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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 33
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Zweiunddreißigster Gesang

    Fänd ich solch holprigrauhes Versgerölle,
Wie es dem grausen Abgrund angemessen,
Drauf alle andern Felsen ruhen der Hölle,

    So würd ich wohl aus meinem Stoffe pressen
Des Saftes mehr. Jedoch da ichs nicht finde,
Kann ich nicht furchtlos mich des Worts vermessen.

    Kein Scherzspiel ists, das leicht sich überwinde,
Zu singen von des Weltalls tiefsten Gauen;
Kein lallend Zünglein täts von einem Kinde.

    Doch helfen mögen meinem Vers die Frauen,
Die dem Amphion Theben halfen gründen,
Daß Wort und Wirklichkeit vereint zu schauen.

     O Volk! vor allem schwerbestraft um Sünden
Mit diesem Ort voll unsagbarer Trauer,
Könnt ich von dir als Schaf und Geiß hier künden. –

    Als wir im Brunnen stehn voll nächtiger Schauer
Unter des Riesen Fuß in tiefster Mitte,
Und ich empor noch staune längs der Mauer,

    Hört ich ein Rufen: »Achte deiner Tritte!
Sieh zu, daß unter deinen groben Beinen
Der armen müden Brüder Haupt nicht litte.«

    Da wandt ich mich. Und vor und unter meinen
Füßen sah ich sich einen See ausbreiten,
Der Glas vor Frost, nicht Wasser mochte scheinen.

    Nicht spinnt für ihren Lauf in Winterszeiten
Österreichs Donau ein Geweb so dick,
Auch nicht der Don dort unter eisigen Breiten,

    Wie hier es war. Denn fielen Tambernick
Und Pietrapan darauf im Purzelbaume,
Es machte selbst am Rand nicht einmal »Krick!«

    Und wie der Frosch herausstreckt dicht am Saume
Des Wassergrabens quakend seine Backen,
Just wenn die Bäuerin Ähren liest im Traume:

    Steckten – frostblau bis dort, wo Scham zu packen
Uns pflegt – im Eis die Schatten, schmerzvoll-klagend,
Zahnklappernd gleich der Störche Schnabelknacken.

    Den Kopf gesenkt hielt jeder bangverzagend;
Von Kälte mit dem Mund, der zitternd bebte,
Von Seelenqual mit seinen Blicken sagend.

    Mein Auge, das erst durch die Runde strebte,
Sah dann vorm Fuß mir zwei beisammenliegen
So enge, daß ihr Haar in eins verklebte.

    »Sagt mir ihr, die sich Brust-an-Brust so schmiegen,«
Sprach ich, »wer seid ihr?« – Und die zwei Genossen
Reckten den Hals, ihr Antlitz hochzubiegen.

     Und ihre Augen, innen feucht, ergossen
Durchs Lid die Tränen, die gleich im Erkalten
Die Wimpern wieder dicht zusammenschlossen.

    Kein Schraubstock hat je Holz-an-Holz gehalten
So eng, drob sie, von stetem Zorn beschworen,
Zwei Widdern gleich, stark aneinanderprallten.

    Und einer, der im Froste beide Ohren
Einbüßte, rief – doch ohne aufzusehen:
»Was hast du so zum Spiegel uns erkoren?

    Soll ich betreffs der zwei dir redestehen?
Mit Vater Albert wohnten im Gelände
Die zwei, wo des Bisentio Fluten gehen.

     Ein Leib gebar sie; und dein Auge fände
Von allen, die in Kainas Gallert weinen,
Nicht einen, der mit größerm Recht hier stände.

    Nicht den, dem Brust und Schattenbild durch einen
Speerstoß einst König Artus jäh durchstieß;
Focaccia nicht noch den, des Kopf vor meinen

    Sich drängt, daß er mir nimmer Ausblick ließ.
Bist Tusker du, brauch ich dir nur zu sagen,
Daß der einst Sassol Mascheroni hieß.

    Und ich (dies wisse, daß du schweigst mit Fragen)
Bin Camicion de Pacci, der hier passen
Muß auf Carlin, der mich wird überragen.«

    Da sah ich: tausend zogen Hundsgrimassen
Vor Frost, und fühlte Ekel sich mir heben,
Der stets mich wird vor Eisespfützen fassen.

