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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 49
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Vierzehnter Gesang

    Wer ist es, der hier unsern Berg umschreitet
Und seine Augen nach Belieben, ehe
Der Tod ihm Schwingen lieh, verschließt und weitet?«

    »Nicht weiß ich, wer es sei: weiß nur, er gehe
Nicht einsam. Drum magst du ihn freundlich fragen,
weil er dir näher, daß er Rede stehe.«

    So sprachen, die da beieinanderlagen
Zur Rechten, über mich zwei Geister. Beide
Hoben den Kopf, um etwas mir zu sagen,

    Und einer sprach: »O Seele, die im Kleide
Des Körpers noch darf himmel-aufwärts-gehen,
Aus Mitleid tröste uns und uns bescheide,

     Woher du kommst und wer du bist, wir sehen
Mit Staunen solche dir vergönnte Gnade
Als etwas, das noch nie vorher geschehen.«

    Und ich: »Quer durch Toskana zieht die Pfade
Ein Flüßchen, das dem Falteron entgleitet
Und hundert Meilen braucht bis zum Gestade.

    Von dorther stammt der Körper, der hier schreitet.
Unnütz wärs, meinen Namen euch zu sagen,
weil ihm bisher noch wenig Klang bereitet.« –

    »Darf ich die Deutung deiner Worte wagen,
Meinst du den Arno,« so hielt mir entgegen,
Der vorhin an mich tat die ersten Fragen.

    Und zu ihm sprach der andre dann: »Weswegen
Hat er den Fluß zu nennen ganz verzichtet,
Wie man bei Dingen tut, die Grauen erregen?«

    Der Schatten drauf, an den dies Wort gerichtet,
Gab so Bescheid: »Weiß nicht; doch recht ichs fände,
wenn solches Flußtals Name würd vernichtet.

    Denn vom Beginn der quellenreichen Wände
Des Alpstocks – wo Palor sich steil im Schusse
Losriß, daß feuchter selten ein Gelände –

    Bis dahin – wo er neu ersetzt im Gusse,
was schon der Himmel sog aus Meeresmitte,
Davon die Nahrung herstammt jedem Flusse –

    Verfolgt die Tugend man auf Schritt und Tritte
Gleich einer Viper: sei es, daß hier wirke
Des Ortes Fluch, seis Folge böser Sitte.

    Der Völker Lebensart ward im Bezirke
Des Tales drob verderbt in solchem Maße,
Als weideten sie auf der Flur der Kirke.

    Durch wüste Schweine, die vom Eichelfraße
Sich nähren sollten statt von Menschenspeise,
Lenkt er zuerst die wasserarme Straße;

     Trifft unten Kläffer dann, die feigerweise
Beißlustiger sind, als sie Beißkräfte haben,
Und kehrt das Maul verächtlich ab im Kreise.

    Er sinkt. Und jemehr Flüsse Zuwachs gaben,
Jemehr sieht Wölfe rings entstehn aus Hunden
Der unglückselige und verfluchte Graben.

    Abstürzend dann zu manchen tiefen Schrunden,
Trifft er auf Füchse, trügrisch im Gelüste,
Daß sie noch nicht der Schlaueste überwunden.

    Nicht schweig ich, obs auch dieser hören müßte.
Was mir der Geist der Wahrheit will enthüllen,
Ist gut für diesen, daß ers später wüßte.

    Ich höre schon, wie diese Wölfe brüllen,
Seh deinen Neffen schon, wie er sie treibe
Am Unglücksstrand, daß Ängste alle füllen.

    Ihr Fleisch verkauft er bei lebendigem Leibe.
Dann schlachtet er sie ab gleich altem Viehe,
Daß wenigen Leben, ihm kein Ruhm verbleibe;

    Läßt blutbespritzt den Unglückswald – und siehe,
Er läßt ihn so, daß ihm in tausend Jahren
Des Laubes Pracht niemehr wie einst gediehe.« –

    Wie bei der Botschaft drohender Gefahren
Sich dessen Antlitz trübt, der sie vernommen,
woher auch sei der Angriff zu gewahren,

    So stand der andre Schatten schmerzbeklommen.
Durch sein Gesicht sah ich Bestürzung gehen,
Als ihm zu Ohren solch Bericht gekommen.

    Was ich von dem gehört, von dem gesehen,
War so, daß ihren Namen ich begehrte;
Drum gab ichs ihnen höflich zu verstehen,

    Worauf der Geist, der mich zuerst belehrte,
Begann: »Du willst, daß mir dein Wunsch entreiße,
Was deine Rede mir vorhin verwehrte?

