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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
sendergerd.bouillon
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VIII

Maja freute sich eigentlich darauf, nach all diesen Aufregungen einige Stunden ganz allein zu bleiben. Nachdem Charlotte und Durkley an Land gegangen, auch Giorgini den »Quirinale« verlassen hatte und das Oberdeck still und leer geworden war, machte sie sich's unter dem Sonnensegel bequem, holte sich Bücher und Papierblock und begann einen ausführlichen Brief an ihren Mann zu schreiben.

Maja freute sich auch darüber, daß Esposito Coccumella beschäftigt war.

Schon kurz nach der Ankunft in Kandia hatte sein Dampfer Gesellschaft bekommen. Zwei große Leichter, rund und schwer wie Inseln, waren dicht unter die dunkle Bordwand geschleppt worden. Und auf diesen Inseln treppten sich mächtige Berge von kleinen Kisten zum Deck herauf: die erwartete Korinthenladung. Sie sahen alle gleich aus, diese Tausende von Korinthenkistchen: ganz helles Kiefernholz mit blitzblanken Blechkanten und mit einem großen runden, eingebrannten Stempel, auf dem zu lesen stand, daß es sich um »erstklassige, original-korinthische« Ware handle.

Maja zerbrach sich eine Weile, aber ganz vergeblich, den Kopf darüber, warum man diese »erstklassige« und »originale« Ware von Korinth erst nach Kreta expediere, um sie dann von dort nach Athen zu verladen. Aber sie wurde in diesen Gedanken durch ein Geräusch unterbrochen, das plötzlich das ganze Schiff erzittern ließ: das Gerassel der Winden.

Und dies Gerassel füllte nun den Tag aus: vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Es nahm Maja die Möglichkeit, zu lesen oder zu schreiben, nachzudenken oder zu schlafen. Es machte diesen Tag zu einem Tage ungeduldigen Wartens. Und war ganz einfach eine Qual.

Ununterbrochen rasselten die Krane, an Vorderdeck und an Hinterdeck, auf und ab, auf und ab. Zwei Dutzend heller Korinthenkisten. Aufwärts, hoch über das Schiff, abwärts, tief in den Laderaum. Und immer die gleichen Rufe: Zieh! Laß locker! »Maina! Vira! Maina! Vira!« Und immer das gleiche Geräusch dazu. Und immer die gleichen Kistchen, Bewegungen, Manöver. Ein Leichter, zwei Leichter. Kaum war einer von ihnen leer, da brachte der Schlepper schon wieder einen neuen. Jeder von ihnen groß wie eine Insel und jeder übertürmt von einem Kistchengebirge. Und jedes dieser Kistchengebirge mußte mit Gerufe und Gerassel abgetragen werden, um einem neuen Platz zu machen. Und das dauerte vom Morgen bis zur Stunde, da die Sonne schon tief genug stand, um die Gipfel der Kistchengebirge zu vergolden.

Und auch da war noch kein Ende abzusehn. Aber Majas Nerven waren fast am Ende. Sie hatte nicht lesen können: die Rufe unterbrachen sie bei jedem Gedanken. Unmöglich, zu schlafen: das Gerassel der Winden durchzitterte das ganze Schiff. Ja, sie wollte lesen und schreiben, wollte schlafen.

Aber hätte sie's wirklich gekonnt? Auch wenn es mäuschenstill auf dem »Quirinale« gewesen wäre?

Ihre Gedanken waren ununterbrochen an Land. Sie wußte: wenn Durkley Hammer gefunden hätte, dann wäre mindestens einer von beiden schon wieder an Bord. Das war so vereinbart.

Wie oft hatte sie nun schon nach der Hafeneinfahrt hinübergeblickt, ob sich nicht etwa ein Boot zwischen den venezianischen Bastionen zeige. Oder Durkleys großer, heller Hut. Oder Hammers stroherner Tropenhelm. Nichts wie Kistenleichter kamen da hervor. Kisten, Kisten, Kisten.

Die Sonne stand bereits jenseits des Ida-Gebirges: ihr Schein leuchtete seit langem nachmittäglich genug, um die Schneefelder der Gipfel zu vergolden. Immer schärfer gliederten bläuliche Schatten die fernen Felsenküsten, der Mittagswind schwieg, und still lag das Meer in den runden, offenen Buchten.

Wie lange würde man noch laden? Wann würde der Dampfer die Reede wieder verlassen? Und würde Hammer bis dahin wiedergefunden sein?

Einmal erschreckte sie der Ruf der Sirene. Sie dachte, es wäre ein Abfahrtszeichen, eilte an Deck. Aber es war nur ein Signal gewesen, das der »Quirinale« mit dem Korinthenschlepper gewechselt hatte.

