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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
sendergerd.bouillon
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VI

Am Sonnabend, kurz nach Mitternacht, verließ der »Quirinale« den Hafen von Patras. Der Himmel bezog sich, die Luft wurde undurchsichtig und naß, ein scharfer Nordwest zerwühlte die peloponnesischen Küstengewässer. Als der Dampfer dem Windschutz der Insel Zakynthos entglitt, erhielt er von rückwärts halbschrägen Wellengang und geriet in eine Bewegung, die zwischen Schlingern und Stampfen grausam die Mitte hielt.

Es wurde keine angenehme Nacht für die Passagiere.

Maja ertrug die unregelmäßige und oft heftige Bewegung des Schiffes schlecht. Sie schlief einen schweren, unruhigen Schlaf. Hin und wieder wachte sie mit einem Schreckensgefühl auf, wenn irgendwo Ketten klapperten, Türen schlugen oder ein schwerer Gegenstand auf den Bordplanken umfiel. Durkley lag schwach und melancholisch in der Koje, unfähig sogar, seine traurigen Gedanken wie sonst dem Tagebuch anzuvertrauen. Giorgini war geradezu krank. Und Lenchen litt so sehr unter der Seekrankheit, daß sie sich dem Tode näher fühlte als dem Leben; in die Kabine eingeriegelt, vergingen ihr die Stunden in lauter Angst und Entsetzen.

Nur Charlotte verbrachte eine gute Nacht. Lange sah sie am Abend zur Luke hinaus: in die dunkle See, in die weißen Wellenkeile, die die Lichter des Schiffs gespenstisch durchleuchteten. Dann schlief sie ein, träumte von einem Sturm irgendwo im Weltmeer und fühlte sich träumend als Reisende in den fernsten Ländern. Sie erwachte erst im Morgengrauen, blieb aber noch in ihrer Koje liegen, denn sie sah, daß der Himmel regnerisch, die See noch unruhig, die Küste verschleiert waren, daß sie an Deck keinerlei Aussicht erwartete. Und ihre Gedanken verweilten bei ihren Träumen.

Bis sie plötzlich über ihrem Kopf Schritte hörte: auf und ab, ab und auf. Kommen und Gehen.

Ob das wieder einmal Durkley ist? dachte Charlotte. Ob er auch diese Nacht an Deck verbracht, ob er vielleicht wieder auf mich gewartet hat, um mir dennoch zu sagen, was er mir eigentlich gar nicht sagen will?

Und was ich nicht einmal hören will?

Denn Charlotte fühlte, wie peinlich, wie unerträglich es für sie gewesen wäre, wenn Durkley wirklich gesprochen, wenn er seine Gefühle nicht mehr dem schwarzen Wachstuchheft, das jetzt zwischen ihnen stand, sondern unmittelbar ihr selbst anvertraut hätte; wenn sie mit ihren eigenen Ohren gehört hätte, wovon sie bis jetzt nur im geheimen las: von Durkleys Leidenschaft für ihre Mutter.

Sie beschloß, einem Alleinsein mit ihm aus dem Wege zu gehn.

Schade aber, dachte Charlotte. Wäre er vernünftiger und diese Liebe in ihm nicht so heftig und sein Wille, sich auszusprechen – gerade mir gegenüber auszusprechen –, nicht so groß, was könnte man für schöne Stunden zusammen verbringen!

Denn Charlotte erinnerte sich gern an die vergangene Nacht und an den leuchtenden Sonnenaufgang über Korfu. Er war so anders gewesen als der heutige Morgen mit seinem traurigen Himmel und seiner rauhen See.

Der Wellengang hatte zwar in der Dämmerung ein wenig nachgelassen, aber er war immer noch lebhaft genug, um die Empfindlichen in ihre Kojen zu zwingen. Maja fühlte sich, als sie aus unruhigem Schlaf erwachte, viel zu schwach, um aufzustehn, und Charlotte ließ ihr das Frühstück ans Bett bringen. Sie half der Mutter dann bei der Toilette, denn mit Lenchen war immer noch nicht zu rechnen. Charlotte mußte ein Umhängetuch holen, Kissen, Decken, Bücher, und die Koje ordnen, in der sich Maja nun für die nächsten Stunden einrichtete. Als Charlotte später an Deck kam, sah sie, daß selbst der große, starke Doktor Hammer blaß aussah: unter seiner rötlichen Haut lag ein grünlicher Schimmer, wie in den Gesichtern auf alten Gemälden, deren Untermalung durchgeschlagen ist. Er trug eine noch ernstere Miene als sonst zur Schau, einen gezwungenen Blick. Auch er machte die größten Anstrengungen, um der Seekrankheit Herr zu werden. Aber anmerken lassen wollte er sich nichts.

»Einfach Willenssache«, sagte er zu Charlotte. »Zusammennehmen, die Zähne aufeinanderbeißen. Frische Luft, andere Gedanken. Konzentration – fort von der Vorstellung, daß einem das Meer etwas anhaben könnte. Du siehst, daß ich mich mit Hilfe dieses Rezepts sehr wohl befinde.«

Charlotte dachte, daß sie selbst sich auch ohne solche Anstrengungen sehr wohl befand. Aber sie hütete sich, das auszusprechen.

