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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 31
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Dreißigster Gesang

    Zur Zeit, als Juno Haß im Herzen hegte,
Um Semele erzürnt mit Thebens Blute,
Was sie des öftern an den Tag auch legte,

    War Athamas in solchem Wahnsinnsmute,
Daß, als sein Weib des Weges kam gegangen
Und ihr in jedem Arm ein Söhnlein ruhte,

    Er ausrief: »Spannt die Netze! Laßt uns fangen
Die Löwin bei der Rückkehr samt den Jungen!«
Und die erbarmungslosen Tatzen langen

    Nach dem Learch, den durch die Luft geschwungen
Am Felsen sie zerschmetterten, indessen
Sie mit dem andern Kind ins Meer gesprungen.

    Und als Fortuna Trojas ganz vergessen,
Des stolzen, das den König samt dem Lande
Verlor, weil jeder Tat sichs dreist vermessen,

    Als Hekuba in trauriger Fesseln Bande,
Die Ärmste! Polyxenen tot erblickte
Und ihren Polydor am Meeresstrande

     Dann schmerzerfüllt als Leiche fand – da schickte
Sie durch die Luft Gebell gleich tollem Hunde,
Weil ihr so großer Gram den Geist umstrickte.

    Doch Troja selbst noch Theben gab nie Kunde,
Daß je solch Wahnsinn Furien könnt erfassen,
Der also grausam Tier und Mensch verwunde,

    Als hier ichs in zwei Schatten, nackten blassen,
Gewahrt, die um sich schnappten gleich dem Schweine,
Das eben aus dem Stall wird losgelassen.

    Auf den Capocchio platzte rasch der eine,
Biß ins Genick ihm, fort mit ihm dann schlitternd,
Daß ihm den Bauch zerkratzten Sand und Steine.

    Der Aretiner, der zurückblieb zitternd,
Sprach: »Gianni Schicchi heißt der Koboldstolle,
Der uns so zusetzt, rasend nach uns witternd.« –

    »Oh,« sprach ich, »soll der andre nicht im Grolle
Dein Kreuz zerfleischen, dann mir nicht verhehle,
wer jener ist, eh er davon sich trolle.«

    Und er: »Das ist der Myrrha alte Seele,
Die schändlich einst in Liebesbrunst entglommen
Für ihren Vater bis zum sündigen Fehle.

    Sie ist bei ihm zum argen Ziel gekommen,
Weil sie, ihr Aussehn fälschend, bei ihm ruhte,
Was jener, der dort läuft, auch unternommen,

    Der lüstern auf des Reitstalls beste Stute
Nachahmend spielte des Donati Rolle
Und Testament gemacht mit dessen Gute.«

    Als ich gesehen hatte, wie dies tolle
Verbrecherpaar fortraste, blieb ich stehen,
Betrachtend andere Schmerz- und Sündenvolle.

    Da sah ich einen, der war anzusehen
Wie eine Laute, hätt ihm weggespalten
Ein Schnitt die Gabel, die man braucht zum Gehen.

     Die plumpe Wassersucht – mit dumpfig-alten
Blutsäften oft die Glieder so verdrehend,
Daß Bauch und Antlitz seltsam sich verhalten –

    Sie hielt ihm beide Lippen offenstehend,
Daß kinnwärts die und jene aufwärts trachtet,
Als wärs ein Hektiker, vor Durst vergehend.

    »O ihr, die straflos ihr die Wege machtet
(Und nicht weiß ich warum) zur Welt des Bebens,«
Rief er uns an, »erwäget und beachtet

    Das Elend Meister Adams! Zeit des Lebens
Hatt ich soviel ich wollt: und jetzt? – Genießen
Ein Tröpflein Wassers möcht ich – ach! vergebens.

    Die Bächlein, die von grünen Hügeln gießen
Des Casentin zum Arno ihre Wellen,
Daß die erfrischten Ufer üppig sprießen –

    Noch immer seh ich quellen sie und schwellen.
Und nicht umsonst, weil mehr als diese Plagen
Ihr Bild mich dörrt, mein Antlitz zu entstellen.

    Gerechtigkeit, die mich so hart geschlagen,
Zieht Nutzen selbst vom Ort, wo mein Verschulden
Herstammt, mir Seufzer heftiger anzujagen.

    Dort liegt Romena, wo den Täufergulden
Ich oft verfälscht um eine Bagatelle,
Drob ich den Scheiterhaufen mußt erdulden.