Später begegnete Maja dem Kapitän.

»Nicht an Land gegangen?« fragte er freundlich.

»Nur die jungen Leute«, erwiderte Maja.

Coccumella machte ein verschmitztes Gesicht, wiegte sich in den Schultern und wackelte mit dem Kopf, als ob er sagen wollte: was heißt das – junge Leute? Warum redet eine so schöne Frau von jungen Leuten? Aber er sagte es nicht.

»Noch viel Ladearbeit?« fragte Maja.

Der Kapitän nickte.

»Bis wann?«

»Vielleicht bis nach Mitternacht«, antwortete Coccumella. »Ängstigen Sie sich nicht, gnädige Frau. Ich habe Ihrem Fräulein Tochter gesagt, daß sie ruhig bis zum Abendessen an Land bleiben kann.«

Maja hörte sich weiter die Rufe der Arbeiter und das nervenzerreißende Gerassel an. Und sah Kistchen um Kistchen an ihren Augen vorüberschweben. Und war allein mit diesen Kistchen.

Erst mit dem Tee kam auch etwas Gesellschaft: der Hauptmann Giorgini. Er bat um die Erlaubnis, sich zu ihr setzen zu dürfen.

»Warum nicht an Land gegangen, Madame?« fragte auch er.

»Ich war noch zu müde von der unruhigen Fahrt«, antwortete Maja. »Aber ich bedaure es jetzt! Sie machen sich keine Vorstellung, wie ermüdend das Gerassel der Ladewinde ist. – Aber Sie waren in Kandia, nicht wahr?«

Giorgini bejahte.

»Haben Sie vielleicht meine Tochter und Herrn Durkley gesehn?«

»Nur für einen Augenblick«, antwortete Giorgini. »Auf dem Hauptplatz, in der Nähe des venezianischen Brunnens. Aber sie haben mich nicht gesehen. Sie gingen sehr eilig dem Basar zu. – Wissen Sie, Madame – ich mußte ihnen eine Weile nachsehen. So ein schönes Paar!«

Maja sah Giorgini freundlich zustimmend an.

»Beide groß«, so fuhr Giorgini fort. »Beide schlank. Und dabei dieser wundervolle Gegensatz von Blond und Dunkel! Ich sah ihnen nach, Madame. Und ich bemerkte auch, daß ihnen andere Leute genau so nachsahen.«

Maja lächelte.

»Was ist eigentlich Herr Durkley von Beruf?« fragte Giorgini.

»Wissen Sie das noch nicht?« antwortete Maja. »Trotz der langen Reise, die Sie nun zusammen unternommen haben?«

»Herr Durkley spricht sehr wenig«, meinte der Hauptmann.

»Und das entspricht seinem Beruf«, sagte Maja. »Er ist Diplomat, kommt jetzt als Legationsrat an die britische Gesandtschaft in Athen. Wir kannten ihn schon aus Berlin, wo er noch vor zwei Jahren Attaché war.«

»Sehr tüchtige Karriere«, erwiderte Giorgini. »Sehr rasch avanciert. Offenbar ein sehr intelligenter Herr. Sagen Sie, Madame – wenn ich fragen darf? – wie lange ist Ihr Fräulein Tochter denn schon verlobt?«

Maja wandte sehr langsam ihren Kopf zu Giorgini hin und sah ihn mit ihren großen Augen ganz ruhig an.

»Verlobt, Herr Hauptmann? Verlobt? Mit wem?«

Giorgini kam aus der Fassung.

»Sie dachten wohl, mit Herrn Durkley? Ja? – Ach, davon kann doch gar nicht die Rede sein! Als Charlotte Thomas Durkley kennenlernte, da war sie siebzehn Jahre alt. Und dann hat sie ihn zwei Jahre lang nicht gesehn. Durch reinen Zufall haben wir uns hier an Bord getroffen. – Aber wie kamen Sie denn auf den Gedanken?«

Der Hauptmann brauchte einen Augenblick, um sich zu sammeln.

»Ach, ich dachte nur so«, sagte er schließlich. »Weil ich Herrn Durkley immer mit Ihrer Tochter sah. Und weil sie auch heute wieder –«

»Da haben Sie sich aber sehr geirrt, Hauptmann!« warf Maja ein.

»Schon möglich. Gewiß sogar, Madame. Ich vergaß eben: andere Länder, andere Sitten. Ich dachte, so wie man in meiner Heimat gedacht hätte. Die jungen Leute gehen zusammen aus. Allein. Niemand findet etwas dabei. Nicht einmal Sie, Madame.«

»Und was sollte ich dabei finden?« fragte Maja.

