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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
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VII

Thomas Durkleys Tagebuch

»An Bord, Sonntag, 20. März.

Woher kommt eigentlich so viel schwarze Nacht? Seit vielen Stunden – und schon viel, viel länger, als die Sonne gesunken ist – leb' ich in schwarzer Nacht.

Ist nun Tag?

Ja. Durch die Luke erkenne ich perlmutterne See, einen silbernen Schimmer über dem Horizont und eine Insel, die auch eine Wolke sein könnte. Die Wellen sind wieder still. Und wenn auch die Sonne noch fehlt, so kündigt sie sich doch an. Es wird ein schöner Morgen werden.

Seltsam, daß ich das noch sehe!

Aber ich sehe es ja auch nur. Und fühle es nicht. Ich weiß es. Aber ich kann mich nicht darüber freuen.

Denn die Nacht begann für mich – mitten am Tage. Als Hammer mir Grobheiten sagte. Als ich die furchtbare Gewißheit über ihn und Maja zu haben glaubte. Aber was folgte, war noch viel, viel höllischer.

Es begann mit einem Satz, den Charlotte sagte: ›Mama würde sich so darüber freuen!‹ (Nämlich über meinen Besuch.) ›Mama läßt um Ihren Besuch bitten, Herr Durkley!‹

Ich vergaß alles, was gewesen war, was ich dachte und vermutete und glaubte. Ich vergaß mich selbst.

Ich vergaß sogar die unfaßbare Tatsache, daß Charlotte wieder einmal bewiesen hatte, wie sie meine geheimsten Gedanken kennt: alles, was außer mir nur diese Seiten wissen.

Wenn ich mich jetzt daran erinnere, wie ich Maja in ihrer Koje sah, möchte ich sie ganz genau beschreiben: ihre Stimme, ihre Hände, ihre Augen, ihre Bewegungen. Aber ich weiß, daß ich es nicht kann. Und verzichte darauf. Es hätte ja auch nur dann einen Sinn, wenn ein Mensch diese Zeilen läse, der Maja nicht kennt. Und da nur ich dieses Heft lese – und nicht einmal ich – und kein Mensch sie besser kennen kann, als ich sie kenne – – warum?

Ich könnte auch nicht mehr genau aufschreiben, was wir in den ersten Augenblicken gesprochen haben. Ich gar nichts. Sie wenig. Aber wenn ich noch Zeit hätte zum Vergessen, dann würde ich niemals vergessen, daß diese Minuten zu den herrlichsten meines Lebens gehört haben.

Vielleicht, weil sie der Hölle so nah waren?

Soll ich das wirklich hier noch einmal festhalten? Den Höllenweg, den ich gegangen bin, Stufe für Stufe beschreiben?

Wozu?

Wenn man in der Hölle ist, so kann es vielleicht doch nützlich sein, sich darüber klarzuwerden, wie man hineingekommen. So wie man hineingekommen, so kommt man vielleicht auch wieder heraus.

(Ich nicht! Ich gewiß nicht!)

Also, dieser Höllenweg: ihre schöne, wunderschöne Stimme baute ihn aus Worten. Ungefähr so:

›Nicht wahr, mein lieber Durkley, Sie sind mir nicht böse, wenn ich Ihnen von einer Sache spreche, von der eigentlich besser gar nicht gesprochen würde. Aber sehn Sie, ich bin so allein. Ich kann auch, wie Sie gleich sehen werden, nicht mit Charlotte darüber reden. Und da bleibt mir gar nichts anderes übrig, als Sie um Geduld zu bitten.‹

(Das war die Präambel, wie sie auch bei Todesurteilen üblich ist: im Namen des Unvermeidlichen . .)

Und dann sprach sie von Hammer: wie gut er Charlotte unterrichtet, und wie sie das größte Vertrauen zu ihm gehabt und ihr Mann auch.

Wenn ich mich daran erinnere, was ich – in blindester Eifersucht – über Maja dachte, als sie so von Hammer sprach, so meine ich, daß ich noch immer nicht tief genug in der Hölle sitze!

Etwas ganz anderes mußte ich hören!

Daß Maja zunächst gedacht, Hammer und Charlotte liebten sich. (Schon diese Vorstellung war mir vollkommen unerträglich!) Wie sie aber dann hatte hören müssen, daß Hammer nicht Charlotte, sondern sie selbst liebe!

