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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Siebenundzwanzigster Gesang

    Schon stand die Flamme ruhig aufgerichtet
Und hatte Abschied stumm von uns genommen,
Von ihm beurlaubt, der so süß gedichtet,

    Als eine andre, die ihr nachgekommen,
Aufsich den Blick zog, weil Geräusch in Fülle
Aus ihrer Spitze herdrang, doch verschwommen.

    Wie des sizilischen Stieres erst Gebrülle
vom Bildner kam, wie ihm mit Recht gebührte,
Der eingesperrt war in die erzene Hülle,

    Worauf es immer, wenn er Lärm vollführte,
So klang, als wär sein dumpfes Angstgedröhne
Die Marter, die das Bildwerk selbst verspürte –:

    So glich der Flammensprache Schmerzgestöhne,
Solang ihr noch ein Ausweg nicht gelungen,
Des Feuers leiseprasselndem Getöne.

    Doch als sie sich zur Spitze durchgerungen
Und ihr der Zunge Schwung und tastend Regen
Beim Durchgang mitgeteilt war, kams geklungen:

    »Du, dem ich diese Worte ruf entgegen,
Du, der soeben auf lombardisch sagte:
›I plag di nimmer, geh halt meinerwegen‹,

    O daß, wenn ich auch spät zu kommen wagte,
Ein Zwiegespräch nach deinem Sinne stünde,
Das, wie du siehst, mir brennend selbst behagte.

     Bist du erst jüngst in diese blinden Schlünde
Gestürzt aus der Latiner holdem Lande,
Aus dem sich herschreibt alle meine Sünde,

    Sprich: steht in Frieden oder Kriegesbrande
Romagna? Von Urbino bin ich einer,
Dem Bergjoch, nah der Tiber Quellenrande.«

    Ich stand noch hingebeugt und lauschte seiner,
Da rührte leis mein Führer mir die Seite
Und sagte: »Rede du, der ist Lateiner.«

    Und ich, als der zur Antwort schon-bereite,
Beeilte mich, die Flamme anzureden:
O Seele, der Verborgenheit geweihte,

    Deine Romagna ist und war durch jeden
Zwingherrn im Herzen stets voll Krieg und Streiten.
Doch jetzt ließ ich sie nicht in offenen Fehden.

    Es steht Ravenna wie vor alten Zeiten
Unter Polentas Adler noch, dem alten,
Daß seine Schwingen sich ob Cervia breiten.

    Die Stadt, die lange Prüfung ausgehalten
Und dann gehäuft Franzosenleichen streute,
Sieht über sich heut grüne Pranken walten.

    Wild hackt Verrucchios alt und junge Meute,
Die dem Montagna Schlimmes gab zum Lohne,
Den Zahn, wo sies gewohnt, in ihre Beute.

    Die Städte am Santerno und Lamone
Regiert der junge Leu aus weißem Neste,
Der Sommers tauscht und Winters die Schablone.

    Auch muß vom Savio die umspülte Feste,
Wie zwischen Tal und Berg sie liegt, sich fragen,
Ob Tyrannei, ob Freiheit sei das Beste.

    Nun bitt ich, wer du seiest, mir zu sagen.
Sei spröder nicht, als andre hier im Kreise,
Soll dauernd auf der Welt dein Name ragen.«

     Nachdem das Feuer in gewohnter Weise
Gemurmelt, ließ es hier- und dorthingehen
Das spitze Haupt und hauchte darauf leise:

    »Wärs glaublich, einem Rede hier zu stehen,
Der jemals kehrte heim zum Erdenrunde,
So sollte meine Flamme nichtmehr wehen.

    Doch da kein Lebender aus unserm Schlunde,
Vernahm ich recht, heimkam zu Diesseitsborden,
Geb ich dir ohne Furcht vor Schande Kunde.

