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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 25
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Vierundzwanzigster Gesang

    Zu jener Jahresfrühzeit, wenn im Zeichen
Des Wassermanns die Sonne wärmt die Locken,
Und schon dem halben Tag die Nächte gleichen,

    wenn Reif hinmalt aufs Feld mit zarten Flocken
Des weißen Bruders Bild, obwohl der warme
Lufthauch bald seine Feder bringt zum Stocken,

    Dann steht, weil er um Futter ist im Harme,
Der Bauer auf und späht, sieht weißbeschlagen
Die Landschaft, stemmt zur Hüfte drob die Arme,

    Geht heim ins Haus, um hier und dort zu klagen,
Dem Armen gleich, nicht wissend, was nun werde,
Kehrt um und sieht aufs neue Hoffnung tagen,

    weil er verändert schaut das Bild der Erde
Seit kurzen Stunden, greift zum Hirtenstecken
Und treibt zur werde seiner Schäflein Herde –:

    So setzte mich der Meister auch in Schrecken,
Als seine Stirn mir wies, was ihn bedrücke.
Doch sollte Balsam bald die Wunde decken.

     Denn als wir kamen zur zerstörten Brücke,
Sah er mich an, von Freundlichkeit umflossen,
Wie jüngst am Bergesfuß zu meinem Glücke.

    Er überlegte kurz und tat entschlossen
Die Arme auf, als er die felsige Gegend
Gemustert; hob mich hoch und – unverdrossen

    Gleich jenem, der sich abmüht überlegend
Und zeitig prüft, was wohl in Zukunft nütze –
So sah er, mich zur Kuppe hinbewegend,

    Von dem zum nächsten Fels und riet: »Nun schütze
Vorm Fall dich! Klammre dich an diese Pflöcke;
Doch sieh erst, ob sie fest genug zur Stütze.«

    Das war kein Steig für die Kapuzenröcke,
Weil wir ja kaum (er: leicht, und ich: geschoben)
Aufklimmen konnten über Stöcke und Blöcke.

    Und hätte sich viel flacher nicht erhoben
Als drüben hier die Böschung aus dem Grunde:
Wenn er nicht, ich erläge solchen Proben.

    Doch weil der Übelbuchten ganze Runde
Zum tiefsten Brunnenmund stets tiefer schwenkte,
So wirkt die Gliederung von jedem Schlunde,

    Daß dieser Rand sich hebt, wenn der sich senkte,
Doch endlich waren wir zur Höh geklommen,
Allwo sich los der letzte Felsblock sprengte.

    Nicht weiter könnt ich droben. Ganz benommen
Von Atemsmangel nach den Hindernissen,
Mußt ich mich setzen, kaum noch angekommen.

    »Wohlan! der Mannheit zeig dich nun beflissen,«
Der Meister sprach, »denn Ruhm wird unter weichen
Deckbetten nicht errungen, noch auf Kissen.

    Und wer sein Leben ruhmlos läßt verstreichen,
Der hinterläßt nur Spuren auf der Erde,
Die Rauch in Lüften, Schaum im Meere gleichen.

     Und darum auf! Der Schwachheit Meister werde
Der Geist, der doch in jedem Kampf muß siegen,
Sonst zieht ihn bodenwärts des Leibes Beschwerde.

    Noch zu erklettern giebt es längere Stiegen!
Die zu verlassen, gilt noch nichts, mein Guter:
Verstehst du mich, laß dirs am Herzen liegen.«

    Aufsprang ich da und tat viel ausgeruhter
An Lungenkraft, als ich mich wirklich spürte,
Und rief: »Komm! ich bin stark und frohgemuter.«

    Am Felsengrat entlang der Weg uns führte.
Ein enger, steiniger wars und mühsamleitender;
Viel steiler auch als der vorhinberührte.

    Kraftheuchelnd, sprach ich wie ein rüstig Schreitender,
Bis eine Stimme scholl vom nächsten Grunde,
Als war ihr Mund ein mühvoll-wortbereitender.

    Nicht weiß ich, was sie sprach, obschon zur Runde
Des Brückenbogens ich hinaufgegangen;
Doch wer da sprach, tats wohl mit zornigem Munde.

