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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
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IV

Maja und Charlotte waren in Thomas Durkleys Begleitung einige Stunden an Land gewesen. Zum Abendessen kehrten sie wieder an Bord zurück.

Im Speisesaal fanden sie eine Reihe neuer Passagiere, die auf dem Landweg Brindisi erreicht hatten und nun mit dem »Quirinale« nach dem Nahen Osten weiterreisten. Sie hielten mehrere Tische besetzt. Doch der Kapitän saß bereits an seinem Platz. Seine Tafel war heute abend prächtig mit Blumen geschmückt: ein Strauß roter und ein Strauß hellgelber Rosen überbuschten die Gedecke. Der Commendatore erhob sich, begleitete die Damen an ihre Sessel und sagte zu Maja:

»Wie Sie sehen, Madame, haben wir Zuzug erhalten. Ich habe aber dafür gesorgt, daß unsere kleine Gesellschaft zusammenbleibt, wie sie heut mittag war.«

Charlotte war entzückt darüber, daß sie auf dem »Quirinale«, dessen Kapitän sie so freundlich zu bevorzugen wußte, bereits eine bessere Stellung genossen: sie fühlte sich dadurch noch enger mit ihrem Schiff verbunden.

»Und was Sie uns für schöne Blumen hingestellt haben, Commendatore!« sagte Maja, indem sie sich über die Rosen neigte. »Ganz prachtvoll!«

Esposito Coccumella setzte ein listiges Lächeln auf. Seine Augen versanken in den Gewölben der rundlichen Backen und im Gebüsch seiner Brauen und wurden winzig klein. Dabei wackelte er ein klein wenig mit dem ganzen Kopf und drehte tänzelnd die Schultern, entschuldigend, abweisend und doch voll Versprechungen.

»Nicht von mir, Madame!« sagte er. »Nicht von mir, Mademoiselle. Leider auch nicht aus den Gärten der Schiffahrtsgesellschaft oder aus den Treibhäusern des ›Quirinale‹.«

Währenddessen hatten, kurz hintereinander, Tschefik Bey und der Hauptmann Giorgini den Saal betreten. Sie begrüßten die Damen und den Kapitän und nahmen ihre Plätze ein.

»Sie tun sehr geheimnisvoll, Herr Kapitän«, sagte Charlotte zu Esposito Coccumella. »Aber ich fürchte, daß ein Schiff zu klein ist, um Geheimnisse bewahren zu können, und daß es doch noch herauskommen wird, wer die wundervollen Blumen hier auf den Tisch gestellt hat.«

Bei diesen Worten verneigten sich der Gesandte und der Hauptmann ein wenig vor ihren Nachbarinnen, lächelten leise und bedeutungsvoll, und Tschefik Bey küßte Maja die Hand. Coccumellas Gesicht strahlte: er glaubte zu fühlen, daß die große Welt im Speisesaal seines Fünftausend-Tonnen-Dampfers ihre Art und ihren Glanz entfalte.

Jetzt betrat auch Thomas Durkley den Saal und kam auf den Kapitänstisch zu. Die anderen Herren grüßten höflich, aber kurz; Coccumella forderte ihn mit einer sachlichen Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Es war klar, daß er an diesem Tisch nur geduldet wurde.

Denn mit ihren Rosen glaubten sich Tschefik und Giorgini ein unveräußerliches Recht auf ihre Nachbarinnen erworben zu haben. Sie redeten emsig auf sie ein, so daß Thomas Durkley gar nicht zu Worte kam – wenn er schon hätte zu Worte kommen wollen – und daß Esposito Coccumella die Zeit dazu fand, in Ruhe das wie immer überreichliche Menü zu verzehren. Denn er aß in der Angst, daß während des Abendessens die Abfahrtsstunde herankommen könne, spornte die Stewards zu immer größerer Eile an. Aber es nützte ihm nichts: zwischen dem Eis und dem Käse mußte er auf die Kommandobrücke eilen, das Freimachen des Dampfers vom Uferkai überwachen. Er kehrte erst zurück, als bereits der Kaffee und die Liköre gereicht wurden.

Kurz darauf erhoben sich die Damen: sie wollten auf Majas Rat heute schon frühzeitig die Kabine aufsuchen, um morgen bei Tagesanbruch die Einfahrt in die griechischen Gewässer zu sehn. Der Türke und Giorgini versäumten nicht, einige Rosen aus den Vasen herauszunehmen und sie ihnen mitzugeben. Bald darauf zog sich auch Tschefik Bey zurück. Thomas Durkley ging mit einem Buch, das er aus einer Tasche hervorkramte, in einen Winkel des Saals, der inzwischen leer geworden war. Nur die beiden Italiener blieben bei einem Gläschen Kognak an der Kapitänstafel sitzen.

Sie sprachen nun in ihrer Muttersprache miteinander. Beide ein wenig Dialekt, doch so, daß sie sich gut miteinander verständigen konnten. Giorgini war Triestiner: sein Tonfall hatte die venezianische Melodie. Und auch im Neapolitanischen Coccumellas war ein singender Ton. So klang ihr Gespräch wundervoll musikalisch zu Durkley herüber, warm und fast lyrisch.

