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Die Göttliche Komödie

Dante: Die Göttliche Komödie - Kapitel 81
Quellenangabe
typecomedy
titleDie Göttliche Komödie
authorDante Alighieri
translatorKarl Steckfuß (1778-1844)
publisherVolksverband der Bücherfreunde
year1925
senderf.buechel@arcor.de
created20030407
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Dreizehnter Gesang

  1. Wer wohl verstehn will, was ich nun gesehen,
    Bild’ itzt sich ein und lass im Geist das Bild,
    Indes ich spreche, fest, wie Felsen, stehen,
  2. Fünfzehen Sterne, die man am Gefild
    Des Himmels in verschiedner Gegend findet,
    So glanzvoll, daß ihr Licht durch Nebel quillt;
  3. Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,
    Und sein Gewölb’ bei Tag und Nacht durchreist,
    Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet;
  4. Bild’ ein sich, was der Mund des Hornes weist,
    Das anfängt an der Himmelsachse Grenzen,
    Um die das erste Rad nie rastend kreist;
  5. Die Sterne denk’ er sich in zweien Kränzen,
    Die, dem gleich, der sich zur Erinnrung flicht
    An Ariadnens Tod, am Himmel glänzen,
  6. Umringt den einen von des andern Licht,
    Und beid’ im Kreis gedreht in solcher Weise,
    Daß dem, der vorgeht, der, so folgt, entspricht;
  7. Dann glaub’ er, daß sich ihm ein Schatten weise
    Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht,
    Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt’ im Kreise.
  8. Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit,
    Als nur der Chiana träger Lauf dem Rollen
    Des fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit.
  9. Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,
    Nein, drei in einem – Gott und Mensch nur eins,
    Die Lieder waren’s, welche dort erschollen.
  10. Als Sang und Tanz des heiligen Vereins
    Vollbracht war, wandt’ er sich zu uns, von Streben
    Zu Streben, ewig froh des sel’gen Seins.
  11. Und jenes Licht hört’ ich die Stimm’ erheben
    Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher
    Erzählt des heil’gen Armen Wunderleben.
  12. Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer
    Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen
    Von süßer Liebe, dresch’ ich dir noch mehr.
  13. Du glaubst: Der Brust, aus der die Ripp’ entnommen
    Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach
    Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,
  14. Und jener, die, als sie der Speer durchstach,
    So nach wie vor so große G’nüge brachte,
    Daß sie die Macht jedweder Sünde brach,
  15. Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,
    Und des er fähig ist, voll eingehaucht
    Von jener Kraft, die jen’ und diese machte;
  16. Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht:
    Der fünfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde
    Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.
  17. Erschließ itzt wohl die Augen meiner Kunde;
    Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann
    Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.
  18. Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,
    Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,
    Die, liebreich zeugend, unser Heer ersann.
  19. Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen
    Dem ew’gen Lichtquell, ewig mit ihm eins,
    Und mit der Lieb’, als dritter, eins in ihnen,
  20. Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins
    Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,
    Im ewigen Verein des einen Seins.
  21. Von dort sich zu den letzten Kräften neigend,
    Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad,
    Zuletzt nur Dinge kurzer Dauer zeugend.
  22. Die Dinge, die mein Wort bezeichnet hat,
    Sind die Erschaffnen, welche die Bewegung
    Des Himmels zeugt, so mit wie ohne Saat.
  23. Ihr Wachs ist ungleich, und die Kraft der Prägung
    Und von des Urgedankens Glanz gewahrt
    Man drum hier schwächere, dort stärkre Regung;
  24. Daher denn auch von Bäumen gleicher Art
    Bald bessere, bald schlechtre Früchte kommen,
    Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward –
  25. War’ irgendwo das Wachs rein und vollkommen,
    Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft,
    Rein würde das Gepräg’ dann wahrgenommen.
  26. Doch die Natur gibt’s immer mangelhaft
    Und wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauen
    Der Übung kann, doch dessen Hand erschlafft.
  27. Drum, bildet heiße Lieb’ und klares Schauen
    Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß,
    Vollkommenes erschaffen und erbauen.
  28. So ward gewürdiget der Erdenkloß,
    Die tierische Vollkommenheit zu zeigen,
    Und so geschwängert ward der Jungfrau Schoß.
  29. Darum ist deine Meinung mir auch eigen:
    Daß menschliche Natur in jenen zwei’n
    Am höchsten stieg und nie wird höher steigen.
  30. Hielt’ ich mit meinen Lehren jetzo ein,
    So würdest du die Frage nicht verschieben:
    Wie könnt’ ein dritter ohnegleichen sein?
  31. Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben,
    So denke, wer er war, und was zum FIeh’n,
    Als ihm gesagt ward: "Bitt’!" ihn angetrieben.
  32. Aus meiner Rede konntest du ersehn:
    Als König fleht’ er um Verstand, beflissen,
    Damit dem Reiche g’nügend vorzustehn,
  33. Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,
    Nicht, ob Notwend’ges und Zufälligkeit
    Notwendiges als Schluß ergeben müssen;
  34. Nicht, was zuerst bewegt, Bewegung leiht;
    Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise
    Noch anderen, als rechten Winkel, beut –
  35. Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.
    Du siehst: eine Seher sondergleichen war
    Durch Königsklugheit jener hohe Weise,
  36. Auch ist mein Wort: dem nie ein zweiter, klar;
    Von Kön’gen sprach ich nur an jenem Orte,
    Die selten gute sind, ob viele zwar.
  37. Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,.
    Daß nicht im Streit damit dein Glaube sei
    Vom ersten Vater und von unserm Horte.
  38. Und dieses leg’ an deine Füße Blei
    Und mache schwer dich, gleich dem Müden, gehen
    Zum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei,
  39. Weil die selbst unter Toren niedrig stehen,
    Die sich zum Ja und Nein, ohn’ Unterschied,
    Gar schnell entschließen, eh’ sie deutlich sehen;
  40. Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,
    Zum Irrtum neigt, und dann im Drang des Lebens
    Die Leidenschaft das Urteil mit sich zieht –
  41. Wer nach der Wahrheit fischt und, irren Strebens,
    Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht,
    Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens,
  42. Wie ihr dies an Melissus deutlich seht
    Und an Parmenides und andern vielen,
    Die gingen, eh’ sie nach dem Ziel gespäht;
  43. Drob Arius und SabeII in Torheit fielen.
    Gleich Schwertern waren sie dem heil’gen Wort
    Und machten die geraden Blicke schielen.
  44. Nicht reiß’ euch Wahn zum schnellen Urteil fort,
    Gleich denen, die das Korn zu schätzen wagen,
    Das eh’ es reift, vielleicht im Feld verdorrt.
  45. Denn öfters sah ich erst in Wintertagen
    Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn.
    Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen.
  46. Und manches Schiff hab’ ich im Meer gesehn,
    Gerad’ und flink auf allen seinen Wegen,
    Und doch zuletzt am Hafen untergehn.
  47. Nicht glauben möge Hinz und Kunz deswegen,
    Weil dieser stiehlt und der als frommer Mann
    Der Kirche schenkt, mit Gott schon Rat zu pflegen.
  48. Da der erstehn und jener fallen kann.
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