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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 38
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Dritter Gesang

    Indessen nun, zu jäher Flucht vereinigt,
Die andern sich zerstreuten in die Weite
Zum Berg hin, wo Gerechtigkeit uns reinigt,

    Hielt ich mich an des treuen Führers Seite.
Und wie sollt ohne ihn den Gang ich wagen?
Wer gäbe mir bergaufwärts das Geleite?

    Er schien mir auch sichselber anzuklagen.
O reines und empfindliches Gewissen,
wie kann dich kleiner Fehl so bitter nagen!

    Als nun sein Fuß sich minderer Hast beflissen,
Weil Hast und würde niemals Eintracht zeigen,
Fühlt ich den Geist, dem frühern Bann entrissen,

     Begierig sich zu neuen Zielen neigen.
Und hin zum Berg mein Angesicht ich wandte,
Den ich als höchsten sah dem Meer entsteigen.

    Die Sonne hinter mir, die rotentbrannte,
Von vornher ich durch meinen Leib verdeckte,
Des Widerstand die Strahlen an mich bannte.

    Ich kehrte seitwärts mich, weil michs erschreckte,
Allein zu sein, und mußte staunend spüren,
Daß nur vor mir der Schatten sich erstreckte.

    Da sprach mein Trost: »Kann Argwohn dich berühren?«
Und wandte ganz zu mir sich mit dem Haupte.
»Glaubst du, ich fliehe dich statt dich zu führen?

    Dort schon ist Abend, wo im Grab zerstaubte
Mein Erdenkleid, das auch einmal warf Schatten.
Neapel birgts, das es Brundisium raubte.

    Verdunkl ich also vor mir nicht die Matten,
So denke dran, daß eines Himmels Schimmer
Dem andern sein Durchglänzen muß verstatten.

    Doch bleibt für Schmerzen, Glut und Kälte immer
Empfänglichkeit in solchen Körpern wohnen
Durch eine Kraft, die sich entschleiert nimmer.

    Ein Tor hofft, daß unendliche Regionen
Mit irdischem Verstand durchlaufbar wären,
Was Er nur kann, der Eins in drei Personen.

     So ists! Hier, Menschheit, ende dein Erklären.
Denn läge alles dem Verständnis offen,
So brauchte nicht Maria zu gebären.

    Schon manche saht ihr fruchtlos streben, hoffen,
würdig, daß ihre Sehnsucht käm zum Ziele,
Die sie mit ewigen Qualen jetzt betroffen:

    So Plato, Aristoteles und viele.«
Hier senkte er die Stirn und schwieg beklommen,
Leise Wehmut in seinem Mienenspiele.

     Wir waren so zum Bergesfuß gekommen,
Doch fanden wir den Fels voller Schroffen,
Daß flinke Beine wenig mochten frommen.

    Kein Absturz wird so steil und wüst getroffen
Von Lerici nach Turbia: eine Stiege
War jeder gegen ihn, bequem und offen.

    »Wer weiß nun, wo der Hang sich sanfter schmiege,«
Mein Meister sprach, der innehielt im Schreiten,
»Daß man emporkäm, ohne daß man fliege?«

    Und wie er bodenwärts den Blick ließ gleiten,
Im Geiste Weg und Mittel überlegend,
Und ich den Fels besah von allen Seiten,

    Da lenkte aus dem linken Teil der Gegend
Von Seelen eine Schar zu uns die Schritte,
Doch träg und merklich kaum sich fortbewegend.

    »Meister, blick auf! Rat wissen unsrer Bitte
Vielleicht die,« sprach ich, »die wir dort getroffen,
Falls Rat dein eigener Scharfsinn nicht erstritte.«

    Hinschauend sprach er mit dem Blick, so offen:
»Schnell hin! denn schleppend kommt ihr Gang vonstatten,
Du aber, lieber Sohn, bleib fest im Hoffen.«

    Als noch soweit entfernt von uns die Schatten,
wie gute Schleuderer werfen solche Strecken,
Nachdem wir tausend Schritt durchmessen hatten,

    Da drängten alle an die Felsenecken
Der Höhe hin, um wie vom Schreck beschworen
Zu stehen gleich Menschen, die in Zweifeln stecken.