Was es allerdings dem Inhalt nach keineswegs war. Die beiden hielten es offenbar für ausgeschlossen, daß Thomas Durkley des Italienischen mächtig sei. Sonst hätten sie kaum so laut und deutlich ausgesprochen, was nicht für seine Ohren bestimmt sein konnte. Aber der Engländer hatte in den ersten Attachéjahren an der Quirinal-Botschaft Dienst getan, die Landessprache gründlich erlernt, wie er denn überhaupt eine besondere Sprachbegabung besaß, die in rechtem Gegensatz zu seiner Sprechunlust stand. So konnte er schweigend alles mitanhören, was sich der Triestiner und der Neapolitaner zu sagen hatten.

»Nette Gesellschaft an Bord, was?« sagte Coccumella. »Ich habe schon langweiligere Reisen gemacht. Das vorvorige Mal sogar immer allein gegessen. Aber diesmal! Nicht wahr?«

»Ganz reizend«, erwiderte der Hauptmann.

Sie wußten ganz genau, wovon sie sprechen wollten. Aber jeder wünschte, daß der andere damit den Anfang mache. Und so unterbrachen sie sich zunächst für einen Augenblick.

»War aber auch ein guter Einfall mit den Rosen, Hauptmann«, meinte schließlich der Kapitän. »Natürlich mächtige Wirkung!«

»Glauben Sie?«

»Aber gewiß. Die Kleine war einfach weg. Ist ja aber auch eine feine Aufmerksamkeit von Ihnen gewesen. Und dann sah man doch gleich, daß das wirklich teure Blumen waren.«

»Übrigens in Brindisi gar nicht so leicht auf zutreiben«, erklärte Giorgini. »Und ich glaube, daß der Herr Türke auch seine Mühe damit gehabt hat. Kaum war ich aus der Gärtnerei heraus, da seh ich ihn mir entgegenkommen. Natürlich mit dem gleichen Ziel. Aber glauben Sie vielleicht, daß er mir's gesagt hat?«

»Komischer Kerl«, meinte der Kapitän. »Im übrigen ist er vollkommen närrisch mit seiner Deutschen. Vollkommen närrisch, Hauptmann.«

»So?«

»Er redet den ganzen Tag von nichts anderem.«

»So?«

»Er hat mir gesagt, daß er sie unbedingt dazu überreden will, nach Konstantinopel zu kommen. Er muß nämlich schon in Korfu seine Reise unterbrechen.«

Giorgini zuckte mit den Achseln.

»Und das verstehen Sie nicht?« fragte Coccumella mit einem vor Erstaunen geweiteten Gesicht.

»Nein«, sagte Giorgini bestimmt.

Und wiederum zogen sich die Äugelchen des Kapitäns zu einem listigen Lächeln in ihre Höhlen zurück.

»Natürlich«, sagte er. »Wie sollte es auch anders sein? Ja, ja, ja, mein lieber Hauptmann. Zwei auf einmal ist zuviel. Besonders wenn's Mutter und Tochter sind. Ich will ja nicht leugnen, daß die Kleine ganz reizend ist. Und sehr unterhaltend. Aber, aber, aber –«

»Nun?« fragte der Hauptmann.

»Ich ziehe, um die Wahrheit zu sagen, die Mutter vor.«

Hier widersprach der Hauptmann dem Commendatore aufs heftigste. Er brachte vor, was man zum Lob der Jugend vorbringen kann. Und er blieb dabei keineswegs bei der Theorie, eifrig bemüht, wie er war, seine Anschauungen an Charlottens Äußerem zu beweisen und zu belegen.

»Es scheint Ihnen nicht besser zu gehn als Tschefik Bey«, warf der Kapitän ein.

Natürlich bestritt Giorgini heftig, daß auch er verliebt sei. »Aber«, fügte er hinzu, »so junges Zeug läßt mich nun einmal nicht kalt. Und wenn man auf Reisen ist, da ist man immer ein wenig auf der Suche, nicht wahr, Kapitän? Das wissen die Seeleute. Das wissen wir Soldaten auch.«

»Aber wir Seeleute schätzen die Möglichkeiten richtig ein«, antwortete der Kapitän. »So eine Reise ist kurz. Da bleibt nicht viel Zeit, einem Frauenzimmer mit dem gehörigen Umstand den Hof zu machen. Da kommt's darauf an, richtig zu berechnen, was man für Aussichten hat. Und da will ich Ihnen nur sagen, mein lieber Hauptmann – mit der Kleinen sind die Aussichten schlecht. Tadellose Familie, das glauben Sie vielleicht, da wird nicht aufgepaßt? Das kriegt eine sehr anständige Mitgift und ein vorzügliches Benehmen in die Ehe mit. Und dann –«

Hier unterbrach sich Coccumella einen Augenblick und sah verstohlen zu Thomas Durkley hinüber, der sofort den Kopf senkte und sich den Anschein gab, aufmerksam zu lesen. Der Commendatore aber fuhr fort:

»Und dann, lieber Hauptmann – der da, der Lange. Glauben Sie, daß zwischen dem und der Kleinen alles beim Rechten ist? Ich will natürlich nichts Böses sagen.«

»Ausgeschlossen!« warf Giorgini ein. »Der schüchterne Kerl? Der? Vollkommen ausgeschlossen!«