»Oh, das meine ich gar nicht, Madame! Gewiß nicht. Aber bei uns zulande ist das nun einmal anders. Da würde die Mama ganz bestimmt etwas dabei finden. Ja, ja, Madame. – Aber ich verstehe natürlich. In Deutschland sind die Ansichten freier. Natürlicher – wenn man das so nennen will. Da findet man gar nichts dabei, wenn ein junges Mädchen mit einem Herrn allein ausgeht.«

»Gewiß nicht«, sagte Maja.

Giorgini lächelte. Ein wenig listig, ein wenig überlegen, auch ein wenig frech.

»In Deutschland findet man auch gar nichts dabei, wenn eine schöne Frau allein oder fast allein reist. Und wenn sie noch so schön ist. Nicht wahr, Madame?«

»Das kommt auf die Art der Männer an«, sagte Maja.

»Mag sein, Madame. Aber, sehn Sie, in Italien gibt es solche Männer gar nicht, die es darauf ankommen ließen. Ich wenigstens kenne keine. Aber in Deutschland scheint das doch anders zu sein. Da sind eben die Ansichten freier. Und natürlicher – wenn man das so nennen will. Und ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich der deutschen Sitte dankbar bin. Denn hätte ich sonst heute das Vergnügen, ungestört neben einer so schönen Frau wie Ihnen zu sitzen?«

Maja wußte wirklich nicht, was sie auf dieses altmodische Kompliment erwidern sollte. Und deswegen fand Giorgini Zeit und Gelegenheit, in seiner Rede fortzufahren:

»Allerdings muß ich sagen, Madame, daß ich manchmal vergesse, neben einer Deutschen zu sitzen. So italienisch sehen Sie aus! Manchmal, wenn ich Sie ansehe, habe ich den Eindruck, eine Florentinerin zu sehen. Dann scheinen Sie mir wieder eine Römerin. Und Sie müssen wissen, Madame, daß die Florentinerinnen und die Römerinnen die schönsten Frauen Italiens sind!«

Bei diesen Worten sah Maja den Hauptmann an und lachte.

»Sie lachen, Madame?« sagte Giorgini. »Ich sage das in vollstem Ernst.«

»Haben Sie das gleiche auch meiner Tochter im vollsten Ernst gesagt?« fragte Maja.

Aber der Italiener ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

»Das ist immerhin ein Unterschied!« rief er.

»Und was ist das für ein Unterschied?« fragte Maja.

»Ein großer Unterschied, Madame! Einem jungen Mädchen sagt man eine Höflichkeit – die deswegen noch nicht unwahr zu sein braucht. Aber zu einer schönen Frau wie Ihnen – da spricht man im Ernst.«

»Ich aber hoffe, Hauptmann«, sagte Maja nun, »daß Sie mich auch ernst nehmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich solche Dinge gar nicht gerne höre. Besonders heute, Hauptmann!«

»Heute?«

»Ja, Hauptmann. – Ich denke, Sie werden mich nicht nach den Einzelheiten fragen, wenn ich Ihnen sage, daß ich heute recht böse Sorgen habe, und daß wir da vielleicht besser von weniger ernst gemeinten oder ernst gesagten Dingen sprechen.«

Giorgini machte ein etwas verlegenes Gesicht. Und schwieg.

Es war inzwischen Abend geworden. Die Berge kamen näher heran, das Meer wurde dunkler und dunkler; die Häuser der Stadt ballten sich enger zusammen. Zwischen dem hohen Mauerwerk des Hafens lag schon die Nacht. Aber auf dem »Quirinale« wurde es dennoch nicht still. Die Bordlampen wurden allmählich angezündet, zwei große Scheinwerfer erhellten die Laderäume, und in ihrem Licht schwebten die Ladungen von den Leichtern in das Innerste des Schiffes: regelmäßig, sicher, mit weit ausholendem Schwung und dem immer gleichen Rufen und Rasseln. Korinthen, Korinthen, Korinthen.

Eine dumme Frage stell' ich mir da, dachte Maja. Aber wozu und wo in aller Welt werden eigentlich so viel Korinthen gebraucht?

Es war eine Frage der Verzweiflung. Allmählich glaubte Maja dieses Gerufe und Gerassel nicht mehr ertragen zu können. Sie verabschiedete sich von Giorgini und ging in den Salon. Aber auch da war es nicht stiller. Sie flüchtete sich in die Kabine. Doch die Wände des Schiffes hallten wider vom Lärm der Windemaschinen. Schließlich eilte sie doch wieder aufs obere Deck.

