Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 48
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
Schließen

Navigation:

 

Dreizehnter Gesang

    Der Stufen höchste war von uns erklommen,
Woselbst der zweite Ring den Berg durchschneidet,
Der jeden reinigt, der zur Höh gekommen.

    Auch dort wird er von einem Gurt umkleidet,
Der gleich dem ersten sich im Vorsprung windet,
Doch sich durch kürzern Bogen unterscheidet.

     Kein Schattenriß, kein Bildnis hier sich findet.
Die Hänge tragen und die Wege tragen
Graubleiche Farbe rings, die nirgend schwindet.

    »Auf Leute warten hier, sie zu befragen,
Das wird,« sprach der Poet, nachdenklich stehend,
»Zulange, fürcht ich, unsere Wahl vertagen.«

    Dann, mit den Augen fest zur Sonne sehend,
Nahm er zum Wendepunkt die rechte Seite
Und schwenkte so herum, die linke drehend.

    »O holdes Licht, dem trauend ich beschreite
Den neuen Pfad, führ uns auf diesen Wegen,«
Sprach er, »wie man hierinnen braucht Geleite.

    Du wärmst die Welt, schenkst ihr des Lichtes Segen.
Und zwingt kein andrer Grund zum Gegenteile,
Kommt uns dein Licht als Führer stets gelegen.« –

    Soviel man diesseits rechnet eine Meile,
Soweit schon waren wir vorangeklommen
In kurzer Frist durch unseres Willens Eile,

    Als auf uns zu ein Flügelschlag vernommen
von Geistern ward, die hold, doch ungesehen,
Einluden uns, zum Liebesmahl zu kommen.

    Die erste Stimme ließ den Ruf ergehen:
»Vinum non habent!« und noch einmal schallte
Sie hinter uns gleichlaut im Weiterwehen.

    Und eh sie mir im Fluge ganz verhallte,
War schon ein zweiter Geistesruf erschollen:
»Ich bin Orest!« worauf auch die entwallte.

    »O Vater, sag, was diese Stimmen sollen?«
Sprach ich und fragte noch, als horch! die dritte
Schon mahnte: »Liebet, die euch Übles wollen!«

    Der Gute sprach: »Des Neides arge Sitte
Wird hier gegeißelt, und die Schnüre schlingen
Muß Liebe drum in dieses Kreises Mitte.

     Der Zügel will vom Gegenteile klingen.
Du hörst ihn, glaub ich, eh im Weiterschreiten
Wir zu der Pforte der Vergebung dringen.

    Doch laß die Augen scharf die Luft durchgleiten,
Und vor uns wirst du Leute sitzend schauen,
Alle gelagert längs der Felsenseiten.«

    Drauf hob ich höher als zuerst die Brauen,
Bis Schatten dort ins Auge mir gefallen,
In Mänteln, farbig gleich dem Stein, dem grauen.

    Als wir dann näher kamen, hört ich schallen
Den Ruf: »Maria, bitt für uns!« und flehen
Zu Michael, Petrus und den Heiligen allen.

    Wohl glaub ich, daß heut mag auf Erden gehen
Kein Mensch so grausam, daß er nicht entglommen
In Mitgefühl bei dem, was ich gesehen.

    Denn als ich ihnen jetzt so nahgekommen,
Um ihr Verhalten ganz mir zu erklären,
Hielt bittrer Gram die Augen mir umschwommen.

    Sie trugen, schiens, ein Bußgewand, das hären.
Und Schulter ließ von Schulter Halt sich schenken;
Und allen mußte Halt der Fels gewähren.

    So stehn, auf Lindrung ihrer Not zu denken,
Blinde an Ablaßorten bettelnd, pflegen
Auch so den Kopf zum Nachbar hinzusenken,

    Weil sich das Mitleid schneller läßt bewegen
Durch solchen Anblick jammervoller Mienen,
Als wenn sich nur die Lippen bittend regen.

    Und wie den blinden Bettlern hat auch ihnen,
Den Schatten hier, vom Himmelszelt hernieder
Der Sonne Lichtgeschenk umsonst geschienen.

    Denn allen bohrt sich Stahldraht durch die Lider,
Zunähend sie derart, alsob man zähme
Den Falken, sträubt er störrisch sein Gefieder.

     Mir schien, daß einem Unrecht gleich es käme,
Sehend, doch ungesehen, vorbeizugehen;
Und wandte mich, daß ich Vergil vernähme,

    Des Weisheit längst den stummen Wunsch gesehen,
Und drum, ermunternd mich, noch eh ich fragte,
Mir riet: »Sprich klug, doch laß es kurz geschehen.«

    Vergil ging neben mir, wo steilab ragte
Der Sims, und leicht ein Sturz war zu befahren,
weil keine Brustwehr schützend ihn umschragte.