»Wer die geringsten geistigen Fähigkeiten hat«, so fuhr Hammer fort, »der verfügt auch über die geringste Willenskraft. Deswegen werden untergeordnete Geister meist zuerst seekrank. Und außerdem am heftigsten. Du siehst das an Lenchen. Dann packt es solche Menschen wie Durkley, die eine Neigung haben, sich zu verzärteln. Schließlich – –«

»Aber auch Mama fühlt sich gar nicht wohl«, unterbrach Charlotte.

»Weil sie denkt: Seekrankheit muß sein!« erwiderte Hammer. »Weil sie meint, das ließe sich auf Reisen nicht vermeiden, und sich einfach fügt. Weil sie mein Rezept noch nicht kennt. Aber ich werde ihr sagen, wie ich es mache. Und du wirst sehen, Charlotte! – – Meinst du, daß ich jetzt einmal hinuntergehn kann?«

Charlotte fand eigentlich, daß Mama heute morgen besser allein geblieben wäre. Aber sie antwortete doch, ein wenig verschüchtert, wie immer, wenn sie mit ihrem Lehrer sprach:

»Wie Sie meinen, Herr Doktor.«

»Ich bin überzeugt, daß ich ihr diese sogenannte Krankheit ausreden kann«, erklärte Hammer mit Nachdruck. »Ich fühle das. Aber unter der Bedingung, daß ich allein mit ihr bin, daß ich richtig auf sie einwirken kann, daß uns niemand stört. – Nicht wahr, Charlotte, du wirst uns nicht stören?«

Es fiel Charlotte auf, daß Hammer die letzten Worte gegen seine Gewohnheit sehr sanft und fast bittend sagte.

»Nein«, antwortete sie, sie würde nicht stören.

Denn sie sah ein, daß Hammer von seinem Vorhaben doch nicht abzubringen war. Und führte ihn zu ihrer Mutter.

Solch eine Schiffskabine war eigentlich viel zu klein für diesen riesigen Menschen. Er mußte sich bücken, als er durch die Tür trat. Lange sah er sich vergebens nach einem für ihn geeigneten Sitzplatz um, bis er endlich den Waschtischdeckel herunterklappte und darauf Platz nahm. Nun durchquerten seine Beine den ganzen Raum; der Oberkörper duckte sich unter dem kleinen Holzgestell, das die Gläser trug.

»Wenn wir uns hier zu dritt aufhalten wollten«, sagte Charlotte, »so würden wir uns wahrscheinlich in der kürzesten Zeit um den Platz streiten. Ich gehe lieber auf Deck.«

»Auch deswegen«, antwortete Hammer, »weil es gegen die Seekrankheit gar nichts Besseres gibt als frische Luft«

Charlotte verließ die Kabine und schloß die Tür hinter sich.

»Fühlt sie sich denn auch schlecht?« fragte Maja erstaunt.

»Alle fühlen sich schlecht«, antwortete Hammer mit Nachdruck. »Alle! Die See war ja heute nacht wirklich sehr unruhig. Aber die Menschen geben sich zu leicht dieser sogenannten Krankheit hin. Man muß mit dem Willen dagegen ankämpfen, muß sich ganz einfach sagen: das gibt es nicht! Und dann wird es auch weiter nicht schlimm werden.«

»Ich fühle mich nur ein wenig schwach«, meinte Maja. »Sonst nichts. Aber liegen muß ich natürlich.«

»Ob das so sicher ist?« erwiderte Hammer. »Ob das – verzeihen Sie! – nicht vielleicht Einbildung ist, wie die Seekrankheit überhaupt? Ich glaube es fast, Frau Maja.«

»Dann möchte ich, daß Sie einmal ein paar Minuten an meiner Stelle wären!« gab Maja zurück. »Sie würden sehn, daß ich wirklich nicht aufstehn kann.«

Hammer runzelte die Stirn; es zuckte wie Flammen in seinem Rotbart, und seine Brauen bogen sich streng. Auch seine Augen waren dabei, tadelnde Blicke auf Maja zu richten, als er sah, wie durchsichtig und muschelblaß ihre Haut im schönen Bogen der pechschwarzen Haare stand. Mit Staunen sah er es. Er verschwieg, was er hätte sagen wollen.

Und dann wurde auch in diesem Augenblick das Schiff wieder von einer höheren Welle schräg nach vorwärts gedrückt, und er mußte die Zähne zusammenbeißen.

Maja wurde noch blasser.

»Aber auch Sie sehen nicht gut aus, lieber Hammer«, sagte sie schließlich. »Auch Sie sollten sich vielleicht niederlegen?«

Hammer schüttelte den Kopf und schwieg.

»Sie sitzen da abscheulich schlecht und zusammengedrückt«, sagte Maja. »Es ist zwar sehr nett von Ihnen, daß Sie mir einen kleinen Krankenbesuch machen. Aber wäre es nicht vielleicht doch besser, wenn Sie wieder an die Luft gingen?«

Hammer schüttelte abermals den Kopf.

Und wieder kam eine größere Welle, wieder sah Maja wie vorhin den gewaltsamen Ausdruck in Hammers Gesicht. Aber auch sie fühlte den Wasserstoß, senkte den Kopf in die Kissen und schloß auf einen Augenblick die Lider.

»Ein dummes Gefühl!« meinte sie schließlich. »Ich habe gar keine Angst, daß es schlimmer wird. Auch ich kann mich zusammennehmen. Und das Liegen tut mir wirklich gut. Aber ich muß schon sagen, daß ich lieber an Deck spazierenginge und in die Landschaft hinaussähe.«

»Ich nicht«, antwortete Hammer mit verbissenem Ausdruck. »Ich nicht, Frau Maja.«

Maja sah ihn sehr erstaunt an. Warum sagte Hammer das so?