    Und als wir uns zur Mitte so begeben,
Wo alles Schwere sucht sich zu vereinen,
Und ewige Nacht mir schuf ein fröstelnd Beben:

    Mags Absicht, Schickung oder Zufall scheinen,
Wer weiß? Doch wie wir ob den Köpfen schritten,
Traf derb ins Angesicht mein Fuß dem einen.

     Weinend schrie der: »Was kränkst du mich mit Tritten?
Kommst du, verschärfte Pein mir zu erteilen
Für Montapert, daß ich den Stoß erlitten?«

    Und ich: »Mein Meister, laß uns hier verweilen,
Daß ich durch ihn mir einen Zweifel löse.
Dann laß so rasch du willst uns weitereilen.«

    Der Führer hielt; und den, der mit Getöse
Fortfluchte, fragt ich: »Wer schreit so elendig?
Wer bist du, der die andern schmäht so böse?« –

    »Und du, der Antenor so unverständig
Durchfährt,« schrie er, »grob schindend andrer Wangen,
Zu grob sogar, selbst wenn du wärst lebendig?« –

    »Noch leb ich, kann noch deinen Dank empfangen,«
Sprach ich, »füg ich den Namen, hell an Ehren,
Den deinen zu, falls Nachruhm dein Verlangen.«

    Er schrie: »Das Gegenteil ist mein Begehren!
Laß mich in Ruh; fort mit dir lästigem Tropfe!
Im Schmeicheln gab dies Loch dir schlechte Lehren.«

    Da griff ich ins Genick ihm fest beim Schöpfe
Und rief: »Zum Namen mußt du dich bequemen,
Sonst bleibt kein einzig Haar dir auf dem Kopfe.« –

    »Zerzause dreist mein Haar nur,« rief der Schemen.
»Nichts sag ich dir, magst du, mir auszuroden
Den Flausch, auch tausendmal beim Kopf mich nehmen.«

    Ich drehte schon die Faust um seine Loden,
Die anfing, manches Büschel auszureißen.
Er bellte laut, die Augen stets am Boden,

    Bis einer rief: »Was, Bocca, soll das heißen?
Genügt dirs nicht, mit Zähnen Takt zu schlagen,
Daß du noch bellst? Welch Teufel mag dich beißen?« –

    »Schuftiger Verräter!« rief ich. »Mehr zu sagen
Nicht brauchst du! Deine Schmach wird aufgeschrieben
Und soll nach oben wahre Kunde tragen.« –

     »Lauf hin,« rief er, »und petze nach Belieben!
Doch kommst du heim, such auch nicht den zu schonen,
Ders mit der Zunge so geschickt getrieben,

    Er heult um die französischen Dublonen.
›Ich sah den von Duera,‹ kannst du sagen,
›Dort, wo »auf-Eis-gepackt« die Sünder wohnen.‹

    Und sollt man dich nach andern Gästen fragen,
So steht der, den sie Beccheria riefen,
Bei dir. Ihm schnitt Florenz einst ab den Kragen.

    Soldanier, glaub ich, sitzt wohl mehr im Tiefen
An Ganellons und Tribaldellos Seiten,
Der Faenza öffnete, als alle schliefen.« –

    Wir gingen, und ich sah beim Weiterschreiten
In einem Loch vereist sich zweie packen,
Sodaß ein Kopf zum Hute ward dem zweiten.

    Denn wie man mag ins Brot vor Hunger hacken,
So ich den Obern hier zerbeißen schaute
Den Untern da, wo Hirn sich trifft und Nacken.

    Wie Tydeus einst vor Zorn den Zahn einhaute,
Als er die Schläfe Menalippos nagte,
So der am Schädel und dem sonstigen kaute.

    »O du, der so bestialisch sich behagte,«
Rief ich, »aus Haß den andern anzufressen;
Sag an, was dich in diese Zornwut jagte?

    Ich will, wenn du dazu ein Recht besessen,
Und kenn ich erst euch zwei und sein Verbrechen,
Dir droben Dank zu schassen nicht vergessen,

    Wenn die nicht dorrt, die mir verliehen zum Sprechen.«

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