    Zur andern Hand hatt ich die Büßerscharen,
Auf deren Wangen Tränenströme sprangen
Aus grausam-zugenähten Augenpaaren.

    »O Seelen,« rief ich, »die ihr nie müßt bangen,
Daß sich das höchste Licht euch nicht erschlösse,
Das einzig euer Sorgen und Verlangen,

    Wenn anders Gnade will, daß euch zerflösse
Bald des Gewissens Schaum, daß voller, reiner
Sich der Erinnerung Strom hindurch-ergösse,

    Sagt mir: weilt aus dem Lande der Lateiner
Hier eine Seele? Sie nur kann gewinnen,
Und mich erfreuts, erzählt man mir von einer.« –

    »O Bruder mein, alle sind Bürgerinnen
Der einen wahren Stadt. Du willst wohl fragen,
Ob sie in Welschland pilgernd mocht beginnen?«

    Dies schien erwidernd eine mir zu sagen
Von einem Platz, der mehr nach vorn gelegen;
Drum trat ich näher, Antwort hinzutragen.

    Einer der Schatten harrte mir entgegen,
So schiens. Und fragt ihr, wie ers mochte zeigen?
Er hielt das Kinn empor wie Blinde pflegen.

    »Geist,« sprach ich, »der sich beugt, um aufzusteigen;
Wenn du es bist, der Antwort mir gegeben,
Magst du mir Ort und Namen nicht verschweigen.« –

     »Ich war Sienesin, und mein sündig Streben,«
Sprach sie, »büß ich mit allen hier im Kreise,
Zu ihm aufweinend um ein seliges Leben.

    Sapia hieß ich, nur war meine Weise
Nicht weise. Sah ich andre glücksbetrogen,
Stands höher mir als eigenes Glück im Preise.

    Und damit du nicht glaubst, daß ich gelogen,
Hör, wie ich töricht spielte meine Rolle,
Wo schon sich senkte meiner Jahre Bogen.

    Als meine Stadtgenossen unweit Colle
Auf ihre Gegner einst im Felde stießen,
Da bat ich Gott um das, was selbst er wolle.

    Man schlug sie so, daß sie sich überließen
Bitterster Flucht. Und dieses tolle Jagen
Ließ Freude ohnegleichen mich genießen,

    Daß ich, zu Gott den Blick dreist aufgeschlagen,
Ausrief: ›Jetzt fürcht ich dich nichtmehr hienieden,‹
Der Amsel gleich in ersten warmen Tagen.

    Am Ende meines Lebens wollt ich Frieden
Mit Gott. Doch hätte mir bußfertige Reue
Sobald nicht Minderung meiner Schuld beschieden,

    Wenn nicht Pier Pettinagno stets aufs neue
Mich fromm in sein Gebet geschlossen hätte,
Daß Mitleid seine Liebesglut mir streue.

    Doch wer bist du, der atmend diese Stätte
Betritt, hier unsern Zustand zu erkunden
Mit Augen, glaub ich, ohne lästige Kette?« –

    »Auch mir,«sprach ich, »wird einst mit Draht verbunden
Das Auge, doch nur kurze Zeit; denn selten
Hat es mit scheelem Blicke Neid empfunden.

    Mehr fürcht ich, daß man mich wird anders schelten:
Schon jetzt fühlt meine Seele bang sich neigen
Der Steinlast, jene Sünde zu entgelten.«

     Und sie zu mir: »Wer half dir aufwärtssteigen
Zu uns, wenn du glaubst wieder umzukehren?«
Und ich: »Der neben mir hier steht in Schweigen.

    Ich lebe noch, drum kannst du mich belehren,
Erwählte, soll ich, jenseits angekommen,
Den irdischen Fuß bemühn für dein Begehren.« –

    »Oh, wie so seltsam klingt, was ich vernommen:
Ein Wink, daß Gott dich rechnet zu den Seinen,«
Sprach sie; »drum laß Gebet mir manchmal frommen.

    Bei dem, was dir das Liebste mag erscheinen,
Bitt ich: Betrittst du jemals Tusciens Bahnen,
Sei meines Rufes Anwalt bei den Meinen.

    Du siehst sie unter jenen Dummerjanen,
Die sich bei Talamon noch mehr verzählen,
Als sie verzählt sich haben bei Dianen.

    Doch schlimmer noch wirds gehn den Admirälen.«

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.