Wenn die beiden jetzt nicht bald kommen, dachte Maja, dann geh ich an Land. Dann erwarte ich sie irgendwo am Hafen! Es wird mir allmählich gleichgültig, was Hammer denkt; ob er dann vielleicht meint – wenn er mich sehen sollte! – daß ich ihm nachlaufe, daß ich ihm nachgehe – –

So redete Maja zu sich selbst.

Als auch nach einer weiteren halben Stunde Durkley und Charlotte noch nicht wieder an Bord waren, da beschloß sie ein Boot zu mieten und ans Ufer zu fahren.

Sie ging abermals in die Kabine hinunter, sagte Lenchen Bescheid, zog sich um. Ziemlich langsam und sorgfältig. Um noch ein wenig Zeit zu gewinnen; immer noch in der Hoffnung, die beiden könnten inzwischen zurückkehren.

Als sie an die Falltreppe trat, um nach einem Bootsmann Umschau zu halten, trat ihr Charlotte aus der Dunkelheit entgegen.

»Du wolltest an Land, Mama?« fragte sie mit einer Stimme, in der Furcht war.

Maja nickte.

»Wirklich«, sagte Charlotte, »es ist spät geworden! Sehr spät. Ich hoffe, daß du dich nicht zu sehr geängstigt hast.«

Zunächst sprachen sie nichts anderes miteinander. Inzwischen kam Durkley, der die Ruderer entlohnt hatte, die Treppe herauf. Er sah ernst und traurig aus. Auch Charlotte zeigte einen müden Ausdruck. Ihre Schuhe waren voll Staub, auch ihr Mantel ein wenig schmutzig.

Sie eilte in die Kabine hinunter.

»Nichts?« fragte Maja, als sie mit Durkley allein war.

»Nichts.«

»Und Sie haben gesucht?«

»Den ganzen Tag.«

»Und Charlotte, Durkley? Was hat Charlotte dazu gesagt?«

»Nichts. Aber sie hat alles verstanden. – Wissen Sie, wann das Schiff fährt, gnädige Frau?«

»Kaum vor Mitternacht«, antwortete Maja.

»Ich denke, daß Hammer bis dahin zurück sein wird«, sagte Durkley. »Jedenfalls dachte ich, daß wir nun wieder an Bord kommen müßten. Nicht wahr?«

Maja nickte.

»Ich fürchtete, daß Sie sich sonst auch unsertwegen ängstigen könnten«, fügte Durkley hinzu.

Es läutete zum Abendessen. Aber es wurde keine gemütliche Mahlzeit an diesem Sonntagabend in Kandia. Hammers Platz stand leer. Giorgini, durch seine unerwartete Niederlage verstimmt, schwieg. Durkley war niemals zuvor so still gewesen wie gerade an diesem Abend. Der Kapitän wurde immer wieder abgerufen. Charlotte versuchte zwar hin und wieder ein Gespräch in Gang zu bringen, aber jedesmal unterbrach sie das Gerassel der Winden. Dann lächelte Giorgini verlegen, als ob er sagen wolle: bedaure, verstehe nicht. – Und das Schweigen ging weiter.

Einmal, in einem Augenblick der Ruhe, erkundigte sich Coccumella nach Hammer.

»Herr Doktor Hammer ist an Land gegangen«, antwortete Maja mit einem Ton, der jede weitere Frage abschnitt.

Nach Tisch legte sich Charlotte gleich schlafen: dieser Tag des vergeblichen Suchens hatte sie müder als eine ganze Reihe von Reisetagen gemacht.

Maja und Durkley aber gingen wieder aufs obere Deck hinauf, ließen sich in den Bordstühlen nieder und schwiegen weiter. Ganz gegen ihre Gewohnheit ließ sich Maja einen schwarzen Kaffee und ein Glas Kognak bringen, zündete sich sogar eine Zigarette an.

»Sie werden nicht schlafen können, gnädige Frau«, sagte Durkley leise.

»Solange das Gerassel da dauert, ist an Schlafen sowieso nicht zu denken«, antwortete Maja. »Wie mich das heute den ganzen Tag gequält hat!«

Allmählich wurde es kühl an Deck, es fiel ein wenig Tau; wenn man die Hand auf die Stuhllehne legte, so fühlte man eine unangenehme klebrige Nässe.

Maja bat Durkley, Decken herbeizuholen.

Später kam der Mond über die kretischen Berge. Er war nicht mehr ganz rund, blaß orangenrot und ein wenig umnebelt. Schräg hob er sich empor, warf ein fast künstlich scheinendes Licht auf Stadt und Hafen: wie eine Feuerwerkskugel, die in der abendlichen Feuchtigkeit allzu langsam aufsteigt und nicht versprühen will.