»Sagen Sie das nicht«, antwortete der Kapitän. »Wenn man viel herumkommt wie unsereins, da sieht man die seltsamsten Paare. Die lustigsten Mädchen und die langweiligsten Verehrer dazu. Und diese Leisetreter haben auch noch Erfolg! Natürlich Geld dahinter oder sonst was. Was wissen Sie, was der für Konti auf der Bank hat? Und jedenfalls kann ich Ihnen versichern, daß Sie's mit der Kleinen sehr schwer haben werden, Hauptmann! Ich für meinen Teil würde da nichts unternehmen. Aber die Mutter? Die Mutter? Ja, da will ich nichts sagen. Ich frage Sie: warum reist eine so schöne Frau allein? Hat die einen Mann, oder hat die keinen? Und wenn, warum läßt der sie so durch die Welt fahren? Irgendwas muß da doch nicht in Ordnung sein. Nicht wahr? Und wenn Sie mich fragen, so hat der Türke immerhin einige Aussichten, was ich leider, leider von Ihnen nicht glauben kann.«

An dieser Stelle wurde die Unterhaltung für Thomas Durkley unerträglich, und er überlegte einen Augenblick, ob er die beiden zur Rede stellen solle. Aber der Skandal, der dadurch entstanden wäre, schien ihm sinnlos. Was konnte Maja ihr Geschwätz schaden?

So stand er rasch auf, verließ den Salon, ohne zu grüßen, und ging in seine Kabine.

»Patzig ist der Schweiger auch noch«, meinte Giorgini. Dann setzten die Italiener ihr Gespräch fort. Und es war besser, daß Durkley nichts mehr davon hörte.

Maja und Charlotte konnten in jener Nacht nicht einschlafen. Die Luke hatte in den Abendstunden offengestanden, die Seeluft hatte sich klebrig auf Möbel und Betten gelegt und nun ließ die Wärme des Schiffes diese Feuchtigkeit allmählich verdunsten. Zum Ersticken war's in den Kabinen. Lange Zeit plauderten Mutter und Tochter: über die Reise und über die Reisegesellschaft, über ihre lächerlichen Tischnachbarn und über den guten Thomas Durkley, der sich so sehr geschämt, weil er ohne Blumen zum Abendessen gekommen. Wieviel Wissenswertes wußte Charlotte nun von ihm! Und immer wieder spürte sie eine brennende Lust, ihrer Mutter von seinem Tagebuch zu erzählen. Immer wieder lenkte sie – manchmal fast gegen ihren Willen – das Gespräch auf den Engländer, versuchte vorsichtig zu erfahren, was Maja von ihm dachte. Aber es bot sich keine Gelegenheit, zu sprechen. Maja redete über Thomas Durkley, herzlich und liebevoll, wie sie über alle Menschen zu reden pflegte. ›Unglaublich naiv‹, dachte Charlotte wieder einmal. Sollte sie diesen Glauben ihrer Mutter stören? Sollte sie's wagen? Und warum? Zunächst einmal hätte ihr ihre Mutter sehr energisch und wahrscheinlich auch sehr böse gesagt, wie ungehörig, wie durchaus unfein es von ihr gewesen sei, Durkleys Kabine auszuspionieren. Und dann? Dann wären wahrscheinlich ihre Beziehungen zu Durkley endgültig getrübt gewesen. Die Reise hätte eine andere Wendung genommen. Maja hätte sich zurückhalten müssen, Durkley hätte es sofort empfunden. Es wäre eine unerträgliche Spannung entstanden. Und in Athen wäre man dann vielleicht für immer auseinander gegangen.

Das – vor allem das! – wollte Charlotte vermeiden.

Und deswegen schwieg sie über Durkleys Tagebuch, auch in dieser Nacht, in der Mutter und Tochter sich so viel zu erzählen hatten.

Erst spät verstummte das Gespräch der beiden ganz, und Maja schlief ein.

Aber Charlotte fand noch immer keinen Schlaf. Das leise Zittern der Maschinen, deren heißer Atem die Luft in der Kabine immer unerträglicher machte, bedrückte sie, erregte sie. Sie fühlte eine heftige Sehnsucht nach Frische. Schließlich öffnete sie die Luke. Aber die Nachtkühle, die der Wind hereintrieb, wehte so feucht, daß sie wieder schließen mußte.

Draußen glitzerte das Meer vom Licht der Sterne.

Endlich stand Charlotte auf, kleidete sich so leise an, daß die Mutter nicht das geringste merkte, und ging in den Gang hinaus.

In Durkleys Kabine sah sie Licht. Als sie näher kam, bemerkte sie sogar, daß die Tür fast völlig offenstand. Gut, dachte Charlotte. Der kann auch nicht schlafen. So vertreiben wir uns ein wenig zusammen die Zeit. Und leise rief sie seinen Namen, Keine Antwort. Sie rief nochmals. Schweigen. Sie klopfte. Nichts.

So trat sie entschlossen ein.

Die Kabine war leer, das Bett unberührt. Auf der oberen Koje lag, aufgeschlagen wie immer, das Tagebuch.

Jetzt kann ich's unmöglich lesen, dachte Charlotte. Jetzt, wo er allein auf Deck spaziert und jeden Augenblick zurückkommen kann. Jetzt nicht!

Sie eilte hinauf. Schon an der Tür, die zum unteren Promenadendeck führte, sah sie, daß Thomas Durkley ruhig auf und nieder ging. Sehr ruhig sogar.

Warum hatte Charlotte eigentlich etwas anderes gedacht, etwas anderes erwartet als das?

