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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Einundzwanzigster Gesang

    So gings von Steg zu Steg mit manchen Worten,
Die es nicht lohnt im Liede festzuhalten,
Zum Kulm. Dann standen wir und sahen von dorten

    Der Übelbuchten nächsten Schacht sich spalten
Und neues eitles Jammern tief im Tale.
Und ich sah drin ein seltsam Dunkel walten.

    Gleichwie zur Winterszeit im Arsenale
Die Venezianer zähen Teerbrei kochen,
Daß man die wracken Schiffe neu verschale;

    Denn weil die Schiffahrt ruht, so stehen und pochen
Am neuen Fahrzeug diese, andere heilen
Die Rippen dem, das oft in See gestochen,

     Am Heck und Bugspriet Zimmerer sich beeilen,
Es wird geflickt an Segel und Gebände,
Hier schnitzt man Ruder, dort dreht man an Seilen:

    So – nicht durch Feuer, nein, durch Gottes Hände –
Kocht da ein Pechbrei, der zähflüssig klickte
Und rings verkleisterte die Uferwände.

    Ich sah das Pech, doch drin ich nichts erblickte,
Als daß es sich im Kochen blasig blähte,
Nach oben quoll und setzend sich verdickte.

    Indem ich wie gebannt herniederspähte,
Zog mich mein Führer, rufend: »Achtung, Achtung!«
Von meinem Platz weg, daß ich zu ihm träte.

    Ich wandte mich – wie einer, der Betrachtung
Gern schenkte dem, was ihn zur Flucht getrieben,
Und dessen Mut vor Furcht sinkt in Umnachtung,

    Der hinstiert zwar, doch nicht wagt aufzuschieben
Die Flucht – und hinter uns sah auf den Steinen
Ich einen schwarzen Teufel näherstieben.

    In seinem Antlitz Haß und Grimm sich einen.
Wie schien sein Aussehn grausam, als er rannte
Mit offenen Flügeln und auf schnellen Beinen.

    Es hingen von der Schulter hoher Kante
Hüftlings herab ihm eines Sünders Glieder,
Die er am Knöchel straffen Griffs umspannte.

    »Ihr Satanskrallen, schaut,« rief er hernieder,
»Ein Ratsherr Santa Zitas! Her die Tatzen,
Und taucht ihn! Gleich mit andern komm ich wieder

    Aus jener Stadt, die davon voll zum Platzen.
Feil sind sie dort, bis auf Bontur, den Einen!
Aus Nein wird dort ein Ja für wenige Batzen.«

    Abwarf er ihn, und auf den Klippensteinen
Gings rückwärts; und kein Hund, frei von der Kette,
Verfolgte je den Dieb auf rascheren Beinen.

     Der sank und hob verkehrt sich aus dem Fette.
Doch unterm Brücklein scholl der Teufel Bellen:
»Hier giebts kein heilig Antlitz, das dich rette!

    Hier schwimmt sichs anders als in Serchios Wellen.
Und soll es nicht mit unsern Gabeln hapern,
So wage übers Pech nicht aufzuschnellen;

    Nein, such dir was im Trüben zu erkapern,
Daß dir dein unterirdisch Tänzlein glücke«
Drauf stieß man ihn mit hundert scharfen Schrapern,

    Als wenn der Koch befiehlt, daß niederdrücke
Der Küchenjunge zu des Kessels Grunde
Vom Kochfleisch die emporgeschwemmten Stücke.

    Der gute Meister sprach: »Eh man erkunde
Dein Hiersein, ducke hinterm Steingesplitter
Dich dort als bestem Schutzwall in der Runde.

    Und wie man sich mir feindlich zeig und bitter,
Befürchte nichts: ich kenne ihre Tücke,
Und hielt schon einmal aus solch Ungewitter.«

    Drauf überschritt er bis zum Kopf die Brücke.
Und als er an des Tales sechstem Hange,
Wars wahrlich not, daß Mut die Stirn ihm schmücke.

    Mit selber Wut, mit selbem bissigen Drange
Wie Hunde los auf einen Bettler fahren,
Sobald er gabenheischend hält im Gange,

    So preschten jäh, die unterm Brücklein waren,
Hervor mit allen ihren spitzen Zacken.
Er aber rief: »Die Tücke wollt nur sparen!

