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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Dreiundzwanzigster Gesang

    Stillschweigend nun, der eine hinterm andern,
Und unbegleitet wir des Weges schritten
Wie Minoriten ihre Straße wandern.

    Es mußten mir die Teufel, die gestritten,
Äsopens Fabel ins Gedächtnis bringen,
Wo Frosch und Maus betrogen wird vom Dritten.

     Denn jetzt und jetzo ähnlicher nicht klingen
Als dieses dem, prüft man mit scharfen Sinnen,
Wie Anfang hier und Schluß zusammenhingen.

    Und wie Gedanken aus Gedanken rinnen,
Entsprang aus allen endlich ein Gedanke,
Die erste Furcht mir doppelt zu gewinnen.

    Ich dachte dieses: Weil wir schuld am Zanke,
Durch den sie Schimpf und Schaden nur gefunden,
Kommt, glaub ich, großer Ärger aus dem Schwanke.

    Denn hat ihr Zorn der Rachsucht sich verbunden,
Wird hitziger ihre Jagdlust dies erwecken,
Als eine Hasenjagd es tut bei Hunden.

    Schon sträubte sich mir jedes Haar vor Schrecken
Und rückwärtsspähend bat ich: »Laß beschwören
Dich, Meister, daß wir zwei uns schnell verstecken!

    Denn hinter uns – und schon vermeint zu hören
Es meine Furcht – glaub ich, daß näherdringe
Der Grausetatzenschwarm, uns aufzustören.«

    Und er: »Wär ich verbleites Glas und finge
Dein äußeres Bild, nicht schneller könnts erscheinen,
Als ich dein inneres Bild mir nahebringe.

    Denn schon traf dein Gedanke auf den meinen,
Weil gleiche Art und Bildung ihm verliehen,
Daß ich die zwei Entschlüsse schmolz in einen.

    Wenn rechts die Ufer so sich abwärtsziehen,
Daß man den Schritt zur nächsten Buchtung richtete,
So werden wir der drohenden Jagd entfliehen.«

    Kaum daß sein Plan mich völlig noch beschwichtete,
Sah ich sie kommen mit gespreizten Schwingen,
Alsob uns jeder schon zum Fange sichtete.

    Den Führer fühlt ich plötzlich mich umschlingen
Der Mutter gleich, wenn die vom Lärm erweckte
Schon Flammen sieht, die knisternd sie umringen,

     Und nach dem Sohn faßt, weil sie mehr erschreckte
Für ihn als sich, dann forteilt ohne Säumen
Und selbst mit einem Hemd sich kaum bedeckte:

    So ließ er dort, wo schroffe Felsen bäumen,
Sich rücklings niedergleiten überm Hange,
Der einführt zu des nächsten Sackes Räumen.

    Nie durchs Gerinne schoß in schnellerm Drange
Der Bach aufs Rad der oberschlächtigen Mühle,
Wo schnellstens er die Schaufeln treibt zum Gange,

    Wie hier mein Meister niederglitt vom Bühle,
Mich mitsichtragend, eng zur Brust umfangen,
Alsob statt Freund den Sohn er in mir fühle.

    Kaum daß zuboden seine Füße drangen
Im Talbett, als sie droben schon erschienen
Zu Häupten uns, doch schuf es uns kein Bangen.

    Denn hohe Vorsicht läßt sie wohl bedienen
Den fünften Graben, aber ein Entweichen
Daraus steht keinem einzigen frei von ihnen. –

    Drunten sahn wir Betünchte sondergleichen
Stillweinend und gebeugt mit müden Schritten
wie mutgebrochen durch die Runde schleichen.

    Sie trugen Kutten, die so zugeschnitten
Wie jener Mönche Tracht zu Köln am Rheine,
Die keinen Blick durch die Kapuzen litten.

    Von außen sind sie Gold, blendend im Scheine,
Von innen Blei und schwer, daß Friedrichs Kragen
Aus Stroh geflochten schienen, wie ich meine.

    O Mantel, schwer in Ewigkeit zu tragen! –
Wir schritten jetzt mehr linkshin gleich den Schatten
Und folgten ihnen, lauschend ihren Klagen.

    Doch schlichen unter ihrer Last die Matten
So träg, daß wir bei jedes Fußes Heben
Stets andere Gesellschaft bei uns hatten.

