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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 100
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Zweiunddreißigster Gesang

    Und der Beschauliche, von seinen Wonnen
Entzückt, das Lehramt aufzunehmen eilte,
Und hat mit heiligen Worten so begonnen:

    »Die Wunde, die Maria schloß und heilte,
Verschärft hat sie die Schöne und geschlagen,
Der man zu Füßen ihr den Platz erteilte.

    Im Range, wo die dritten Sitze ragen,
Weilt unter dieser Rahel. Und daneben
Siehst du das Antlitz Beatricens tagen.

     Sara, Rebekka, Judith und das Leben
Der Ahnfrau jenes Sängers, der die Sünde
Bereuend ›Miserere‹ rief mit Beben,

    Kannst du erschaun, wenn gradweis durch die Gründe
Der Rose deine Blicke mit mir eilen,
Wie ich dir Blatt für Blatt die Namen künde.

    Und abwärts von der Ränge siebentem weilen,
Wie auch bis da hinauf, Hebräerfrauen,
Die alle Locken dieser Blume teilen.

    Denn jenachdem ihr Glaube einst im Schauen
Entbrannt für Christus, dürfen die Entbrannten
Sich rechts und links der heiligen Stufen stauen

    Als Mauer. Hier, wo sich zur Reife wandten
Schon alle Blüten, sitzen die Bewährten,
Die Christum als den Kommenden erkannten.

    Dort, wo im Halbkreis späteren Gefährten
Noch Raum blieb, sitzen die zu jenen zählten,
Die dem gekommenen Christus sich erklärten.

    Und wie der Ruhmesthron der Gottvermählten
Samt dem, was drunter sich an Sitzen breite,
Hier bis zum Kelchgrund scheidet die Erwählten,

    So teilt Johann der Große jene Seite,
Der, heilig stets, zwei Jahr litt Höllenschwüle,
Doch erst der Marter sich und Wüste weihte.

    Und unter ihm trennt so die heiligen Stühle
Franz, Benedikt, und Augustin im Bunde
Mit andern bis zum untersten Asyle.

    Nun sieh, wie Gott mit vorsichtshehrem Grunde
Hier abteilt die und jene Glaubensweise,
Daß sich gleichmäßig füllt des Gartens Runde.

    Und wisse auch, daß abwärts von dem Kreise,
Der quer durchschneidet die zwei Trennungsseiten,
Kein Sitz wird eigenem Verdienst zum Preise,

     Nein, fremdem nur, fest an Verbindlichkeiten.
Denn Geister sinds, die alle heimgegangen,
Eh sie zur wahren Wahl selbst konnten schreiten.

    Dies zeigen ihre Mienen schon und Wangen;
Die Kinderstimmchen auch, die ihnen eigen,
Wenn du sie hörst und schauest unbefangen.

    Nun zweifelst du, um zweifelnd stillzuschweigen.
Doch will ich dich befrein von der Erblindung,
Die lästig sich dem Grübelgeist will zeigen.

    In dieses Reiches schrankenloser Windung
Herrscht Zufall nicht, ob groß er ob geringer;
Auch Gram nicht, Hunger nicht, noch Durstempfindung.

    Denn ewiges Gesetz ist der Bedinger
Für alles was du siehst. Und wie mans wendet,
Entspricht der Ring auch immer hier dem Finger.

    Drum ist dies Volk, das vor der Zeit gesendet
Zum wahren Sein, nicht ohne Ursach grade
Mehr oder minder unter sich vollendet.

    Der König, der sein Reich mit solcher Gnade
Beglückt an Frieden, Liebe und Vergnügen,
Daß es ein Grenzstein jedem Sehnsuchtspfade,

    Er schafft nach seines heitern Anblicks Zügen
Die Geister und beschenkt sie nach Belieben
Mit seiner Huld. Die Tat muß dir genügen.

    Auch klar und unzweideutig hats geschrieben
Die Heilige Schrift von jenen Zwillingssöhnen,
Die schon im Mutterleib der Zorn getrieben.

    Denn jenachdem die Gnade will verschönen
Ein Haupt mit Blondhaar oder dem des Raben,
Wird sie das höchste Licht auch würdig krönen.

    Drum, ohne eigenen Tuns Verdienst zu haben,
Sind sie gestuft hier nach verschiedenen Seiten,
Verschieden nur nach ersten Sehkraftsgaben.