»Ich möchte nicht an Deck sein«, fuhr Hammer fort. »Ich möchte nicht unter Menschen sein. Ich möchte überhaupt niemand sehen. Sie wissen, Frau Maja, daß ich alles Krankhafte hasse.« Und langsam fügte er hinzu: »Können Sie sich da vorstellen, daß ich der Krankheit heute trotzdem dankbar bin?«

Maja konnte sich gar nichts vorstellen.

»Können Sie sich vorstellen, daß ich mich sogar über die Krankheit freue? Nein? Nein, Frau Maja?! – So will ich Ihnen sagen, warum. Weil ich auf diese Weise einmal mit Ihnen allein sein kann. Weil ich auf diese Weise etwas mit Ihnen besprechen kann, was mir wichtig ist.«

»Wichtig?« fragte Maja leise.

»Sehr!« erwiderte Hammer. »Sehr! Entscheidend, Frau Maja.«

Nach diesen Worten schwieg Hammer abermals. Und diesmal für eine ziemlich lange Zeit.

Was konnte so wichtig sein, dachte Maja, daß Hammer es unter vier Augen mit ihr besprechen mußte? Sie hatten eigentlich noch niemals unter vier Augen miteinander gesprochen. Auch in den Berliner Jahren nicht. Niemals war dazu Gelegenheit gewesen, niemals hatte sich dazu ein Anlaß oder ein Bedürfnis gezeigt. Denn Charlottens Unterricht wickelte sich immer so klar und einfach ab, daß man sich's gar nicht besser wünschen konnte. Und wenn es darüber dennoch etwas zu besprechen gegeben, so war das zwischen ihrem Mann und Hammer abgemacht worden. Und sonst? Warum hätten sie sonst allein miteinander sprechen sollen? Und was wollte ihr Hammer nun sagen: Wichtiges, sehr Wichtiges, gar Entscheidendes?

Eigentlich fühlte Maja eine gewisse Neugier. Neben der Neugier ein ganz klein wenig Angst. Und deswegen sagte sie:

»Meinen Sie, daß jetzt der richtige Augenblick dazu ist?«

Hammer nickte.

»Jetzt, wo Sie sich nicht wohl fühlen und ich mich nicht wohl fühle?! Und dazu in dieser engen Kabine?«

Bei dieser Frage sah Hammer Maja mit einem wilden, entschlossenen, ganz gespannten Blick an und sagte leise, sehr leise, aber mit hochgesteigertem Akzent:

»Jetzt oder nie, Maja!«

Und Maja erschrak. Weniger über dies »Jetzt oder nie« – denn darüber mußte sie innerlich sogar lachen – als darüber, daß Hammer nicht »Frau Maja« gesagt hatte wie sonst, sondern »Maja«. Sie kannte es so gut, dies altmodische »Frau Maja«, das sie immer ein wenig an Ritterromane erinnerte. Sie hatte sich bei Hammer so sehr daran gewöhnt und fand, daß es ganz ausgezeichnet zu seiner teutonischen Heldengestalt, zu seinem hohenstaufischen Rotbart passe. Warum änderte er plötzlich die Anrede? Warum nannte er sie mit dem bloßen Vornamen?

Sie fühlte, daß das nichts Gutes zu bedeuten hätte.

Hammer holte zu seiner Rede sehr weit aus:

»Ich habe heute die ganze Nacht ohne Schlaf verbracht«, so begann er. »Nicht etwa, weil mich der Seegang störte. Keineswegs. Ich hatte mich durch energisches Zusammennehmen in vollkommener Gewalt. Aber weil ich über das nachgedacht habe, was ich Ihnen nun sagen will. Es war ein schweres, gründliches, eingehendes Nachdenken. Aber es hat mich zu dem Ergebnis geführt, daß ich entschlossen bin, Ihnen alles zu sagen.«

Hier unterbrach sich Hammer einen Augenblick. Es war, als ob er sich sammle. Dann fuhr er fort:

»Alles! Auch das, was mich Ihnen gegenüber in ein ungünstiges Licht bringen konnte. Auch das, was bestimmt ein Unrecht von mir war. Ich beziehe mich damit auf Charlotte.«

Maja erschrak heftig.

»Ja, auf Charlotte«, sagte Hammer mit harter Betonung.

Eine Reihe von Gedanken flogen durch Majas Kopf: sollte ihr Mann doch recht haben? War Hammer wirklich in Charlotte verliebt? Und Charlotte vielleicht gar in ihn? Und was war dann das Unrecht, dessen Hammer sich bezichtigen mußte?

»Ich möchte da auch von meinem Beruf, der Archäologie, reden«, sagte Hammer nun. »Sie wissen, daß ich diesen Beruf sehr ernst nehme, daß ich ganz und gar darin aufgehe. Aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich doch einmal in meinem Leben dieser wissenschaftlichen Leidenschaft sehr, sehr untreu geworden bin. Daß ich sie betrogen habe! Und das war mit Charlotte.«

Kein sehr erfreulicher Vergleich, dachte Maja.

