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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Die Hölle

»Es beginnt die Komödie des Dante Alighieri, Florentiners von Geburt, nicht von Sitten.«

 

Erster Gesang

    Ich fand mich, grad in unseres Lebens Mitte,
In einem finstern Wald zurück, verschlagen,
weil ich vom rechten Pfad gelenkt die Schritte.

    Ha! wie er ausgesehn ist hart zu sagen,
Der wüste Wald mit wildverwachsenen Strecken,
Daß in Gedanken sich erneut mein Zagen.

    So herb ists, herber kann der Tod nicht schmecken.
Doch um vom Heile, das ich dort gefunden,
Zu melden, muß ich anderes erst entdecken.

    Wie ich hineinkam, kann ich nicht bekunden,
So tief war ich zur Zeit vom Schlaf benommen,
Als meinem Blick der wahre Weg entschwunden.

    Doch nun an eines Hügels Fuß gekommen,
Wo dieses Tal zu seinem Ende gleitet,
Das mir mit Bangen hielt das Herz beklommen,

    Blickt ich empor und sah schon hingebreitet
Auf Bergesschultern den Planeten prangen,
Der uns auf jedem Wege richtig leitet.

    Da war ein wenig gleich die Furcht vergangen,
Die auf des Herzens See mir angedauert
Die Nacht, die ich durchlebt in solchem Bangen.

    Und wie, wer atemlos und angstdurchschauert
Dem Meer entrann und nun zurückgebogen
Vom Strande späht zur Flut, die tückisch lauert,

     So wandte auch, noch immer fluchtbewogen,
Mein Geist sich rückwärts, auf den Engpaß blickend,
Draus nie ein Wesen lebend heimgezogen.

    Nach kurzer Rast, dem müden Leib erquickend,
Klomm ich weiter bergan am öden Hange,
Immer zum tiefern Fuß den Stützpunkt schickend.

    Und sieh! wo steil beginnt die Felsenwange,
Ein Panther, mit geflecktem Fell die Glieder
Bedeckt, geschmeidig und behend im Gange,

    Der wich vor meinem Angesicht nicht wieder;
Nein, hemmte so mich, daß ich, statt nach oben,
Mehrmals aufs neu zum Walde wollte nieder.

    Die Zeit wars, als der Morgen sich erhoben.
Die Sonne stieg, vom gleichen Sternenbilde
Umkränzt, als erstmals Gottesliebe droben

    Die Welten umschwang durch des Alls Gefilde,
So daß mit neuer Hoffnung mich belebten
Auf Rettung vor dem buntgefleckten Wilde

    Frühlicht und Frühling, die mich hold umwebten.
Doch so nicht, daß die Sinne mir im neuen
Schreckanblick eines Löwen nicht erbebten –

    Der mir erhobenen Hauptes schien zu dräuen
Und sich voll Hungers wider mich zu rüsten,
Daß selbst die Luft sich schien vor ihm zu scheuen –

    Und einer Wölfin, die von allen Lüsten
Mir trächtig schien trotz ihren dürren Weichen,
Alsob durch sie schon viel sich grämen müßten.

    Die machte also meinen Mut erbleichen
Durch ihren Blick, drob ich vor Furcht erschauert,
Daß ich die Höh nicht hoffte zu erreichen.

    Und jenem gleich, der gern Gewinn erlauert,
Und kommt die Zeit, wo sich Verluste zeigen,
Was auch sein Denken ist, er weint und trauert,

     So schuf das Tier mich, dem kein Friede eigen,
Indem sichs schrittweis nähernd mich im Grimme
Zurücktrieb, wo die Sonnenstrahlen schweigen.

    Indes ich fliehend noch bergabwärts klimme,
Auftauchte da vor meinem Blicke einer,
Der vor Erschöpfung scheinbar ohne Stimme.

    »Wer du auch seist,« begann ich, als ich seiner
Ansichtig ward in solcher wüsten Heide,
»Ob Schatten oder Mensch, erbarm dich meiner«. –

    »Nicht Mensch; Mensch war ich,« gab er zum Bescheide.
»Und meine Eltern einst Lombarden waren;
Denn Mantua war Heimatstadt für beide.