Ich weiß noch, daß ich schreien wollte: Ja! Ich wußte es! Und auch ich liebe Sie! Seit Jahren –

Aber da sagte Maja ganz einfach mit ihrer wunderschönen, ein wenig singenden, ein wenig phlegmatischer Betonung:

›Was soll man nun mit solch einem armen Menschen machen, Durkley?‹

Und dann kam es, Schlag auf Schlag:

›Finden Sie das nicht gräßlich, Durkley? Einfach gräßlich? Er tut mir ja wirklich leid. Aber andrerseits – wo wir uns seit so vielen Jahren kennen! Wo er so genau weiß, wie mein Mann und ich immer zusammenhalten! Wo er sieht, wie ich an Charlotte hänge. Und dann, Durkley – ich dachte nun wirklich, daß in meinem Alter von so etwas nicht mehr die Rede sein dürfe. Wenn man eine erwachsene Tochter hat und seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet ist.‹

(Ich möchte wissen, warum ich mich damit quäle, das alles aufzuschreiben.)

›Und dann, Durkley, seine Wut! Was wird nun? Er hat mir zum Schluß noch irgend etwas nachgerufen, was ich nicht recht verstehen konnte. Glauben Sie nicht, daß er sich vielleicht wieder beruhigen wird? Und Vernunft annehmen?‹

(Ich jedenfalls werde keine Vernunft annehmen! dachte ich in dem Augenblick bei mir.)

›Helfen Sie mir, Durkley!‹ rief Maja. ›Stellen Sie sich bloß vor, daß Charlotte etwas davon merkt! – Oder nehme ich das vielleicht alles viel zu ernst? So wie man's in der Jugend nahm. Vielleicht sind das einfach etwas aufgebauschte Launen. Oder was finden Sie, lieber Durkley?‹

In dem Augenblick wußte ich sehr, sehr genau, was ich hätte sagen sollen. Trotzdem ich gleichzeitig ebenso genau wußte, daß es sinnlos war. Ich weiß es auch jetzt.

Ich hätte ganz einfach antworten müssen: Hammer liebt Sie. Auch ich liebe Sie, Sie können das ablehnen, aber Sie müssen es ernst nehmen. Ganz furchtbar ernst, Maja. So ernst wie Leben und Tod.

Himmel, wie schön und papieren ich da rede!

In Wirklichkeit brachte ich nur heraus:

›Was Sie nicht sagen!‹

(Wissen Sie, Herr Durkley, daß ein gewisser Doktor Hammer in eine gewisse Frau Schott verliebt ist? – Was Sie nicht sagen, gnädige Frau!)

Das war der ›Stil‹ meiner Antwort.

Sie: ›Sie scheinen das gar nicht sehr ernst zu finden, lieber Durkley! Sie finden das wohl gar komisch?‹

Ich: ›O nein! O nein, gnädige Frau! Ich finde es geradezu unerhört. Ich finde, daß sich Herr Doktor Hammer äußerst tadelnswert benommen hat.‹

Und so weiter.

Ich sprach vollkommen mechanisch. Ich dachte vollkommen chaotisch. Zwischen Denken und Sprechen war gar keine Verbindung mehr.

Jedenfalls wird kein Mensch sagen können, daß ich mein Todesurteil nicht in tadelloser Haltung entgegengenommen. Ich machte dabei vollkommene Konversation.

Denn es ist mein Todesurteil.

Ich will mich ja auch fügen: ganz ruhig und einfach. Wir fahren noch zwei Tage. Diese zwei Tage über werde ich vergnügt sein. Ich werde mit Maja und mit Charlotte sprechen. Ich werde mir Kreta ansehn. Ich werde die Seefahrt genießen.

Am meisten freue ich mich darauf, noch ein paar schöne Stunden mit Charlotte zu verleben. So wie neulich im Morgengrauen vor Korfu.

Sie ist so gescheit und gut und hat ein so feines Gefühl. Aber nun hat es ja gar keinen Sinn mehr, daß ich mich ihr anvertraue: was ich gelitten habe, braucht sie nicht zu belasten. Aber ich will trotzdem noch viel mit ihr zusammen sein. Auch das Gespräch über die Wirklichkeit und die Unwirklichkeit, das wir neulich miteinander gehabt haben, muß noch zu einem guten Ende kommen.

Es werden nicht viele Visionen sein, die mir von dieser Erde bleiben. Aber ein Bild von Charlotte nehme ich bestimmt mit hinüber. Von ihren lustigen Augen und ihren Kringelhaaren. Von ihren schmalen, ein wenig spitzen Händen. Sogar von ihren endlos langen Beinen und ihren Füllenbewegungen.

Vor allem aber von ihrem schönen, guten, spöttischen Lächeln, das so viel weiß!

Wahrscheinlich noch mehr, als ich denke.