Und entzündete kein Glitzerlicht im Meer und gab keinen Widerschein auf den Mauern. Kein Stern stand um ihn, und selbst am Horizont, der Mondnacht abgewandt, wollte kein anderes Himmelslicht zu leuchten beginnen.

Der Mond war heute abend wirklich nicht schön!

Aber der Kapitän des »Quirinale« schien anderer Meinung. Lustig pfeifend kam er aus seinem Salon heraus, schaukelte wie gewöhnlich seinen Wanst vor sich her, drehte den fetten Hals dem Himmel zu und sagte so stolz, als ob der Mond zu den Einrichtungen seines Schiffes gehöre:

»Was für ein schöner Mond, meine Herrschaften!«

»Ein wenig blaß«, antwortete Maja.

»Aber doch hell genug, daß er uns beim Laden ganz wundervoll helfen konnte. Ja, ja, gnädige Frau, was wäre aus uns heute abend ohne den Mond geworden. Sie werden sehn, wie rasch wir jetzt arbeiten! Ich lasse eine dritte Winde einsetzen. Und, meine Herrschaften, in einer Stunde sind wir fertig.«

»Fertig?« fragte Maja ängstlich.

»Mit zweiundzwanzigtausend Kisten Korinthen, Madame!« antwortete der Kapitän voll Stolz.

»Noch vor Mitternacht?« wollte Maja wissen.

»Vielleicht schon um elf«, gab Coccumella zurück.

Dann ging er wieder an Vorderbord, wo er gebraucht wurde.

Und zwischen Maja und Durkley, die auf dem oberen Deck in ihren Stühlen lagen, begann wieder das Schweigen. Zigarettenrauch, sehr viel blauer Zigarettenrauch zog von ihnen aus in großen feuchten Wolken über die Reling.

Dazwischen immer wieder die gleichen Laute: Rufe, rasselnde Ketten. Immer wieder verdunkelte ein Bündel Korinthenkistchen für einen Augenblick den Mond.

Bis plötzlich – ganz plötzlich – Stille eintrat. Vollkommene Stille.

Die zwei warteten.

Aber sie horchten in die Stille.

»Vielleicht wird ein neuer Leichter gebracht«, sagte Maja schließlich.

Durkley stand auf, schaute sich um. Aber er sah nur, wie leere Leichter abgeschleppt wurden.

»Ich glaube, wir sind fertig«, sagte er schließlich.

In dem Augenblick kam der Kapitän an Deck.

»Madame –«, sagte er ernst.

Maja stand auf, sah ihn an. Sie wußte genau, was er sagen wollte.

»Madame, die Ladung ist untergebracht. Wir könnten auslaufen. Aber leider muß ich Ihnen mitteilen, daß Herr Doktor Hammer noch nicht an Bord ist.«

»Und was kann da geschehen?« fragte Maja unsicher.

»Wir rufen jetzt«, antwortete Coccumella. »Ich werde Befehl geben, daß wir besonders lang und laut rufen. Dann hat Herr Doktor Hammer noch etwa eine halbe Stunde Zeit. – Wissen Sie denn gar nichts darüber, Madame, wo er zu finden wäre?«

Maja schüttelte den Kopf.

»Er hat sich den ganzen Tag nicht an Bord sehen lassen. Und auch die Herrschaften, die an Land waren, haben ihn nicht gesehn?«

Wieder mußte Maja verneinen.

»Wir würden Ihnen zu Gefallen ja gerne noch warten, Madame«, meinte Coccumella. »Aber ich kann es vor meiner Gesellschaft nicht verantworten.«

Einige Augenblicke später hörte man die Sirene des »Quirinale« ihre mächtige Stimme erheben. Dreimal kurz. Dann lang, sehr lang, und stark. Maja und Durkley mußten sich die Ohren zuhalten, so heftig durchzitterte dieser Ruf die Luft. Und die gewaltigen Hafenmauern, die Fronten der Häuser am Kai warfen ihn zurück. Und sogar aus den fernen Bergen kehrte er wieder, als ob die ganze Insel bestätigen wolle, was das schwarze Schiff ihr zu sagen hatte.

Aber nichts bewegte sich auf dem Wasser. Still lagen Hafen und Stadt.

Nach einer weiteren Viertelstunde trat der Kapitän wieder auf Maja zu.

»Er hört nicht«, sagte Coccumella. »Außerdem hat mir der Steward berichtet, daß Herr Hammer das Schiff heute früh mit allem seinem Gepäck verlassen hat. Ich glaube, daß wir vergebens rufen«, meinte Coccumella.

