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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
sendergerd.bouillon
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III

Maja war noch nicht wach, als ihre Tochter die Kabine betrat. Sie wandte sich nur verschlafen um, strich langsam und vorsichtig den großen Schopf seidiger Haare zurück, der ihr die Stirn bedeckte, und richtete den Kopf ein ganz klein wenig auf. Dabei hielt sie die Augen immer noch fest geschlossen, so daß ihre langen Wimpern dicht und dunkel über den hellen Lidern standen.

Sie erwachte erst, als sich Charlotte auf den Rand der Koje setzte, ihr beide Hände auf die Schultern legte und sie nachdenklich ansah.

»Und?« fragte Maja endlich. »Spät?«

Charlotte nickte.

»Aber ein schöner Tag. Ganz ruhige See, nicht?«

Charlotte nickte wieder nur.

»Du siehst aber auch heute nicht gut aus, Kind«, sagte Maja, nun plötzlich ganz wach. »Du bist zu spät ins Bett gegangen und zu früh aufgestanden. Nicht wahr?«

»Möglich«, antwortete Charlotte.

Es war ihr doch seltsam zumute. Es war ihr sogar so zumute, daß sie am liebsten ihre abscheuliche Neugier gestanden und erzählt hätte, was sie gelesen und was sie bewegt. Zu viel! Viel zu viel, um es so ganz für sich zu behalten!

Jahr und Tag, seit dem Berliner Winter vor zwei Jahren – so lange liebte Durkley ihre Mutter! Um ihretwillen war er in Chile gewesen und hatte Gedichte geschrieben und Gedichte vernichtet. Um ihretwillen fuhr er nun nach Griechenland.

Mußte das Mama nicht eigentlich wissen? Ja, dachte Charlotte. Unbedingt. Aber durfte sie, Charlotte, es wissen? Nein und noch mal nein! dachte Charlotte.

»Über was denkst du nach, Kind?« fragte die Mutter, die ihre Tochter schweigsam ansah. »Über was? – Oder ist es nur Müdigkeit?«

»Nur Müdigkeit«, antwortete Charlotte.

»Du wirst mir nach Tisch ein wenig schlafen«, sagte Maja mit Bestimmtheit.

Dann bat sie ihre Tochter, Lenchen zu rufen.

Charlotte überquerte den Gang und klopfte an die Tür der Kabine, in der die Zofe schlief. Keine Antwort. Sie klopfte ein zweites Mal. Wieder keine Antwort. Endlich rief sie, nannte ihren Namen. Da riegelte Lenchen von innen umständlich auf und ließ sie mit den Worten ein:

»Ich dachte – wegen der Mädchenfänger.«

Sie wartete bereits seit Stunden, fertig angezogen, auf den Ruf ihrer Gnädigen, aber ihr sicheres Versteck zu verlassen, hatte sie sich nicht getraut. Nun eilte sie, hocherfreut darüber, daß man sie brauchte, in Majas Kabine, half ihr beim Ankleiden, holte aus den verstauten Handkoffern hervor, was verlangt wurde, nicht ohne dann und wann mit Seitenblicken auf Charlotte eine Bemerkung über den engen Raum, die unzulängliche Einrichtung, die maßlose Unbequemlichkeit einfließen zu lassen.

Schließlich stand Maja, zum Ausgehn bereit, vor den beiden.

»Und nun, Lenchen«, sagte Frau Schott, »kommen Sie und sehen sich das Meer an, das heute nacht so freundlich mit uns gewesen ist.«

Alle drei gingen ins Freie hinaus. Es war inzwischen lebhafter geworden unter den Sonnensegeln. Die wenigen Reisenden der ersten Klasse lagen in ihren Liegestühlen, Matrosen gingen hin und her, Stewards machten sich zu schaffen. Auch auf dem Deck der zweiten, das sich über das Hinterkastell des Schiffes breitete, sah man spazierende Fahrgäste.

