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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 20
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Neunzehnter Gesang

    Ha, Simon Magus, und ihr, sein Gelichter,
Das Gottes Dinge, die vermählt mit Güte
Sein sollten, o raubgierige Bösewichter,

    Für Gold und Silber, schändlich im Gemüte,
Verkuppelt! Laut jetzt die Posaune schalle,
Wie übel euch die dritte Bucht behüte! –

    Schon waren wir zur nächsten Grabeshalle
Gestiegen, wo zur Mitte tief im Grunde
Der Felsen stürzt in lotrechtsteilem Falle.

    Kunst höchster Weisheit! Selbst im Höllenschlunde,
Nicht nur im Himmel und in Erdenauen
Wird deiner Allgerechtigkeit uns Kunde.

    Ich konnt im Grund und an den Wänden schauen
Kreisrunde Löcher, alle gleich an Weite,
In schwärzlichgrauen Fels hineingehauen,

    Die den Taufurnen ähnlich mir an Breite
In meinem schönen Sanktjohann erschienen,
Als Priesterstandort an des Beckens Seite.

    Vor Jahren erst zerschlug ich eins von ihnen,
Weil drein ein Knäblein fiel und schier erstickte:
Dies mag als Eidschwur allen Zweiflern dienen. –

     Aus jedem Loche ragend ich erblickte
Der Sünder Füße hier bis zu den Waden;
Der Leib war drin versteckt. Ein Feuer schickte

    Auf alle Sohlen Glut, sie drin zu baden;
Drum war so heftig ihrer Knöchel Drehen,
Daß Bast und Strick leicht risse wie ein Faden.

    Wie wir bei ölgetränkten Stoffen sehen,
Daß obenhin nur Flammen flackernd rennen,
So flimmerts zwischen Fersen hier und Zehen.

    Ich fragte: »Meister, willst du den mir nennen,
Der mehr als andre dort mit zornigem Schlagen
Sich wehrt und dessen Sohlen röter brennen?«

    Und er zu mir: »Soll ich dich abwärtstragen
Die Felsenwand auf jenem flachern Steige,
So wird er Schuld und Namen selbst dir sagen.«

    Und ich: »Gut ist, was dir als gut sich zeige.
Du bist der Herr und weißt, mein Wille pflichtet
Dem deinen bei, und weißt, was ich verschweige.«

    So ward zum vierten Damm der Schritt gerichtet.
Wir wandten uns und stiegen links tiefnieder,
Wo Loch an Loch im engen Grund sich schichtet.

    Nicht eher lud mich von der Hüfte wieder
Der gute Meister bis vorm Grabe dessen,
Denn also weinten seine untern Glieder.

    »Seele, wer du auch seiest, die Qualen pressen,
Kopfabwärts wie ein Rammpfahl eingetrieben,
Sprich!« rief ich, »hast du sprechen nicht vergessen.«

    Dem Beichtmönch ähnlich war ich stehngeblieben,
Den schnell zurück der Mörder ruft, bewogen
Von Hoffnung, noch den Pfahltod zu verschieben.

    »O Bonifaz, kommst du schon hergezogen,«
Schrie er, »schon hergezogen zu den Borden?
Die Schrift hat mich um ein paar Jahr belogen.

     So schnell bist du der Güter sattgeworden,
Drum schamlos du die schöne Frau bestohlen,
Um ihre Seele schändlich dann zu morden?«

    Verdutzt bemüht ich mich, den Sinn zu holen
Aus diesem Wort, stand sprachlos bei den Fragen,
Als wär, zu spotten meiner, ihm befohlen.

    Da sprach Vergil: »Du mußt ihm hurtig sagen:
Ich bins nicht, bins nicht, der ich dir erscheine.«
Und ich gab Antwort, wie mir aufgetragen,

    Worauf der Geist verkrümmte ganz die Beine.
Und dann, indem ihn Angstgeseufz durchzückte,
Sprach weinend er: »Sprich, was dein Wunsch denn meine?