Wenn sie nur nicht errät, wohin nun mein Weg geht! Sie weiß alles, sie sieht durch mich hindurch. Sie hat mich gestern abend mit ihrer Hellseherei furchtbar erschreckt. Aber ich glaube – auf solche Gedanken kann Charlotte gar nicht kommen.

Was weiß sie vom Tod?

Und wenn ich ihr sagen würde: sieh mal, Charlotte – liebe kleine Charlotte mit den lustigen Augen. Mittwoch, wenn wir in Athen sind, dann wird Thomas Durkley sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Ihr werdet ihn finden, am Fuße der Akropolis, im Theater des Dionysos. Ihr werdet ihn beisetzen auf dem Hügel unter den Ölbäumen. Ihr werdet auch ein wenig um ihn trauern. – Wenn ich das zu Charlotte sagen würde, da würde sie mich mit ihrem wunderschönen Lächeln anlächeln und sagen:

Übertreiben Sie nicht, Thomas Durkley.

Aber ich werde übertreiben! Ich werde diese Liebe bis in den Tod hinübertreiben! Auch wenn das Leben noch so schön ist und Charlotte noch so spöttisch lächeln kann.

Denn das Todesurteil hat Maja selbst ausgesprochen. Ja, Maja selbst.«

 

Wirklich, dachte Charlotte, übertreiben Sie nicht, Thomas Durkley! Übertreiben Sie Ihre spitzfindigen Hinübertreibungen nicht bis in den Tod. Machen Sie sich vor allem nichts vor. Denn sonst lach ich Sie einfach aus!

Es war Charlotte überhaupt wieder einmal sehr zum Lachen zumute, als sie diese Zeilen gelesen.

Schon seit den frühesten Morgenstunden fühlte sie eine Fröhlichkeit in sich, die gar nicht zu Durkleys Todesgedanken passen wollte und sich ihnen auch nun nicht anpaßte; eine Fröhlichkeit, die vom wiedergekehrten guten Wetter kam. Rosig lag das Sonnenlicht auf den Mahagonitüren und blitzte im Messing. Und dann hatte Charlotte eine Insel an der Luke vorbeischwimmen sehn – eine so herrliche blaßlila Insel –, Kythera genannt. Grund genug, fröhlich zu sein. Und nun dieses Tagebuch! Grund genug, auch zu lachen. War das – trotz aller Todesgedanken – nicht wirklich eine komische Verwechslungsgeschichte? Wie sie Archäologie studieren mußte, damit Hammer mit Mama reisen konnte, die er liebte; damit er ihr sagen konnte, was er für sie fühlte – und was Charlotte schon immer gewußt –, während Mama glaubte, daß seine Gefühle nicht ihr, sondern ihrer Tochter galten. Und zum Schluß wurde dann Durkley – ausgerechnet Durkley! – ins Vertrauen gezogen!

Da sollte man vielleicht nicht lachen?

Und dann stand's da ja auch, schwarz auf weiß, daß dies Lachen ihr Vorrecht war.

Wie nett, sich in einem stillen Tagebuch sagen zu lassen, daß man ein reizendes Lächeln hat. Und hellsieht. Und gescheit und gut ist. Und überhaupt ein ganz ungewöhnlich nettes Geschöpf, das die letzten Stunden eines Sterbenden zum Paradies machen kann.

Charlotte hatte Thomas Durkley verziehn. Was er gestern in sein Tagebuch geschrieben, war vergessen. Und was er heute geschrieben, sollte ihm unvergessen bleiben.

Was aber Thomas Durkleys Selbstmordabsichten betraf, so fand Charlotte, daß die nicht recht ernst zu nehmen seien.

Wer in articulo mortis noch so umständlich und ein wenig pedantisch Tagebuch schreibt, seine Gefühle sorgfältig ordnet, sich einen gemütlichen Zeitraum läßt, der durch eine Inselreise, eine ungemein anziehende Seefahrt und durch den Umgang mit einem hübschen jungen Mädchen angenehm ausgefüllt wird; wer dann genau einen klassischen Plan festlegt – Akropolis, Dionysostheater, Hügel von Kolonos – wer das alles tut – –

Aber hübsch, dachte Charlotte, macht Thomas Durkley so etwas! Einfach ganz wunderschön! Wie vor hundert Jahren.

Und das war es, warum Charlotte dieser Durkley so gut gefiel. Und warum sie ihn doch ernst nahm, ganz vollkommen ernst – und jedenfalls viel ernster, als er's eigentlich seinem Tagebuch nach verdient hätte.

