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Die Göttliche Komödie

Dante: Die Göttliche Komödie - Kapitel 25
Quellenangabe
typecomedy
titleDie Göttliche Komödie
authorDante Alighieri
translatorKarl Steckfuß (1778-1844)
publisherVolksverband der Bücherfreunde
year1925
senderf.buechel@arcor.de
created20030407
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Vierundzwanzigster Gesang

  1. In jenem Teil vom jugendlichen Jahre,
    Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild
    Im Wassermann erglänzen Phöbus’ Haare,
  2. Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild
    Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften
    Vom Bruder Schnee ein schnellverwischtes Bild.
  3. Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften
    Gar nötig braucht, aufsteht und jeden Ort
    Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften
  4. Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort
    Und weiß nicht, was zu tun vor großem Leide –
    Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort.
  5. Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;
    Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
    Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide.
  6. So staunt’ ich, daß mein Meister zornig sei,
    Daß ungewohnter Mißmut ihn bedrücke;
    So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei.
  7. Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke,
    Kehrt’ ihm die Huld, mit der er zu mir trat
    Am Fuß des Bergs, aufs Angesicht zurücke.
  8. Die Arme breitet’ er, nachdem er Rat
    Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend,
    Und dann erfaßt’ er mich mit rascher Tat.
  9. Und wie ein Mann, der wohl auf alles achtend.
    Im voraus scharf erwägt, was er vermag,
    Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend,
  10. Daß nahe dort ein andrer Zacken lag,
    Und sprach: "Anklammre dich, doch wahrgenommen
    Sei durch Versuch erst, ob’s dich tragen mag.
  11. Kein Kuttenträger war’ hinaufgekommen.
    Da wir, ich fortgeschoben, er so Ieicht,
    Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen.
  12. Auch hätt’ ich nimmermehr, und er vielleicht,
    Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
    Das Ufer war, des Dammes Höh’ erreicht.
  13. Doch weil sich Übelsäcken nach dem Munde
    Des tiefen Brunnens hin allmählich neigt,
    So liegt’s von selbst im Bau von jedem Runde,
  14. Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt.
    Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
    Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt-
  15. Mir glühte Wang’ und Blut in solcher Hitze,
    Daß ich. sobald ich mich hinaufgerafft,
    Mich keuchend niederließ auf einem Sitze.
  16. Mein Meister sprach: "Jetzt ziemt dir frische Kraft;
    Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
    Der unter Flaum auf weichem Pfühl erschlafft.
  17. Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen,
    Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt,
    Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen.
  18. Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhält,
    Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
    Wenn er nicht wie der schwere Leib verfällt.
  19. Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen;
    Nicht g’nügt’s, von hier gerettet fortzuzieh’n,
    Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!" –
  20. Da stand ich auf; mehr, als ich’s fühlte, schien
    Mein Odem frei, die Brust der Bürd’ enthoben,
    Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kühn!
  21. Wir gingen fort – der Fels war rauh, verschoben,
    Von Höckern voll und schwierig zu begehn,
    Bei weitem steiler auch, als weiter oben.
  22. Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,
    Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen,
    Verworren, wild und schwierig zu verstehn.
  23. Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,
    Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand,
    Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen.
  24. Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,
    Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
    Drum sprach ich: "Meister, komm zum nächsten Strand
  25. Und führe mich hinab von dieser Mauer.
    Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht,
    Und, sehend, unterscheid’ ich nichts genauer."
  26. "Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht,
    "Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen
    Zu tun, was der verständ gen Bitt’ entspricht."
  27. Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen,
    Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,
    Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen.
  28. Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut, -
    Und denk’ ich heut der ekeln, mannigfachen
    Scheusale noch, so starrt vor Grau’n mein Blut.
  29. Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen,
    Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
    Und Vipernbrut und gift’ge Wasserdrachen.
  30. Wie solche Pest nicht Äthiopien trägt,
    So tönt am ganzen Strand kein solch Gezische,
    An den die Flut des Roten Meeres schlägt.
  31. Und unter diesem greulichen Gemische
    Lief eine nackte, schreckensvolle Schar,
    Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische.
  32. Am Rücken band die Hand’ ein Schlangenpaar,
    Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
    Und vorn zu einem Knäu’I verschlungen war.
  33. Da stürzt’ auf einen, den ich dort entdeckte,
    Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach
    Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.
  34. Und eh’ man Amen sagt und Oh und Ach,
    Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen,
    Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.
  35. Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen,
    So fügte sich, gesammelt, alsobald
    Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.
  36. So stirbt der Phönix, fünf Jahrhundert’ alt,
    (Die großen Weisen sagen’s) sich bekleidend
    Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt,
  37. Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,
    Von Weihrauchtränen und Amomen nur,
    In einer Hüll’ aus Nard’ und Myrrhe scheidend.
  38. Und gleich wie der, der ohne Lebensspur
    Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
    Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr.
  39. Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,
    Und um sich schauend stöhnt, verwirrt,
    Von großer Todesangst, die er empfunden;
  40. So war der aufgestandne Sünder jetzt. –
    Oh möge keiner Gottes Rach’ entzünden,
    Der solche Streich’ in deinem Zorn versetzt!
  41. Gebeten, seinen Namen zu verkünden,
    Entgegnet’ er: "Ich bin seit kurzem hier,
    Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden.
  42. Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Tier,
    Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.
    Und würd’ge Höhle war Pistoja mir."
  43. Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:
    "Er weicht uns aus – doch frag’ ihn: weshalb kam
    Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?"
  44. Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,
    Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
    Begann er nun, gedrückt von trüber Scham:
  45. "Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet,
    Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n,
    Als daß ich oben meinen Lauf geendet.
  46. Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n:
    Daß ich im Heiligtum zu stehlen wagte,
    Hat mich herabgestürzt in tiefres Grau’n.
  47. Drob litten manche fälschlich Angeklagte. –
    Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n,
    Kommst du je fort von hier, wo’s nimmer tagte.
  48. Drum hör’, um jetzt dein Hierein zu bereu’n:
    Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,
    Und dann Florenz so Volk als Sitt’ erneu’n.
  49. Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen,
    Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
    Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen
  50. Auf dem Picener Feld im wilden Strauß,
    Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken,
    Und alle Weißen flieh’n in Angst und Graus.
  51. Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken."
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