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Die Göttliche Komödie

Dante: Die Göttliche Komödie - Kapitel 51
Quellenangabe
typecomedy
titleDie Göttliche Komödie
authorDante Alighieri
translatorKarl Steckfuß (1778-1844)
publisherVolksverband der Bücherfreunde
year1925
senderf.buechel@arcor.de
created20030407
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Sechzehnter Gesang

  1. Das Schwarz der Höll’ und einer Nacht, durchfunkelt
    Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein,
    Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt,
  2. Nie schloß es mich in grobem Schleier ein,
    Als jener Rauch, der dorten uns umflossen;
    Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein.
  3. Nicht könnt’ ich steh’n, die Augen unverschlossen,
    Drum nahte sich, und seine Schulter bot
    Mein Führer mir treu, weis’ und unverdrossen.
  4. So wie der Blinde gern in seiner Not
    Dem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen
    An was Gefahr bring’ und vielleicht den Tod,
  5. So folgt’ ich ihm, ohn’ etwas zu erkennen,
    Durch widrig bittern Qualm und horcht’ auf ihn,
    Der sprach: "Gib Achtung, daß wir uns nicht trennen."
  6. Ich hörte Stimmen dort, und jede schien
    Um Gnad’ und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen,
    Ob des der Herr die Sünden uns verzieh’n.
  7. Agnus Dei hört’ ich den Anfang tönen,
    Wobei sich aller Wort und Weise glich,
    Und voller Einklang herrscht’ in ihren Tönen.
  8. "Dies sind wohl Geister, Herr!" so wandt’ ich mich
    An ihn, und er: "Es ist, wie du entscheidest;
    Sie lösen von der Zornwut Schlingen sich."
  9. "Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,
    Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt,
    Daß du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?"
  10. Die Rede ward von einem angestimmt,
    Drum sprach mein Meister: "Stille sein Begehren
    Und frag’ ihn, ob man hier nach oben klimmt."
  11. "Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren,
    Sich reiniget und schön wird wie zuvor,
    Begleite mich, dann sollst du Wunder hören!"
  12. So ich, und er: "Ich schreite mit dir vor,
    So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden,
    Führ’ uns im Rauch an Auges Statt das Ohr."
  13. Drauf ich: "Obschon die Hüllen mich umkleiden,
    Die nur der Tod löst, schreit’ ich doch hinauf
    Und drang bis hierher durch der Hölle Leiden.
  14. Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,
    Daß ich vermag zu ihm emporzustreben,
    Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf,
  15. So sage mir, wer warst du einst im Leben,
    Und ob ich hier die rechte Straße hielt,
    Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben." –
  16. "Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt,
    Ich konnt’ es wohl und strebte nach dem Preise,
    Nach welchem jetzt auf Erden keiner zielt.
  17. G’rad’ vor dir ist der Weg zum höhern Kreise."
    Er sprach’s: "Noch bitt’ ich dich," So fügt’ er bei,
    "Fürbittend denke mein am Ziel der Reise."
  18. Und ich zu ihm: "Bei meiner Treu, es sei!
    Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde,
    An dem ich berste, sag’ ich ihn nicht frei.
  19. Er war einst einfach; doppelt jetzt empfinde
    Ich ihn in mir, nach dem, was du gesagt,
    Sobald ich mit dem Dort das Hier verbinde.
  20. Wahr ist’s, die Welt, so wie du mir geklagt,
    Ist öd an jeder Tugend, jeder Ehre,
    Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt.
  21. Doch daß ich sie erkenn’ und ändern lehre,
    So bitt’ ich, deute jetzt die Ursach’ mir.
    Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphäre."
  22. Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hier
    Laut seiner Brust, und dann begann er: "Wisse,
    Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr.
  23. Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse
    Der Himmel selber Schuld an allem sein,
    Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.
  24. Wär’s also, sprich, wo wäre nur ein Schein
    Von freiem Willen? Wie entspräch’s dem Rechte,
    Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein?
  25. Die Triebe pflanzen ein des Himmels Mächte,
    Nicht sag’ ich all; allein auch dies gesetzt,
    Ward euch Erkenntnis auch fürs Gut’ und Schlechte,
  26. Und freier Will’ – und, wenn er, auch verletzt
    Und müde, standhaft mit dem Himmel streitet,
    So siegt er, wohlgenährt, doch stets zuletzt.
  27. Die Urkraft, welche sich durchs All verbreitet,
    Beherrscht die Freien und erschafft den Geist,
    Den nicht der Himmel mehr als Vormund leitet.
  28. Drum, wenn die Gegenwart euch mit sich reißt,
    In euch nur liegt der Grund, liegt in euch allen,
    Wie, was ich sage, deutlich dir beweist.
  29. Es kommt aus dessen Hand, des Wohlgefallen
    Ihr lächelt, eh’ sie ist, gleich einem Kind,
    Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen,
  30. Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt,
    Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
    Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind.
  31. Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen
    Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält,
    Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen.
  32. Gesetz, als Zaum, ist nötig drum der Welt,
    Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
    Im Auge mindestens den Turm behält.
  33. Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?
    Kein Mensch! Denn seht, ein Hirt, der wiederkaut,
    Doch nicht gespaltne Klau’n hat, führt die Scharen;
  34. Daher die Herde, die dem Führer traut,
    Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert,
    Nur dies verzehrt und nicht nach Höherm schaut.
  35. Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert,
    Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt,
    Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert.
  36. Rom hatte, da’s zum Glück die Welt bekehrt,
    Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt’ eine,
    Die andere den Weg zu Gott verklärt.
  37. Verlöscht ward eine von der andern Scheine,
    Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand
    Gefaßt im übel passenden Vereine.
  38. Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband,
    Sich Hirtenstab und Schwert – du kannst’s begreifen,
    Denn an den Früchten wird der Baum erkannt.
  39. Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen
    Eh’ man dem Kaiser Widerstand getan,
    Stets edle Sitt’ und Kraft und Tugend reifen.
  40. Jetzt finden, die den Guten sich zu nah’n
    Und sie zu sprechen, sich errötend scheuen,
    In jenem Land vollkommen sichre Bahn.
  41. Die alten Zeiten schelten dort die neuen
    Noch durch drei Greise von der echten Art,
    Die sich des nahen Todes harrend freuen.
  42. Konrad Pallazzo ist es, und Gherard
    Und Guid Castel, der besser heißen würde
    Nach fränk’scher Art: der ehrliche Lombard.
  43. Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde,
    Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt,
    In Kot, besudelnd sich und ihre Bürde" –
  44. "Mein Marco," sprach ich, "klares Licht empfängt
    Durch deine Rede jetzt mein Geist – ich sehe,
    Was aus der Erbschaft Levis Stamm verdrängt.
  45. Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe
    Als Trümmer noch versunkner guter Zeit,
    So, daß er dieser Zeit Verderbnis schmähe? –
  46. "Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?"
    So er: "Du, Tuscisch sprechend, tust dergleichen,
    Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit?
  47. Den Namen kenn’ ich, sonst kein andres Zeichen,
    Wenn man’s von seiner Gaja nicht entnimmt,
    Gott sei mit dir, hier muß ich von euch weichen.
  48. Sieh, wie in weißem Glanz der Rauch entglimmt.
    Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten;
    Ich scheid’, eh’ er mich wahr hier sprechend nimmt."
  49. Er sprach’s und horchte nicht mehr meinen Worten.
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