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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
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Fünfundzwanzigster Gesang

    Aufhob der Dieb am Ende seiner Worte
Die Fäuste, beide Daumen durchgeschlagen,
Und rief: »Nimm, Gott; dir gelten sie zum Torte!«

    Seitdem sind Schlangen mir kein Mißbehagen;
Denn eine hielt ihm gleich den Hals umwunden,
Als spräche sie: ›Kein Wort mehr sollst du sagen,‹

    Und eine zweite hielt ihm festgebunden
Die Arme, vorn sich knotend so zusammen,
Daß er zum kleinsten Ruck nicht Kraft gefunden. –

    Pistoja, ach, Pistoja! friß in Flammen
Dich spurlos auf, da du in sündigem Trachten
Sogar die übertriffst, die von dir stammen.

    Ich sah in aller Höllenkreise Nachten
Keinen Geist Gott so höhnen, selbst der Grimme
Tats nicht, dem Thebens Mauern Unheil brachten.

    Und er entfloh... verhallt war seine Stimme.
Doch ein Zentaur kam wütend hergefahren,
Den hört ich schrein: »Wo ist, wo ist der Schlimme?«

    Maremma nährt kaum soviel Schlangenscharen,
Als ihm bis dahin auf dem Rücken hingen,
Wo sich bei ihm der Mensch will offenbaren.

    Ihm im Genick lag mit gespreizten Schwingen
Ein Drache, dessen flammenspeiender Rachen
Alle entzündet, die vorübergingen.

    Mein Herr sprach: »Kakus heißt der mit dem Drachen,
Der unterm Fels des Aventin vergossen
Von Menschenblut gar häufig ganze Lachen.

    Er schreitet seinen Weg fern den Genossen,
Weil er an Herkuls Rinderschar vollführte,
Als sie vorbeizog, seinen Diebstahlspossen.

     Der hat das Handwerk ihm, wie sichs gebührte,
Gründlich gelegt, denn – von den hundert Streichen
Der Keule – Kakus keine zehn verspürte.«

    Wie er so sprach und Kakus im Entweichen,
Kamen drei Geister unter uns im Tiefen,
Die sich mir und dem Führer durch kein Zeichen

    Verraten hätten, wenn sie nicht laut riefen:
»Wer seid ihr dort?« – Wir schwiegen; und nun wandte
Auf die sich unsere Neugier, die dort liefen.

    Da traf es sich, obwohl ich keinen kannte,
Wie sich durch Zufall manches schon entdeckte,
Daß einer da des andern Namen nannte,

    Indem er rief: »Wüßt ich, wo Cianfa steckte?«
Drauf ich, daß aufmerksam mein Führer stände,
Den Finger übers Kinn zur Nase streckte. –

    Wenn ich bei dir jetzt keinen Glauben fände,
O Leser, zürn ich nicht. Ich, der es schauen
Gedurft, mich schwer des Glaubens unterwände.

    Als ich auf sie gerichtet hielt die Brauen,
Wirft sich sechsfüßig plötzlich eine Schlange
Auf einen, vorn ihn gänzlich zu umklauen.

    Das Mittelfußpaar preßt wie eine Zunge
Den Bauch, die Arme mit den vordern deckend;
Dann schlägt sie ihr Gebiß in jede Wange.

    Die Hinterfüße längs den Schenkeln streckend,
Zwängt sie den Schwanz ihm zwischen beiden Beinen
Hindurch, ihn hinterm Rücken aufwärtsreckend.

    Nie sah ich enger sich dem Baum vereinen
Des Efeus Ranken, als dies Ungeheuer
Die Glieder ringelnd rollte um die seinen.

    Dann schmolzen sie, alsob sie Wachs im Feuer
Gewesen, um die Farben zu vermischen.
Keins war der alte, jeder schien ein neuer,

     Wie ein Papier sich, eh es brennt, inzwischen
Am obern Rand schon leise bräunt, noch ehe
Das Schwarze kann das Weiße ganz verwischen.

    Hinstarrend riefen da die andern: »Wehe,
Agnel! zu welcher Wandlung du erkoren,
Daß man, ob eines du ob zwei, nicht sehe.«

    Schon waren zwei in ein Haupt umgeboren,
Als uns vermischt erschienen zwei Gestalten
In einem Antlitz, worin zwei verloren.

    Zwei Arme aus vier Henkeln sich zerspalten;
Brust, Bauch und Unterschenkel samt der Lende
Zu niegeschauten Gliedern sich entfalten.