Als Charlotte später an Deck kam, da saß Thomas Durkley gemütlich in einem großen Bordstuhl. Er sah zwar sehr blaß aus, und es stimmte gewiß, wie's in seinem Tagebuch zu lesen stand, daß er eine Nacht durchwacht und Schweres gelitten hatte. Aber er war drauf und dran, seine Gesundheit auch in diesen letzten Tagen seines Daseins nicht verfallen zu lassen. Er beugte sich über ein blitzsauber gedecktes rundes Tischchen, auf dem eine dampfende Teekanne, schöner weißer Porridge, goldig schillernder Haddock und eine Säule angenehm duftender Toastschnitten standen. Gerade trug der Steward, um zu vervollständigen, was bei einem so englischen Frühstück unentbehrlich schien, Ham and eggs in einem hübschen weißen Pfännchen auf.

»Der gestrige unruhige Tag«, sagte Durkley entschuldigend, »hat mich ausgehungert. Ich hatte fast vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Da bin ich entgegen meinen Gewohnheiten zur Frühstückssitte meines Volkes zurückgekehrt.«

»Obwohl wir dabei sind, den 36. Grad nördlicher Breite in südlicher Richtung zu überschreiten. – Haben Sie Kythera gesehn, Durkley?«

Durkley nickte.

»Sehn Sie sich um«, fuhr Charlotte fort. »Aber erschrecken Sie nicht. Da über den Wolken ist Kreta.«

Er erkannte über den Wolken und Nebeln, die sich noch auf dem Meere ballten, einen beschneiten Berg – hoch, hoch oben unter dem Himmel: den kretischen Ida.

»Ist das nun Wirklichkeit oder Unwirklichkeit?« fragte Charlotte lachend. »Daß wir die Insel, die wir betreten sollen, zuerst über den Wolken sehen?«

Durkley wußte nicht, was er antworten sollte.

»Aber vielleicht interessiert Sie das jetzt gar nicht«, fuhr Charlotte fort. »Vielleicht sind Sie jetzt auch einmal ganz einfach glücklich – so wie ich?«

»Wenn es so etwas wie Glück überhaupt gibt«, sagte Durkley leise.

Da wandte sich Charlotte um, sah Durkley mitten ins Gesicht und lachte ihn ganz richtig aus.

»Warum übertreiben, Thomas Durkley! Wollen Sie's mit dem Glück machen wie mit der Wirklichkeit? Und nie etwas anderes sehen als Unglück und Unwirklichkeit? Was haben Sie davon, Durkley? Vielleicht, daß Sie feststellen können, wie gescheit Sie sind? Wenn Sie das noch nicht wissen sollten – Vielleicht, daß ich eine ganz verteufelte Lust bekomme, Sie auszulachen und Ihnen zu sagen: übertreiben Sie nicht, Thomas Durkley!«

Der Engländer war blaß geworden.

»Aber ich will nicht grausam sein, Durkley«, fuhr Charlotte fort. »Sie vertragen das nicht. Wahrscheinlich ist Ihnen noch von der gestrigen Schaukelei übel. Genießen Sie die ruhige See! Frühstücken Sie, Durkley!«

Und Thomas Durkley widmete sich wirklich in aller Ruhe dem heimatlichen Frühstück.

Es gab an diesem Sonntagmorgen auf dem »Quirinale« so etwas wie eine allgemeine Auferstehung. Coccumella kam vorüber, grüßte herzlich, schlug Durkley etwas zu heftig auf die Schulter und lachte Charlotte kameradschaftlich an. Aber er mußte sich Luft machen nach der Langenweile des Sturmtags.

»Ich sehe«, sagte er zu Durkley, »die Seekrankheit macht Appetit!«

Voll Bewunderung blickte er auf den üppigen Frühstückstisch, stolz darauf, daß sein Schiff solch fremdländische Wünsche zu erfüllen wisse. Und der Steward, der den Tee einschenkte, erhielt einen Belobigungsblick des Kapitäns, den er sich gar nicht erklären konnte.

Auch Giorgini, der Leidenskoje in den Tiefen des Schiffes entstiegen, erschien an Deck. Seine Haut war ein wenig hell und durchsichtig geworden, um seine Augen lag ein bläulicher Schatten, aber er bemühte sich um einen guten Gang und grüßte in militärischer Haltung. Immer noch fühlte er sich ein wenig schwach, warf einen prüfenden Blick auf die kaum bewegte Wasserfläche, ließ sich dann sehr langsam neben Durkley in einen Lehnstuhl nieder. Und winkte dem Steward.

»Den Kaffee«, sagte er.

Der Steward verbeugte sich.

