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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Sechzehnter Gesang

    Schon war ich dort, wo man des Wassers Lärmen
Abstürzen hört zum nächsten Kreisgeschosse,
Vergleichbar dem Gesumm von Bienenschwärmen,

    Als sich drei Schatten gleicherzeit vom Trosse
Der andern lösten, die der Strom der Flammen
Im Laufen peitschte wie aus einer Gosse.

    Sie nahten uns und schrieen allzusammen:
»Steh still! du mußt doch unserer argverderbten
Und bösen Stadt der Kleidung nach entstammen.« –

    Weh! was für alt und neue Wunden kerbten
Den Gliedern ein die Flammen, scharf im Schnitte:
Mich schmerzt noch heut das Los der Heilsenterbten.

    Mein Lehrer hielt bei ihrem Ruf die Schritte,
Sah mir ins Angesicht und sprach: »Jetzt weile.
Für diese hier geziemt sich edle Sitte.

    Und regnete die Glut nicht Flammenpfeile,
Wie es des Ortes Art, ich würde sagen,
Dir ziemte besser wohl als ihnen Eile.«

     Kaum standen wir, scholl neu ihr Lied der Klagen.
Und als sie bei uns, faßten sie zum Drehen
Sich an, gleich einem Rad rundum zu jagen.

    Wie nackte ölgesalbte Ringer stehen
Und Griff und Blöße trachten zu erringen,
Eh sie mit Stoß und Puff zum Angriff gehen,

    So sah mir jeder ins Gesicht beim Schwingen,
Daß ihre Hälse trotz beständigem Recken
Den umgekehrten Weg der Füße gingen.

    »Wenn auch das Elend dieser sandigen Strecken
Verächtlich uns und unsere Bitten machte,«
Fing einer an, »weil Schorfe uns bedecken,

    Dann unsers alten Ruhms aus Mitleid achte,
Dann nenne dich und sag, wie du gefunden
Den Weg, der lebend dich zur Hölle brachte.

    Der, dem ich folg wie an den Fuß gebunden,
war höhern Ranges, als du ahnst, im Leben,
Läuft er auch nackt hier, haarlos und zerschunden.

    Wer wird Gualdradas Enkel nicht erheben,
Den Guidoguerra, der sooft uns Proben
von Geist und Schwert als wackerer Held gegeben?

    Den hinter mir du siehst im Flugsand toben,
Tegghiaio Aldobrandi ists, des Stimme
Gehör verdiente bei den Menschen droben.

    Ich, ächzend unter gleichen Kreuzes Grimme,
War Jakob Rusticucci, und zuschanden
Ward ich am meisten durch mein Weib, das schlimme.«

    Ich hätte, wär vorm Feuer Schutz vorhanden,
Zum Sprung in ihren Kreis mich rasch entschieden,
Und glaub, mein Lehrer hätt mirs zugestanden.

    Doch weil ich nicht verbrennen mocht und sieden,
Ließ Furcht den guten Willen mich verwinden,
Den ich, sie zu umarmen, schwer vermieden.

     »Verachtung nicht, nur Schmerz kann ich empfinden,«
Begann ich, »für euch martervoll Gequälte,
Und nie wird mir das Mitleid mit euch schwinden.

    Daß ich hier Männer träfe, auserwählte,
Das mußten schon die Worte offenbaren,
Mit denen mein Gebieter mirs erzählte.

    Ich bin aus eurer Stadt und hab seit Jahren
Von euch, die hell an Tat und Namen blinken,
Liebes gesprochen nur und auch erfahren.

    Den Wermut flieh ich, süßere Früchte winken,
wie mir des Führers Wahrwort profezeite;
Nur muß mein Pfad zum Weltenkern erst sinken.« –

    »Sowahr dein Geist noch lang beweg und leite
Den Körper, und noch fern in Erdenlanden,«
Sprach einer, »sich dein Nachruhm hell verbreite,

    Sprich, ist noch Mannheit, Edelsinn vorhanden
In unserer Stadt, wie einst in alten Tagen?
Ach! oder ist es wahr, daß beide schwanden?