    Gezeugt, zwar spät, sub Julio dem Zäsaren,
Lebt ich in Rom zur Zeit Augusts des Guten,
Als Lügengötter Ehrfurcht noch erfahren.

    Ich war Poet und sang den frommgemuten
Anchisessohn, der Troja mußte meiden,
Als Ilions Pracht versank in Staub und Gluten.

    Doch du, was kehrst du um zu solchen Leiden?
Was steigst du nicht, um auf dem Berg der Wonnen,
Des Glückes Grund und Anfang, dich zu weiden?« –

    »So bist du denn Vergil, bist jener Bronnen,
Dem reich des Wohllauts voller Strom entflossen?«
Sprach ich zu ihm, die Stirn von Scham umronnen.

    »Du Licht und Ehre der Apollgenossen,
Gieb, daß mir zur Empfehlung nun gedeihe
Inbrunst und Fleiß, die mir dein Werk erschlossen.

    Vorbild und Meister, dank ich deiner Weihe
Doch nur den schönen Stil, der mir verliehen,
Drob man ein wenig Ruhm mir prophezeie.

    Sieh dort das Tier, davor ich im Entfliehen.
Hilf mir, ruhmvoller Weiser, ihm entrinnen;
Durch Puls und Adern läßt mirs Schauder ziehen.« –

     »Auf einem andern Weg mußt du vonhinnen,«
Sprach er zu mir, den Tränen ganz bezwungen,
»Um aus der Wüste Rettung zu gewinnen.

    Denn dieses Tier, das dich mit Furcht durchdrungen,
Läßt keinen fahrlos wandeln seine Straße,
Nein, hemmt solang ihn, bis es ihn verschlungen.

    Voll Trug und Tücke steckts in solchem Maße,
Daß seine Lüste unersättigt bleiben,
Und stärker hungerts nach als vor dem Fraße.

    Viel Tiere sinds, die sich mit ihm beweiben,
Und mehr noch folgen, bis sich wird erheben
Der Jagdhund, es in bittern Tod zu treiben.

    Dem wird nicht Erz noch Erde Nahrung geben,
Doch Weisheit, Liebe, Tugend wird ihm munden;
Und zwischen Filz und Filz entsprießt sein Leben.

    Italien wird durch ihn der Schmach entbunden,
Drob Turnus und Kamilla einst erlagen,
Euryalus und Nisus ihren Wunden.

    Er wird das Tier durch alle Städte jagen
Bis ers zurückscheucht in die Höllenschlünde,
Daraus der Urneid es ans Licht getragen.

    Drum denk ich, daß es besser um dich stünde,
Wenn du mir folgst, daß ich dir Rettung leihe,
Von hier dich führend durch die ewigen Gründe.

    Dort wirst du hören der Verzweiflung Schreie,
Der Vorwelt Geister schauen, die jammernd flehen,
Daß sie ein zweiter Tod von Schmerz befreie.

    Wirst andre dann in Feuersgluten sehen
Und dennoch froh, weil sie der Hoffnung leben,
Wie spät es sei, zur Seligkeit zu gehen.

    Willst du zu diesen dich alsdann erheben,
Kommt eine Seele, würdiger im Preise;
Der werd ich dich beim Abschied übergeben.

     Denn der als Kaiser herrscht im Himmelskreise
Will nicht, weil widerstrebt ich seinen Worten,
Daß irgendwen zu seiner Stadt ich weise.

    Er herrscht im Weltall, doch regiert nur dorten,
Wo seine Stadt ist, und sein Thron zu sehen:
O selig! den er ruft zu ihren Pforten.«

    Und ich zu ihm: »Poet, laß dich erflehen
Bei jenem Gotte, dem du fremd verbliebest.
Um diesem Weh und schlimmerem zu entgehen,

    Bring mich, wie du zu sagen jetzt beliebest,
Hin wo Sanktpeters Pforten mir erscheinen
Und sie, die als so traurig du beschriebest.«

    Drauf ging er und mein Fuß folgte dem seinen.

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