    Ich beugte mich hinab, doch nicht durchdrangen m
Irdische Augen diese finstern Schauer.
Drum ich: »Rasch, Meister, laß uns hingelangen

    Zum nächsten Kreis und niedergehen die Mauer.
Denn wie ich höre ohne zu verstehen,
Späh ich hinab und seh doch nichts genauer.« –

    »Nicht andre Antwort,« sprach er, »sollst du sehen,
Als daß ichs tu; denn ehrenwerte Bitten
Erfülle man mit schweigendem Geschehen.«

    Vom Brückenkopf zu jenem Punkt wir schritten,
Der Anschluß läßt zum achten Damm gewinnen,
Wo ungehemmt zur Kluft die Blicke glitten:

    Und sah in gräßlichstem Gewimmel drinnen
Verschiedenartige Schlangen pfauchen und gähnen,
Daß noch mein Blut Erinnrung macht gerinnen.

     Nicht mehr berühmt soll Libyens Sand sich wähnen!
Denn zeugt er Ringel-Pfeil- und Wasserschlangen,
Nattern- und Vipernbrut mit giftigen Zähnen:

    Nie solche Pestilenzen ihm entsprangen
Grausen Gewürms, noch Äthiopiens Gauen,
Jenseit vom Roten Meere angefangen.

Illustration: Dorè

    Durch solch Gekribbel, wild und voller Grauen,
Lief nacktes Volk, dem Hoffnung längst entschwunden,
Ein Schlupfloch oder Heliotrop zu schauen.

    Die Hände waren hinters Kreuz gebunden
Mit Nattern, die durchs Becken ihrer Lenden,
Vorn Kopf und Schwanz verknotend, sich gewunden.

    Da sah ich einen Schlangenkopf sich wenden
Auf einen uns zur Seite und die Stelle
Durchbohren, wo am Hals die Schultern enden.

    Kein O und I schreibt sich mit solcher Schnelle,
Als hier entzündet sich in Flammen lichtet
Und gleich als Asche hinsinkt der Geselle.

    Und kaum am Boden lag er so vernichtet,
Als sich die Aschenreste neu verbanden
Und sich empor der frühere Körper richtet.

    So lebt, wie große Weisen eingestanden,
Der Phönix wieder auf, wenn er erleidet
Den Tod, nachdem fünfhundert Jahre schwanden:

    An Kraut und Korn hat er sich nie geweidet,
An Weihrauchtränen nur und Balsamwürze,
Bis er im Myrrhenbett auf Narden scheidet.

    Wie einer stürzt, unwissend, wie er stürze,
Ob Dämonskraft ihn fällt, den Fuß umstrickend,
Ob Krampf, ob Ohnmacht sein Bewußtsein kürze,

    Dann sich erhebt, ringsum die Augen schickend;
Von aller Angst, darinnen er verwoben,
Ganz wirre, und mit Seufzern um sich blickend:

     So tat der Sünder, als er sich erhoben. –
O Allmacht Gottes, bist du streng zu schauen,
Daß so dein Rachehammer schlägt von droben!

    Drauf bat, ihm seinen Namen zu vertrauen,
Vergil. Er sprach: »In diese Unglücksfalle
Schneiten mich unlängst her Toskanas Auen.

    Ein Vieh war ich, kein Mensch; das wissen alle
Von Vanni Fucci, den man Bestie nannte.
Pistoja war mir recht zum Maultierstalle.« –

    »Laß ihn nicht fort,« ich mich zum Führer wandte.
»Frag ihn, durch welche Schuld er hergekommen,
Da ich ihn einst als durstigen Bluthund kannte.«

    Und scheu war nicht der Sünder, ders vernommen;
Nein, Blick und Antlitz dreist mir zugewendet,
Sprach er, von wilder Scham die Stirn entglommen:

    »Das frißt mich mehr, daß du hierhergesendet,
In diesem Jammerelend mich zu schauen,
Als daß ich meine Lebensbahn vollendet.

    Doch muß ich redestehn und dir vertrauen:
Weil aus der Sakristei ich stahl die prächtigen
Gefäße, sitz ich hier im tiefen Grauen;

    Und andere wußt ich fälschlich zu verdächtigen.
Doch daß dich nicht mein Anblick möge freuen,
Entkommst du diesen Orten je, den nächtigen,

    So laß dein Ohr mit dieser Mär betreuen:
Pistoja muß sich erst von Schwarzen leeren,
Florenz wird Volk und Sitte dann erneuen.

    Saugt Mars, umhüllt von Wolken, wetterschweren,
Dunst aus dem Magratal in heißen Tagen,
Dann wird, umbraust von stürmischem Verheeren,

    Auf dem Picenerfeld die Schlacht geschlagen.
Drauf wird er schnell den Nebeldunst zerfetzen,
Daß alle Weißen Wunden mitsichtragen.

    Und dies hab ich gesagt, dich zu verletzen!«

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