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Die Göttliche Komödie

Dante: Die Göttliche Komödie - Kapitel 67
Quellenangabe
typecomedy
titleDie Göttliche Komödie
authorDante Alighieri
translatorKarl Steckfuß (1778-1844)
publisherVolksverband der Bücherfreunde
year1925
senderf.buechel@arcor.de
created20030407
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Zweiunddreißigster Gesang

  1. Den zehenjähr’gen Durst zu löschen, hingen
    An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
    Daß mir die andern Sinne ganz vergingen.
  2. Seitwärts baut’ eine Mauer dort und hier
    Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten,
    Zog mich ihr heil’ges Lächeln hin zu ihr.
  3. Da wandten mir die himmlischen Gestalten
    Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
    Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten!
  4. Nun stand ich dort wie einer, den das Licht
    Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
    Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht.’
  5. Doch als das wen’ge sie mir neu gespendet –
    Nach jenem vielen wenig und gering,
    Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet –
  6. Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
    Sich rechts zu kehren an, indem’s den Lichten,
    Den sieben, nach, der Sonn’ entgegenging.
  7. Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten,
    Sie unterm Schild sich mit der Fahne dreh’n,
    Eh’ sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten,
  8. So war die Schar des Himmelreichs zu sehn,
    Und eh’ sich um des Wagens Deichsel legte,
    Sah man den Zug vor’ und vorübergehn.
  9. Die sieben Frauen rechts und links, bewegte
    Der Greif die heil’ge Last mit stiller Macht,
    So daß an ihm sich keine Feder regte.
  10. Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht,
    Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
    Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht.
  11. So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
    Öd’, weil der Schlang’ einst Eva Glauben gab,
    Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte.
  12. Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
    Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
    Und Beatrice stieg vom Wagen ab.
  13. "Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen,
    Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,
    Umringt’ im Kreise nun die Schar der Frommen.
  14. Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr
    Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern
    Durch seine Höhe zum Erstaunen war’.
  15. "Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern
    Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar
    Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern."
  16. So rief rings um den starken Baum die Schar.
    Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
    "So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr."
  17. Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
    Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum,
    Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.
  18. Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum
    Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen,
    Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum,
  19. Sich üppig bläh’n zu neuen jungen Sprossen,
    Jede gefärbt nach der Natur Gebot, .
    Eh’ Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;
  20. So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot
    Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
    Die erst verwaist erschien und kahl und tot.
  21. Und wie sie nun erblüht’ im neuen Glanze,
    Ertönt’ ein nie gehörter Lobgesang,
    Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze.
  22. Könnt’ ich euch malen, wie mit süßem Klang
    Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher,
    Den unbarmherz’gen, zum Entschlummern zwang,
  23. So zeigt’ ich, wie nach einem Urbild, eher,
    Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht,
    Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher.
  24. Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht,
    Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier,
    Und eine Stimme rief: Steh auf, hab’ acht!
  25. Wie zu der Blut’ des Baums, des Apfel teuer
    Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann,
    Der Speise gibt zur ew’gen Hochzeitsfeier,
  26. Geführt, Jakobus, Petrus und Johann
    Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
    Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,
  27. Und nun vermindert ihre Schule fanden.
    Denn Moses und Elias waren fort,
    Und ihren Herrn in anderen Gewanden;
  28. So ich – und über mich gebogen dort
    Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,
    Die mich geführt entlang des Flusses Bord.
  29. "Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten
    Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach
    Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten.
  30. Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach
    Entfloh’n empor die anderen, mit Sange,
    Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach.
  31. Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
    Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand
    Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.
  32. Sie saß allein auf jenem reinen Land,
    Wie’s schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
    Den an den Baum der Zweigestalt’ge band.
  33. Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
    Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
    Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen.
  34. "Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist
    Und wirst mit mir als ew’ger Bürger bleiben
    In jenem Rom, wo Christus Römer ist.
  35. Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben
    Schau’ auf den Wagen, um, was du gesehn,
    Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben."
  36. Beatrix sprach’s – wie könnt’ ich widerstehn?
    Ganz so, wie’s der Gebieterin gefallen,
    Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn.
  37. Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen.
    Aus dichter Wölk’, ein flammendes Geschoß,
    Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen,
  38. Als auf den Baum Zeus’ Vogel niederschoß,
    Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern,
    Die Rind’ auch brechend, die sein Mark umschloß.
  39. Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
    Der bei dem Stoße rechts und links sich bog,
    Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.
  40. Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,
    Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen,
    Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog.
  41. Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen,
    Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
    Als laufen konnten seine magern Knochen.
  42. Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,
    Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,
    Und ließ ihm viel von seinen Federn dort.
  43. Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
    Klang aus dem Himmel eine Stimm’ und sprach:
    "Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!"
  44. Und unten, zwischen beiden Rädern, brach
    Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,
    Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach.
  45. Dann zog er ihn zurück, wie’s Wespen machen,
    Nahm einen Teil des Bodens mit und schien,
    Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.
  46. Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
    Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
    Wie üppig Land mit Gras, sich überzieh’n.
  47. Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
    Und voll die Deichsel und das Räderpaar,
    Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet.
  48. Und Häupter trieb, als er verwandelt war,
    Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
    Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,
  49. Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,
    Die ersten vier mit einem Horn versehn;
    So glich er nie geschautem Wundertiere.
  50. Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,
    Saß eine zügellose Hure drinnen
    Und ließ umher die flinken Augen späh’n.
  51. Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen,
    Stand ihr zur Seit’ ein Ries’, und diese zwei
    Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen.
  52. Allein, weil sie die Augen gierig frei
    Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier
    Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei.
  53. Drauf löst’ er ab vom Baum das Ungeheuer,
    Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg,
    Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier
  54. Die Hure samt dem Wundertier verbarg.
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