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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 50
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
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Funfzehnter Gesang

    Soviel des Wegs am Schluß der dritten Stunde
Seit Tagbeginn der Sphäre wird beschieden,
Die kindesähnlich spielt in steter Runde,

    Soviel auch hatte bis zum Abendfrieden
Scheinbar der Sonne Lauf noch nicht durchschnitten:
Am Berg war Vesper, Mitternacht hernieden.

    Es traf ihr Strahl uns auf der Nase Mitten,
Weil wir bereits den Berg soweit umgangen,
Daß wir nun grade gegen Westen schritten.

    Da fühlt ich: lästigere Strahlen drangen
Zur Stirne mir, als wie sie sonst zu schauen,
Und ob der Neuheit ward mein Sinn befangen;

    Weshalb ich meine Hände zu den Brauen
Erhob, ein Schutzdach für die Augenlider
Vor dieses Lichtes Übermaß zu bauen.

    Als wenn vom Wasser oder Spiegel wieder
Der Strahl zurückprallt, um emporzusteigen
Zur Gegenseite gleicherart als nieder

    Er fiel, um sich dann gleichwinklig zu neigen
Zur Richtung senkrechtfallender Gewichte,
Wie Beispiel dies und Wissenschaft uns zeigen:

     So schien ich vom zurückgeprallten Lichte
Getroffen auch, das da vor mir entglommen;
Drum eilt ich, Schutz zu bieten dem Gesichte.

    »Was, teurer Vater, ists, was mir benommen
Die Sehkraft, daß sich mir kein Schutz will zeigen,«
Sprach ich, »und was uns näher scheint zu kommen?« –

    »Nicht staune, mußt du dich geblendet neigen
Der Himmelsdienerschaft,« er mich belehrte.
»Ein Bote ists; er kommt und lädt zum Steigen.

    Bald wird, was lästig dein Gesicht beschwerte,
Als Wonneanblick dir soweit zuteile,
Als dir Natur Empfänglichkeit bescherte.«

    Zum seligen Engel kamen wir derweile,
Der fröhlich sprach: »Hier tretet ein; denn innen
Die Treppe gleicht der frühern nicht an Steile.«

    Und als wir stiegen, weiter schon vonhinnen,
Klangs: »Beati misericordes« und: »Weide
Am Sieg dich,« singend hinter uns von drinnen.

    Mein Meister nun und ich, allein wir beide,
Stiegen empor. Ich hoffte drum, es ließen
Sich gehend schöpfen nützliche Bescheide,

    Und wandte mich an ihn: »Bedenken stießen
Mir auf, was wohl Romagnas Geist verstünde
Mit dem, was ›nicht gemeinsam‹ zu genießen?«

    Drob er zu mir: »Von seiner größten Sünde
Kennt er den Fluch; drum kanns nicht staunen machen:
Er rügt ihn, daß euch weniger Schmerz entzünde.

    Weil eure Gier nur geizt nach solchen Sachen,
Die sich verringern, wenn sie sich entfernen
Von der Gemeinschaft, muß der Neid entfachen

    Euch Seufzer. Doch wenn zu den höchsten Sternen
Die Liebe eure Sehnsucht zöge – kennen
Würd nimmer eure Brust solch Bangen lernen.

     Denn umsomehr wir Gutes ›unser‹ nennen,
Jemehr wird jedem von dem Gut beschieden,
Und mehr muß Liebe hier im Kloster brennen.« –

    »Noch minder stellt mich dein Bescheid zufrieden,«
Sprach ich, »als wenn ich hätte wollen schweigen,
Und stärkere Zweifel bleiben unvermieden.

    Ists möglich, daß ein Gut, nach soviel Zweigen
Verteilt, den Vielen größern Reichtum bringe,
Als wenn es einigen Wenigen blieb zueigen?«

    Und er zu mir: »Weil du auf Erdendinge
Den Sinn festheftest, bleibt dir unerkennbar
Das Licht und wähnst, daß Dunkel dich umfinge.

    Das Gut, das unerschöpflich und unnennbar
Dort oben, eilt der Liebe so entgegen
Wie Licht von hellen Körpern ist untrennbar.

    Soviel giebts Glut, als Glut die andern hegen,
Sodaß, jemehr die Liebe sich verbreitet,
Sie auch der ewigen Kraft pflegt zuzulegen.