    Wenn, wer ich bin, zu wissen dich so drückte,
Daß du herniederklettertest die Schären,
Vernimm, daß mich der hehre Mantel schmückte.

    Als Bärensprößling für das Wohl der Bären
Verstand ich, wie man droben Geld einsackte
Und hier michselber. Doch laß dir erklären:

    Mir unterm Kopf noch giebts viel Wohlverpackte,
Die Simonie schon vor mir angefangen
Und tief im Felsblock ruhen als Eingezwackte.

    Auch ich einst werde dort hinabgelangen,
Wenn jener kommt, auf den ich erst geraten,
Als ich dich hastigfragend angegangen.

    Doch mir ward länger schon der Fuß gebraten
Und länger mußt ich hier kopfunter stecken,
Als er mit roten Füßen hier wird waten.

    Denn nach ihm kommt aus West voll böserer Flecken
Ein Hirt, mißachtend aller Satzung Banden,
Der ihn und mich wird unter sich bedecken.

    Ein zweiter Jason ists, wie wir ihn fanden
Im Makkabäerbuch; denn wie den ehrte
Sein Fürst, ehrt ihn der Herr von Frankreichs Landen.«

     Ich weiß nicht, ob der Ehrfurcht ich entbehrte,
Als ich statt Antwort mich vermaß zu fragen:
»Ei sag mir doch, was unser Herr begehrte

    Für Schätze, als er Petrus angetragen
Das Schlüsselamt, daß ers verwalte später?
Man hörte nur ›Folge mir nach‹ ihn sagen.

    Nicht Petrus noch wer sonst der heiligen Väter
Verlangten Gold und Silber, als sie wählten
Durchs Los Matthias für den Erzverräter.

    Drum bleibe hier bei den mit Recht Gequälten
Und hüte wohl der schlimmgeraubten Güter,
Die gegen Karl den Übermut dir stählten.

    Dich schützt die Ehrfurcht christlicher Gemüter,
Scheu vor den hehren Schlüsseln, die im Lichte
Des Tages du bewahrtest einst als Hüter,

    Sonst ging mit dir ich strenger zu Gerichte.
Denn euer Geiz, drob schon die Menschheit weinte,
Erhöht die Schlechten, Gute machts zunichte.

    Euch Päpste der Evangelist auch meinte,
Als er das Weib gesehen auf Meereswogen,
Das sich in Buhlschaft mit den Königen einte:

    Die Siebenköpfige, die Kraft entsogen
Zehnfachem Horn, solange zu betreten
Den Tugendweg ihr Gatte noch gepflogen.

    Gold, Silber nehmt ihr, euern Gott zu kneten!
Euch trennt nur das von Götzendienern heute,
Daß ihr zu hundert, die zu Einem beten!

    Ach, Konstantin! wieviel des Unheils streute
Nicht deine Taufe, vielmehr jene Schenkung,
Die euern ersten reichen Vater freute.«

    Und wie ich vorsang ihm dies Lied – wars Kränkung
Vielleicht, wars das Gewissen, das ihn nagte –
Er krümmte jeden Fuß in Schmerzverrenkung.

     Wohl glaub ich, daß dem Führer dies behagte.
Er hörte, was von Herzen mir gekommen,
Zufriedenen Blicks, weil ich die Wahrheit wagte.

    Drauf in die Arme hat er mich genommen,
Und als er dicht an seiner Brust mich spürte,
Erklomm den Weg er, den er hergekommen.

    Nicht müde wurde, der mich fest umschnürte,
Bis wir des Bogens First erreichten wieder,
Der fort vom vierten Damm zum fünften führte.

    Hier ließ er seine Bürde sänftlich nieder,
Die sanft ihm war, obwohl des Felsens Schroffen
So steil, daß sie selbst schwer für Gemsenglieder.

    Von dort aus lag ein anderes Tal mir offen.

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