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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Vierunddreißigster Gesang

     Vexilla Regis prodeunt. Die Fahnen
Des Satans sinds. Um deutlich ihn zu sehen,
Späh scharf voran,« hört ich den Meister mahnen.

    Gleichwie, wenn starke Nebel uns umwehen,
Oder der Tag hinstirbt im Abendgrauen,
Von fern Windmühlen aussehn, die sich drehen,

    So schien sich mir ein Bauwerk aufzubauen.
Und hinterm Führer, mich vorm Wind zu decken,
Verbarg ich mich, da sonst kein Schutz zu schauen.

    Schon war ich dort, mein Lied erzählte mit Schrecken,
Wo wir kristallisiert im Eise fanden
Die Schatten, wie im Glase Splitter stecken.

     Die lagen flach, und senkrecht andere standen,
Kopfoben oder -unter. Mancher bückte
Sich krumm, daß Haupt und Füße sich verbanden.

    Als unser Schritt sich dahin vorwärtsrückte,
meinem Meister es genehm, zu zeigen
Mir das Geschöpf, das ehemals Schönheit schmückte,

    Ließ er mich vor sich treten, brach sein Schweigen
Und sprach: »Sieh hier den Dite, sieh die Stätte.
Nun sei ein Panzerkleid von Mut dir eigen!«

    Wie da mir lähmend des Entsetzens Kette
Das Herz umschnürt: ein Bild davon zu geben,
O Leser, keine Sprache Worte hätte.

    Ich war gestorben nicht und nicht am Leben.
Drum denk, falls dir nicht Einsicht ganz entweiche,
Den Zustand, zwischen beiden hinzuschweben.

    Der Kaiser in dem wehevollen Reiche
Hob halberbrust sich aus der Gletscherfliese.
Und ich wohl eher einem Riesen gleiche,

     Als daß nur seinem Arm gleichkäm ein Riese.
Nun denk dir, wie das Ganze unermeßlich,
Das solchem Teil entsprechend sich erwiese.

    Wenn er so herrlich einst, wie nunmehr häßlich,
Und gegen seinen Schöpfer hob die Brauen,
Muß er wohl Quell von allem sein, was gräßlich.

    Oh! wie sein Haupt mich staunen ließ vor Grauen,
Als ich da drei Gesichter sah entsprossen.
Eins vorn, und das war scharlachrot zu schauen.

    Von den zwei andern, die daran sich schlössen
Und grad auf Schultermitte platzgenommen,
Wo sie in einem Kamm zusammenflossen,

    Schien mir das rechte weißlichgelb verschwommen,
Das linke an die Farbe anzuklingen
Derer, die her vom untern Nilfluß kommen.

    Darunter spannten sich sechs mächtige Schwingen,
passend dem Vogel hier im Eisgehäuse.
Nie sah durchs Meer ich solche Segel dringen.

    Ganz federlos wie die der Fledermäuse
War ihre Form. Sie flatterten und gossen
Dreifacher Richtung aus ein Windgesäuse,

    Wodurch mit Eis ganz der Kozyt verschlossen.
Sechs Augen weinten ihm, daß in sechs Strähnen
Zu dreien Rinnen Blut und Geifer flossen.

    Je einen Sünder malmt er mit den Zähnen
Jedweden Mauls, als gält es, Flachs zu schleißen,
Daß er gleich dreien entpreßte Schmerzenstränen.

    Der vordre achtete für nichts das Beißen,
Verglichen mit dem Kratzen; denn am Rücken
Ward oft das Fleisch ihm bloßgelegt beim Reißen.

    »Der droben, den die größten Qualen drücken,
Ist Judas,« sprach der Meister. »In den Fängen
Steckt ihm der Kopf, und vor die Beine zücken.

     Sieh von den andern zweien, die köpflings hängen,
Am schwarzen Maul sich Brutus windend drehen,
Und ohne daß sich Seufzer ihm enträngen,

    Nebst Cassius, der so gliederstark zu sehen. –
Doch mahnend steigt die Nacht, jetzt umzukehren;
Drum, da wir alles sahen, laß uns gehen.«

    Den Hals umschlang ich ihm auf sein Begehren,
Und Zeit und Ort abpassend, wo die breiten
Pelzflügel uns genügend Raum bescheren,

    Hing er sich klammernd an die zottigen Seiten,
Um büschelweise zwischen rauhen Haaren
Und der gefrorenen Wand hinabzugleiten.