    Doch säh ich Guidos schnöden Geist zur Stelle
Und Alessandros samt des Bruders – fragen
Ließ mich der Anblick nicht nach Brandas Quelle!

    Drin ist schon einer, wenn hier Wahrheit sagen
Die tollen Schatten, rasend durchs Gehege.
Doch was hilft mirs, den lahme Glieder plagen?

    Wenn ich nur so behende wär und rege,
In hundert Jahren einen Zoll zu schleichen,
So wär ich sicher längst schon auf dem Weg,

     Guido zu suchen bei den Elendbleichen,
Mag dieses Feld nach Länge auch elf Meilen
Und eine halbe in die Breite reichen.

    Ich muß um sie bei solcher Sippschaft weilen!
Sie haben mich verleitet, den Florenen
Nur drei Karat Legierung zu erteilen.«

    Und ich zu ihm: »Wie steht es hier mit denen?
Im Winter pflegt gewaschene Hand zu rauchen
Wie sie, die eng zu deiner Rechten lehnen.« –

    »Hier fand ich sie und sah noch nie sie krauchen,«
Sprach er, »seit michs in diesen Spalt ließ schneien,
Und sind dazu wohl ewig nicht zu brauchen.

    Des Ehbruchs wollte die den Josef zeihen;
Der log als Grieche Sinon wohl am meisten
Vor Troja. Fieberdunst stinkt aus den zweien.«

    Und einer ihrer, den wohl die so dreisten
Beleidigenden Worte kränkten, ballte
Die Faust und schlug ihm auf den Bauch, den feisten.

    Der klang, alsob ein Paukenton erschallte.
Doch Meister Adam hieb ihm in die Fratze
Mit seinem Arm, der wohl nicht sanfter prallte,

    Und schrie ihn an: »Wenn ich mich auch vom Platze
Nicht regen kann der Bleiesschwere wegen,
So hab ich meinen Arm doch zum Ersatze.« –

    »Als du dem Scheiterhaufen gingst entgegen,«
Rief Sinon, »hobst du nicht ihn so gewichtig;
Doch sah man ihn beim Prägstock flink sich regen.«

    Der Wassersüchtige höhnte: »Das ist richtig!
Doch Wahrheit sprachst du nur in diesem Falle.
Vor Troja war dein Zeugnis null und nichtig.«

    Der schrie: »Ich fälschte Worte, du Metalle!
Und büß ich ein Vergehn in dieser Herde,
Büßest du mehr als diese Teufel alle.« –

     »Meineidiger, denk des Schwankes mit dem Pferde,«
So hört ich den Geschwollenen Antwort geben,
»Dich strafs, daß er bekannt der ganzen Erde.« –

    »Dich strafe Durst! Die Zunge soll dir kleben
Und platzen,« rief der Grieche; »und die Jauche
Den Wanst dir bis vors Auge dunstend heben.«

    Der Münzer drauf: »Verzerr nach altem Brauche
Dein Maul nur zu gewohnten Unflatwürfen.
Denn dürst ich auch und schwillt mir Naß im Bauche,

    So hast du Brand und Kopfschmerz; und zu schlürfen
Vom klaren Spiegel des Narziß gar däftig,
Würdest du keiner Einladung bedürfen.« –

    Sie anzuhören war ich ganz geschäftig,
Bis mich der Meister rief: »Das nenn ich schauen!
Nur wenig fehlt, daß ich dich rügte kräftig.«

    Erschreckt fuhr ich herum, als ich den rauhen
Vorwurf vernahm, Schamröte auf den Wangen,
Daß noch Erinnrung runzelt mir die Brauen.

    Und dem gleich, der von bösem Traum umfangen
Fortträumend wünscht, daß ihm der Traum nicht raubte,
Was ihm ja auch in Wahrheit nicht entgangen,

    So bangt ich, daß ich mir kein Wort erlaubte,
Mich zu entschuldigen wünschte, und vollkommen
Entschuldigt war, als ich es noch nicht glaubte.

    »Schon mindere Scham hätt größern Fehl genommen
Von dir, als den, dazu man dich verleitet,«
Der Meister sprach; »drum sei nicht mehr beklommen.

    Doch nie vergiß, daß du von mir begleitet,
Führt uns ein Zufall abermals so widrig
Dahin, wo sich ein solch Gesindel streitet.

    Denn gern dies hören, ist ein Wunsch, der niedrig.«

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