Aber in dem Augenblick fiel Giorginis Blick auf Durkleys Frühstückstafel. Die Orangenmarmelade funkelte in der Sonne wie ein Edelstein.

»Psst!« sagte Giorgini, winkte dem Steward abermals, machte eine weite, Durkleys ganzen Tisch umfassende Handbewegung. »Den Kaffee, Steward, und alles das.«

»Ein englisches Frühstück mit Kaffee«, antwortete der Steward vorsichtig lächelnd. Und verschwand. Giorgini sah es noch seinem Rücken an, daß er der Meinung war, zu einem englischen Frühstück gehöre Tee.

Aber er ließ es sich trotzdem schmecken, indem er hin und wieder zu Durkley hinüberlugte, um zu beobachten, wie der Porridge zu zuckern, der Haddock zu schälen sei und wie dick man die Marmelade streiche. Beide, Durkley und Giorgini frühstückten mit wirklicher Anteilnahme. Und es war ein Vergnügen zu sehn, wie wohl ihnen das tat, wie ihre Farben wieder kräftiger, ihre Augen wieder lebhafter und wärmer wurden und wie sich die Unterhaltung allmählich belebte.

»Böser Tag gestern, was?« fragte der Kapitän seinen Landsmann.

»Ach, vergessen wir das«, antwortete Giorgini. »Dafür heute ein um so schönerer! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mir die Sonne gut tut!«

Allmählich fühlten sich Durkley und der Hauptmann so gestärkt, daß sie ihre Bordstühle verließen und an Deck auf und ab gingen, um zu sehen, was es zu sehen gab. Und es gab viel zu sehn,. Zumal Charlotte überall war, alles beobachtete, auf alles aufmerksam machte.

Da silberten winzige Fischchen vor einer gierigen Schar rötlicher Quallen daher. Da schaukelten sich Möwen im unsichtbaren Tauwerk des Himmels. Ein Dampfer zog in der besonnten Ferne vorbei, und es galt, mit dem Fernglas seine Nationalität zu erkennen. Fischerfahrzeuge ließen ihre Segel im schwachen Winde schlagen. Auf kleinen Inselchen sah man Blumen blühn. Ein Zug mächtiger Delphine schäumte heran, tauchte unter dem Kiel hindurch, ließ das Wasser unter kräftigen Flossenschlägen erzittern und schlang seine Sprungketten um das schwarze Schiff.

Auch Kreta, das Ziel der Reise, kam immer näher heran. Die Nebel, die es umschleiert, hoben sich, verwolkten in steilen Bergtälern, verflatterten um schneeige Kronen. Man sah hinein in die Tiefe der Buchten. Vorgebirge reckten sich den Wellen entgegen. Häuser reihten sich unter Eukalyptusfächeln an goldigen Sandufern. In einem weiten Golf kroch auf einem Felsen von Schildkrötengestalt eine weiße Stadt dem Meere zu: den Rücken überbeult von Kuppeln und überstachelt von zerbrochenen Minaretts: ein riesiges Schaltier am Felsengestade.

»Endlich wirklicher Orient!« rief Charlotte begeistert. »Man sollte denken, daß diese Stadt voller Neger ist!«

»Womit Sie gar nicht so unrecht haben, Mademoiselle«, antwortete der Kapitän. »In Kreta gibt's seit Türkenzeiten sehr viel Neger, die früher Sklaven waren. Fast alle Bootsleute in Kandia sind Schwarze.«

Charlotte freute sich so auf die Neger!

»Mama!« rief sie ihrer Mutter entgegen, als Maja nun auch an Deck erschien. »Weißt du es schon, daß es in Kandia richtige Neger gibt?«

Maja lächelte ein wenig über die Begeisterung ihrer Tochter. Und dies Lächeln erfaßte bald den ganzen kleinen Kreis. Der Kapitän machte seine allerblitzigsten Äugelchen. Giorgini verbeugte sich schulterstark und zeigte seine blendend weißen Zähne. Durkley schüttelte, ganz gegen seine Gewohnheit, Maja heftig die Hand und lachte sie an: lachte mit jenem kindlichen Ausdruck von Fröhlichkeit, der ihn manchmal so jung erscheinen ließ, daß die Menschen darüber staunten.