    Bevor mich eure Gabelzinken packen,
Tret einer vor von euch, der mich vernommen,
Und dann bedenkt, obs ratsam, mich zu zwacken.«

    Da riefen alle: »Übelschwanz soll kommen!«
Und der trat vor (die andern blieben stehen)
Und murrte, nähernd sich: »Was wirds ihm frommen?«

     »Wer, Überschwanz, ließ straflos es geschehen,«
So sprach mein Meister, »bei euch einzudringen
Und euerm Widerstand heil zu entgehen,

    Wenns Gott und Schicksal gnädig nicht verhingen?
Drum laß mich gehen! Im Himmel ists beschlossen,
Ich soll durch diese Wildnis jemand bringen.«

    Wie schmählich war der Übermut zerflossen;
Den Haken ließ er fallen furchtdurchschauert.
»Verletzt ihn nicht,« befahl er den Genossen.

    Mein Führer drauf zu mir: »Du, der da kauert
Im Brückenschutt, komm wieder vorgekrochen!
Und komm zu mir, da nicht Gefahr mehr lauert.«

    Gleich lief ich vorwärts, als er so gesprochen,
Doch auf mich zu sah ich die Teufel fahren
Und bangte schon, daß der Vertrag gebrochen.

    So sah ich zittern einst die Söldnerscharen,
Die laut Vertrag Capronas Burg verließen,
Als sie von Feinden ganz umzingelt waren.

    Ich strebte, ganzen Leibs mich anzuschließen
Dem Führer drum, und mit gespannten Mienen
Sah ich auf sie, die Gutes nicht verhießen.

    Schon senkten sie die Spieße, und von ihnen
Raunt einer: »Kratz ich ihn am Schulterblatte?«
Und Antwort scholl: »Ja, such ihn zu bedienen!«

    Doch jener Teufel, der gesprochen hatte
Mit meinem Führer, bog sich schnell zurücke
Und sagte: »Ruhe, Ruhe, Wirrwarratte!«

    Und dann zu uns: »Auf dieser Felsenbrücke
Könnt ihr nicht weitertippeln, weil im Grunde
Der sechste Bogen barst in tausend Stücke.

    Doch lockts euch dennoch fort, geht längs dem Schrunde
Den Damm, bis ihr die Klippe seht sich heben;
Durchkrauchen könnt ihr da zur nächsten Runde.

     Gestern, fünf Stunden später wars als eben,
Daß vor zwölfhundertsechsundsechzig Jahren
Den Weg hier schmiß in Klump der Erde Beben.

    Dorthin muß just ein Trupp aus meinen Scharen,
Ob keiner aus dem Pech taucht, nachzusehen.
Trollt hinterdrein: ihr werdet nichts befahren.

    Auf! Schlapperschwing und Fröstelzeh soll gehen,«
Begann er im Befehl, »auch du, Hundsbolle.
Und Strubbelbart sei Führer dieser zehen.

    Antrete Rötelruß und Drachenknolle,
Saubörstel mit den Hauern, Schindewade
Und Flitzibell; auch Funkelfratz, der tolle.

    Liegt auf der Lauer rings am Pechgestade!
Doch die laßt heil bis an den Felsen gehen,
Der ob den Gruben dient zum sichern Pfade.« –

    »Ach, Meister,« sprach ich, »weh, was muß ich sehen?
Kennst du den Weg, laß die uns nicht begleiten;
Ich brauch sie nicht, es kann auch so geschehen.

    Bist du so umsichtsvoll wie allerzeiten
Und siehst nicht, wie sie ihre Zähne blecken,
Die Brauen runzeln und Verrat bereiten?«

    Und er zu mir: »Du brauchst nicht zu erschrecken.
Laß nach Belieben ihre Zähne blinken;
Es gilt nur denen, die im Pechbrei stecken.«

    Dann auf dem Damme schwenkten sie zur Linken;
Doch jeder erst die Zunge wies in Eile
Dem Obmann durch die Zähne, ihm zu winken

    Und der posaunte mit dem Hinterteile.

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