    Erst Kriegsmann, hofft ich dann, mir könnt im Orden
Des Heiligen Franz der Strick des Büßers frommen.
Und traun! zur Wahrheit wär mein Wahn geworden,

    Wenn nicht der Großpfaff – mags ihm schlecht bekommen!
Aufs neu mich zog in alte Sünde nieder.
Wie und warum sei nun von dir vernommen.

    Solange mich noch trugen irdische Glieder
Vom Mutterleibe her, ward ich verglichen
Dem Löwen nie, dem Fuchs nur immer wieder.

    In listigen Ränken, hinterhaltigen Schlichen
War ich geeicht, von niemand zu erreichen.
Das war mein Ruhm in allen Himmelsstrichen.

    Doch als ich fühlte mich die Zeit beschleichen,
Wo uns das Alter mahnt: jetzt heißt es schwenken,
Die Taue einziehn und die Segel streichen,

    Da schuf, was einst mich freute, mir Bedenken.
Und reuig büßend kam dem Heil ich näher,
Ach weh! mir Ärmstem Rettung fast zu schenken.

    Da ließ der Fürst der neuen Pharisäer
Zum Krieg sich reizen nah beim Laterane.
Nicht gegen Sarazenen und Hebräer,

    Nein, gegen Christen! schwang er seine Fahne.
Nicht einer war bei Acre in den Reihen
Der Stürmer, keiner Händler beim Sultane.

     Nicht machten höchstes Amt und heilige Weihen
Noch auch mein Strick ihn in der Ehrfurcht fester,
Der Magerkeit den Trägern soll verleihen;

    Nein, wie einst Konstantin berief Silvester
Aus dem Sorakt, vom Aussatz ihn zu heilen,
So bat er, daß ich als der Ärzte bester

    Ihm Rat im Hochmutsfieber möcht erteilen.
Ich schwieg und wußte keinen Rat zu sagen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort bisweilen.

    Dann sagt er mir: ›Nicht braucht dein Herz zu zagen!
Vorweg sprech ich dich los, willst du mich lehren,
Wie ich kann Penestrino niederschlagen.

    Den Himmel aufzutun und zu verwehren,
Du weißt, brauch ich zwei Schlüssel nur zu heben,
Die jüngst mein Vorfahr wenig hielt in Ehren.‹

    Da er so triftige Gründe angegeben
Und mirs der schlimmste Rat schien, wenn ich schwiege,
So sprach ich: ›Vater, da du mich soeben

    Freisprachst von Schuld, der zwangsweis ich erliege,
So höre: Vielversprechen, Wenighalten
Hilft dir auf dem erhabenen Stuhl zum Siege.‹ –

    Franziskus wollte seines Amtes walten,
Als ich verblichen; doch von seinem Rechte
Ließ nicht der schwarze Cherub. › Mich laß schalten,‹

    Rief er, ›denn der muß unter meine Knechte,
Weil er den hinterlistigen Rat gegeben.
Seitdem auch halt ich ihn beim Haargeflechte.

    Nur wer bereut, dem wird verziehen im Leben;
Doch giebts gleichzeitig Reue nicht und Sünde,
Weil sie sich unversöhnlich widerstreben.‹

    O wie erschrak bis in die tiefsten Gründe
Mein Herz, als er mich griff und sprach: ›Zu wissen
Schienst du wohl nicht, daß Logik ich verstünde?‹

     Zu Minos hat er mich hinabgerissen,
Der achtmal schlug um seinen harten Rücken
Den Schweif und, als er wütend dreingebissen,

    Ausrief: ›Den soll die Diebesglut umzücken!‹
Drum siehst du mich Verlorenen hergesendet
Und fühle, so gekleidet, Gram mich drücken.«

    Nachdem er seine Rede so geendet,
Wehklagend ist die Flamme fortgegangen,
Die Spitze flackernd hin- und hergewendet.

    Doch wir, ich und mein Führer, aufwärtsdrangen
Die Felsenwand bis hin zum nächsten Bogen,
Der jenen Graben deckt, drin Lohn empfangen

    Die sich mehr Last durch Teilung zugezogen.

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