    Das alte Aussehn fand hier ganz ein Ende:
Zwei und doch eines schien das Schreckgebilde...
Und so entschwand es plump und unbehende.

    Gleichwie die Eidechs, wenn auf das Gefilde
Der Hundsstern brennt, den Weg vom Heckendorne
Zum Zaune kreuzt, als wär ein Blitz die wilde,

    So kam und fuhr den andern beiden vorne
Zum Bauch ein zornig Schlänglein aus den Herden,
Bleifarb und schwärzlich gleich dem Pfefferkorne.

    Und durch den Teil, draus wir zuerst im Werden
Die Nahrungsstoffe ziehn, stach sie den einen;
Dann fiel sie vor ihm ausgestreckt zur Erden.

    Und wortlos starrte mit reglosen Beinen
Sie der Durchstochne an, blieb gähnend stehen,
Daß er konnt schläfrig oder fieberig scheinen.

    Er ließ den Blick zu ihr, sie zu ihm gehen.
Sie dampfte aus dem Maul, er aus der Wunde:
So kreuzte sich der beiden Dämpfe Wehen.

    Lucan verstumme jetzt mit seiner Kunde
Von des Sabellus und Nasidius Leiden
Und horche scharf, was sich begab zur Stunde.

     Mit Radmus, Arethus mag sich bescheiden
Ovid! Wenn die zur Quelle, der zur Schlange
verwandelt wird, nicht will ich ihm es neiden!

    Nie tauschte Stirn an Stirn in seinem Sange
Zwei Wesen er, daß ineinanderflossen
Die Stoffe ganz im Wechselbildungsdrange.

    So wurde eins ins andere umgegossen,
Daß sich der Schlangenschweif zur Gabel spaltet
Und sich die Fersen dem Gestochnen schlossen.

    Sodann verwuchs, zu einem Glied gestaltet,
Schenkel mit Bein, daß dort kein Spalt zu sehen
Mehr war, wo die Verschmelzung hat gewaltet.

    Den Spaltschwanz sah zur Form man übergehen,
Die dort verschwand; und wie sie hier sich krumpfen
Weichhäutig, muß dort harte Haut entstehen.

    Die Arme sah ich in die Schultern schrumpfen,
Und strecken sich des Untiers kurze Beine
Solang als jene sich verkürzt zu Stumpfen.

    Das Hinterfußpaar schmolz dann im Vereine
Zum Gliede, das der Mann pflegt zu verstecken,
Und zweigeteilt dem Ärmsten ward das seine.

    Und während Dämpfe diese zwei umlecken,
Verfärben sie sich neu; und wo dem dichter
Das Haar wird, muß sich jener kahl entdecken.

    Der hebt sich, jener fällt, der Augen Lichter
Einander zugewendet voller Tücke:
Und so vertauschen beide die Gesichter.

    Zur Schläfe ziehts der Stehende zurücke,
Und aus des Stoffes Überflusse schieben
Aus glatter Wange sich die Ohrenstücke.

    Was nicht zurücktrat, sondern vorngeblieben,
Muß sich als Nase aus dem Antlitz recken;
Und passend wird die Lippe aufgetrieben.

     Beim Liegenden seh ich das Maul sich strecken
Und in den Kopf zurück die Ohren tauchen
Wie ihre Hörner insichziehn die Schnecken.

    Die Zunge, heil erst und zum Wort zu brauchen,
Teilt sich; doch schließt der Riß bei der zerspellten
Des andern sich, und aufhört nun das Rauchen.

    Die Seele, die als Tier jetzt hat zu gelten,
Entwischt mit Pfauchen durch des Tales Lücken;
Und hinterdrein der andre spuckt mit Schelten.

    Dann wies er ihr den frischentstandenen Rücken
Und sprach zum andern: »Buoso künftig krauche
Statt meiner hier, sich durch dies Loch zu drücken.«

    So sah ich in der siebenten Ballastjauche
Wandlung und Tausch. Entschuldigend mag mir frommen
Die Neuheit, daß mehr Raum die Feder brauche.

    Und waren mir die Augen auch verschwommen
Ein wenig, daß mein Geist sich kaum ermannte,
Sie konnten doch so heimlich nicht entkommen,

    Daß ich Puccio Sciancato nicht erkannte.
Und er allein wars, der sich von den dreien
Zuerstgekommenen unverwandelt nannte.

    Gavill, du wirst dem andern Tränen weihen.

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