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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 19
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Achtzehnter Gesang

    Ein Ort der Hölle nennt sich Übelbuchten,
Ist ganz aus Steinen und hat eisengraue
Färbung, wie auch der Wall um diese Schluchten.

    Genau inmitten dieser Unheilsaue
Gähnt tief ein Brunnenschacht mit mächtigem Schlunde:
Ich melde später mehr von seinem Baue.

    Der Raum, der bleibt, macht also eine Runde
Vom Schacht bis hin, wo hoch die Felsen stehen,
Und teilt sich in zehn Täler tief im Grunde.

    Wie man als Schutzwehr gürtelartig gehen
Um die Kastelle Graben sieht an Graben:
Genau wie dieses Muster anzusehen

    War auch das Bild, das diese hier ergaben.
Und wie derartige Burgen von den Türen
Zur äußern Böschung kleine Brücken haben,

    So hier vom Fuß des Felsens Klippen führen,
Die, wenn sie Damm und Graben rings durchschnitten,
Den Brunnenkranz in Sternenform umschnüren.

    Dort wars, wo wir, von Geryons Kreuz entglitten,
Uns fanden. Linkswärts dieses Steinverhackes
Schritt der Poet, ich folgte seinen Schritten.

    Rechts sah ich hier neuartigen Gezwackes
Und neuer Qual sich üben neue Schinder
Als vollen Inhalt dieses ersten Sackes.

    Im Grunde gingen nackte Sündenkinder:
Diesseit der Mitte unserm Blick entgegen,
Jenseitig mit uns, doch im Gang geschwinder,

    Wie man in Rom des großen Andrangs wegen,
Wie ich ihn sah im Jubeljahr entstehen,
Den Strom geregelt auf den Brückenstegen,

     Daß links nur immer darf die Menge gehen:
Wer nach Sanktpeter will, sieht zum Kastelle,
Doch wer zurückkommt, muß zum Berge sehen.

    Und rechts und links in schwarzer Felsenzelle
Sah ich gehörnte Teufel, und die hieben
Mit langen Geißeln grausam auf die Felle.

    Hei! hat sie da schon eilig angetrieben
Der erste Schlag, daß lüstern nach dem zweiten
Und dritten nicht ein einziger stehngeblieben.

    Da zog mein Auge, wie ich so im Schreiten,
Ein Schatten auf sich, daß ich plötzlich dachte:
›Den sahest du doch schon in früheren Zeiten?‹

    Und als ich stehnblieb, daß ich ihn betrachte,
Stand auch der holde Führer und erlaubte,
Daß ich umkehrend ein paar Schritte machte.

    Doch der Gepeitschte, niederblickend, glaubte,
Daß, sich zu bergen, diese List ihm tauge.
Umsonst! Ich rief: »Du mit gesenktem Haupte,

    Du bist, täuscht eine Maske nicht mein Auge,
Venedico Caccianimic! Doch sage,
Was tunkte dich in diese salzige Lauge!«

    Und er: »Ob mir die Antwort mißbehage,
Mich lockt die Stimme, die so hell erklungen
Und mir Gedächtnis wachruft alter Tage.

    Ich wars, der in Schön-Ghisola gedrungen,
Bis sie gefügig wurde dem Marchesen,
Ob falsch darum auch zeugen falsche Zungen.

    Doch ich als einziger nicht der Bolognesen
Hier weinen muß. Soviel sind deren drinnen,
Als niemals Sipa-Sprecher sind gewesen

    Im Land, wo Savena und Reno rinnen.
Und willst du Eid und Zeugnis dafür schauen,
Brauchst du nur unserer Habsucht nachzusinnen.«

     So sprach er, als ein Teufel ihn gehauen
Mit seiner Knute schon, ausrufend: »Weiter,
Du Kuppler! Hier giebts keine feilen Frauen.« –

    Nun schloß ich wieder mich an den Begleiter,
Drauf wir in kurzem eine Felsenschwelle
Erreicht, wo eine Klippe stand als Leiter.

