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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 15
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Vierzehnter Gesang

    Von Liebe angespornt zum Heimatsorte,
Eilt ich, die losen Blätter auszubreiten
Rings um den Stamm, dem heiser schon die Worte.

    Drauf gings zur Grenze, wo sich trennt vom zweiten
Der dritte Ring, ein Schreckenswerk zu schauen,
Wie die Gerechtigkeit nur kann bereiten.

    Getreu zu schildern dieses neue Grauen,
Sag ich, daß wir erreichten eine Heide,
Die keine Pflanze litt in ihren Auen.

    Sie kränzt der Schmerzenswald mit seinem Leide,
Wie dem der düstere Graben dient zum Strande.
Hier dicht am Saume machten halt wir beide.

    Dies Feld bestand aus knietief-trockenem Sande,
Daß es wohl ganz beschaffen wie die Strecken,
Die Catos Fuß betrat im Wüstenlande. –

    O göttliche Vergeltung! Wie erschrecken
Und fürchten müssen sich, die lesen werden,
Was meine Augen mußten hier entdecken.

    Von nackten Seelen sah ich ganze Herden,
Die jämmerlich erhoben Klagelieder;
Doch quälten jede andrer Art Beschwerden.

    Denn rücklings lag ein Volk am Boden nieder,
Ein andres hockte starr insich gekauert,
Ein drittes rannte ruhlos hin und wieder.

    Und solcher, deren Laufschritt endlos dauert,
Gabs mehr als jener, die in Qualen lagen;
Doch dafür hat sie größerer Schmerz durchschauert.

    Aufs Sandfeld sah ich sanften Regen schlagen
Von großen Feuerflocken, dichthinfegend
Gleich Alpenschneefall an windstillen Tagen.

     Wie Alexander in der glühenden Gegend
Von Indien auf sein Heer sah niederfahren
Brandflocken, noch am Boden feuerhegend,

    Drob er ihn vorsichtsvoll von seinen Scharen
Zerstampfen ließ, da leichter zu zerdrücken
Die Flammen noch solang sie einzeln waren:

    So fiel der ewige Brand hier, der voll Tücken
Den Sand erhitzt wie Zunder unterm Steine,
Daß Doppelschmerzen jeden Leib durchzücken.

    Der armen Hände Kreistanz freute keine
Erholung: ruhlos löschten sie vom Regen
Hier eine Flocke aus, dort wieder eine.

    »Meister,« sprach ich, »dem alles unterlegen
Bis auf die Teufel, deren trotziges Trachten
Am Eingangstor dir drohte so verwegen,

    Wer ist der Große, der nicht scheint zu achten
Der Glut und trotzig daliegt ohne Beben,
Alsob ihn nicht die Brände mürbemachten?«

    Da schrie er selbst schon, Antwort mir zu geben
Auf meine an Vergil gestellte Frage:
»Im Tod auch blieb ich der ich war im Leben!

    Ob Zeus mit Arbeit seinen Schmied auch plage,
Dem er entriß den schärfsten seiner Blitze,
Der zürnend mich durchbohrt am letzten Tage,

    Ob er in Mongibellos rußigem Sitze
Sie alle plage an den Feuerherden,
›Hilf, hilf, wackrer Vulkan!‹ schreiend in Hitze,

    Wie er bei Phlegra tat in Schlachtbeschwerden;
Und ob auf mich sein stärkster Blitz geschwungen –
Froh soll er niemals seiner Rache werden!«

    Da rief mein Führer mit so kräftigen Lungen,
Wie ich sie nie gehört mein Ohr zerreißen:
»O Kapaneus! daß nie dir ward bezwungen

     Dein Hochmut, muß als größter Schmerz dich beißen.
Denn keine Marter als dein eigenes Wüten
Kann deines Grimms gerechtere Strafe heißen!«

    Zu mir sich wendend sprach er mit Begüten:
»Von jenen sieben Königen war er einer,
Die Theben zu erobern heiß sich mühten.

    Er schmähte Gott und trotzt wohl heut noch seiner.
Doch wie ichs ihm gesagt, dient ihm zur Schande
Sein Übermut als Schmuck der Brust wie keiner.