Auch Maja ließ sich das Frühstück an Deck bringen. Und da standen sie nun alle so dicht um den kleinen runden Tisch mit dem blauweißen Schiffsgeschirr, daß der Steward die größte Mühe hatte, Maja zu bedienen. Charlotte erzählte, was der Morgen schon alles beschert: Fische und Quallen, Segler und Dampfer, Klippen und Delphine. Giorgini lobte fleißig englische Frühstückssitten, die geschwächte Körper wieder zum Leben erwecken könnten. Der Kapitän sprach die Hoffnung aus, daß der Korinthenumweg seinen Gästen doch noch Freude machen werde. Und Thomas Durkley, sonst so schweigsam und zurückhaltend, legte den beiden Italienern die Arme über die Schultern, schaukelte mit seinen langen Beinen und lachte – auch dann, wenn es nichts zu lachen gab.

Ja, sogar Maja vergaß, was sie bedrückte: sie machte sich zunächst einmal keine Sorgen darüber, daß Doktor Hammer, von den anderen nicht vermißt, in diesem vergnügten Kreise fehlte.

Inzwischen näherte sich der Dampfer seinem Ziel. Er umbog ein spitzes Kap: so nah, daß man den schlangengrünen Stein der Klippen in der Sonne schillern sah, daß man die Vögel deutlich erkannte, die um einen verfallenen Uferturm kreisten. Dann legte sich mit goldgelben Graten und hellila Schatten eine Insel in den Weg. Aber sie wurde bald in schwarzblauen Wassern umschifft. Über dem Silbersand einer unendlich weiten Bucht, die das Gebirge in seinen riesigen Bogen schloß, erhoben sich plötzlich Bastionen, Zinnen, ein kantiger Turm. Dahinter Segel, weiße und rostfarbene.

Der Hafen von Kandia.

Der »Quirinale« verlangsamte den Gang seiner Maschinen. Im Bug wurde das Rauschen schwächer und schwächer. Einige Male erhob die Sirene ihren klingenden Ruf. Und dann warf der Dampfer zu den Füßen einer riesigen alten Bastion seinen Anker in die Flut.

Sofort wurde es lebhaft über dem Wasser. Zwischen dem dunklen Mauerwerk, das den altvenezianischen Hafen Kandias umschließt, erscholl lautes Rufen. Dann schossen, Silberschaum im Bug, bunte Boote, von kräftigen Ruderern vorwärts getrieben, aus dem schmalen Hafentore hervor, stürmten mit Wettrenngeschwindigkeit auf den »Quirinale« zu. Nur mühselig bahnte sich eine Motorpinasse, das Behördenfahrzeug, einen Weg zwischen ihnen, gelangte ans Schiff. Es blieb gerade noch die nötige Zeit, um die Falltreppe mit zwei Bewaffneten der Hafenwache zu besetzen, denn schon drängten die Boote heran, warfen ihre Taue enternd nach dem Dampfer aus, ballten sich in wildem Durcheinander unter der dunklen Bordwand.

Die Passagiere der Ersten lehnten sich über die Reling, um dies lärmige Schauspiel zu betrachten.

Aber kaum hatten die Ruderer die Fremden erblickt, so erhoben sie auch schon ein heftiges Geschrei. Trotz der unbequemen weiten Pumphosen, mit denen sie angetan waren, balancierten sie geschickt auf den Bootsbänken, hoben Arme und Ruder zu den Reisenden empor. Sechs oder acht Neger waren unter ihnen. Man hörte ihre kreischenden Stimmen und das Schnalzen ihrer Zungen, mit denen sie die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchten.

»Wenn Lenchen das sieht!« sagte Maja zu ihrer Tochter. »Du machst dir keine Vorstellung, was Lenchen für eine Angst vor Griechenland hat!«

Charlotte lachte.

»Heute morgen beim Anziehn«, fuhr Maja fort, »war sie geradezu unbrauchbar. Geradezu nachlässig. So sehr sind ihre Gedanken mit Angst erfüllt – ich weiß nicht, wovor. Als ob's hierzulande Menschenfresser gäbe!«

»Die Neger da«, sagte Charlotte, »wird sie bestimmt dafür halten!«

In diesem Augenblick war das Schiff den Bootsleuten freigegeben worden: die Hafenwache zog sich zurück. Und in wenigen Sekunden wimmelte das Oberdeck von schwarzen und weißen Männern. Sie kamen nicht nur über alle Treppen herauf, sie kletterten auch an Seilen und Säulen empor, schwangen sich blitzschnell über Geländer. Und plötzlich sah sich die kleine Schar der Passagiere umringt.

Fünfzig Bootsleute wollten vier Passagiere an Land fahren.

Aber vier Passagiere brauchten nicht einmal einen einzigen Bootsmann.