Dann schwieg er eine Weile. Blickte auf den Boden und wartete vielleicht darauf, daß Maja etwas sagen wolle. Da sie kein Wort erwiderte, fragte er schließlich:

»Darf ich abfahren, Madame?«

»Selbstverständlich, Commendatore«, antwortete Maja. »Ich kann es nicht hindern und will es nicht hindern. Wenn er nicht selbst aufpaßt und Ausflüge unternimmt, für die die Zeit nicht ausreicht.«

»Sie meinen, daß er nur einen Ausflug unternommen hat?« fragte der Kapitän.

»Ich kann es mir jedenfalls nicht anders denken«, gab Maja zurück.

Bald darauf hörte man wiederum in der Tiefe des Schiffes die befehlenden Klingelzeichen. Die Ankerwinde rasselte. Zweimal ertönte ein Pfiff. Dann zitterten die Maschinen, eine mächtige dunkle Dampfwolke stieg in die Nacht auf, das Wasser rauschte laut im Bug, und der »Quirinale« verließ mit Kurs nach Norden die kretischen Gewässer.

Seine Fahrt war sehr ruhig und still, denn er war um zweiundzwanzigtausend Kistchen Korinthen schwerer geworden.

Trotzdem verbrachte Maja keine ruhige Nacht

Im ersten Morgengrauen stand Charlotte auf. Aber Maja tat so, als ob sie es nicht bemerke. Denn sonst hätte sie mahnen müssen. Und sie begriff es gut, daß die Koje auch für ihre Tochter unerträglich geworden war. Als Charlotte durch den Gang kam, fand sie, wie nun schon oft, Durkleys Kabine erhellt.

Aber sie zögerte diesmal lange, ehe sie die Kabine betrat. Da hing Durkleys Mantel. Hatte er die Nacht ohne Mantel an Deck verbracht? Oder war er irgendwo in der Nähe? Charlotte hörte Schritte, erschrak, trat zurück. Dann aber wurde es wieder still. Sie überlegte noch einmal, horchte noch einmal. Aber schließlich betrat sie doch die Kabine.

Und, wie immer, lag

Thomas Durkleys Tagebuch

offen am gewohnten Platz, so daß Charlotte ungehindert lesen konnte, was er während der Nachtstunden gedacht, gefühlt und niedergeschrieben hatte.

 

»An Bord, in der Nacht von Sonntag auf Montag.

Wenn mein Leben anders wäre, als es nun einmal ist, so wäre dieser Tag gewiß einer der schönsten darin gewesen.

Ein schöner Tag auf einer schönen Insel. Nichts anderes zu tun, als die Hauptstadt dieser Insel und ihre Umgebung zu durchstreifen an der Seite eines schönen, guten und gescheiten Mädchens. Ohne Plan, im Grunde auch ohne Ziel.

Ja, das war es; das Ziel!

Daß ich ein Ziel hatte – Hammer zu finden –, und daß mich dies Ziel gleichgültig ließ, und daß ich sogar ein ganz klein wenig dazu neigte, mich gar nicht um das Ziel zu kümmern – das war eben der Grund, warum dieser schöne Tag so furchtbar war.

Suchte ich Hammer, oder suchte ich ihn nicht?

Charlotte wußte genau, daß wir suchen sollten. Und sie war auch fest entschlossen dazu. Aber sie sprach genau so wenig davon wie ich. So zogen wir denn mit demselben Ziel, das wir uns gegenseitig nicht eingestanden, nicht eingestehen konnten, durch Kandia. Vom Brunnenplatz zum Basar. Vom Museum zu den Bastionen. Vom Hafen zu den Villen. Wir fuhren die Straße nach Knossos hinaus und bestiegen den Aussichtsturm, der sich über den Ruinen erhebt. Und wir sahen uns dabei Kreta an und sahen uns in Kreta um, sprachen über Landschaft, Leute, Altertümer und was weiß ich. Und suchten Hammer.

Suchte ich Hammer, oder suchte ich ihn nicht?

Ich glaube, daß ich ihn nicht gesucht hätte, wenn Charlotte nicht bei mir gewesen wäre. Aber Charlotte zwang mich dazu: so sicher, so selbstverständlich führte sie mich, daß mir keine andere Möglichkeit blieb, als suchen zu helfen.