     Drum ich: »Schau, Herr, mags hier wohl solche geben,
Die sich bekannt nach Tat und Namen fanden?
Und laß rundum beim Gehen die Blicke streben.«

    Und einer, der mein tuskisch Wort verstanden,
Rief hinter uns daher: »Hemmt eure Schritte,
Die ihr so eilt durch dunkler Lüfte Branden!

    Vielleicht kann ich erfüllen deine Bitte.
Drauf wandte sich und sprach der Führer: »Weile
Und regle deinen Tritt nach seinem Tritte.«

    Ich hielt und schaute zwei voll großer Eile,
Die mühsam sich uns einzuholen plagten;
Doch hemmte Last und schmale Wegeszeile.

    Und scheu, alsob sie nicht zu sprechen wagten,
Sah ich die Angekommenen scheel verdrehen
Die Augen, drauf sie leis einander fragten:

    » Der lebt; man kann die Kehle atmen sehen.
Doch sind sie tot: welch Recht verstattet ihnen,
Hier ohne lastenden Talar zu gehen?«

    Drauf laut zu mir: »O Tusker, der erschienen
Hier in der Heuchler traurigem Verbande,
Laß, wer du seiest, zum Bescheid uns dienen.« –

    »Die große Stadt am schönen Arnostrande
Erzeugte und erzog mich einst, und nimmer,«
Sprach ich: »entschlüpft ich noch dem Staubgewande.

    Doch wer seid ihr denn, deren Wangen immer,
Wie ich bemerkt, von Schmerzenstränen starren;
Und welche Pein verleiht euch solchen Schimmer?« –

    »Der gelben Kutten bleigegossene Barren
Sind also schwer,« sprach eins der armen Wesen,
»Daß unter ihnen muß die Wage knarren.

    Wir waren Lustige Brüder, Bolognesen:
Loderingo der, ich Catalan geheißen.
Und deine Stadt hat uns zugleich erlesen,

     Wie man sonst einen wählt, der sich befleißen
Des Friedensamtes soll. Es fühlt noch immer
Gardingo, wie wir Wölfe konnten beißen.«

    Und ich begann: »O Brüder, euer schlimmer...«
Doch da erstarb mein Wort, denn an drei Pfählen
Gekreuzigt sah ich einen mit Gewimmer

    Am Boden krümmen sich und schmerzhaft quälen,
Und wie er ächzte in den Bart mit Stöhnen,
Fing Bruder Catalan an zu erzählen:

    »Der hier gekreuzigt knirscht in Jammertönen,
Verhalf einst seinem argen Rat zum Siege:
Ein einziger soll durch Tod das Volk versöhnen!

    Du siehst, daß nackt er überm Wege liege,
Damit der hinterlistige Pharisäer
Am Fußtritt fühle, was ein jeder wiege.

    So leidet auch in dieser Bucht sein Schwäher
Und alle vom Synedrium; dort fielen
Des Unheils Saaten einst für die Judäer.«

    Da sah ich großes Staunen bei Vergilen,
Daß einer hier gekreuzigt lag am Orte,
Schmachvoll-verbannt zu ewigen Exilen;

    Worauf er sprach zum Frater diese Worte:
»Wenn ihr es dürft, gefall es euch, zu sagen,
Ob rechts sich öffnet eine Felsenpforte,

    Die ungehemmt uns läßt den Ausgang wagen,
Da sonst die Schlucht uns in den Notfall brächte,
Daß uns drausfort die schwarzen Engel tragen.«

    Der sprach: »Wohl näher, als dein Hoffen dächte,
Zieht sich ein Fels her von der großen Runde,
Der Brücken wölbt ob all der schlimmen Schächte;

    Nur barst er hier und führt nicht überm Schlunde.
Doch durch den Steinschutt könnt ihr aufwärtssteigen,
Der sich am Abhang böscht und staut im Grunde.«

     Der Führer stockte kurz; ich sah ihn neigen
Das Haupt. Dann sprach er: Ȇbel als Berater
Wollt der sich, der die Sünder harkt, uns zeigen.« –

    »Schon in Bologna hört ich,« sprach der Frater,
»Von Teufelstücken reden, auch das Wort:
Er sei ein Lügner und der Lüge Vater.«

    Drauf ging der Führer großen Schrittes fort,
Indem Zornblitze durch die Stirn ihm fuhren.
Drob schied ich von den Bleibeladenen dort,

    Anschließend mich den teuern Sohlenspuren.

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