    »O Geister! frommgestorben, schon erkoren.
Bei jenem Frieden,« sprach freundlich-beflissen
Vergil, »der, glaub ich, euch bleibt unverloren,

    Sagt uns, wo wir des Berges Steilheit missen,
Daß uns emporzukommen möge glücken.
Denn Zeitverlust kränkt mehr, jemehr wir wissen.«

     Gleichwie die Schäflein aus der Hürde rücken,
Einzeln, zuzweit, zudritt, andre mit Zagen
Noch stehn, zuboden Maul und Augen drücken,

    Um nur, was der Leithammel tut, zu wagen:
Steht er, stehn sie, anschmiegend sich solange,
Einfältig, ruhig, nach dem Grund nicht fragen –

    So sah ich, wie den Vortrab im Gedränge
Zu uns herschob die hochbeglückte Herde,
Sittsam das Antlitz und gesetzt im Gange.

    Doch als zu meiner Rechten auf die Erde
Die Vordern sahen das Licht gebrochen reichen,
Sodaß der Fels von mir beschattet werde,

    Da stockten sie, etwas zurückzuweichen.
Und auch die in den letzten Reihen wallten,
Den Grund nichtwissend, taten doch desgleichen.

    »Ich wills euch, ungefragt, nicht vorenthalten,
Daß dessen Körper einem Menschen eigen,
Durch den das Licht am Boden wird gespalten.

    Ihr sollt deswegen kein Erstaunen zeigen;
Doch glaubt, daß ihm der Himmel Kraft bescherte,
Der ihm erlaubt, die Felswand zu ersteigen.«

    Der Meister so. Und jene Schar, die werte,
Begann: »Kehrt um und geht vor uns vonhinnen,«
Indem sie händewinkend uns belehrte.

    Und einen aus der Schar hört ich beginnen:
»Wer du auch seist, such gehend herzuschauen,
Ob meiner sich dein Auge kann entsinnen?«

    Ich prüfte ihn mit Blicken, mit genauen.
Blond war er, schön, voll Adel in dem feinen
Gesicht, nur eine Braue war zerhauen.

    Zu kennen ihn, mußt höflich ich verneinen.
»Sieh her!« sprach er. Ich sah von einer Lanze
Da einen Spalt hoch an der Brust erscheinen.

     »Manfred bin ich, von Kaiserin Constanze
Der Enkel,« sprach er lächelnd. »Ward erkoren
Die freie Heimkehr dir zum Sonnenglanze,

    Sag meiner schönen Tochter, die geboren
Siziliens Ruhm und Aragons, ja sage
Die Wahrheit ihr, drang andres ihr zu Ohren.

    Zweimal den Leib durchbohrt vom scharfen Schlage,
Hab ich im Tod mich weinend dem ergeben,
Der gern verzeiht der reueheißen Klage.

    Sehr sündig war und frevelhaft mein Leben...
Doch weit holt aus der Arm der ewigen Güte,
Der zu sich hinzieht die, die zu ihm streben.

    Hätte Cosenzas Hirt, der haßerglühte,
Den Clemens mir hat nachgehetzt, dies eine
Blättlein gelesen doch, fromm im Gemüte,

    So würde meine sterblichen Gebeine
Der Brückenkopf von Benevent noch hegen
Im stillen Schutz der aufgetürmten Steine.

    Nun peitscht sie Wind und badet sie der Regen,
wo er sie ließ bei ausgelöschten Kerzen
Jenseit des Reichs am Verde niederlegen.

    Doch Menschenfluch vermag nicht auszumerzen
Ewige Liebe, die uns will begnaden,
Wenn noch ein Hoffnungsblümchen sprießt im Herzen.

    Wahr ists, wer hinstirbt, kirchenbannbeladen,
Ob er zuletzt auf Reue auch gesonnen,
Bleibt außerhalb hier stehn vor den Gestaden,

    Bis wieder dreißigmal die Zeit verronnen,
Die er durchtrotzt, wenn dieser Frist nicht Mindrung
Durch eifrige Gebete wird gewonnen.

    Sieh nun, ob du mich kannst erfreuen mit Lindrung,
Der trefflichen Konstanze Kunde gebend,
Wie du mich fandest und von dieser Hindrung;

    Denn mächtig fördern hier uns, die noch lebend.«

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