Aber nun, da sie ihn so unbekümmert sah, kam wieder die Neugier unwiderstehlich über sie. Wenn er kommt, so hör ich ihn auf der Haupttreppe, dachte sie. Der Gang macht einen Winkel, er sieht mich nicht. Kann ich das Tagebuch nicht wieder zurückgelegt haben, ehe er vor mir steht? Und ihm ruhig entgegengehn, als ob ich geradeswegs aus unsrer Kabine käme?

Gedacht, getan. Wenige Augenblicke später las Charlotte vor der Tür, die zu der Kabine des Engländers führte, stehend, sprungbereit, immer wieder aufblickend und aufhorchend, im Schein einer matten Ganglampe die letztbeschriebenen Seiten von

Thomas Durkleys Tagebuch

»An Bord des ›Quirinale‹,
in der Nacht von Donnerstag auf Freitag

Gibt's ein schlimmeres Schiff als diesen ›Quirinale?‹ Fünftausend Tonnen, ein Speisesaal mit acht Tischen, zwei oder drei Dutzend Kabinen und drei schmale Decks – und Raum genug, um unglücklich zu sein wie ich!

Raum genug und Zeit genug. Ein ganzer langer Tag, um so ziemlich alles falsch zu machen, was man nur irgend falsch machen kann.

Und dabei war ich allein mit Maja. Wir verbrachten die Stunden nach Tisch zusammen auf dem Sonnendeck. Niemals mehr hätt ich's gehofft. Der Kapitän nahm sich ihrer an, und sie hatte einen Tischnachbarn – einen ältlichen Türken –, der sich noch viel fleißiger ihrer annahm. Nun ist's aus, dachte ich. Diese Leute lassen sie nie mehr allein. Und doch! Sie zogen sich nach dem Essen zurück, und wir blieben unter uns. Sogar Charlotte war nicht dabei.

Und was hab' ich getan? Geschwiegen. Sie saß in einem Bordstuhl, hatte ein Buch in der Hand. Aber sie las nicht einmal. Hin und wieder richtete sie eine Frage an mich. Aber meine Antworten waren so knapp – und wahrscheinlich so inhaltsarm –, daß auch ihre Fragen seltener wurden. Dann sah sie mich mit ihren großen Augen an. Ich glaube, auch das waren Fragen. Aber auch darauf habe ich keine Antwort gewußt.

So war's natürlich, daß sie zu lesen begann. Und ich zu warten. Worauf?

Wahrscheinlich darauf, daß ich ein anderer würde, als ich bin.

Charlotte kam zurück. Sie hat ihre Mutter und mich angesehn, als ob ich wirklich gesagt hätte, was ich in diesen Stunden hätte sagen sollen; als ob ein Unglück geschehen wäre. Jedenfalls deutete sie sich unser Schweigen so. Und dabei bedeutete es doch nichts anderes als eben – Schweigen.

Wir gingen in Brindisi an Land. Wir sahen zusammen diese seltsam tote, unheimliche, furchterregende Stadt. Ich hab' erzählt, was ich von ihrer Geschichte wußte, hab' da und dort auf eine Schönheit aufmerksam gemacht. Ich habe, wenn ich mich recht entsinne, sogar ganz gut über diese Dinge gesprochen : zusammenhängend, vielleicht lebhaft. Und ich erinnere mich, daß Charlotte Anteil daran nahm: ihre Augen sahen mich immer wieder an und schienen Fragen an mich zu richten. (Sie beschäftigt sich wirklich ernstlich mit dem, was sie studieren will.)

Maja war zerstreut. Manchmal – einmal sogar sehr deutlich – hatte ich das Gefühl, daß sie sich wunderte. Über mich nämlich. Über meine Gesprächigkeit. Hat sie diese Gesprächigkeit mit der Schweigsamkeit von vorher verglichen? Hätte sie etwas anderes von mir hören wollen?

Ich wage nicht zu glauben, daß das der Weg ihrer Gedanken gewesen ist. Vielleicht fühlte sie nur die Müdigkeit der Reise.

Das Abendessen war nicht weniger qualvoll wie die Mittagstafel. Der Kapitän hielt an seiner Tischordnung fest: an einer Ordnung, die für mich einem Gefängnis gleicht. Eingekeilt zwischen zwei Herren, die mich nichts angehn, die mich nicht leiden können – wahrscheinlich weil ihnen Maja und Charlotte zu gut gefallen und weil sie mich in deren Gesellschaft sehn. Dummköpfe jedenfalls. Sie hatten Maja und Charlotte jede mit einem Rosenstrauß bedacht, den sie sich in Brindisi zu verschaffen gewußt. Gut. Sie machten ihnen den Hof. Auch gut. Ich bin nicht eifersüchtig. Ich weiß sehr gut, daß Maja ihren türkischen Nachbarn genau so lächerlich findet wie Charlotte ihren italienischen, daß sie sich alle beide über den Kapitän lustig machen. Wie ich. Aber es war doch wieder einmal bezeichnend für mich, daß diese beiden Fremden mit Rosen kamen und ich nicht.

Ich kann überhaupt nur solchen Frauen Blumen schenken, die mich nichts angehn: sozusagen ex officio.

