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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 41
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Sechster Gesang

    Wenn man das Zarawürfeln abgeschlossen,
Bleibt der Verlierer wohl zurück im Harme
Und übt die würfe neu und lernt verdrossen.

    Der andre wird umringt vom ganzen Schwarme:
Der drängt sich vor, rückwärts zupft ihn ein zweiter,
Und der macht sich bemerkbar ihm am Arme.

    Er, den und jenen hörend, schreitet weiter.
Wem er die Hand gedrückt, den sieht er laufen,
Und wehrt so ab dem Zudrang der Begleiter.

     So ging es mir in jenem dichten Haufen,
Bald rechts bald links hinblickend auf ihr Klagen,
Um durch Versprechungen mich loszukaufen.

    Hier war der Aretiner, den erschlagen
Ghino di Tacco, rächend so die Seinen,
Und jener, der ertrank im wilden Jagen.

    Hier rang die Hände der Novello mit Weinen;
Hier bat mich der von Pisa, der den weichen
Marzucco stark an Seele ließ erscheinen.

    Ich sah Graf Orsos Geist und den desgleichen,
Den Haß und Neid, so sagte er, geschieden
Vom Leib: nichts könnt ihm sonst zur Schuld gereichen.

    Pier della Broccia ists. Mag drum hienieden
In Vorsicht die Brabantrin nicht ermatten,
Daß einst nicht schlimmere Brut ihr stört den Frieden.

    Als ich mich losgemacht von all den Schatten,
Die nur erflehten, daß ein andrer flehte,
Daß ihre Läuterung schneller geh vonstatten,

    Begann ich: »O mein Licht, mir scheint, hier trete
Ein Widerspruch zutag, da du geschrieben:
Des Himmels Ratschluß wankt nicht vorm Gebete.

    Doch dazu seh ich just dies Volk getrieben.
Soll demnach nur vergeblich sein ihr Hoffen?
Ist unklar mir vielleicht dein Wort geblieben?«

    Und er zu mir: »Das was ich schrieb, liegt offen.
Und jenen wird die Hoffnung nicht zuschanden,
Wenn man gesunden Geists den Sinn getroffen.

    Des Urteils hoher Spruch bleibt doch vorhanden,
Wenn Liebesglut im Nu auch das bescherte,
Wozu sich alle hier aus Pflicht verbanden.

    Dort aber, wo ich diesen Grundsatz lehrte,
Entsühnte niemals ein Gebet die Sünden,
Weil dem Gebete Gott Erhörung wehrte.

     Fürwahr, so tiefe Zweifel zu ergründen,
Laß ab, bis sie dichs heißt, die zum Gewinne
Der Wahrheit Licht wird deinem Geist entzünden.

    Ich weiß nicht, ob du mich verstehst? Im Sinne
Liegt Beatrice mir. Du wirst sie sehen
Lächelnd und selig auf des Berges Zinne.«

    Und ich: »O Herr, dann laß uns schneller gehen;
Denn nicht wie sonst macht mir der Anstieg Plage.
Und sieh auch schon den Berg im Schatten stehen.« –

    »Wir werden weitergehn mit diesem Tage,«
Sprach er, »soweit den Weg wir noch erkennen.
Doch anders als du denkst ist unsere Lage.

    Denn eh du oben, wirst du neu-entbrennen
Die sehn, die jetzt ins Bergversteck will steigen;
Und ihre Strahlen kannst du nichtmehr trennen.

    Doch sieh die Seele dort die Blicke neigen
Hierher; ganz einsam harrt sie, auf uns achtend.
Sie kann gewiß den nächsten Weg uns zeigen.«

    Wir kamen hin. – Wie stolz doch und verachtend
Throntest, Lombardengeist, du ohne Regen,
Gemessenen Blicks uns würdevoll betrachtend!

    Er rief uns auch kein einzig Wort entgegen,
Sah uns gelassen fördern unsere Schritte
Dem Löwen gleich, will er der Ruhe pflegen.

    Da trat Vergil zu ihm in kurzem Tritte
Und bat, er mög uns freundlich Weisung geben
Zum besten Pfad. Doch stumm blieb er der Bitte,

    Ja, fragte uns nach Vaterland und Leben.
Und als der teure Führer angefangen:
»Mantua...« da kam der Schatten, noch soeben

    Tiefbrütend, blitzschnell auf ihn zugegangen
Und rief: »O Mantuas Sohn, wir sind Landsleute;
Ich bin Sordell!« Drauf beide sich umschlangen. –

     Weh dir, Italien! Sklavin! Schmerzensbeute!
Du Schiff, vom Sturm umbrandet, ohne Steuer;
Nicht Länderfürstin, Dirnenkammer heute.