Trotzdem ließ sich die barfüßige Bande nicht aus der Fassung bringen. Auf der Stelle vertauschten sie die Rollen, verwandelten sich aus Ruderern rasch in Händler. Ihre Pumphosen erwiesen sich nun als geräumige Magazine, und aus allen ihren Falten kollerten plötzlich Waren hervor: Ketten und Zigarettenspitzen, Tonpfeifen und Muscheln, getrocknete Seepferdchen und rosige Korallenzweiglein.

Erst als auch der Handel nicht blühen wollte, zeigte sich tiefe Enttäuschung auf ihren Gesichtern. Und wenigstens die Weißen unter ihnen gaben den Kampf auf. Nun versackten sie rasch in den riesigen Pumphosen, die eben noch so munter um sie herumgeschlenkert, füllten unwillig wiederum ihre Hosenmagazine und wandten sich murrend den Treppen zu.

Hartnäckig blieben nur die Neger auf ihren Posten: ununterbrochen priesen ihre dicken Lippen den Wert ihrer Ware. Sie umzingelten die Passagiere, von Charlotte bestaunt und von den andern ein wenig belächelt. Sie gaben nicht nach, fanden immer neue Worte, schwätzten immer andere Sprachen, boten immer neues Zeug. Der schwarze Kreis, der da die Weißen gefangenhielt, schien unauflöslich.

Bis er plötzlich – mit einer Geschwindigkeit, die unfaßbar schien – auseinanderstob.

»Was ist denn los?!« fragte Charlotte.

»Sie haben entdeckt, daß es auch eine zweite Klasse gibt«, antwortete Giorgini lachend.

Alle richteten nun ihre Blicke aufs Deck der Zweiten hinüber.

Nein, viel gab es für die Schwarzen auch dort nicht zu holen. Da saß Herr Zapf neben Lenchen in der Sonne. Und sonst kein Mensch. Aber diese zwei Opfer genügten der Negerschar. In rasender Hast, immer bemüht, den andern zuvorzukommen, übersprangen sie Geländer und Decks, überkletterten Treppen, Taue und Eisenpfeiler und umzingelten die zwei blassen Gestalten, die nicht mehr Zeit genug fanden, sich zu flüchten.

Da hörte man bis aufs Deck der Ersten hinauf einen verzweifelten Schrei.

»Lenchen unter den Menschenfressern«, sagte Charlotte trocken.

Ein Rund gerundeter schwarzer Rücken und wolliger Köpfe verdeckte Lenchen den Blicken. Ein wildes Stimmengewirr erstickte ihre Stimme, die noch eben so laut geschrien. Sie muß in heller Verzweiflung sein, dachte Charlotte.

Schon fühlte sie Mitleid, wollte der Ärmsten zur Hilfe eilen, als plötzlich von anderer Seite Unterstützung kam.

Doktor Hammer betrat stürmisch das Deck der zweiten Klasse.

Er war beladen mit einer Anzahl kleiner Handkoffer, hatte einen Rucksack über die Schultern geworfen, Schirm und Stock unter die Arme geklemmt.

Wußte Hammer ein Zauberwort, das die Neger verstanden?

Oder hatte er nur ihre Dienste gefordert?

Eins von beiden bestimmt, denn wenige Sekunden nach seinem Erscheinen sah man Lenchen befreit. Der schwarze Kreis hatte sich in strampelnde Glieder aufgelöst. Und die Neger stürmten nun über Deck, der Falltreppe zu. Jeder mit irgendeinem Gepäckstück, das er Hammer entrissen. Der Archäologe hinter ihnen her.

Maja war, während sie diese Szene mit dem Blick verfolgte, sehr blaß geworden.

Sie eilte nun an die andere Seite des Schiffs, wo man die Falltreppe überblicken konnte.

Hammer erschien, stolperte hastig die messingbeschlagenen Stufen hinunter.

Soll ich rufen? dachte Maja. Warum soll ich eigentlich nicht rufen?

Und sie rief:

»Hammer! Hallo! Hammer!«

Hatte er wirklich nicht gehört?

Er antwortete jedenfalls nicht. Er lief nur noch schneller. Mit einem gewagten Sprung gelangte er in das breite Boot, in dem bereits sein Gepäck verstaut war und sechs Negerruderer an den Riemen saßen. Er machte, dem Hafen zu, eine Handbewegung, die vielleicht heißen sollte: Rasch! Rasch!

Dann gaben zwei Schwarze dem Boot einen kräftigen Stoß, so daß die anderen rings gelagerten Fahrzeuge krachend auseinander flogen und der Weg sich öffnete. Sechs schwere Ruder tauchten in die See. Und das mächtige, gerundete Fahrzeug, von riesigen Armen getrieben, schoß schäumend durch die dunkelblauen Wasser der Bucht, der Hafeneinfahrt entgegen.