Und dann: man muß hören, wie solche Leute über Frauen reden. Am Abend hab' ich dann – Maja und Charlotte schlafen seit langem – die Gespräche der beiden Italiener, des Kapitäns und des Hauptmanns, über Frauen im allgemeinen und im besonderen belauscht. Sie dachten wahrscheinlich, ich verstünde sie nicht. Es gibt kein Volk, das primitiver über Frauen denkt als die Italiener. Und es war qualvoll anzuhören, wie sie ihre Theorien entwickelten und an Maja exemplifizierten.

(Hätte ich sie zur Rede stellen sollen?)

Nicht wahr, mein liebes Tagebuch, die Chronik des 17. März ist eine traurige Chronik?

Seltsam, daß ich das Bedürfnis habe, sie aufzuzeichnen. Ob ich das, was ich hier schreibe, jemals wieder lesen werde? (Dafür, daß es kein anderer jemals liest, werd' ich schon sorgen!) Ich glaube es kaum. Es ist so sinnlos wie mein Dasein auf diesem Schiff zwischen diesen realistischen Italienermännern und dieser unwirklichen Frau.

Und nun möcht ich eins wissen: ist diese Frau unwirklich? Oder bin ich unwirklich? Oder ist nur das unwirklich, was zwischen mir und ihr ist oder sein könnte?

Ihre Tochter ist ihr sehr ähnlich. Ganz außerordentlich. Aber wenn ich mit ihr spreche, ist alles wirklich: sie, ich und wir beide. Ein wunderbarer Zustand, dies Gefühl der Wirklichkeit! Ich kannte ihn seit Jahren nicht mehr. Er kam über mich, als wir heute nachmittag durch die Stadt gingen, als ich wieder Worte fand für das, was ich sagen wollte – wenn's auch nur Alte Geschichte war –, als ich wieder hörte, daß jemand mir zuhörte. Charlotte nämlich. Ich wagte Maja nicht anzusehen. Ich hatte solch wahnsinnige Furcht vor der Unwirklichkeit, die von ihr ausging.

Aber ich entsinne mich dieser Unwirklichkeit nicht mehr!

Kaum hatten wir das Schiff betreten, war sie wieder da. Ein horror vacui. Eine Vorstellung wie die Vorstellung von der Unendlichkeit. Also gar keine Vorstellung.

Besteht die Liebe nur daraus? Und wenn die Liebe nun wirklich wird – und das ist doch in der Theorie immer möglich – und der horror vacui endet? Liebe muß doch auch dann sein?!

Dann spricht einer, und der andere hört zu. Dann gibt es eine Gewißheit. Dann gibt es keine Angst mehr, kein Schweigen, keine Schüchternheit. Ich möchte wissen, ob alle Menschen diesen Weg gehn. (Denn nicht alle bleiben ja, wie ich, auf halbem Wege stehn und machen den horror zu ihrem Lebensinhalt.) Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß zum Beispiel Charlotte erst über Angst hinweg die Sicherheit der Liebe erwirbt. Ich habe das Gefühl, daß sie von Anfang an, vom Anbeginn einer Liebe an, Gewißheit haben müßte. (Wenn sie nämlich schon weiß, was Liebe ist.)

Aber das sind andere Menschen als ich, und ich kenne ihre Herzen wohl noch weniger als mein eigenes.

Ich muß immer an den Abgrund denken, der unter mir ist, der unter jedem fahrenden Schiffe ist. Viele hundert Meter. Eine schmale Eisenwand trennt uns von dieser Tiefe. Sie läßt uns schweben, ohne daß wir das Gefühl dafür haben; wir wandeln über dem weichen Wasser und meinen auf festgefügtem Boden zu stehn. Oder die andern wenigstens. Ich fühle auch auf dieser Seereise wieder, daß dieser Boden ein Schein ist. Ich fühle – wie auf der ganzen bald dreißigjährigen Reise meines Lebens –, daß jeder feste Boden ein Schein ist. Wirklich ist nur der Abgrund.

Ich suche die Wirklichkeit. Warum fürchte ich mich dann vor dem, was ich die abgründige Wirklichkeit nennen könnte?

Wahrscheinlich, weil es auch in diesem Leben – diesem überabgründigen – manchmal Dinge gibt, die einen Schein von Wirklichkeit in sich tragen. Wie heute das, was ich zu Charlotte sagte, und das, was sie daran interessiert hat.«

Charlotte war glühend heiß geworden, als sie diese Zeilen zu Ende gelesen hatte. Auch sie erfüllte ein beängstigendes Gefühl von Unwirklichkeit, da sie – vorsichtig, verstohlen, fast in der Angst, Thomas Durkley könne inzwischen unbemerkt in seine Kabine zurückgekehrt sein – das Tagebuch wieder an seinen Platz in der Koje legte; da sie leise wie ein Dieb durch den Schiffsgang schlich und die Treppe hinaufging.

Warum bin eigentlich ich die Wirklichkeit? dachte Charlotte. Ich? Gerade ich, die ich so viel Wirkliches verschweigen muß? Auf diesem Schiff ohne Geheimnisse. Wo einer des andern Gespräche belauscht. Wo einer des andern Gedanken kennt.

Sie mußte an ihre Mutter denken, die gar nichts wußte. Weder von Durkley, noch von den Gesprächen der Italiener. Und da mußte sie lachen. Lachend ging sie über das dunkle Promenadendeck. Lachend stieg sie die Treppe zum Sonnendeck hinauf. Und als sie vor Thomas Durkley trat, der, tief in sich zusammengesunken, in einem Lehnstuhl lag, da war sie wirklich wieder ganz Wirklichkeit.