     Doch da es Gott gefällt, daß dich durchgleiße
Solch Gnadenglanz, so will ich auch nicht kargen.
Vernimm, daß ich Guido del Duca heiße.

    Mein Blut war so verbrannt vom Neid, dem argen,
Daß, wenn sich frohe Menschen sehen ließen,
Dir meine Wangen nicht ihr Gelb verbargen.

    Aus meiner Saat muß solches Stroh mir sprießen.
O Menschenvolk! du hängst dein Herz ans Leere,
An das, was nicht gemeinsam zu genießen.

    Dies hier ist Rinier, dies ist Preis und Ehre
Des Hauses Calboli, darinnen keiner,
Der seine Tugenderbschaft heut begehre.

    Und nicht nur sein Blut ward darin gemeiner
Vom Po zum Berg, vom Meer zum Rhenostrande:
Des Lebens wahres Glück versteht nicht einer!

    Denn von viel giftigen Sträuchern sind die Lande
Durchwuchert dort, und nutzlos wärs gehandelt,
Setzte man jetzt den Boden noch instande.

    Die Zeit, wo Lizio und Mainard gewandelt,
Carpigna, Traversar, sie ist vergangen.
Zum Bastard ist der Romagnol verschandelt.

    Kann heut ein Fabbro in Bologna prangen?
Ein Bernard Fosco in Faënza sprießen,
Aus niederm Keim zum Glanze zu gelangen?

    Nicht staune, Tusker, daß mir Tränen fließen,
Denk ich, was Prata einst und Azzo waren
(Der Ugolin), den wir den Unsern hießen,

    Friedrich Tignosos denk und seiner Scharen.
An die erloschenen Geschlechter beide
Der Anastagi denk und Traversaren,

    An Frauen und Ritter, als zu Lust und Leide
Uns Minnegunst und Ritterpflicht gediehen,
Dort wo kein Herz mehr schlägt, das Bosheit meide.

     O Brettinor, warum nicht willst du fliehen,
Da deine Edeln dir den Rücken kehren
Samt vielem Volk, sich Bösem zu entziehen?

    Recht tut Bagnacaval, sich nicht zu mehren;
Und Castrocar tut schlimm, und Conio schlimmer,
Wills nicht der Zeugung solcher Grafen wehren.

    Recht werden die Pagani tun: auf immer
Muß aber erst ihr Satan weg sein! – Reiner
Wird freilich dadurch auch ihr Leumund nimmer.

    O Ugolin de' Fantolin, nur deiner
Gedenkt man stolz. Du brauchst auch nicht zu bangen;
Denn weil du kinderlos, entehrt dich keiner.

    Doch geh nun, Tusker, denn ich hab Verlangen,
Zu weinen und das Weitere zu verhehlen;
So hat mir dies Gespräch den Geist befangen.«

    Wir merkten, daß am Schritt die teuern Seelen
Uns fortgehn hörten, was uns, da sie schwiegen,
Bewies, daß wir des Wegs nicht würden fehlen. –

    Als wir nunmehr vereinsamt weiterstiegen,
Hört ich, schnell wie ein Blitz in Wolken schwindet,
Uns da entgegen eine Stimme fliegen,

    Rufen: »Totschlagen wird mich wer mich findet,«
Und fliehn, alsob ein Donnerschlag verhalle,
Der sich durch Wolken, sie zerreißend, windet.

    Kaum ruhte das Gehör uns von dem Schalle,
Traf eine zweite krachend so die Ohren,
Alsob ein Donner hinterm andern knalle:

    »Ich bin Aglauros, die zu Stein gefroren!«
Und als ich mich zum Dichter schmiegen wollte,
Trat ich zurück statt vorwärts, schreckverloren.

    Schon war der Luftkreis still und nichtsmehr grollte.
Und er zu mir: »Dies war der Zaum, der harte,
Der in der Bahn euch Menschen halten sollte.

     Doch kaum, daß euch des Erzfeinds Köder narrte,
Seid ihr ihm an die Angel schon gesprungen.
Umsonst, daß Zaum und Rückruf euer warte.

    Euch ruft der Himmel, der um euch geschwungen,
Zeigt euch, welch ewige Schönheit ihn umkleidet;
Doch stets bleibt erdwärts euer Blick gezwungen.

    Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet.«

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