Nach wenigen Minuten verschwand es im Winkel zwischen den beiden Bildnissen der Markuslöwen, die seit Venezianerzeiten über Kandia wachen.

Maja nahm Durkley beiseite.

»Sie haben gesehn, Durkley?« fragte sie.

Durkley nickte.

»Mit allen seinen Sachen!« sagte Maja. »Ohne sich zu verabschieden!«

Durkley schwieg.

»Ich kann ihm doch nicht einfach nachfahren!« fuhr Maja fort. »Aber andrerseits – kann man ihn denn so laufen lassen?«

»Wenn er läuft«, antwortete Durkley und zog dabei die Augenbrauen so hoch, daß sie ganz unter seinen blonden Haaren verschwanden.

»Ach, lieber Freund, sagen Sie doch nicht so etwas! Alle Menschen haben Stunden, wo sie davonlaufen möchten. Auch Sie vielleicht. Aber weil einer da nachgibt – deswegen kann man ihn doch nicht gleich im Stich lassen. Nein, Durkley! Und ich werde Sie sogar bitten, mir in dieser Sache einen großen Gefallen zu tun.«

Durkley ließ seine Augenbrauen mit einem einzigen Schlag niedersinken.

»Nicht wahr, mein lieber Durkley, Sie werden mir diese Bitte nicht abschlagen? Sie werden mir helfen?! Ja? Ja, Durkley! Am besten ist's, Sie machen mit Charlotte und Lenchen einen Landausflug. Ohne mich natürlich –«

Durkley nickte bejahend.

»Allerdings braucht Charlotte nicht zu wissen, was der eigentliche Zweck dieses Ausfluges ist.«

»Charlotte weiß alles«, antwortete Durkley leise.

»Das?!« rief Maja erschreckt.

»Alles, sagte ich, gnädige Frau!«

Maja verstand nicht.

»Charlotte weiß immer alles. Und deswegen brauchen Sie gar nicht mit ihr darüber zu reden. Sie wird auch dann noch verstehen.«

Sie schwiegen eine Weile.

Endlich rief Maja Charlotte heran, machte ihr den Vorschlag, mit Durkley allein an Land zu gehn. Sie selbst sei von der Seekrankheit noch allzu ermüdet.

»Und vielleicht«, fügte sie hinzu, »nehmt ihr auch Lenchen mit. Damit sie sich etwas erholt. Und wieder ein wenig brauchbarer wird.«

Die beiden waren einverstanden, und Charlotte ging, um Lenchen zu rufen. Sie fand die Zofe noch in hellster Aufregung über den Negerangriff, dem sie soeben entgangen.

»Und wenn Sie's nicht glauben wollen, Fräulein Charlotte«, so berichtete sie erregt, »dann fragen Sie nur Herrn Zapf. Die Mohren kamen auf mich zu, mit ihren weißen Zähnen und ihren riesigen Händen und wollten mich einfach mitnehmen. Sie umzingelten mich von allen Seiten, und ich dachte schon, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Ja, mein letztes Stündlein, Fräulein Charlotte! Aber da rettete mich ein Wunder. Plötzlich stoben die Mohren auseinander. Plötzlich! Wie auf ein Zauberwort. Und wissen Sie, warum? Herr Zapf hatte die Mädchenhändler beschworen! Hab' ich's nicht immer gesagt, daß Herr Zapf unser Schutzengel ist, Fräulein Charlotte?«

»Und nun erholen Sie sich von dem Schrecken«, antwortete Charlotte, »und kommen Sie ein wenig an Land mit uns. Nicht wahr, Lenchen?«

Als Lenchen das hörte, ergriff sie Charlotte beim Arm und führte sie fast mit Gewalt an die Reling.

»Psst!« sagte sie. »Psst!«

Charlotte sah auf.

Dann streckte Lenchen ihren Arm zeigend nach dem Ufer aus, nach den Bastionen der Hafeneinfahrt, und riß dabei ihre Augen weit und furchtsam auf.

Aber Charlotte begriff nicht, warum.

»Was gibt es denn da?« fragte sie.

»Aber sehen Sie denn nicht, Fräulein Charlotte? Das Bild da! Genau wie in Venedig!«

Da mußte Charlotte laut lachen. Denn was ihr Lenchen wies, das waren die steinernen Bilder geflügelter Markuslöwen, die seit Venezianerzeiten die Hafeneinfahrt von Kandia schmücken.

»Und Sie glauben vielleicht, da geh ich an Land?« fragte Lenchen streng.

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