»Warum haben Sie das Licht in Ihrer Kabine brennen lassen, Herr Durkley?« fragte sie.

Er sah sie entsetzt an:

»Das Licht? Wieso das Licht?«

»Gehn Sie hinunter und machen Sie's aus«, antwortete Charlotte. »Die Schiffsverwaltung könnte sich sonst darüber beklagen, daß sie so nachtwandlerische Passagiere hat wie sie und mich. Und dann kommen Sie wieder. Denn es ist wundervoll hier oben.«

Durkley gehorchte, wie ein folgsames Kind gehorcht.

Schon stand der Skorpion, das Sommersternbild, über dem südlichen Horizont. Antares, der kupferrote, versank gerade langsam im Dunst, schräg schwang sich der Schütze über den Milchstraßenbogen hinweg. Im Süden waren die hellen Sterne zu Haufen geballt. Nach Süden zogen sie durch ihren Glanz den Blick.

Als Thomas Durkley wieder heraufkam, sprachen Charlotte und er von diesen Sternen. Auch vom Sternhimmel südlich des Äquators, den der Engländer kannte. Er sei, so versicherte er, dem unsern nicht vergleichbar: von den Griechen nicht benannt und nicht geheiligt.

»Ich bin froh«, sagte Durkley, »daß ich unter unsern Sternhimmel zurückgekehrt bin.«

»Und warum sind Sie eigentlich jemals unter den anderen und nach Chile gegangen?« fragte Charlotte. »Nur weil Ihre Regierung Sie dorthin geschickt hat?«

»Und weil ich mich schicken lassen wollte, Charlotte«, antwortete Durkley. »Sehn sie, es gibt Augenblicke, in denen man Großes, Entscheidendes in seinem Leben verändern möchte. In denen man sich sagt: ich möchte nicht mehr auf der Erde bleiben, ich möchte den Planeten wechseln. In einem solchen Augenblick habe ich wenigstens die Erdhälfte gewechselt.«

»Hat's Ihnen gut getan?« fragte Charlotte.

»Nein«, erwiderte Durkley bestimmt. Er hatte überhaupt plötzlich etwas sehr Bestimmtes in seinen Reden, das Charlotte auffiel. »Nicht im geringsten hat es mir gut getan«, fuhr er fort. »Denn – was habe ich eigentlich mit dieser Reise gewollt? Ich wollte mich ändern. Und ich glaube nicht, daß Sie mich verändert finden.«

Charlotte schüttelte den Kopf.

»Sehn Sie. Es war ja auch ein dummer Gedanke von mir, daß der Ort den Menschen verändern könne. Eine vollkommen lächerliche Hoffnung. Aber es ist hart, von einer so weiten Reise zurückzukehren und nichts anderes dabei gewonnen zu haben als eine negative Erkenntnis.«

»Und warum wollten Sie sich eigentlich verändern?« fragte Charlotte ein wenig ironisch.

»Weil ich mir nicht gefiel«, antwortete Durkley.

»Es ist nur gut, daß Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben. Wir alle hatten Sie so gern, eh Sie nach Chile gingen, und es hätte uns doch traurig gemacht, wenn Sie verändert zurückgekommen wären. Oder sind Sie jetzt vielleicht wieder auf der Jagd nach einer neuen Seele für sich selbst? In Griechenland?«

Durkley mußte lachen.

»Ich bin überzeugt davon«, fuhr Charlotte fort. »Und zwar will ich Ihnen ganz offen sagen, warum ich davon überzeugt bin, lieber Durkley. Sie haben doch einmal Gedichte geschrieben, nicht wahr? Ach, schütteln Sie nur nicht so überlegen den Kopf! Machen Sie mir nur nichts vor! Ich weiß es. Man braucht Sie nur anzusehn, und man weiß es. (Womit ich Sie übrigens nicht beschuldigen will, daß Sie wie ein Dichter aussehen. Sie sind ein ganz vortrefflicher, sehr eleganter Diplomat und brauchen sich nicht zu fürchten, daß Sie wegen poetischer Äußerlichkeiten Ihren Abschied bekommen.) Also, Sie schrieben Gedichte. Und wahrscheinlich hätten Sie immer noch Lust dazu. Aber Sie leugnen es. Noch mehr: Sie nennen Gedichteschreiben eine Dummheit, die Ihnen angeblich nur Ihre Freunde zutraun. Nun, ich will Ihnen sagen, Thomas Durkley, daß ich Ihnen diese Dummheit auch zutraue. Aber für mich ist es – verzeihen Sie – die größte Dummheit, eine Dummheit nicht zuzugeben. Besonders, wenn sie so schön wie diese ist. Und davon – davon, daß Sie sich vor diesen eigenen Dummheiten verstecken – kommt es ja auch, daß Sie sich ändern wollen. Sie fürchten sich vor der schiefen Lage, in die Sie geraten sind. Sie empfinden sie als unwirklich. Die Unwirklichkeit macht Ihnen eine Höllenangst. So eine Art von horror vacui, Herr Durkley!«

»Woher wissen Sie das?« fragte Durkley entsetzt, und seine Augen wurden riesengroß und ängstlich hohl.

Charlotte lächelte.