    Wie schnell doch fing die edle Seele Feuer
Beim süßen Klange schon aus ihrem Lande,
Den Stadtgenossen feiernd, der ihr teuer.

    Und du? – Es stehn die Lebenden im Brande
Des Aufruhrs, um sich wechselweis zu morden,
Umschirmt von einem Wall und Grabenrande.

    Unselige, such an deinen Küstenborden,
Schau dir ins Herz: kein Ort ist zu erblicken,
Dem holden Friedens Glück zuteilgeworden.

    Was halfs, daß Justinian dir konnte flicken
Den Zaum, wo du dich leeren Sattels brüstest?
Die Schmach würd ohne ihn dich minder knicken.

    Ha, Volk, das du voll Demut leben müßtest,
Den Sattelplatz dem Zäsar einzuräumen,
Wenn du zu deuten Gottes Vorschrift wüßtest.

    Siehst du denn nicht des Tieres tückisch Bäumen,
Weil es die spitzen Sporen nichtmehr zwingen,
Seit deine Hand plump faßte nach den Zäumen?

    O deutscher Albert, laß nicht störrisch springen
Die Bestie, die von Zucht sich will entfernen;
Du solltest fest dich in den Sattel schwingen.

    Gerechtes Urteil treffe aus den Sternen
Dein Blut, weltkund und wider all Erwarten,
Daß Furcht daraus dein Erbe möge lernen.

    Denn du sowie dein Vater auch verharrten
In Ländergier jenseit der Alpenketten,
Indes zur Wüste ward des Reiches Garten.

    Komm, sieh Montecchi an und Cappelletten,
Leichtsinniger; sieh voll Angst Monaldi beben
Und Filippeschi, die nichtmehr zu retten.

     Komm, Harter, komm, sieh deine Edeln leben
Bedrückt, laß Hilfe ihrer Not erscheinen,
Und sieh, wie Santafior von »Schutz« umgeben.

    Komm, deine Witwe Rom sieh einsam weinen,
Nicht Tag noch Nacht, wo sie nicht rufend bliebe:
»Mein Zäsar, willst du nicht dich mir vereinen?«

    Komm, sieh mit an, wie heiß dein Volk sich liebe.
Und dürfen wir nicht aus dein Mitleid bauen,
So komm, daß dich zur Scham dein Leumund triebe.

    Und darf ich, höchster Jupiter, michs trauen,
Du, der für uns gekreuzigt ward auf Erden:
wohin mag dein gerechtes Auge schauen?

    Oder soll uns in Zukunft aus Beschwerden
Durch deinen Rat, geheim in seinen Zielen
Und unerforschbar, Heil und Rettung werden?

    Von Zwingherrn strotzt Italien rings, von vielen,
wo jeder Bauer zur Partei zu schwören
Sich drängt, um als Marcell sich aufzuspielen.

    Dich, mein Florenz, braucht nicht zu empören
Mein Vorwurf; denn dich kann er nicht berühren
Dank deinem Volk, daß so sich läßt betören.

    Viel hegen Recht im Herzen, doch wir spüren
Zuspät den Schuß, weil Vorsicht spannt den Bogen;
Doch dein Volk pflegt es brav im Mund zu führen.

    Viel sinds, die Amtsgeschäften sich entzogen;
Doch dein Volk schreit bereits, eh andere fragen:
»Ich übernehm es!« – Darum laß die Wogen

    Verdienter Freude hoch und höher schlagen,
Da Reichtum, Friede, Weisheit in dir walten!
Ob wahr ich spreche ... der Erfolg wirds sagen.

    Athen und Lazedämon, die die alten
Gesetze schrieben und geherrscht besonnen,
Sind gegen dein Gemeinwohl klein zu halten,

     Die du manch herrliches Gesetz gesponnen,
Das, kam es im Oktober glücklich nieder,
Mitte November schon in Nichts zerronnen.

    Wie oft, wenn du zurückschaust, hast du wieder
Gesetz, Gebräuche, Geld und Amt beflissen
Verändert, und erneuert alle Glieder.

    Und denkst du nach, sagt klar dir dein Gewissen,
Daß du der Kranken gleichst, die sich mit Sträuben
Windet und dreht auf schlummerlosem Rissen,

    Und fruchtlos sucht die Schmerzen zu betäuben.

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