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Die Göttliche Komödie

Dante: Die Göttliche Komödie - Kapitel 32
Quellenangabe
typecomedy
titleDie Göttliche Komödie
authorDante Alighieri
translatorKarl Steckfuß (1778-1844)
publisherVolksverband der Bücherfreunde
year1925
senderf.buechel@arcor.de
created20030407
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Einunddreißigster Gesang

  1. Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte
    Und beide Wangen überzog mit Rot,
    War’s, die mich dann mit Arzeneien letzte.
  2. So, hör’ ich, hat der Speer Achills gedroht,
    Und seines Vaters, der mit einem Zücken
    Verletzt’ und mit dem andern Hilfe bot.
  3. Wir kehrten nun dem Jammertal den Rücken,
    Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
    Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken.
  4. Dort war’s nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag,
    Daher die Blicke wenig vorwärts gingen;
    Doch tönt’ ein Horn – der stärkste Donner mag
  5. Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen –
    Drum sucht’ ich nur, entgegen dem Gebraus,
    Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen.
  6. Nicht tönte nach dem unglücksel’gen Strauß,
    Der Karls des Großen heil’gen Plan vernichtet,
    Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.
  7. Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
    Glaubt’ ich, viel hohe Türme zu ersehn,
    Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?"
  8. Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu späh’n
    Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen,
    Mußt du dich selber öfters hintergehn.
  9. Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen
    Aus der Entfernung das Geschaute schwoll,
    Drum schreite vorwärts, ohne lang zu säumen."
  10. Dann faßt’ er bei der Hand mich liebevoll
    Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen,
    Weil’s nah dann minder seltsam scheinen soll.
  11. Ob’s Türme wären, wolltest du mich fragen?
    Nein, Riesen sind’s, die rings am Brunnenrand
    Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen."
  12. Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land
    In Dunst gehüllt, allmählich unsre Blicke
    Das klar erkennen, was er erst umwand;
  13. So, bohrend durch die Luft, die trübe, dicke,
    Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund,
    Scheucht’ ich den Wahn, doch kam die Furcht zurücke
  14. Wie um Montereggiones Zinnenrund
    Rings eine Krone hohe Türme machen,
    So türmten sich, mit halbem Leib im Grund,
  15. Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen
    Giganten, Kämpfer jenes großen Streits,
    Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen.
  16. Von einem sah ich das Gesicht bereits
    Und Schultern, Brust und großen Teil vom Bauche,
    Herabgestreckt die Arme beiderseits.
  17. Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
    Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht,
    Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.
  18. Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht
    Der Elefanten noch, doch sicher findet, .
    Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht,
  19. Weil, wenn die Überlegung sich verbindet
    Mit bösem Willen und mit großer Macht,
    Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.
  20. Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
    Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen,
    Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht.
  21. Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
    Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt
    Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen,
  22. Wo seine Stirn das borst’ge Haar umwallt,
    Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen,
    Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.
  23. Raphegi mai amech itzabi Almen!
    So tönt’ es aus den dicken Lippen vor,
    Für die sich nicht geziemten sanftre Psalmen.
  24. Mein Führer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor,
    Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
    So sprudl’ ihn flugs durch seinen Bauch hervor.
  25. Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
    Verwirrter Geist, der’s angebunden hält.
    Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!"
  26. Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held;
    Der Nimrod ist’s, durch dessen toll Vergehen
    Man nicht mehr eine Sprach’ übt in der Welt.
  27. Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
    Kein Mensch versteht von seiner Sprach’ ein Wort,
    Und er kann keines andern Wort verstehen."
  28. Wir gingen nun zur Linken weiter fort,
    Und fanden schon in Bogenschusses Weite
    Den zweiten größern, wilden Riesen dort.
  29. Nicht weiß ich, wem’s gelang, daß er im Streite
    Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien
    Sein linker Arm und hinter ihm der zweite;
  30. Denn eine Kett’ umwand vom Nacken ihn,
    Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
    Nach unten hin fünf Male zu umzieh’n.
  31. Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte
    Sein kühner Stolz des großen Kampfes Los.
    Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.
  32. Ephialtes ist’s. Sein Tun war kühn und groß
    Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken;
    Nun ist sein droh’nder Arm bewegungslos."
  33. Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken,
    Den Briareus, wenn dies geschehen kann,
    Möcht’ ich wohl gern in diesem Tal entdecken."
  34. Mein Führer drauf: "Du siehst hier nebenan
    Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden
    Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann.
  35. Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
    Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau’n,
    Allein wie er mit Ketten fest umwunden."
  36. Hier schüttelt’ Ephialtes sich, und traun!
    Kein Erdenstoß, von dem die Türme schwanken,
    War heftiger, erregte tiefres Grau’n.
  37. Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,
    Und sah ich nicht, wie ihn die Kett’ umschloß,
    So genügten, mich zu töten, die Gedanken.
  38. Wir gingen weiter, ich und mein Genoß,
    Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen,
    Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß.
  39. "Der du im Tal, das ew’gen Ruhm gewonnen,
    Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind,
    Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen,
  40. Einst tausend Löwen fingst, wenn du, vereint
    Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen
    Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint,
  41. Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.
    Jetzt setz’ uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
    Die starre Kälte den Kozyt bezwungen.
  42. Zu Tiphöus oder Tityus schick’ uns nicht.
    Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
    Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht.
  43. Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
    Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
    Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben."
  44. Er sprach’s, und jener, schnell zum Griff bereit,
    Streckt’ aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
    Die Hand, die Herkul fühlt’ im großen Streit.
  45. Virgil, kaum konnt’ er sich gepackt gewahren,
    Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!"
    Drauf macht’ er’s, daß wir zwei ein Bündel waren.
  46. Wie Carisenda, unterm Hang erblickt,
    Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
    Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt,
  47. So schien Antäus jetzt sich zu bewegen,
    Als er sich niederbog, und großen Hang
    Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen.
  48. Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang
    Und Judas, setzt’ er nieder unsre Last,
    Und, so geneigt, verweilt’ er dort nicht lang
  49. Und schnellt’ empor, als wie im Schiff der Mast.
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