»Woher wissen Sie das, Charlotte?«

»Das wissen alle Menschen, die sich manchmal ändern wollen und die unwirklich werden können wie Sie.«

»Und das geht Ihnen auch so, Charlotte?«

»Das ist mir so gegangen. Aber ich weiß, wie man darüber hinwegkommt, Durkley.«

»Wie? Wie?« fragte Durkley leidenschaftlich.

»Das will ich lieber nicht sagen«, antwortete Charlotte ruhig. »Das kann ich vielleicht gar nicht sagen. Aber ich weiß, daß ich jeden Menschen, der neben mir in diese Lage käme – jeden Menschen, der mir nahe genug stünde –, da herausreißen könnte. Es käme nur darauf an, ihn das tun zu lassen, wonach er sich sehnt. Es käme zum Beispiel darauf an, ihn Gedichte machen zu lassen, wenn er erklärt, daß Gedichtemachen eine Dummheit ist. Es käme darauf an, ihn in Berlin zu halten, wenn er gerade nach Chile abreist.«

Charlotte fühlte, daß sie zu viel gesagt hatte: Thomas Durkley war erschrocken zurückgetreten.

»Aber man müßte sich vielleicht doch besser kennen«, sagte Charlotte nach einer Weile, »um über solche Dinge reden zu können.«

Von da an schwiegen die beiden. Sie saßen in ihren Liegestühlen, streckten die Beine in den Wind und hielten die Arme unter den Kopf. Hin und wieder zündeten sie sich eine Zigarette an. Allmählich wurde es sehr kühl: Durkley ging, um Decken aus der Kabine zu holen.

Sie mochten etwa eine Stunde so gesessen sein, schweigsam, ohne sich anzusehn, den Blick in die Ferne gerichtet, als Charlotte am Horizont ein Lichtlein erkannte und Thomas Durkley darauf aufmerksam machte. Es konnte ein reisendes Schiff sein. Dann aber bemerkten sie, daß es hin und wieder verschwand, zuckend aufblitzte: ein gerader spitzer Strahl – es schien wirklich nur ein einziger – flog manchmal wie ein Pfeil auf sie zu.

Sie sahen bald, daß es ein Leuchtfeuer war.

»Griechenland«, sagte Durkley ganz einfach.

Es war jetzt auch, als ob ein Schatten über den Horizont im Osten käme: ein großer grauer Schatten. Er legte sich zart über die Sterne, die eben noch um die Wette mit dem Leuchtfeuer gefunkelt hatten, und allmählich hüllte er die unteren, die, die dem Meer am nächsten standen, in einen dünnen Dunst. Immer mehr Sterne verblaßten. Immer dichter und größer wurde der Schatten. Immer höher hob er sich empor wie mit Riesenflügeln, die er in die Dunkelheit ausspannte.

Das war der Tag: er flatterte, noch matt und unbesonnt, in die Sternennacht hinein.

Dann zog das erste Licht seinen Schein über das Akrokeraunische Vorgebirge. Das Meer erhellte sich. Auf blassen Wellen schwammen die Othonischen Eilande heran. Unter dem Morgenstern rundete der Pantokrator, Korfus Klostergipfel, seine nächtlich gebliebene Kuppel. Aber im Osten, über dem milchweißen, leicht aufs Wasser gestreckten Nebelbalken, reckten die Hochberge Albaniens ihre Schneezelte in den Äther, der sich allmählich grün verglaste und in dem die Sterne auftrockneten wie Tau auf einer morgendlichen Himmelswiese.

Bis die ersten Lichtpfeile, von ihren Gipfelbogen verschnellt, die Luft durchzitterten, feurig nach verflackernden Sternen zielten, zuckend über die Wellen jagten und endlich die Sonne, im Brand vergoldet, wie ein Leuchtturm des Tags über nachtversponnenem Meer erschien.

Die beiden auf dem Sonnendeck betrachteten dies Schauspiel, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Und sie verfolgten, auch weiter schweigsam, den Lauf des Schiffes in den Tag hinein, als der »Quirinale« das Nordkap von Korfu passierte und in den Kanal einbog, der die Phäakeninsel vom Festland trennt.

»Griechische Gewässer«, sagte Thomas Durkley kurz.

Charlotte nickte.

»Ich habe mich oft danach gesehnt«, fuhr er fort. »Oft. Es war mir immer, als ob nur in diesen Gewässern der Frieden wäre, der in der Wirklichkeit ist.«

»Warum?« fragte Charlotte. Ihre Frage war ein wenig streng: so wie man einen Menschen fragt, dessen Rede einem mißfallen hat.

»Warum, Thomas Durkley?«

»Ich weiß es nicht –«, antwortete der Engländer verschüchtert.

Charlotte sah ihn von oben bis unten an. Dann lächelte sie ein ganz klein wenig: wie der allererste Schein, der eben, als eine etwas höhere Welle auf einen Augenblick das Schiff emporgehoben, die Mastspitze getroffen hatte. Nicht mehr.

Aber Thomas Durkley wußte genau, was es bedeutete.