»Nichts wie Männer«, meinte Charlotte lachend. »Ich glaube fast, wir sind die einzigen Weiber an Bord.«

Nicht nur, weil sie nirgends eine Frau sah, sagte Charlotte das. Aber sie wurden alle drei so unglaublich angegafft! Die Matrosen lugten von unten herauf; die Stewards vorsichtig-taktvoll von der Seite. Der Kapitän schaute mit scheinbar gleichgültiger Miene, doch neugierig zum Fenster seines Salons heraus. Die Herren seiner Frühstückstafel schoben zwar nur ein wenig ihre Zeitungen beiseite, aber gaffen mußten auch sie.

Maja ging zwischen ihrer Tochter und der Zofe: sehr gerade, sehr ruhig. Mit ihrem großen, unbestimmten Blick. Ihr fester und aufrechter Gang ließ sie höher erscheinen als Charlotte, die doch in Wirklichkeit größer und schlanker war. Denn die Beweglichkeit, der lebhafte Ausdruck des jungen Mädchens lösten ein wenig die Haltung auf, die bei ihrer Mutter vollkommen blieb. Jedenfalls mußten die beiden hohen, dunklen Gestalten auffallen und die Gedanken all der Männer beschäftigen, die sich an Bord des »Quirinale« bei ihrer alltäglichen Arbeit oder beim Nichtstun langweilten. Die beiden Schotts hatten etwas Großartiges und Gewinnendes zugleich. Und Lenchen stand mit ihrem blassen Gesichtchen, ihrem strohblonden Haarknoten und ihrer zierlichen, fast gebrechlichen Figur in lustigem Gegensatz zu ihnen.

Das Vorübergehn der drei war ein Ereignis für die Bewohner des morgendlich verschlafenen Dampfers. Die Frauen spürten es selbst. Schon deshalb wandte sich Maja dem Sonnendeck zu, wo man hoffen konnte, unbeobachtet zu sein.

»Und dann werden wir wohl Durkley dort oben treffen«, sagte sie. »Ich bin überzeugt, daß er auf höchster Höhe einsiedelt.«

Armer Durkley! dachte Charlotte.

Der Engländer stand am Reling und beugte seinen langen Rücken der Ferne zu. Er hatte bestimmt das Kommen der Frauen gehört. Er hatte ganz gewiß ihre Stimme vernommen. Aber er rührte sich nicht. Bis Maja unmittelbar hinter ihm stand und ihm sehr herzlich einen guten Morgen wünschte.

Da wandte er sich, küßte ihr ganz langsam und feierlich die Hand und schwieg weiter.

Immer derselbe, dachte Maja, trotz Diplomatie und Weltreise.

Sie beschloß, ihm zu Hilfe zu kommen.

»Wenn Sie wüßten, lieber Durkley«, sagte sie mit großer und aufrichtiger Herzlichkeit, »wie wir uns gefreut haben, Ihnen wieder zu begegnen!«

Bei diesen Worten legte sie ihren Arm in den seinen und führte ihn langsam über Deck.

»Wir konnten doch fürs erste gar nicht erwarten, Sie wiederzusehn. Und nun treffen wir Sie unter so besonders reizenden Umständen! Ich hoffe, daß wir auch in Athen viel zusammen sein werden. Ich rechne sogar bestimmt damit. Und jedenfalls werden wir kaum im Leben je wieder eine so günstige Gelegenheit finden, in Ruhe miteinander zu plaudern. Sie müssen uns natürlich von Chile erzählen und wie's Ihnen dort ergangen ist, und was Sie jetzt in Griechenland vorhaben –«

In diesem Tone fuhr sie fort, zu ihm zu sprechen und ihm Mut zu machen. Charlotte, die hinter Maja stand, sah, daß Thomas Durkley mehr hing als ging. Er hatte durch Majas Herzlichkeit, durch ihre freudigen Worte, durch ihre Nähe die Sicherheit so vollkommen verloren, daß es ein trauriger Anblick war. Besonders wenn man, wie Charlotte, so genau wußte, warum er sich in diesem Augenblick in qualvoller Lage befand; wenn man einen Menschen so tief bedauerte wie Charlotte ihn.