»Sie wissen auch, daß ich Charlotte immer für ein intelligentes und begabtes Kind gehalten habe. Und daß ich sie noch dafür halte. Aber ich muß nun doch sagen, daß ihr Interesse für Archäologie nicht ganz echt ist. Und zwar nicht durch ihre Schuld, sondern durch meine! Ja, durch meine, Maja! Ich habe dieses Interesse künstlich in ihr erweckt. Ich habe es in ihr gepflegt, wie man eine Pflanze in einem Boden pflegt, der nicht für sie geeignet ist. Ich habe Charlotte geradezu gewaltsam – mit geistiger Härte – in dieses Studium hineingetrieben und diese Reise ausgeklügelt, die eine archäologische werden soll. Sie werden denken, daß ich das alles blind, in übertriebener Begeisterung für meine Wissenschaft getan habe. Keineswegs! Kalt, berechnend, planmäßig habe ich dies Interesse erweckt, gefördert. Und zwar trotz meiner besseren Erkenntnis, daß ich Charlotte ebensogut für etwas anderes oder für gar nichts hätte begeistern können.«

An dieser Stelle schwieg Hammer abermals, blickte zu Boden, zog die Augen zusammen. Er dachte sehr angestrengt nach, er versuchte abermals sich zu sammeln.

»Wenn ich nur verstehen könnte«, sagte Maja sehr leise, »warum Sie so etwas getan haben, lieber Hammer.«

»Ich weiß es sehr genau«, erwiderte Hammer und schwieg wieder.

»Gott, ich kann es mir ja denken«, sagte Maja ernst, aber doch freundlich. »Ich muß es mir ja denken. Sie fühlten das Bedürfnis, einen Menschen, der Sie interessierte, geistig mit denselben Dingen zu beschäftigen, die Ihr Leben ausmachen. Ich verstehe das. Und dann dachten Sie an diese Reise –«

»Ja, Maja, an diese Reise dachte ich!« rief Hammer nun plötzlich sehr lebhaft.

»Sie wollten ihr alles zeigen, was Ihnen so wertvoll und wichtig ist«, für Maja fort. »Und Sie wollten, daß sie etwas davon hätte, daß sie etwas davon verstünde. Nicht?«

Hammer schwieg.

»Und nun finden Sie, daß das vergeblich gewesen ist? Daß sie sich mehr für Schiffe als für Archäologie interessiert. Und da tut es Ihnen leid –«

»Es tut mir gar nicht leid«, warf Hammer ein.

Maja sah ihn ernst an.

»Nicht einmal leid tut es Ihnen?« fragte sie dann mit sanftem Vorwurf.

»Nein!« rief Hammer. »Nein, Maja! Was ich wollte, ist erreicht. Wir sind allein! Wir reisen zusammen durch diese herrliche griechische Welt! Wir werden viele Wochen zusammen mit diesen Inseln, Bergen und Göttern verbringen. Wir können miteinander sprechen, so oft und so viel wir wollen. Von uns, von der Welt. Und kein Mensch stört uns. Kein Mensch hier hat ein Recht auf uns. Kein Mensch kann mir hier in den Weg treten. Hier kann ich sein, wie ich bin. Hier kann ich sprechen, wie ich denke. Hier kann ich Ihnen auch sagen –«

»Sie brauchen mir darüber gar nichts zu sagen«, unterbrach Maja. »Ich verstehe Sie ganz, lieber Hammer. Aber auch Sie müssen verstehen –«

Hammer stand jäh auf.

»Sie müssen verstehen, daß ich mich an diesen Gedanken erst gewöhnen, daß ich mich besinnen muß.«

»Besinnen?!« rief Hammer.

»Und sehn Sie, lieber Hammer«, sagte Maja sehr unerwartet. »Und überraschend. Nicht wahr? Und –«

»Überraschend?! Nach so vielen Jahren, Maja?!«

»Ja, ich wußte doch gar nichts, lieber Hammer. Und dann hatte mir Charlotte nicht das geringste gesagt.«

Hammer richtete sich hoch auf. Seine riesige Gestalt füllte den kleinen Raum vom Boden bis zur Decke. Wild und leidenschaftlich richtete er seinen Blick auf Maja.

»Und sehn Sie, lieber Hammer«, sagte Maja sehr sanft, »ich möchte doch auch wissen, was Charlotte darüber denkt.«

»Charlotte?!« schrie Hammer. »Charlotte?!«

Nun erst sah Maja seine Augen, die stahlgrau geworden waren. Und erschrak.

»Was Charlotte darüber denkt, daß ich ihre Mutter liebe?! – Ich kann Ihnen nur sagen, Maja, daß mir das vollkommen gleichgültig ist!!«

Maja wandte ihren Kopf. Sah sich den riesigen Menschen, der da vor ihr stand, an, erst besorgt, dann mit einem guten, freundlichen, herzlichen und sehr erstaunten Blick. Und nach einer Weile sagte sie:

»Das können Sie doch nicht im Ernst meinen, Hammer?«

Aber ihr Blick und der Ton ihrer Stimme und ihre Worte ließen Hammer feuerrot werden:

»Nicht im Ernst, Maja?!« fragte er mit verzweifelter Stimme.

Und nach einer Weile, bis zum äußersten gekränkt und beleidigt:

»Aber Sie – Sie kennen natürlich keinen Ernst. Ich hätte es wissen sollen, Maja. Aber Sie sollen noch sehn, was es heißt, einen Menschen wie mich nicht ernst zu nehmen!!«

Bei diesen Worten ergriff Hammer die Klinke, riß die Tür auf und stürmte hinaus.