     Es ward für Kindlein in den frühesten Zeiten,
Nebst eigener Unschuld, nötig nur befunden
Der Eltern Glaube, sie zum Heil zu leiten.

    Dann ward, sobald die erste Zeit entschwunden,
An die Beschneidung – kräftiger zu gestalten
Der Unschuld Flug – das Seelenheil gebunden.

    Jedoch seitdem der Gnaden Zeiten walten,
Ward ohne die vollkommene Taufe Christi
Dort unten solche Unschuld festgehalten.

    Jetzt blicke nach dem Antlitz, das dem Christi
Am meisten gleicht. Denn Kraft allein kann bringen
Dir seine Reinheit für den Anblick Christi.«

    Da sah ich solchen Wonneregen dringen
Auf Sie, getragen von den heiligen Scharen,
Geschaffen, sich durch solche Höhe zu schwingen,

    Daß alles, was bisher ich schauend erfahren,
Mich so mit Staunen nie erfüllte wieder,
Noch solche Gottesahnung ließ gewahren.

    Und jene Liebe, die zuerst stieg nieder,
»Ave Maria, gratias plena!« singend,
Erschloß vor jener weitauf ihr Gefieder.

    Erwiderung gab, allseitig froh-erklingend,
Der selige Hof dem Gotteslied, mit Frieden
Und Freude jedes Antlitz hell durchdringend.

    »O heiliger Vater, der für mich gemieden,
So tief hier weilend, jene holde Stelle,
Die dir zum Sitz das ewige Los beschieden,

    Wer ist der Engel, der so jubelhelle
Hinschaut zu unserer Königin Angesichte,
So liebend, daß er gleicht der Feuerquelle?«

    So wandt ich wieder mich zum Unterrichte
Von dem, der sich verschönte an Marieen
Gleichwie der Morgenstern am Sonnenlichte.

     Und er: »Mut ist und Schönheit ihm verliehen,
Wie es nur Engeln mag und Seelen frommen.
Und so ists ihm, zur Freude gediehen;

    Weil er ja zu Marieen einst gekommen
Mit seinem Palmenzweig, als unsere Bürde
Auf seine Schulter Gottes Sohn genommen.

    Doch folge meinem Wort nun durch die Hürde
Mit deinem Blick; und sieh im frommen weisen
Gerechten Reich der hohen Patrizier Würde.

    Die zwei – die seligsten in diesen Kreisen,
weil sie zunächst der Kaiserlichgeweihten –
Sind als der Rose Wurzelpaar zu preisen.

    Sieh jenen Vater, der ihr links zur Seiten:
Weil er sich kühnen Kostens nicht enthalten,
Kostet die Menschheit soviel Bitterkeiten.

    Der heiligen Kirche Vater sieh, den alten,
Zur Rechten ihr, den Christus hier im Glanze
Der schönen Blume Schlüssel ließ verwalten.

    Und er, der noch vor seinem Tod die ganze
Passion der Braut, der holden, profezeite,
Die einst gefreit durch Nägel ward und Lanze,

    Sitzt bei ihm. Und dem andern ruht zur Seite
Der Führer, der das Volk gespeist mit Manna,
Das danklos-störrische, wankelmutbereite.

    Dem Petrus gegenüber siehst du Anna.
Verzückt blickt sie auf ihre Tochter nieder,
Daß sie, kein Auge wendend, singt Hosianna.

    Dem ältesten Stammhaupt sitzt genüber wieder
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du, dem Sturze nah, gesenkt die Lider.

    Doch laß uns schließen, weil dein Traum bald endet,
Und sehen dem Schneider gleich, was übrigbliebe
An Stoff, den er zu seinem Rock verwendet;

     Und laß den Blick uns auf die Erste Liebe
Hinrichten, daß du schauend in sie dringest,
Soweit ihr Glanz dir nicht die Kraft zerriebe.

    Doch wahrlich, daß du dich nicht rückwärtsbringest,
Glaubst flügelschlagend du emporzuschweben,
Ziemts, daß du Gnade durch Gebet erringest;

    Gnade von jener, die dir hilft im Streben.
Folgt deine Inbrunst mir mit gleichem Schritte,
Wird meinem Wort dein Herz Geleite geben.«

    Und so begann er diese heilige Bitte:

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