Aber Maja schien davon nichts zu bemerken. In ihrem Bemühen, Durkley aus seiner Verlegenheit herauszuhelfen, sprach sie immer lebhafter, wärmer und herzlicher, so daß Charlotte es schließlich für nötig hielt, einzugreifen, ihre Mutter zu unterbrechen.

»Sagen Sie einmal, Herr Durkley«, fragte sie, »wie sieht eigentlich so eine Kommandobrücke auf einem Ozeandampfer aus?«

Begierig ergriff der Engländer die Gelegenheit, sich aus der schwierigen Lage herauszuretten, in die ihn Maja gebracht, und schilderte ausführlich, was er auf transatlantischen Dampfern gesehen. Richtig gerechnet, dachte Charlotte. Seltsam, dachte ihre Mutter, wofür er sich da plötzlich interessiert. Aber sie war froh, daß Durkley nun gesprächig wurde, lebhaft, angeregt. Er hatte die »Anfangsschüchternheit« – sie pflegte das schon vor zwei Jahren in Berlin so zu nennen – offenbar glücklich überwunden.

Sie wurden von der Schiffsglocke unterbrochen, die zu Tische rief.

Als die Schotts mit Durkley den Speisesaal betraten, saßen der Kapitän und seine zwei Bekannten bereits an der Tafel. Aber sie erhoben sich sofort. Indem er auf Maja zuging und sich höflich vor ihr verneigte, murmelte der Kapitän seinen Namen und stellte auch die anderen Herren vor:

Er selbst: »Commendatore Esposito Coccumella«. Dann: »Hauptmann Giorgini vom Kriegsministerium. Tschefik Bey, türkischer Gesandter in Prag.«

Es wäre nun wohl an Thomas Durkley gewesen, die Damen und sich vorzustellen. Aber Maja begriff, daß er dazu in dieser Stimmung nicht fähig war, und übernahm es selbst, sich bekannt zu machen. Der Kapitän forderte sie in seinem allerbesten Französisch auf, an seiner Rechten Platz zu nehmen, lud Charlotte ein, sich zu seiner Linken zu setzen. Wie er sich denn überhaupt um die Tischordnung bemühte: den Hauptmann neben Charlotte, den Gesandten neben Frau Schott. Durkley erhielt den unteren Querplatz, Coccumella gegenüber, womit die Kapitänstafel hinreichend besetzt war.

Durch mangelnde Sprachkenntnis etwas behindert, durch die vornehmen Damen, die er gleichzeitig bewunderte und scheute, ein wenig in Verlegenheit gebracht, beschränkte der Commendatore seine Höflichkeiten darauf, daß er einschenkte, aufforderte, sogar zum Essen nötigte, wozu sein französischer Wortschatz allenfalls ausreichte, während er zugleich die Stewards in heimatlichem Neapolitanisch abkanzelte, sobald sie ihm nicht flink oder aufmerksam genug bedienten. Dagegen machten der Gesandte und der Hauptmann eifrig von ihrem gewandteren Französisch Gebrauch, um sich mit ihren Nachbarinnen zu unterhalten. Thomas Durkley schwieg wieder einmal.

»Schade, schade, Madame«, meinte mit süßem Lächeln der Türke, »daß Sie nicht nach Stambul kommen. Oder gar nach Angora! Sie machen sich keine Vorstellung, wie prachtvoll unsere neue Hauptstadt ist. Erstklassiges Hotel, Madame. Täglich Tanz. Scharmante Gesellschaft. Wenn ich Sie mir als die Königin unserer hauptstädtischen Sozietät vorstellen dürfte!«

»Sie sehen aus wie eine Italienerin, gnädiges Fräulein«, erklärte Giorgini. »Wie eine Florentinerin vielleicht. Oder wie eine Römerin? Ich wüßte mich nicht zu entscheiden. Denn Sie müssen wissen, Mademoiselle, daß es in Florenz und in Rom die schönsten Frauen Italiens gibt.«

»Aussi à Napoli«, warf der Kapitän ein. »Très belles. Vraiement très belles.«

»Aber nicht vom zarten Typ des gnädigen Fräuleins«, erwiderte Giorgini.