    Wir überklommen mühlos diese Stelle;
Und rechts uns wendend über ihre Schroffen,
Verließen wir die äußeren Kreise schnelle.

    Als wir dort, wo die Schwelle unten offen,
Um Durchlaß den Gepeitschten zu gestatten,
Riet mir der Führer: »Warte, bis getroffen

    Dein Antlitz wird vom Blick der andern Schatten:
Du sahst von vorn noch nicht die Angesichter
Der Argen, da sie unsere Richtung hatten.«

    Vom alten Brückenjoch sahn wir die Wichter
Uns auf der andern Seite nahn, geschlagen
Von Geißeln gleich dem übrigen Gelichter.

    Der gute Meister, ohne mein Befragen,
Begann: »Sieh dort den Großen, der trotz schlimmer
Tortur den Schmerz scheint tränenlos zu tragen.

    Wie ist sein Anblick königlich noch immer!
Jason ists, der mit List und mutigem Wagen
Den Kolchiern stahl des Goldenen Vließes Schimmer.

    Die Insel Lemnos sah sein Segel ragen,
Als die verwegenen Weiber ohne Grauen
Und Mitleid alles Männervolk erschlagen.

    Hier sollte seinem Wort und Schmeicheln trauen
Hypsipyle, daß er ihr Täuschung brächte,
Die vorher täuschte alle anderen Frauen.

    Einsam zurück hier ließ er die Geschwächte.
So büßt er nun sein heuchlerisches Lügen;
Und auch Medeas Herzleid hier sich rächte.

     Mit diesem gehn, die solcherart betrügen.
Von ihnen und vom ersten Talgelasse,
Das sie zerkrallt, mag dieses dir genügen.« –

    Schon waren wir, wo mit der engen Gasse
Der zweite Wall sich kreuzt, um Widerlage
Und Stützpunkt zu verleihen dem nächsten Passe.

    Hier hörten wir Geschnaufe und Geklage
Vom zweiten Sack, wo sich die Sünder mußten
Selbst wehetun mit flacher Hände Schlage.

    Ich sah, daß jede Wand voll Schimmelkrusten,
Und daß vom Dunst der Tiefe dies entstände,
Drob Aug und Nas, was ärger war, nicht wußten.

    Der Trichter gähnt sotief, daß kaum sich fände
Ein Ort zum Einblick, wenn man nicht erklommen
Den Bogen bis zum höchsten Punkt der Wände.

    Ich sah im Graben, als wir angekommen,
Ein Volk getunkt in einem ekeln Breie,
Der menschlichen Kloaken schien entnommen.

    Als nun mein Blick hinabforscht durch die Reihe,
Zeigt sich ein Kopf so kotig, daß es schwierig
Zu sehen, ob es Pfaffe oder Laie.

    Der schrie mich an: »Was läßt du so begierig
Den Blick auf mich als einzigen Schmutzbold gehen?«
Ich sprach: »Weil ich mit Haaren minder-schmierig

    Und trocken, irr ich nicht, dich schon gesehen.
Interminei, einer der Lucchesen
Bist du: drum blieb vor dir ich länger stehen.«

    Da schlug er sich den Kürbis: »Auserlesen
Hat mich die Schmeichelsucht zu diesem Drecke;
Denn niemals ist mein Süßmaul still gewesen.«

    Drauf sprach zu mir der Führer: »Nunmehr strecke
Das Angesicht nach vorn, nur wenig eben,
Damit dein Auge das Gesicht entdecke

     Der schmutzigen Dirne, deren Haare kleben,
Und deren Haut die kotigen Nägel scheuern,
Die kaum sich setzt, um gleich sich zu erheben.

    Thaïs, die Dirne ists, die ihrem Teuern –
Als er gefragt: ›Bist du mir nun verpflichtet
Zu Dank?‹ – erwiderte: ›Zum ungeheuern!‹ –

    Und hier sei nun auf weitere Schau verzichtet.« –

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