»Wissen Sie, Durkley«, sagte Charlotte. »Sie müssen Tourist werden. Sie gehen in fremde Länder, um in fremden Ländern zu leben. Um anders darin zu leben, als Sie bisher gelebt haben. Ich aber möchte Ihnen einen Baedeker in die Hand drücken, einen Fernstecher und einen photographischen Apparat um die Schulter hängen und zu Ihnen sagen wie ein Cicerone: sehn Sie, das ist Korfu. Griechische Insel. Schon in der Odyssee genannt. Sehr sehenswert und mit drei Sternen. Sehn Sie sich's an! Genau, wenn Sie wollen. Mit aller Gründlichkeit. Aber bleiben Sie Reisender. Fahren Sie auch wieder weiter. Werfen Sie nicht überall Anker. Bauen Sie nicht überall ein funkelnagelneues Seelenhaus. Denn es wohnt sich nur in dem gut, das man wie eine Schnecke mit sich herumtragen kann – das ist das eigene, ursprüngliche, anfängliche und, wie soll ich's sagen, Durkley? – gottgegebene.«

Bei diesen Worten legte sie ihm die Hand auf die Schulter, sah ihn freundlich, aber auch ein ganz klein wenig spöttisch an.

Wie's Maja macht, dachte Durkley wieder einmal. Nur mit einer kleinen Ergänzung von Spott. Er hatte das Gefühl, daß das Schneckenhaus, von dem Charlotte gesprochen, das von Gott gegebene Schneckenhaus der Seele, voll von diesem schönen Spotte sei. Und er fühlte sich sehr wohl bei diesem Gedanken.

Überhaupt fühlten sich die beiden gar nicht, als ob sie eine ganze lange Nacht durchwacht hätten. Sie sagten sich gegenseitig, daß sie vollkommen frisch und munter seien. Als sich der erste Steward zeigte, bestellten sie eine Tasse Kaffee, die sie an Deck einnahmen. Dann rauchten sie in Erwartung des nahen Hafens, der ihren Vorrat wieder ergänzen sollte, die letzte Zigarette.

Als der Kapitän bald darauf seine Kabine verließ, die auf dem Sonnendeck lag, fand er die beiden in die Betrachtung der Landschaft versunken. Er grüßte freundlich, aber auch ein wenig spöttisch.

»Gute Fahrt, nicht wahr?« fragte er. »Eine See, wie wir sie den ganzen Winter über nicht gehabt haben.«

»Und ein Himmel!« sagte Charlotte. »In Italien hab' ich solch einen strahlenden Himmel nie gesehn.«

»Wahrscheinlich sind Sie nie in Neapel gewesen, Mademoiselle«, erwiderte der Kapitän. »Auch da gibt's solche Sonnenaufgänge. Und da ich sehe, daß Sie keine Mühe gescheut haben – selbst nicht diese endlose Nachtwache an Deck –, um einen schönen Sonnenaufgang zu sehn, so rate ich Ihnen sehr, auf der nächsten Reise Neapel zu besuchen. Da läßt sich den Sonnenaufgängen entgegenträumen!«

Zu diesen Worten machte er seine allerverschmitztesten Augen, beschattete grüßend sein Gesicht mit der ganzen Hand und ging hinunter, seinem Frühstück entgegen.

Bald darauf kam auch Maja an Deck. Sie sah wundervoll frisch, leuchtend und lebendig aus. Ein helles Tuch aus honiggoldner Russenseide, eine hochrote Korallenkette umrahmten ihren dunklen Kopf. Die Augen, die die Morgensonne wie Bernstein durchleuchtete, hatten die Kraft jener guten Ruhe, die sich nicht einmal von Charlottens nächtlichem Wandel stören ließ.

Sie grüßte herzlich.

»Bist du schon wieder so früh aufgestanden, Charlotte?« sagte sie. »Ich habe es gar nicht gemerkt; wann?«

Charlotte und Durkley lächelten ein wenig listig und sahen sich an.

»Soll ich's Mama sagen?« fragte sie ihn.

Er schüttelte den Kopf.

»Ganz entsetzlich früh, Mama«, sagte sie. »So entsetzlich früh, wie du's dir gar nicht ausdenken kannst. Aber Herrn Durkley ist es nicht besser gegangen. In den Kabinen war es zu heiß. Und hier draußen viel zu schön! Und dann sind wir doch auf Reisen –«

Maja war bereit, zu entschuldigen. Und sie forschte nicht weiter danach, wie lang dieser Morgen gewesen.

Inzwischen näherte sich der »Quirinale« der Stadt Korfu, umfuhr das trockene Eiland, das sie im Norden verdeckt. Immer besser sah man die hohen Häuserfronten zwischen Festungen und Zypressen. Schließlich rasselte der Anker in die grünblauen Gewässer hinab, die die Reede erfüllten.

»Und nun machen Sie sich auf unsern lieben Doktor Hammer gefaßt«, sagte Charlotte zu Durkley. »Er sieht manchmal ein wenig komisch aus, denn er hat eine große Freude an sogenannter praktischer Kleidung. Aber er ist ein ganz besonders feiner, netter Mensch.«

Charlotte hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich bereits ein Boot mit sechs Ruderern vom Zollhäuschen löste, rasch auf den »Quirinale« zusteuerte, alle anderen überholend. Darin Hammer, der den Schotts mit einem Palmenzweige entgegenwinkte.

Da legte Maja Durkley die Hand auf die Schalter.

Charlotte sah, wie er blaß, wie seine Augen glanzlos wurden.

Aber ihre Mutter sah gar nichts. Sie blickte ihn nur sehr warm und herzlich an und sagte, auf die Landschaft und auf Hammer weisend, dessen Boot schon ganz nahe herangekommen war: »Was für eine Freude, alte, liebe Freunde in einer so herrlichen Umgebung wiederzusehen!«

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