In diesem Ton ging die Unterhaltung fort. Um die Zeit totzuschlagen, wurden, wie immer auf Schiffen, viel zu viele Gänge aufgetischt. Als man beim Kaffee saß, sah sich Maja bereits Josephine Beauharnais, Charlotte den Engeln Botticellis verglichen. Commendatore Coccumella verzichtete mit Rücksicht auf die Damen sogar auf die gewohnte schwarze Zigarre und schob sich, nachdem er ringsherum angeboten hatte, eine Zigarette zwischen die etwas negerhaften Lippen ; außerdem ließ er vom Steward Konfekt herbeiholen, das er in seinem Wäschespind aufzuheben pflegte.

Die Herren hatten sich ausgezeichnet unterhalten, gut gegessen, reichlich getrunken, ihre besten Komplimente hervorgeholt. Bis auf Durkley, der schweigsam und nüchtern blieb. Auch Maja und Charlotte fanden, daß es allerhand zu lachen, zu beobachten, zu hören gegeben, doch als die Liköre serviert wurden, zogen sie sich zurück.

Frau Schott war nicht müde und suchte in Lenchens Begleitung das Sonnendeck auf und ließ sich dort in einem Lehnstuhl nieder. Charlotte mußte sich auf Bitten ihrer Mutter in die Kabine begeben, um den versäumten Schlaf nachzuholen.

Doch an Einschlafen war für Charlotte nicht zu denken. Denn alle ihre Gedanken waren bei Thomas Durkley und bei seinem Tagebuch. Ist's nicht im Grunde besser, dachte Charlotte, daß ich's gelesen habe? Ist's nicht besser, daß ich Bescheid weiß? Mama ahnt nie etwas. Wenn nun auch ich nichts ahnte? Wäre die Lage nicht viel, viel schwieriger, verwickelter, gefährlicher?

Sie wurde in ihren Gedanken durch das Schlagen einer benachbarten Tür unterbrochen: Thomas Durkley hatte seine Kabine geöffnet. Charlotte kannte dies Geräusch bereits so genau, daß sie es mit keinem anderen an Bord verwechselt hätte. Durkley blieb etwa eine Viertelstunde. Und gleich – mit einer Klarheit, über die sie selbst staunte – wußte sie, daß er diese Zeit dazu benutzte, seine Tagebuchaufzeichnungen zu machen.

Als der Engländer die Kabinentür wieder hinter sich geschlossen, erhob sie sich vorsichtig und ging hinüber – ruhig wie heute früh, ohne jede Scheu; ja noch ruhiger: mit der Sicherheit eines Menschen, der zum zweitenmal eine schon begangene Sünde begeht. Ruhig öffnete sie die fremde Tür, griff rasch in die obere Koje, schlug das Heft auf. Dort, in

Thomas Durkleys Tagebuch,

las sie die folgende neue Eintragung:

»Donnerstag, nach Tisch.

Nun hab' ich sie wiedergesehn.

Ich fühlte, daß sie kam, aber ich wagte nicht, es zu wissen. Ich hörte ihre Schritte, ihre Stimme, fast ihren Atem, ehe sie mich grüßte.

Daß sie mich ansah und wie sie mich ansah, wie sie zu mir sprach – lebhaft, warm, herzlich, aber doch fern –, was weiß ich jetzt noch davon, wie's war. Nur an ein Wort erinnere ich mich, das mich schmerzte und das mich immer, immer wieder schmerzen wird, solange ich lebe: Wir. Wir freuen uns . . . Wir wollen . . . Wir hoffen . . .

Warum nicht: ich? Warum in aller Welt nicht: ich?!

Es ist, als ob Charlotte alles wüßte. Sie war erst still und sah mich mit ihren klugen Augen forschend an. Dann warf sie eine Frage ein – eine sehr einfache und etwas banale Frage –, auf die ich antworten konnte.

Ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Was hätte ich Maja schließlich antworten können? Man kann nur einem Menschen Antwort geben, der eine Frage stellt. Hat Maja diese Frage, diese große, einzige Frage, auf die es mir ankommt, je gestellt: wie sieht es in deinem armen Herzen aus, Thomas Durkley?

Aber das ist nun einmal so, daß ich mir diese Frage immer allein beantworten muß. Früher, als ich Verse schrieb, da ging's leichter: da kam die Antwort manchmal auf Reimen zurück. Jetzt in Prosa ist's hart, wenn ich mich selbst höflich nach meines Herzens Wohlbefinden erkundige und erwidern muß: schlecht, verteufelt schlecht!

Wie ich mich manchmal nach dieser Frage von ihr gesehnt habe!

Und dabei weiß ich doch so genau, daß es nicht aufs Fragen, sondern aufs Sagen ankommt Schon vor Jahr und Tag ist das so gewesen. Ich erinnere mich immer an einen Winterabend in Berlin. Wir besuchten zusammen die Oper. Allein. (Der Herr Direktor hatte einen ›Bierabend‹, wie das in Deutschland heißt.) Es regnete leise, der Asphalt war spiegelglatt und schwarz. In wenigen Minuten fuhren wir von der Wohnung in der Tiergartenstraße bis zur Lindenoper. So ist's, dachte ich. So schnell geht's dann auch wieder nach Hause zurück. Und inzwischen ›Bohême‹, Mimi und andere Bekannte.

Aber als wir aus dem Theater kamen, hatte sich die Stadt wunderbar gewandelt und war weiß geworden. Schneeigweiß. Ein ganz frischer Teppich lag auf den Stufen der Oper und auf den Trottoirs. Er war kaum von Menschen berührt. Und immer weiter fielen tausend zarte Flocken. Maja war entzückt.

Sie schickte den Chauffeur nach Hause und bat mich, sie zu Fuß in die Tiergartenstraße zu begleiten.

Wir gingen den Mittelweg der Linden entlang, zwischen den schwarzen Rutenbäumen. Kaum Menschen: sie zogen die seitlichen Fußsteige vor. Ich sehe noch Majas schwarzen Pelz, der über meinem Arm lag. Ich sehe noch, wie die Flocken darauf niederfielen und zergingen und zu kleinen Glitzertropfen wurden, in denen sich das Licht der Laterne kugelte.

Aber ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Hab' ich überhaupt etwas gesagt? Wahrscheinlich wieder einmal nicht. Aber gedacht, gedacht . . . Gedacht: daß ich's nun sagen müßte.

Ich erinnere mich noch, daß ich mir bis zur Friedrichstraße Zeit gab. Wenn wir erst einmal durch den Trubel dort hindurch sind, in dem stillen Stück zwischen Friedrich- und Wilhelmstraße . . . dann, dachte ich. Aber ich hatte nicht den Mut. Ich nahm's mir nun um so ernster vor: am Pariser Platz, in dem Winkel neben der Akademie. Jedenfalls vor dem Brandenburger Tor. Umsonst. Auch das Dunkel des Tiergartens gab mir keine Stärke.

Wir gingen dann noch in ein Hotel in der Bellevuestraße, trafen in der Bar allerhand Menschen, die Maja kannte oder die ich kannte. Ich erinnere mich noch, daß Cecil Cardan da war. Ich hatte die ganze Zeit neben Maja gedacht – nicht gesprochen –, und seit zehn Minuten wiederholte ich mir den Satz: ›Im Tiergarten, Thomas. Ja, im Tiergarten‹. Cecil sprach mich an: ›Wie geht's, Thomas?‹ ›Im Tiergarten, Thomas‹, antwortete ich. Es kam wahrscheinlich daher, daß er englisch fragte, und daß ich englisch dachte, und daß ich ihm nun in der Sprache meiner Gedanken antworten konnte. – Cecil lachte mich aus.

