Blick, und so auch starb der wilde.

    Den großen Ahasver sah ich daneben,
Esther sein Weib und Mardochai, den frommen,
Der Vorbild stets in Wort und Tat gegeben.

    Und als dies Bild vonselbst insich zerschwommen –
Wie eine Blase platzt, wenn sie verzichten
Aufs Wasser muß, draus sie hervorgekommen –

    Sah ich im Traum ein Mägdlein sich aufrichten:
»O Königin,« klang es von der tränenblassen,
»Was mußtest du im Zorn dichselbst vernichten?

    Du gabst dich hin, Lavinien nicht zu lassen,
Jetzt ließest du mich, Mutter. Dein Verderben
Muß vor des andern Tod mit Schmerz mich fassen.«

    Gleichwie der Schlummer – bohren sich die herben
Lichtstrahlen durch das Aug, das noch geschlossen –
Bricht und im Brechen zuckt vor seinem Sterben,

    So meine Traumgebilde jäh zerflossen,
Sobald ins Antlitz mir ein Lichtstrahl zückte,
Greller, als sich ein irdisch Licht ergossen.

    Ich sah mich um, wohin michs denn entrückte,
Als eine Stimme sprach: »Hier müßt ihr steigen,«
Daß jeden andern Wunsch ich unterdrückte

    Und meinen Eifer ließ so stark sich zeigen,
Den zu gewahren, den ich hörte sprechen –:
So etwas quält, bis Stirn zu Stirn sich neigen!

     Doch wie ins Aug die Sonnenstrahlen stechen,
Durch zuviel Glanz vom Anblick abzuschrecken,
So fühlt ich meine Sehkraft hier zerbrechen.

    »Den Weg uns ungebeten zu entdecken,
Erschien ein Gottgeist, den du nicht gesehen,
Weil seine eigenen Strahlen ihn verstecken.

    Was Mensch dem Menschen tut, ist uns geschehen.
Denn wer uns bitten läßt, wenn Not erst drohte,
Der denkt schon böslich, uns nicht beizustehen.

    Laß unsern Fuß denn folgen dem Gebote.
Aufwärtsgestiegen! eh die Nacht gekommen,
Sonst können wirs nichtmehr vorm Morgenrote.«

    So sprach mein Führer, und zur Höh genommen
Ward nun ein Pfad, den wir auf Stufen gingen.
Und jetzt, als ich die erste kaum erklommen,

    Fühlt ich im Antlitz leises Flügelschwingen.
»Pacifici beati« hört ichs gleiten
Ans Ohr mir, »Heil, die sündigen Zorn bezwingen.«

    Schon standen über uns in solchen Weiten
Die letzten Strahlen, die der Nacht sich gatten,
Daß Sterne blitzten von verschiedenen Seiten.

    »O meine Kraft, was ließ dich so ermatten?«
Fragt ich michselbst und merkte ganz beklommen,
Daß mir den Dienst versagt die Füße hatten.

    Zur höchsten Stufe waren wir gekommen,
Gehemmt dort stehend, wie die Fahrt beendet
Ein Boot, wenn es am Strand sich festgeschwommen.

    Erst lauscht ich kurz, ob ein Geräusch nicht spendet
Dem Ohr der neue Kreis, der hier zu sehn.
Dann sprach ich, meinem Meister zugewendet:

    »Mein teurer Vater, sprich, welch ein Vergehen
Läutert der Kreis hier? Äußere dein Vermuten.
Stehn auch die Füße, laß dein Wort nicht stehen.«

     Und er zu mir: »Ergänzt wird hier zum Guten
Liebe, die nahe war, daß sie erkalte.
Wer träg im Rudern war, muß hier sich sputen.

    Doch daß sichs dir noch deutlicher entfalte,
Wende den Geist mir zu, damit dir lohne
Heilsame Frucht aus unserm Aufenthalte.

    Du weißt, mein Sohn,« begann er, »nie war ohne
Die Liebe Schöpfer und Geschöpf; ob Liebe
In der Natur, ob sie im Geiste wohne.

    Die der Natur irrt nie in ihrem Triebe,
Doch jene irrt; seis, daß verfehlt ihr Streben,
Seis daß zu stark, seis daß zu schwach sie bliebe.

    Solang den ersten Gütern sie ergeben
Und Maß den irdischen weiß anzulegen,
Kann sie nie Sündenantrieb sein im Leben.

    Doch sucht sie Böses oder jagt sie wegen
Des Guten bald zu stark, bald zu verdrossen,
So wirkt dem Schöpfer das Geschöpf entgegen.

    Drum muß die Liebe, wie ichs dir erschlossen,
Jedweder Tugend Keim in euch umfassen
Und jeder bösen Tat, die euch entsprossen.

    Nun, weil denn Liebe nie kann unterlassen,
Vom eigenen Wohlergehen den Blick zu lenken,
Liegts allen Wesen fern, sichselbst zu hassen.

    Und weil man sich kein Wesen könnte denken
Getrennt vom Schöpfer, insichselbst zufrieden,
Kann nie auf ihn ein Haß ins Herz sich senken.

    Drum bleibt, sofern ich richtig unterschieden,
Des Nächsten Mißgeschick als Freudenwürze,
Die dreifach sprießt in euerm Schlamm hienieden.

    Der hofft, wenn Druck des Nachbars Macht verkürze,
Eigne Erhebung; drum ist sein Begehren,
Daß jener tief von seiner Höhe stürze.

     Der fürchtet, daß ihm Macht, Gunst, Ruf und Ehren
Entgehn, kommt hoch ein andrer, der sich brüstet;
Drum wills sein Grimm ins Gegenteil verkehren.

    Der glaubt beleidigt sich und ist entrüstet,
Was ihn so hält mit Rachedurst durchdrungen,
Daß nach des andern Schaden ihn gelüstet.

    Wen diese Liebesdreiheit einst bezwungen,
Beweint es hier. Laß nun von der dich lehren,
Die falschen Weges Gutem nachgerungen.

    Verworren fühlen alle und begehren
Ein Gut, als Seelenfrieden zu benennen;
Drum wird ihr Drang nach solchem Ziel sich kehren.

    Treibt Liebe euch zu träg, es zu erkennen
Und zu erwerben, wird der Kreis hier zwingen
Zur Buße euch nach echter Reue Brennen.

    Noch giebts ein Gut, doch kanns uns Glück nicht bringen,
Ist selbst kein Glück, liegt fern dem wahren Heile,
Draus alles Guten Frucht und Wurzeln dringen.

    Liebe, die dem nachstrebt in Gier und Eile,
Wird über uns beweint in dreien Runden.
Doch wie sich dort die Ordnung dreifach teile,

    Verschweig ich, da du selbst es sollst erkunden.«

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