    Nun folge mir, doch vorm erhitzten Sande
Behüte deine Füße, Vorsicht zeigend;
Ja, halte stets dich nah am Waldesrande.« –

    Wir schritten bis zu einem Bache schweigend,
Der blutrot aus dem Walde kam geschossen:
Dies Blut macht noch mein Haar zubergesteigend.

    Wie Bulicames Sprudel kommt geflossen,
Darin gebadet sich die Sünderinnen,
So hat sich der durchs Sandgefild ergossen.

    Sein Bett und jede Böschung waren innen
Aus Stein gleich der Umfassung an den Seiten,
Daß leicht mirs schien, hier Durchgang zu gewinnen.

    »Was ich dir alles wies in diesen Weiten,
Seit unsere Wandrung durch das Tor geschehen,
Des Schwelle keinem wehrt das Überschreiten,

    Es gab für deine Augen nichts zu sehen,
Dem mehr Verwundrung als dem Bach gebührte,
Weil alle Flämmchen über ihm vergehen.«

    So sprach er, der zu diesem Ort mich führte,
Drob ich nach jener Speise tat die Bitte,
Nach der er mir die Lust zum Speisen schürte.

    »Ein wüstes Eiland liegt in Meeresmitte,
Das Kreta heißt,« sprach er. »Dort hat gewaltet
Ein König, der auf Keuschheit hielt und Sitte.

     Dort ragt der Idaberg, der einst entfaltet
prächtigen Wald, den mancher Quell erquickte;
Heut ists dort wüst und einsam und veraltet.

    Die sichere Wiege für den Sohn erblickte
Dort Rhea, den Verfolger hintergehend,
Weil sie durch Lärm des Säuglings Schreien erstickte.

    Im Berge weilt ein Greis, groß, aufrechtstehend,
Damiette im Rücken. Seine Augen wenden
Nach Rom sich, wie in seinen Spiegel sehend.

    Sein Haupt ist reines Gold, die Arme enden
In Silbererz, draus auch die Brust geründet.
Aus Kupfer ist der Rumpf bis zu den Lenden,

    Von wo hinab sich hartes Eisen kündet.
Der rechte Fuß nur ist in Ton gehalten,
Drauf schier allein des Körpers Last sich gründet.

    Bis auf das Gold ist jeder Teil zerspalten
Durch einen Riß, draus niederträufeln Tränen,
Die allesamt die Grotte hier gestalten,

    Danach talniederziehen in feuchten Strähnen,
Als Acheron, Styx, Phlegethon sich zeigen,
Dann abwärtsgehn durch dieser Felskluft Gähnen

    Bis dort, wo keinem glückt ein Tiefersteigen:
Sie bilden den Kozyt, und welche Lache
Dies ist, erfährst du bald; drum kann ich schweigen.«

    Und ich zu ihm: »Wenn Ursprung diesem Bache
Die Oberwelt verleiht, so gieb mir Kunde,
Warum dies Ufer erst ihn sichtbar mache?« –

    »Du weißt: der Ort erstreckt sich in die Runde,«
Sprach er; »und mochtest du auch weit schon schweifen,
Absteigend immer linkerhand zum Grunde,

    Du konntest noch den Kreis nicht ganz durchstreifen.
Drum, gehst du neuen Wundern jetzt entgegen,
Darf Staunen doch dein Antlitz nicht ergreifen.« –

     »Sag mir,« sprach ich, »wo Phlegethon gelegen
Und Lethe? Die verschweigst du. Nur beschieden
Hast du mich: jenen bilde dieser Regen.« –

    »Mit deinen Fragen bin ich zwar zufrieden,«
Sprach er; »doch Antwort auf die letzten gaben
Dir jene Fluten schon, die blutrot sieden.

     Lethe wirst du, doch ferne diesem Graben,
Dort schauen, wo die Seelen gehen zum Bade,
Wenn reuig sie die Schuld gesühnet haben.«

    Dann sprach er: »Zeit ists nun, vom buschigen Pfade
Zu scheiden. Auf! laß hinter mir dich finden.
Zum brandgeschützten Weg dient das Gestade,

    Denn über ihm wird jeder Glutqualm schwinden.«

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