Einige Sekunden später aber steckte er seinen riesigen Kopf noch einmal durch die Tür und schrie herein:

»Zwischen uns ist es aus, Maja! Aus!! Und nicht einmal Griechenland wird uns versöhnen!«

Dann flog die Tür wieder zu.

Was heißt das nun? dachte Maja. Was soll das nur heißen?

Aber eine große Welle, die den Dampfer emporhob – einmal – zweimal –, unterbrach sie in ihren Gedanken. In der Kabine fiel ein Wasserglas um. Sie fühlte sich sehr schlecht, mußte sich zurücklehnen, die Augen schließen. Nur mit Mühe überwand sie den Anfall.

Es wäre besser, dachte Maja, er könnte sich in seinen Reden so zusammennehmen wie gegenüber der Seekrankheit.

Im Gange draußen stieß Hammer auf Durkley, der aus seiner Kabine trat. Er hatte die laute Stimme des Archäologen gehört, war zu Tode erschrocken, sah nun mit Entsetzen, wie jener aus Majas Tür herausstürmte. Fast hätte Hammer den Engländer umgeworfen.

»Geht es Frau Schott schlecht?« fragte Durkley leise.

»Danach hätten Sie sich schon heute früh erkundigen können!« antwortete Hammer barsch und stürmte vorbei.

Eine halbe Minute später klopfte jemand bei ihm an: Giorgini.

»Aber was ist denn geschehen?« fragte der Hauptmann und lächelte ein wenig. »Wissen Sie etwas?«

Durkley schüttelte den Kopf.

»Ich hörte Herrn Hammer sehr heftig sprechen«, sagte Giorgini. »Ich hörte ihn Türen schlagen. Warum?«

Wieder wußte Durkley nichts zu antworten.

Der Italiener zuckte mit den Achseln, lächelte leise, bewegte ein bißchen seine Mundwinkel. So, als ob er sagen wollte: Man weiß ja! Man weiß natürlich!

Dann zog er sich zurück.

 

Kurz darauf wurde

Thomas Durkleys Tagebuch

um die folgenden Aufzeichnungen bereichert:

 

»An Bord, 18. März vormittags.

Man weiß ja! Man weiß natürlich! Selbst ein Mensch wie Giorgini weiß mit einem unverschämten Achselzucken, daß Hammer Majas Geliebter ist.

Der einzige, der es nicht weiß, ist Thomas Durkley.

Der einzige, der so naiv ist.

Dabei gibt es unter den beiden bereits Eheszenen und Polterstreit. Eben hat Hammer in wilder Aufregung ihre Kabine verlassen, nachdem ich zuvor seine Stimme sich überschlagen hörte. Eben hat er mich angefahren – wie ein Herr seinen Diener anfährt. So wie ein Mensch, der seines Besitzes sicher ist, handeln mag. Weil ich mir erlaubt habe, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Nicht einmal das darf ich: so alt und alleinig sind seine Rechte.

Mir bleibt nichts, gar nichts. Nicht einmal ich selbst bleibe mir.

Ich hatte noch so sehr auf ein Gespräch mit Charlotte gehofft, auf ihren Rat und ihren Trost. Aber ich fühlte, daß mir auch diese Erleichterung verwehrt bliebe. Durch den unglücklichen Zufall, daß der einzige Mensch auf der Welt, zu dem ich Vertrauen habe, ausgerechnet Majas Tochter ist. Eine menschliche Zusammenstellung, so abscheulich verwickelt, daß sie eigentlich nur mir begegnen kann.

Diese Nacht – ich litt unter dem Seegang und konnte kein Auge zutun – waren alle meine Gedanken bei Charlotte: bei dieser unmöglichen Möglichkeit, mit ihr zu sprechen. Ich erinnere mich, daß ich ruhiger wurde, daß ich mich leichter fühlte und Augenblicke von Hoffnung mich ansahen. Es gab Sekunden, in denen ich Maja vergessen und so intensiv an Charlotte denken konnte, die mich freundlich anblickte, gütig und beruhigend und doch ein wenig spöttisch zu mir sprach und sagte: Machen Sie Gedichte, Durkley! Machen Sie ein schönes Gedicht für mich, Durkley!

Ich erinnere mich sogar, daß ich ein Gedicht schrieb, das nicht für Maja war – wie seit Jahren ein jedes –, sondern für Charlotte.

So stark war die Hoffnung auf Trost bei mir. So dringend bedurfte ich dieses Trostes.

Trost allein? Hoffnung! Immerhin noch Hoffnung, daß ich den Mut finden würde, zu sprechen; daß vielleicht doch alles noch enden könnte, wie ich's seit Jahren gedacht. Trost wollte ich, um die Hoffnung zu nähren. Charlotte hätte mir sagen sollen: Mut, Durkley! Meine Mutter liebt dich, Durkley!

Wahnsinn!!

Wie wird Charlotte so etwas von ihrer Mutter sagen?

Oder werde ich sie gar fragen: Liebt mich deine Mutter, Charlotte?

Man weiß ja nie, was man in diesem Zustand tut. Und dann ist Fragen noch nicht das schlimmste. Das schlimmste wäre die Antwort: Sie liebt Hammer, Herr Durkley.

Ob Charlotte das überhaupt weiß? Ob sie das aussprechen würde?

Dann könnte sie gleich den Revolver mitbringen und sagen: Hier, mein lieber Freund, sehen Sie sich einmal die Unwirklichkeit da drüben wirklich an. Das dürfte die einzige Art sein, den horror vacui – und den Herrn Hammer – loszuwerden.