Eine Stunde später gingen wir heim. Und an der Pforte ihres Hauses sagte Maja: ›Nun haben Sie wieder einen ganzen Abend geschwiegen, Herr Durkley. Ich weiß nicht, ob das zu Ihrer Diplomatie gehört oder ob das nur eine Gewohnheit ist. Mich stört sie jedenfalls nicht, und ich fand, wie immer, daß es ein reizender Abend war.‹

Und dann ging ich den ganzen Weg, den wir zusammen gegangen, zurück. Und an jeder Ecke fragte ich mich selbst: Warum hast du's hier, gerade hier eigentlich nicht gesagt?

Weil ich's ihr nie und niemals sagen werde! Nicht nur aus Mutlosigkeit. Ich weiß, daß sie's mir vergeben würde; daß sie mir mit guten Worten antworten und wahrscheinlich sagen würde: Denken Sie nicht mehr daran. Kommen Sie morgen wieder. Wir freuen uns immer sehr.

Und warum sag ich's dann eigentlich nicht?

Wahrscheinlich, weil ich mir nicht vergeben lassen kann. Was vergeben ist, das wäre ein harmloses, zugelassenes Gefühl: sozusagen eine bewilligte Liebe.

Und ehrlich gesagt, da ist mir eine unglückliche doch lieber!

Auch wenn ich so darunter leide wie in diesen Stunden. Ein Zufall – ein Glückszufall –, wie es nicht so leicht einen zweiten gibt! Jeder Liebende – außer mir – würde ihn für ein gutes Zeichen halten. Zeit, Ruhe, Nähe, Schönheit. Der Herr Direktor irgendwo. Und doch . . .

Ich denk' es ja immer, jede Minute, jede Sekunde: diesmal! Diesmal wirst du es sagen! Und während ich diese Zeilen niederschreibe, denk' ich es wieder: diesmal! Bestimmt! Bevor wir in Brindisi sind. (In zwei oder drei Stunden sind wir dort.) Bevor wir nach Korfu kommen. (Morgen früh.)

Aber ich sehe schon, daß ich nicht mehr wie damals in Berlin in Straßenecken, sondern in Seehäfen, also auch in Seemeilen rechne, und daß ich verteufelt weit von diesem Hafen der Gesprächigkeit entfernt bin.

Das einzige, worum ich noch bitten kann, das ist, daß diese Reise kurz und leicht sei. Aber vor Sonnabendmorgen sind wir nun einmal nicht in Athen.

Und was wird dann? Vielleicht schreib ich zu Füßen des Hymettos doch wieder Verse. Auch wenn sie nichts taugen. Ich könnte sie immerhin Charlotte zeigen, die sich dafür interessiert. Sie würden ihr vielleicht sogar gefallen.

Ich brauch ja nur den Namen Maja fortzulassen. Und dann denkt Charlotte vielleicht, die Gedichte seien für sie. Schöne Verwechslungsgeschichte, hochpoetische Verwechslungsgedichte! Aber was wären für mich Gedichte, in denen der Name Maja nicht vorkommt? Und was wären für sie Liebesgedichte, die kein rechter, ehrlicher und anständiger Liebhaber geschrieben hat?

Sie würde einen verdienen, der etwas taugt: keine Gedichte schreibt, lieber an der Berliner Botschaft als an der Gesandtschaft in Chile dient, das heißt also, weiterkommen will, sprechen kann, wann und wo er mag, und das Leben nicht in lauter Straßenecken und Seemeilen der Zukunft einteilt wie ich. Ja, wie ich, Thomas Durkley.«

Nachdem Charlotte diese Zeilen gelesen hatte, kehrte sie an Deck zurück. Aber sie vermied es, die Teile des Schiffes zu betreten, wo sie ihre Mutter und Thomas Durkley vermuten konnte. An Vorderbord, zwischen gerollten Tauen, grauen Anker- und Hebebaumwinden, gehäuften Ketten, Tuchballen, Segelzeug und kleinen Fischernetzen fand sie eine weiße saubere Tannenholzkiste, auf der sie sich niederließ.

