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Die Göttliche Komödie

Dante: Die Göttliche Komödie - Kapitel 30
Quellenangabe
typecomedy
titleDie Göttliche Komödie
authorDante Alighieri
translatorKarl Steckfuß (1778-1844)
publisherVolksverband der Bücherfreunde
year1925
senderf.buechel@arcor.de
created20030407
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Neunundzwanzigster Gesang

  1. Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
    Sie hatten so die Augen mir berauscht,
    Daß sie vom Schau’n mir ganz voll Zähren stunden.
  2. Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht
    Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen,
    Wo’s Greuelbild um Greuelbild vertauscht?
  3. Nicht also tatst du in den andern Schlünden.
    An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal,
    Drum kannst du hier nicht jegliches ergründen.
  4. Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,
    Und wenig dürfen wir uns nur verweilen,
    Denn noch zu sehn ist viel und große Qual."
  5. Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen,
    Welch einen Grund ich hatt’, hinabzuspäh’n,
    So würdest du wohl minder mich beeilen."
  6. Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn
    Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde
    Und sprach: "Wohl hab’ ich scharf hinabgesehn,
  7. Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
    Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
    Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde."
  8. Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir
    Noch länger Sorg’ um diesen Anverwandten;
    An andres denk’, er aber bleibe hier.
  9. Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten
    Dich zeigen und dir mit dem Finger droh’n
    Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten.
  10. Doch du bemerktest eben nichts davon,
    Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
    Als dieser ging, war jener schon entfloh’n."
  11. "Weil Rach’ und Schwert des Feindes ihn ereilten",
    Sprach ich, "und keiner seinen Tod gerächt,
    Von allen denen, so die Kränkung teilten,
  12. Zürnt’ er auf mich und zürnt’ auf sein Geschlecht
    Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
    Und darin, glaub’ ich, hat der Arme recht."
  13. Nun folgt’ ich hin zum FeIsen meinem Leiter,
    Von wo man überblickt den nächsten Schlund,
    Wär’ irgend nur von Licht die Tiefe heiter.
  14. Von seiner Höh’ ward unserm Auge kund
    Der letzte Klosterbann von Übelsäcken,
    Und viel Bekehrte waren tief im Grund.
  15. Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,
    Gespitzt durch Mitleid, Jammertön’ heraus
    Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken.
  16. Wär’ aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
    Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen,
    Und Valdichianas und Sardiniens Graus
  17. Und Seuch’ und Pest in einem Schlund beisammen,
    Nicht ärger wär’s als hier, wo fauler Duft
    Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen.
  18. Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
    Vom langen Felsen niederwärts zur Linken,
    Und deutlicher erschien der Schoß der Gruft.
  19. In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken
    Die nimmer irrende Gerechtigkeit
    Zur wohlverdienten Quäl die Fälscher sinken.
  20. Nicht in Ägina ist vor alter Zeit
    Des Volkes Anblick trauriger gewesen,
    Das krank darniedersank, dem Tod geweiht,
  21. Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen,
    Durch tückisch böse Luft, worauf im Land,
    Wie wir für sicher in den Dichtern lesen,
  22. Ein neues Volk aus Ämsenbrut entstand;
    Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend
    Das Geistervolk in manchem Haufen wand.
  23. Die einen auf der andern Rücken liegend,
    Die auf dem Bauch, und die von einem Ort
    Zum andern hin auf allen vieren kriechend.
  24. Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
    Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen
    Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort.
  25. Sich gegenseitig stützend, saßen zween,
    Wie in der Küche Pfann’ an Pfanne lehnt,
    Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen.
  26. Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
    Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben,
    Die Striegel eiligst führt und öfters gähnt;
  27. So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben
    Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
    So gut es ging, ihr wütend Jucken laben.
  28. Und schnell war unter ihren Klau’n der Grind
    Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
    Die unterm Messer schneller Köche sind.
  29. "Du, vor des Fingern Schien’ und Masche sprangen,"
    Begann Virgil zu einem von den zwei’n,
    "Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen,
  30. Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein
    Und mögen dich zu kratzen und zu krauen,
    Dafür dir ewig scharf die Nägel sein."
  31. "Lateiner kannst du in uns beiden schauen,"
    Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt,
    "Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen."
  32. Mein Führer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt
    Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen;
    Die Höll’ zeig’ ich diesem, der da lebt."
  33. Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen,
    Und jeder, dem’s der Rückhall kundgetan,
    War zitternd nur mich anzuschau’n beflissen.
  34. Dicht drängte sich an mich mein Meister an
    Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!"
    Und ich, da er es so gewollt, begann:
  35. "Soll dein Gedächtnis noch in späten Tagen
    Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
    Erhalten sein, so magst du jetzo sagen,
  36. Wie du dich nennst und deine Heimat heißt?
    Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen,
    Daß du in deinen Reden offen seist."
  37. "Mich zeugt’ Arezzo, und den Tod in Flammen
    Verschafft’ einst Albero von Siena mir,
    Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen.
  38. Wahr ist’s, ich sagt’ im Scherz: ins Luftrevier
    Verstünd’ ich mich im Fluge hinzuschwingen.
    Er, klein an Witz und groß an Neubegier,
  39. Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen,
    Und nur weil er durch mich kein Dädal ward,
    Befahl sein Vater dann, mich umzubringen.
  40. Doch Minos, dem sich alles offenbart,
    Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben,
    Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt."
  41. Zum Dichter sagt’ ich: "Sprich, ob man im Leben
    So eitles Volk wie die Sanesen fand?
    Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben."
  42. Der andre Grind’ge, welcher mich verstand,
    Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
    Der all sein Gut so klüglich angewandt;
  43. Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
    Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt,
    Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben;
  44. Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt,
    In dem Caccia d’Ascian samt seinem Witze,
    Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt.
  45. Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze
    Den Blick auf mich und stelle dich dahin,
    Gerade gegenüber meinem Sitze;
  46. Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin.
    Metall verfälscht’ ich, daß ich Gold erschaffe,
    Und, sah ich recht, so ist dir’s noch im Sinn,
  47. Ich war von der Natur ein guter Affe".
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