Dabei würde sie mir wahrscheinlich die Hand auf die Schultern legen und ein wenig spöttisch lächeln.

Und ich würde vielleicht unter diesem Lächeln ganz glücklich sterben.«

 

Während Charlotte diese Zeilen las, wurde sie rot vor Wut.

Arme Mama! dachte Charlotte. Da liegt sie in ihrer Kabine, kann sich nicht rühren und nicht wehren, und inzwischen bringt dieser Mensch die abgeschmacktesten Dinge über sie zu Papier!

Charlotte hätte wahrscheinlich vor lauter Ärger das schwarze Wachstuchheft zerrissen, wenn nicht plötzlich das Lachen über sie gekommen wäre. Denn dieser Geliebte, von dem Durkley schrieb, sollte ja niemand anderes als Doktor Hammer, der große rotblonde Doktor Hammer, ihr Lehrer, sein! Ausgerechnet der!

Konnte man so etwas überhaupt ernst nehmen?

Aber dann fiel Charlotte ein, daß sich da doch irgend etwas ereignet haben mußte, wovon sie keine Ahnung hatte. Gewiß nicht, was Durkley vermutete. Aber irgend etwas Besonderes doch. Nein, dachte Charlotte, ich weiß viel von dem, was auf diesem Schiffe geschieht. Doch nicht alles. Sonst würde ich mir jetzt erklären können, wie der arme Durkley auf solche dummen Gedanken kommt. Und warum Hammer heute früh so heftig darauf bestanden hat, mit Mama zu sprechen, allein mit ihr zu sprechen. Und was Durkley mit den Szenen meint, von denen er schreibt.

Armer Durkley! dachte Charlotte. Er ist wirklich nicht ganz bei Sinnen. Wem solche Sachen einfallen – –

Die Selbstmordgedanken zum Beispiel.

Gewiß, die erschreckten sie nicht. Es war ihr, als ob in diesem seltsamen Tagebuche schon lange von dergleichen hätte die Rede sein müssen. Es war ihr, als ob sie schon immer bestimmt mit diesem Wort »Revolver« gerechnet hätte. Jedenfalls nahm sie es nicht sehr ernst. Konnte sogar ein wenig darüber lachen. Und sie ging schließlich beruhigt in die Kabine ihrer Mutter hinüber.

Maja fühlte sich immer noch elend: der Seegang wollte nicht nachlassen. Sie lag schwach, erschöpft, aber still und ergeben in ihrer kleinen Koje und versuchte einzuschlafen. Hammers leidenschaftlicher Angriff hatte sie sehr erschreckt. Aber die Kräfte reichten nicht aus, um über die Folgen seines unsinnigen Schrittes nachzudenken. Sie hatte nur eine unbestimmte Angst, daß ihre Reise nicht so glatt verlaufen werde, wie sie erwartet.

Als Charlotte kam, um nach ihr zu sehen, erzählte sie ihr kein Wort von dem, was vorgefallen war. Und nicht nur, weil sie sich zu schwach zum Erzählen fühlte.

»Wo ist Hammer?« fragte sie nach einer Weile.

»Der geht, um sich abzuhärten, im Regen auf dem oberen Deck spazieren und friert«, antwortete Charlotte.

»Und Durkley?«

»Noch nicht gesehen«, antwortete Charlotte kurz.

»Wahrscheinlich auch von der See etwas angegriffen«, meinte Maja. »Grüß ihn schön von mir, wenn du ihn siehst. Und sag ihm, daß er mich besuchen darf, wenn er Lust dazu hat.«

Aber als Charlotte wieder hinaufkam, sagte sie Durkley gar nichts.

Er saß, müde, noch immer ein wenig angegriffen und blaß, mit einem Ausdruck tiefer Verzweiflung in einem Winkel des Salons und rauchte eine Zigarette nach der andern. Charlotte wußte, daß sie ihn hätte trösten können: mit ihm sprechen, ihm sagen, daß Mama seinen Besuch wünschte.

Doch sie tat es nicht.

Wenn er so etwas von Mama glaubt! dachte Charlotte.

Sie ging an ihm vorbei, die Treppen zum Oberdeck hinauf und rückte sich einen Lehnstuhl in den Wetterschutz der Kommandobrücke.

Es hatte wieder zu regnen begonnen. Eiskalt klatschte das Wasser auf die Planken, rann die Gestänge hinab, fiel in die Boote und Segeltücher. Windgepeitscht prasselte es in die Wellen nieder. Schon hatte das Wetter die See verfärbt: kein grüner oder blauer Schimmer leuchtete mehr in den Wogentälern, der Schaum war farblos und metallisch, der Schatten grau. Und grau war auch die Küste: ihre bewegten Umrisse zergingen in eilenden Regenwolken. Umschleierte Inseln, übergraute Vorgebirge, umwölkte Berggipfel reihten sich im Osten. Im Westen aber, dem offenen Horizont zu, verschwammen Meer und Himmel zu einer einzigen Masse grundlosen grauen Wassers.

Doch Charlotte hatte den Mut, sich auch über dieses Wetter zu freuen: was wäre eine Seereise ohne Wind und Regen gewesen? Sie hätte fast noch Nebel und Sturm herbeigewünscht, den Klang des Nebelhorns, von dem sie gelesen; unheimliche Schiffsbegegnungen in undurchsichtiger Luft. Ja, Piraten und Seeräuberei!