    Doch als wir nun soweit hinunter waren,
Wo sich im Hüftgelenk die Schenkel drehen,
Konnt ich den Meister, den ganz atemsbaren,

    Den Ort von Fuß und Haupt vertauschen sehen.
Ins Fell sich krallend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollt es wiederum zur Hölle gehen.

    »Halte gut fest! denn nur auf solcher Leiter
Gelingts, daß man dem großen Weh entglitte,«
Sprach keuchend und ermüdet mein Begleiter.

    Dann nahm er durch ein Felsloch seine Schritte
Und ließ mich oben auf dem Rande nieder.
Drauf trat er neben mich mit sichern: Tritte.

    Aufblickend glaubt ich Luzifer so wieder
Zu sehn, wie Abschied ich von ihm genommen,
Und sah ihn aufwärtsstrecken jetzt die Glieder.

    Und wenn ich da bestürzt war und beklommen,
Einfältige wunderts wohl, die nicht vermuten,
Welch Punkt es war, wo ich hindurchgekommen.

    »Auf,« sprach der Meister, »auf, du mußt dich sputen!
Schlimm ist der Aufstieg, lang der Weg des Tales,
Auch fehlen an halbacht nur noch Minuten.«

     Das war kein Estrich eines Fürstensaales.
wir standen in naturerbauten Klüften;
Holprig der Grund, bar jedes Sonnenstrahles.

    »Bevor ich mich entringe diesen Grüften,«
Sprach ich aufstehend, »laß dich, Meister, bitten,
Mir eines Irrtums Schleier doch zu lüften.

    Wo blieb das Eis? Und wie ist der geglitten
Kopfunter so? Und wie aus Westens Weiten
Ist schnell nach Ost die Sonne schon geschritten?«

    Er sprach: »Du glaubst noch jenseit hinzuschreiten
Des Mittelpunkts, wo ich am Fell gehangen
Dem weltdurchbohrenden Wurm, hierher zu gleiten.

    Jenseits warst du, als ich hinabgegangen.
Beim Umdrehn aber ward der Punkt durchschritten,
Wohin von je die Lasten alle drangen,

    Und bist zum andern Halbkreis nun geglitten,
Dem rückwärts sich des Festlands Massen heben,
Auf dessen Berg der Mensch den Tod erlitten,

    Der sündlos von Geburt war und im Leben.
Hier steht dein Fuß auf einem kleinen Runde,
Das Rückwand ist von der Judecca eben.

    Hier ist schon Morgen, wenn dort Abendstunde.
Und der uns schuf die Leiter aus dem Felle,
Steckt fest noch immer wie zuvor im Grunde.

    Vom Himmel fiel er diesseits her zur Stelle.
Und was an Land sich früher hier erhoben,
Barg sich vor ihm erschaudernd mit der Welle,

    Ward dann zu eurer Sphäre durchgeschoben,
Und ließ, vielleicht ihm zu entfliehen, zur Stunde
Die Leere hier und türmte sich nach droben.« –

    Dort unten ist ein Raum, so fern dem Schlunde
Des Belzebu, als breit sein Grab sich weitet,
wovon dem Blick nicht, doch dem Ohr giebt Kunde

     Ein kleiner Bach, der dort herniedergleitet
In einer Schlucht, die er sich grub zum Bade
Gewundenen Laufs, der sänftlich abwärtsleitet.

    Eintrat mit mir zu dem versteckten Pfade,
Zur Heimkehr in die Lichtwelt, mein Begleiter.
Und ohne daß ein Wunsch zur Rast uns lade,

    Gings bergempor, er erster und ich zweiter,
Bis mir durch eine runde Kluft von ferne
Des Himmels Schönheit winkte hell und heiter.

    Und hier beim Austritt sahen wir neu die Sterne.

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