Als wir müde wurden, setzten wir uns in ein kleines Kaffeehaus auf den Bastionen. Zwei Blecheimer mit Kletterkürbissen standen da; drei Stühle, ein Tisch. Das war alles. Ein Mann in dunkelblauen Pumphosen brachte uns Rahat Loukoum und Wasser. Ein anderer Mann tauchte auf, fuhr mit einer Schubkarre ein altmodisches Trichtergrammophon, das die ›Donauwellen‹ spielte, vor uns auf. Wir hörten ihm zu. Wir gaben ihm dann wahrscheinlich zu viel für seine Bemühungen, denn er spielte die ›Donauwellen‹ ein zweites und ein drittes Mal. Aber sie gefielen uns. Wir hatten sogar Lust, zu tanzen. Doch wir taten es nicht.

So war überhaupt der ganze Tag: wir hatten Lust, fröhlich zu sein, aber wir waren es nicht. Weil wir Hammer suchten? Weil wir fürchteten, er könne sich etwas angetan haben? (Ich möchte wissen, ob Charlotte so genau von diesen Dingen weiß, daß auch sie es dachte. Denn schließlich hat ihr ihre Mutter doch nicht das geringste gesagt.)

Oder waren wir traurig, weil ich, Thomas Durkley, überhaupt keine Möglichkeit mehr habe, fröhlich zu sein?

Es war aber auch eine unerträgliche Lage, in der ich mich befand! Gut, ich habe mich über Hammer geirrt. Er ist genau so ein armer Kerl wie ich. Und es geht ihm vielleicht noch schlechter als mir, denn er hat den Mut gehabt, zu reden, und er hat seine Antwort bekommen, die einem Todesurteil gleicht. (Ich bete, daß er es nicht vollstreckt.) Aber durch Hammer, durch sein Reden, habe auch ich das Todesurteil empfangen. Und diesen Menschen – ausgerechnet diesen Menschen! – mußte ich einen Tag hindurch suchen, in den Gassen einer fremden Stadt, in einer Landschaft, die ich nicht kenne.

Ob Charlotte auch das verstanden hat? (Aber ich weiß immer besser, daß sie alles versteht. Und deswegen wundere ich mich täglich mehr darüber, wie wenig hellsichtig ihre Mutter ist, wie wenig sie die Menschen, ihre Gefühle, ihre Leidenschaften durchschaut. Wie seltsam blind sie zum Beispiel war, als sie ausgerechnet mir den Auftrag gab, Hammer zu suchen!)

Charlotte versteht alles, und Maja versteht nichts – das war so einer von den unzusammenhängenden Gedanken, die mir heute den Kopf ausgefüllt haben. Und zum erstenmal seit ich sie kenne, konnte ich ein wenig böse auf Maja sein.

Leider viel zu wenig!

Es genügten Augenblicke des Wiedersehns, um mich wieder in den Zustand zu bringen, an den ich so gewöhnt bin, daß ich ihn mein Leben nennen könnte. Ich kenne dieses Leben so gut, bis in alle Einzelheiten – das Leben für Maja –, daß ich darin spazierengehe wie in der Landschaft meiner wallisischen Heimat.

Aber seltsam! – es kommt mir fast vor, als ob ich seit vierundzwanzig Stunden sehr viel ruhiger geworden wäre. Ich dachte einige Stunden hindurch, Charlottens Klugheit und Ruhe seien die Ursache. Ich dachte, sie hätte mich – unbewußt natürlich – so sehr beeinflußt, daß ich ruhiger denken und fühlen könnte. Doch das ist ein Irrtum: ihre Gegenwart tut mir wohl gut, aber sie ändert mich nicht und ändert nichts an meiner Lage. Was mich – bei aller Unveränderlichkeit meiner Gefühle und meiner Liebe – geändert hat, das ist der Beschluß. Das ist die Tatsache, daß die Stunden genau gezählt sind, daß ich anfange, den Ort zu bestimmen. Daß ich fähig bin, nichts anderes mehr zu denken, keine andere Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehn.

Ich finde, so und nicht anders muß es sein.

Selbstverständlich werde ich ein Testament machen, einige ruhige und vernünftige Abschiedsbriefe schreiben. (Ich könnte zum Beispiel auch meinem Freund Cecil einmal erklären, warum ich ihm vor zwei Jahren in Berlin, nachts, in der Hotelbar eine so dumme Antwort gegeben habe. Es würde ihn interessieren.)

Nur eines frage ich mich: soll ich auch Maja schreiben?

Ich glaube doch, daß mir dazu der Mut fehlen wird.

Immerhin: ich werde ihr dies Tagebuch hinterlassen. Das bestimmt, ganz bestimmt!

Und dann bin ich mir über eine andere Frage noch nicht klar. Ich habe solch eine unglaubliche Lust, vor meinem Ende einmal ganz offen mit Charlotte zu sprechen. Ich weiß so sicher, daß sie mich verstehen wird, wie ich sicher weiß, daß ich mich verstehe.

Aber darf ich das tun?