Aber all das ereignete sich nicht. Es war ganz einfach ein trauriger Tag. Und durch diesen traurigen Tag zog der »Quirinale« langsam und schwerfällig seinen Weg. Einem Korinthenhafen entgegen.

Charlotte erblickte den Kapitän in seinem Salon. Er saß in einem Lehnstuhl, hatte eine Flasche Kognak vor sich stehen, rauchte eine lange schwarze Zigarre und las in einem großen Band illustrierter Zeitschriften. Wahrscheinlich langweilte er sich sehr.

Als er das junge Mädchen sah, stand er sofort auf und ging zu ihr hinaus.

»Nun, Mademoiselle«, sagte er, »kümmert man sich auch wieder einmal um den Kapitän? Oder ist der vergessen? Oder denkt man nur sehr ungern an ihn?«

»Man denkt«, antwortete Charlotte freundlich, »daß ihm das Wetter zu schaffen macht«

»Natürlich, natürlich!« antwortete Coccumella. »Versteht sich – der Kapitän ist schuld! Nicht wahr, so ist es, Mademoiselle? Er hätte besser daran getan, uns schon in Patras an Land zu setzen. Ja, wenn man vorher gewußt hätte, daß wir solch ein Wetter haben würden!«

»Wenn man zur See reist, muß man sich darauf gefaßt machen«, erwiderte Charlotte.

»Ich bewundere Sie, daß Sie den Seegang so gut vertragen«, sagte der Kapitän. »Und nun gar noch in der Kälte sitzen! Wollen Sie nicht ein wenig hereinkommen und sich wärmen? Sonst geht es Ihnen vielleicht noch wie den andern Passagieren!«

Charlotte folgte seiner Einladung.

»In der Wärme«, meinte Coccumella, »hält man es nämlich besser aus. Es gibt ja Leute, die der Frischlufttheorie huldigen. Zum Beispiel Herr Doktor Hammer. Aber Sie hätten ihn sehen sollen, als er vorhin hier vorbeikam! Trotz all der frischen Luft blaß wie ein junges Mädchen! Mit einem Gesicht, das einem leid tun konnte!«

»Wieso?« fragte Charlotte interessiert.

»Wieso, Mademoiselle? Ihm war einfach hundsmiserabel schlecht. Er rannte in einer Art von Verzweiflung auf und ab – als ob ihm ein Seegespenst im Nacken säße. Ich fürchte –«

»Daß er besser daran getan hätte, den Korinthenumweg zu vermeiden«, sagte Charlotte lachend.

In diesem Augenblick kam Durkley vorüber. Er trug eine Mütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, einen Regenmantel, dessen hochgeschlagener Kragen ihm den Hals bedeckte.

So ging er wiederholt vor dem Kapitänssalon auf und nieder.

Dann sah er ein paarmal so von ungefähr in den Salon hinein. Er langweilte sich. Oder, genauer gesagt, er hätte sprechen wollen.

Gewiß nicht über das Wetter wie der Kapitän und ich, dachte Charlotte. Aber sprechen!

Esposito Coccumella fühlte sich zu wohl in der Gesellschaft des jungen Mädchens, als daß er die Unterhaltung mit ihr unterbrechen, den Engländer hätte hereinrufen mögen. Und auch Charlotte tat so, als ob sie Durkleys Blicke nicht gesehen hätte. Sie war noch böse auf ihn; hatte nicht vergessen, was er ihr wider Willen durch sein Tagebuch erzählt. Munter plauderte sie mit Coccumella: über die Reise, den Seemannsberuf. Und inzwischen sah sie mit Schadenfreude, wie Durkley immer wieder vorüberging, wie ihn der Regen mehr und mehr quälte, wie seine Blicke häufiger und auffälliger wurden.

Und wenn Sie noch so gerne reden wollen, Thomas Durkley, dachte Charlotte, ich will Sie nicht hören!

Aber plötzlich wurde der Kapitän abgerufen, mußte in den Maschinenraum hinuntergehn. Und kaum hatte er das obere Deck verlassen, als auch schon Durkley in den Salon trat und auf Charlotte zukam.

»Ich muß Sie sprechen, Charlotte!« sagte er leise, aber mit Nachdruck.

Charlotte sah ihn an, ohne eine Miene zu verändern.

»Ich muß Sie unbedingt sprechen!«

»Fühlen Sie sich sehr schlecht, Herr Durkley?« fragte nun Charlotte.

Durkley verlor die Sicherheit:

»Schlecht? – Wieso schlecht? – Nein, gar nicht. Ich vertrage die See ganz leidlich. Ich habe mich schon erholt.«

»Und dann?« unterbrach Charlotte. »Was dann?«

»Sagen Sie, Charlotte, sagen Sie«, rief Durkley nun plötzlich mit Leidenschaft, »was hat nur Hammer gegen mich?!«

»Hammer?«

»Ja, Hammer. Heute morgen – wissen Sie –, ich kam aus der Kabine. Er war gerade bei Ihrer Mutter gewesen. Und ich fragte ihn, wie es Ihrer Mutter ginge. Da antwortete er mir: ›Danach hätten Sie sich schon früher erkundigen können.‹ Mit einem Ton! Ich muß sagen –«

»Ein wenig grob kann er ja sein«, meinte Charlotte beruhigend.