Sie war bisher während der Reise der See noch nie so nah gewesen: die Decks der ersten Klasse schwebten so hoch über dem Meer, daß man's von dort wie aus Möwenschau betrachten mußte. Hier, an Vorderbord, unter dem Arbeitszeug und den Matrosen, spürte man seine Nässe, seinen Geruch, seine Bewegung.

Charlotte hörte und fühlte, wie der »Quirinale« seinen breiten schwarzen Schnabel rauschend in die regelmäßigen Wellen tauchte, die ein leichter Westwind Band um Band herantrug. Es war ein harter Schnitt, mit denen der Schnabel die Wellen zeichnete. Und alsogleich folgten sie seinem Gesetz, zerteilten sich in der Richtung seiner Fahrt, umschwangen ihn, pfeilförmig gerundet, wie Riesenblätter einer Wasserpflanze und blühten im Schaum, der sich als leuchtender Kranz um den Schatten des Schiffes legte. Wirklich, es war, als ob der Dampfer Blumen streuend durch das Frühlingswetter führe: Blumen der Meerwiese, Blumen, die der Wind zerpflückte, an denen die Sonne sog, die auf kobaltenem Boden emporschössen. Aber sie verblühten rascher als Mohn in den Wellentälern, aus denen sie emporgeschossen waren.

Charlotte hörte, wie das Wasser an der Bordwand herunterrann. Sie atmete den Atem der See. Sie sah hinaus in die glitzernde Unendlichkeit, die sich den Horizonten zu rundete. Ja, das war Reisen! Sie träumte noch einmal alle ihre Schiffsträume und die Seligkeit des Seedaseins; sie lebte noch einmal in all den tausend Vorstellungen und Bildern, mit denen das Meerwesen sie erfüllte. Er konnte keine schönere Reise geben als diese!

Oder vielleicht doch? Eine Fahrt über den Ozean, zu den Inseln im Westen? Thomas Durkley war, als es im Tiergarten Frühling wurde, auf diese weiten Meere geflohn. Vielleicht hatte auch er gedacht: Reisen, Schiffe und See! Aber es hatte ihm keinen Trost bringen können. Und er war vom großen auf das kleinere Meer zurückgekehrt.

Vielleicht hatte er nun von dieser Fahrt schöneres erhofft. Und Ruhe. Umsonst, armer Thomas Durkley. Er hätte wochenlang hin und her gehen können zwischen Lindenoper und dem Brandenburger Tor. Er hätte immer wieder warten können an jeder Straßenecke, an jedem stillen Winkel und denken: jetzt! Nun schlug er sich von Hafen zu Hafen, von Schiff zu Schiff, von Meer zu Meer mit dem gleichen Gedanken herum: jetzt!

Gut nur, dachte Charlotte, daß er so schön Tagebuch schreiben konnte. Und wahrscheinlich auch Gedichte. Ob das alle Männer tun, wenn's ihnen geht, wie's Thomas Durkley seit Jahren ging? Gewiß nicht. Sie wußte: die wenigsten, die allerwenigsten. Die andern schrieben nicht. Die sprachen und sagten, was sie wollten, jederzeit und im richtigen Augenblick. Die waren nicht schüchtern.

Aber sie liebten auch nicht, wie Thomas Durkley liebte.

Schade, dachte Charlotte, schade, daß das so eine übertriebene, unsinnige Liebe ist!

Aber dann fiel ihr ein, daß sie da eigentlich etwas Dummes dachte, und sie fand plötzlich, daß Thomas Durkley sich zusammennehmen müsse und Schluß machen mit seinen allzu vielen Gefühlen.

In diesen Gedanken wurde sie von einem Lachen unterbrochen, das hell und sogar ein wenig schrill zu ihr herüberhallte: Lenchens Lachen. Sie sah sich um. Aber sie konnte nirgends einen Menschen bemerken, wollte schon aufstehn, um nachzuforschen, wo in aller Welt die Zofe zu finden sei, als sie Teile eines Gesprächs auffing, das sie sofort neugierig werden ließ.