    Denn Wilhelm Borsier, der mit uns zu klagen
Jüngst herkam und dort geht mit den Genossen,
Kränkt uns mit dem, was wir ihn hören sagen.« –

    »Weil Volk und Reichtum jäh ins Kraut geschossen,
Hat Stolz und Übermut dich fast vernichtet,
Florenz, daß du schon Tränen drob vergossen!«

    So rief ich laut, das Antlitz aufgerichtet.
Da sahen die drei, die wohl den Sinn ersehen,
Sich an wie einer, dem sich Wahrheit lichtet.

    »Kommt ein Bescheid dir teurer nie zu stehen,«
War aller Antwort, »bei so offenen Worten,
Heil dir! läßt du so dreist die Worte gehen.

    Drum, wenn entronnen du den dunklen Orten
Und heimkehrst, wo die schönen Sterne scheinen,
Und dichs beglückt, zu sagen: ›ich war dorten‹,

     Berichte droben dann von uns den Deinen.«
Drauf lösten sie sich aus des Rades Schlingen
Und flohen, auf Flügeln schien es, statt auf Beinen.

    Kein Amen kann so rasch im Mund verklingen,
Als in die Ferne diese drei entschwanden,
Daher gefiels dem Meister, daß wir gingen.

    Nachschritt ich ihm, und bald darauf befanden
Wir uns so nah des Wassers Donnerklange,
Daß kaum wir unser eigenes Wort verstanden.

    Wie jener Fluß im selbstgebahnten Gange
Als erster ostwärts hoch vom Viso droben
Herfließt am linken Apenninenhange,

    Und Acquacheta wird genannt dortoben,
Eh er talniederstürzt ins tiefe Bette,
Und bei Forlì des Namens wird enthoben,

    Dann braust ob Benedettos heiliger Stätte,
Stürzend vom Alpengrad zu einem Hange,
Der reichlich Raum für tausend Siedler hätte:

    So sahn wir stürzen hier in jähem Drange
Die trübe Flut durch steile Felsenklüfte,
Daß man taub würde bald beim Donnerklange. –

    Nun trug ich einen Strick um meine Hüfte,
Den bunten Panter in bedrängten Stunden
Zu fangen, der mich einmal schon verblüffte.

    Nachdem ich ihn mir gänzlich abgebunden,
Wie es der Führer mir als ratsam nannte,
Gab ich ihm den, zu einem Knaul gewunden,

    Worauf er sich zur rechten Seite wandte
Und in geringem Abstand nur vom weiten
Abgrund ihn in die Tiefe niedersandte.

    »Ei« sagt ich mir, »hier muß sich vorbereiten
Doch etwas Neues auf dies neue Zeichen,
Weil es des Meisters Augen so begleiten.«

     O wie ist Vorsicht nötig sondergleichen
Bei denen, die nicht nur die Tat gewahren,
Nein, mit dem Geist das Denken auch erreichen.

    «Er sprach zu mir: »Bald wird nach oben fahren,
Was meinem Warten, deinem Traum Genüge
Verschafft; bald wird es dir sich offenbaren.«

    Der Wahrheit, die das Antlitz trägt der Lüge,
Soll möglichst sich des Menschen Mund verschließen,
Weil er dadurch nur schuldlos Schande trüge;

    Doch hier zu schweigen, würde mich verdrießen.
Bei der Komödie Versen will ich schwören,
O Leser, soll sie Nachruhm je genießen:

    Ich sah etwas die dunkle Stickluft stören,
Sah schwimmend ein Gebild sich aufwärtsrecken,
Davor Beherzte selbst den Mut verlören.

    So taucht empor, wer tief im Meeresbecken
Den Acker löste, seis von einem Steine,
Sei es von anderm, was die Wogen decken,

    Der sich emporstreckt und nachzieht die Beine.

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