    Jemehr sich droben das Verständnis weitet,
Jemehr muß Gut und Liebe sich entfalten,
Wie Licht von Spiegel hin zu Spiegel gleitet.

    Und siehst du jetzt noch kein Verständnis walten,
Bald siehst du Beatrice. Deinem Herzen
Hat sie für alles Stillung aufbehalten.

    Doch sei bedacht nur, dir bald auszumerzen,
Wie schon die zwei, auch die fünf andern Wunden,
Die sich nur wieder schließen, wenn sie schmerzen.«

    Schon wollt ich sagen: »Licht hast du gefunden,«
Da sah ich mich zum nächsten Kreis gekommen,
Wo Schaulust mir die Lippe hielt gebunden.

    Hier war es mir, ich sei hinweggenommen
plötzlich wie durch Verzückung, und zu sehen
Schien ich in einem Tempel viele Frommen.

     Und eine Frau sah ich am Eingang stehen,
Die sprach sanftmütterlich zu ihrem Knaben:
»Mein Sohn, was ließest du uns das geschehen?

    Denn sieh, ich und dein Vater, beide haben
Mit Schmerzen dich gesucht.« Sie schwieg. Vergangen
waren die Bilder, die mich erst umgaben.

    Drauf sah ich eine zweite, naß die Wangen
Von Tränen, wie sie nur so schmerzhaft beißen,
wenn Zorn auf andre hält das Herz umfangen.

    Die sprach: »Willst du den Herrn der Stadt dich heißen
Um deren Namen Götter heftig stritten,
Drin alle Wissenschaften leuchtend gleißen,

    So straf die Arme, die auf Marktes Mitten,
O Pisistrat, dreist unser Kind umfingen!«
Doch milde schien und taub zu sein den Bitten

    Der Herr; denn freundlich schien sein Wort zu klingen:
»Wie würde erst, der Leid uns wünscht, gepeinigt,
Wenn wir dem, der uns liebt, Verdammung bringen?«

Illustration: Dorè

    Drauf sah ich Volk, entflammten Zorns vereinigt,
Mit Steineswürfen einen Jüngling töten,
Zurufend sich nur immer: »Steinigt! Steinigt!«

    Und sah, daß jener, schon in Todesnöten,
Aufwärts die Augen noch, zubodengleite,
Alsob sie offenes Tor dem Himmel böten,

    Erflehend vom höchsten Herrn in solchem Streite
Verzeihung für das Volk, das haßentbrannte,
Mit einem Ausdruck, den das Mitleid weihte.

    Als meine Seele nun zurück sich wandte
Zu jenen außer ihr noch wahren Dingen,
Ich gleich den doch nicht falschen Wahn erkannte.

    Mein Führer merkte, wie ich loszuringen
Gleichsam vom Schlaf mich mühte eine Weile,
Und sprach: »Kannst du nichtmehr die Füße zwingen?

     Was giebts? Schon reichlich eine halbe Meile
Schwankst taumelnd du mit halbgeschlossenen Lidern.
Hemmt Schlaf dir oder Trunkenheit die Eile?« –

    »O teurer Vater mein,« mußt ich erwidern,
»Ich will dir gern, was mir erschienen, künden,
Als Lähmung mir vorhin lag in den Gliedern.«

    Und er: »Wenn dir auch hundert Larven stünden
Vorm Angesicht, ich könnte doch von deinen
Gedanken selbst den kleinsten rasch ergründen.

    Nur darum sahst du dies, daß sich mit keinen
Fasern dein Herz verschlöß den Friedensbächen,
Dem Quell entströmend, dem allewigen reinen.

    Ich fragte nicht ›Was giebts?‹, wie solche sprechen,
Die nur mit Augen schaun, die nie sich heben
Zum Sehen mehr, wenn sie im Tode brechen.

    Ich fragte nur, den Füßen Kraft zu geben,
Wie wir die Lässigen anzuspornen pflegen,
Daß sie die Wachezeit zu nutzen streben.«

    Achtsam gings fort auf abendlichen Wegen
Und sahen, soweit den Augen Kraft verliehen,
Dem letzten Abendsonnenstrahl entgegen.

    Sieh, da begann uns mählich zu umziehen
Ein Rauch, als käme dunkle Nacht geschwommen,
Daß wir ihm nirgend wußten zu entfliehen.

    Der hat uns Blick und reine Luft benommen.

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