Was würde Maja dazu sagen?

Sie ist noch so jung!

Und doch weiß sie alles, und Maja weiß nichts und wird nichts wissen. Sie wird vielleicht nicht einmal recht begreifen, warum Thomas Durkley nun eigentlich Selbstmord begangen hat.«

 

Das ist deutlich, dachte Charlotte. Deutlich gesagt und deutlich niedergeschrieben mit seiner allerkleinsten, aber auch mit seiner allersaubersten, allerklarsten Schrift.

Erst, wie immer, ein paar freundliche Worte für sie selbst. Dann ein paar seltsame Fragen, von denen man nicht recht weiß, an wen sie eigentlich gerichtet sind. Dann ein paar Antworten ins Ungewisse hinein. Und schließlich dieser sehr gewisse Satz, in dem das Wort »Selbstmord« vorkommt.

Nein, Charlotte erschrak auch diesmal nicht. Aber sehr ernst und sehr sachlich stellte sie fest: da stand dies Wort zum zweitenmal. Aber es war nicht, wie das erstemal, eingesponnen in allerhand abwegige und gewundene Sätze, sondern wurde so ruhig ausgesprochen, wie man es überhaupt aussprechen konnte.

Mußte man es vielleicht doch ernster nehmen, als Charlotte es bisher genommen?

Es war im Grunde Charlottens allergrößter Wunsch, es ernst nehmen zu können. Alles – was Durkley sagte, niederschrieb und tat. Auch das: den Selbstmord. Ja, dachte Charlotte. Er muß es im Ernste wollen. Er muß seines Vorsatzes vollkommen sicher sein. Denn ich will ihn ernst.

Tun wollen – das muß er!

Wenn er es dann nur nicht wirklich tut!

Bei diesem Gedanken erschrak Charlotte furchtbar. Aber es war nicht nur der Gedanke, der sie erschreckte. Sie hatte plötzlich Schritte gehört. Und diese Schritte kamen näher. Und sie glaubte sogar, daß es Durkleys Schritte seien.

Sie warf das Heft in die Koje, ergriff die Tür. Aber sie wagte nicht, sich zu bewegen. Stand Durkley nicht bereits im Gange? Wäre sie ihm nicht in der Tür begegnet?

Lange wartete sie wie gebannt.

Als sie schließlich dennoch hinaustrat, war der Gang leer: eine Täuschung.

Aber der Schrecken blieb.

Wie hatte sie das alles nur so leicht nehmen können? Daß sie täglich las, was gewiß nicht für sie bestimmt war? Daß sie ruhig in Durkleys geheimste Gedanken eindrang und nun sogar seine Selbstmordgedanken kannte?

Wie hatte sie's nur fertiggebracht, sogar diese Gedanken leicht zu nehmen?

Vielleicht nahm sie überhaupt alles im Leben viel zu leicht?

Die Archäologie zum Beispiel. (Was hatte sie sich eigentlich gestern in Kandia um das Museum und um den knossischen Palast gekümmert?) Oder Lenchens Ängste, an denen sie die Schuld trug. Oder Hammers Leidenschaft, von der man noch nicht einmal wußte, wie sie ausgehen werde. Oder Durkleys Tagebuch.

Wie konnte man nur fröhlich sein, wenn man darin Selbstmordpläne so deutlich angekündigt fand?

Sie ging leise auf Deck hinauf. Und wieder begegnete ihr dort einer jener herrlichen Morgen, wo sich das Licht ganz langsam aus den Schatten löst; wo aus Schwarz und Grau ganz allmählich die Farben werden: wo sich Nebel in Inseln, Wolken in Berge verwandeln, ehe das Auge erfassen kann, von wo sie herangeschwebt.

Eine nach der andern tauchten die Zykladen aus dem Meer: Melos, Siphnos und Seriphos: die Propyläen des attischen Landes. Im Westen lösten sich die peloponnesischen Berge aus der versinkenden Nacht. Im Norden dehnte sich, noch unendlich, das Meer den Ufern Athens entgegen.

Ob Durkley das nun wirklich alles betrachten muß, wie ein Sterbender die Welt betrachtet? dachte Charlotte. Als Gegenwart, die bald Vergangenheit sein wird?

Ob er es wirklich, wirklich so ernst meint, wie es da in seinem schwarzen Wachstuchheft zu lesen steht?

Zum erstenmal hatte Charlotte wirklich Angst um ihn.

Aber sie wollte ja diese Angst. Sie wollte daran glauben, daß auch er daran glaubte. Er selbst. Denn sonst wäre es doch wirklich ohne Sinn gewesen, sich so um ihn zu ängstigen.

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