»Aber dann. Eben. Vor ein paar Minuten. Ja, Sie können sich das gar nicht vorstellen, Charlotte! Und ich kann es Ihnen nicht einmal richtig sagen! – Ich sitze im Salon. Lese. Plötzlich kommt er auf mich zu. Stellt sich mit dem Körper, mit diesem riesigen Körper quer vor mich. So, daß ich mich nicht von meinem Platz rühren kann. Beugt sich mit diesen riesigen Schultern über mich, steckt mir seinen roten Bart fast ins Gesicht und schreit mich an.«

»Schreit Sie an?!« fragte Charlotte beängstigt.

»Ja, Charlotte. Schreit mich an. Fängt an, mich zu beschimpfen. Packt mich bei den Schultern. Schüttelt mich.«

»Aber was hat er denn gesagt?«

»Ach, Charlotte, das kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen! Unmöglich. Er sagte, ich hätte sein Leben vernichtet. Hinterlistig, mit niedrigen, weltlichen Künsten hätte ich mich eingeschlichen in das Heiligtum seiner Seele. Hätte es vergiftet. Hätte ihn dem Tode geweiht. Ja, Charlotte – solche Dinge. Und dann plötzlich hat er mir den Rücken gekehrt. Rechts um. Dabei hat er mich fürchterlich auf den Fuß getreten. Und ist abmarschiert.«

»Und Sie wissen nicht, warum?« fragte Charlotte.

Durkley schwieg.

»Oder wollen Sie's mir nicht sagen?«

Durkley schwieg wieder.

»Ich will es auch gar nicht wissen«, fuhr Charlotte fort. »Gar nicht. Ich bitte Sie sogar darum, es mir nicht zu sagen. Unter keinen Umständen. Aber ich möchte Sie fragen, Durkley: war dieser Angriff so ganz unberechtigt? Haben Sie Hammer niemals beleidigt?«

Der Ausdruck des Engländers wurde Entsetzen.

»Haben Sie ihn niemals in der gleichen Weise beschimpft?« fragte Charlotte.

»Niemals!« antwortete Durkley.

»Ich meine nicht nur: mit Worten. Ich meine: sonst. In Gedanken, Durkley? In Ihren Gedichten zum Beispiel?«

Für lange Zeit schnitt diese Frage jedes Gespräch zwischen Ihnen ab. Einen Augenblick schien es Charlotte, als ob Durkley rückwärts taumle, als ob er das Gleichgewicht verlieren und hinfallen könne. Aber er erraffte sich wieder, drückte den Rücken durch und stand kerzengerade vor ihr.

Ein wenig grausam sah Charlotte diesem Kampf zu. Und dann fragte sie, nicht weniger grausam:

»Tut Ihnen der Seegang wieder schlecht?«

Durkley antwortete nicht. Aber er mußte sich setzen.

»Wollen Sie sich nicht lieber niederlegen?« fragte Charlotte.

»Ich bin ganz gesund«, erwiderte der Engländer leise. »Ganz gesund. Im Körper wenigstens. Aber, wenn Sie mich fragen wollen – ich meine, im Kopf. Nicht wahr? Man macht zu viele Aufregungen durch. Diese Szenen mit Hammer. Und nun –«

»Wieso: nun?« unterbrach Charlotte.

»Nun – wo Sie das alles wissen. Was ich denke. Woher wissen Sie immer, was ich denke?! Über Hammer, meine ich?«

Charlotte lächelte.

»Das hat nur so den Anschein, Durkley.«

Nun tat er ihr leid. In seinem Gesicht war eine Angst wie vor Gespenstern. Eine Unsicherheit, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben schien. Wenn er nun durch diese Gespräche noch schüchterner wird, als er schon ist? dachte Charlotte.

»Nehmen Sie das nicht so ernst, Durkley, was Hammer tut«, sagte Charlotte nun freundlich. »Nehmen Sie auch das nicht so ernst, was ich sage. Ist denn das Wirklichkeit? Vielleicht nur ein Teil jener Wirklichkeit, vor der Sie sich leider immer wieder verkriechen? – – Oder erinnern Sie sich nicht mehr an unsere Gespräche von gestern nacht?«

Durkley nickte.

»Ich habe noch sehr viel darüber nachgedacht. Und statt über Hammer zu sprechen, über seine Grobheiten und über Ihre etwas unfreundlichen Gedanken, sollten wir vielleicht lieber von diesen Dingen reden. Oder meinen Sie nicht, daß uns dann der Regentag rascher verginge?«

»Gewiß, Charlotte.«

»Denn sehn Sie, die Gespräche, die wir eben geführt haben, und Hammers Launen und Ihre Gedanken – die kommen doch nur alle vom Regenwetter. Dabei müssen wir noch froh sein, daß es uns so gut geht, und daß wir unsere Zeit an Deck verbringen können. Denken Sie nur an Mama, die den ganzen Vormittag in der Kabine verbracht hat!«

»Wirklich, Charlotte.«

»Wollen Sie sie nicht nach Tisch ein wenig besuchen? Sie würde sich so darüber freuen!«

Für einen kurzen Augenblick ging ein Lächeln über Durkleys Gesicht. Aber dann erblaßte er von neuem und stotterte die Frage:

»Aber was wird denn Hammer dazu sagen?«

Da wurden Charlottens Augen sehr böse und streng, und sie sagte kurz:

»Mama läßt Ihnen durch mich sagen, daß sie um einen Besuch bittet.«

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