Sie verhielt sich also ruhig.

Merkwürdig, dachte Charlotte, sind Schiffe wirklich zum Spionieren und Lauschen bestimmt? Oder bin's nur ich, die andrer Leute Tagebücher und andrer Leute Gespräche so neugierig machen? Schon kamen Charlotte Gewissensbisse, aber was Lenchen – die offenbar hinter irgendeiner Tonne saß – zu sagen hatte, machte ihr doch zu viel Spaß, als daß sie hätte darauf verzichten können.

»Also das soll wirklich nicht wahr sein, Herr Zapf! Nein, ich kann mir's doch gar nicht vorstellen, daß mich unser gnädiges Fräulein so angeschwindelt hat! Vielleicht sind Sie nur nicht in den Gegenden gewesen, wo's diese Sorte von Löwen gibt.«

»Sie meinen geflügelte?« fragte Herr Zapf ernst »Ausgeschlossen! Vollkommen ausgeschlossen!«

»Es wäre doch möglich«, antwortete Lenchen, »daß die Löwen sozusagen doch da sind. Wissenschaftlich, mein' ich. Sie müssen nämlich wissen, Herr Zapf, daß unser Fräulein sehr wissenschaftlich ist. Sie will jetzt sogar die Universität beziehen.«

»Und was gedenkt sie denn zu studieren?« erkundigte sich der Wiener. »Zoologie vielleicht?«

»Ja, so genau weiß ich das nicht«, meinte Lenchen schüchtern. »Jedenfalls etwas Ähnliches. Ich glaube, es hat mit Altertümern zu tun. Auch ihr Herr Vater, der Herr Direktor – –«

»Direktor wovon?« fragte Zapf interessiert.

»Bankdirektor«, antwortete Lenchen. »Großbankdirektor. Also auch der Herr Vater sammelt Altertümer. Wenn Sie wüßten, was wir im Haus für eine Plage damit haben! Überall steht das Zeug herum. Vasen. Meist mit nackten Figuren. Und wir dürfen's nicht einmal abstauben. Das macht Fräulein Charlotte nämlich selbst. Sie können sich denken, wie! Aber die Dinger sind so wertvoll, daß man's Zittern kriegt, wenn man sie nur ansieht.«

»Antike Vasen?« fragte Herr Zapf. »Da studiert das Fräulein wohl Archäologie?«

»Richtig, richtig!« sagte Lenchen begeistert. »Eben das. Genau das. Nun glaub ich ja gern, daß das ein sehr interessantes Studieren ist. Das gnädige Fräulein macht nämlich für ihr Leben gern Reisen. Und wie Sie sehn, mit Reisen fängt's an. Ich für meinen Teil mach mir aus Reisen gar nichts. Eingepackt. Ausgepackt. Gräßliche Hotelleute und heiße Eisenbahnzüge. Aber das Fräulein! Sogar diese Reise hier in den engen Löchern von Kabinen und die ewige Schaukelei auf dem Wasser findet sie schön. Und auch meine Gnädige tut mit, wenn's auch für ihre Gesundheit eigentlich gar nicht das Richtige ist. Nur wegen der Charlotte ihrer Archäologie! Nun müssen Sie aber wissen, daß unser Fräulein das Studieren gar nicht nötig hat. Unser Herr ist ein sehr reicher Mann. Er hat jetzt sogar zwei Autos. Und unsere Villa in der Tiergartenstraße sollten Sie sehn! Da gibt's ein Treibhaus mit Gewächsen, die fast so teuer und fast so heikel wie die Vasen sind. Und sonst, Herr Zapf, glauben Sie vielleicht, daß einer, der eine Bank dirigiert, nicht auch sein Eigenes gut zu dirigieren weiß? Also jedenfalls braucht unsre Charlotte keine Sorgen zu haben. Sie ist die einzige Tochter von Schotts, und wenn die mal heiratet, dann bekommt sie zu ihrem Mann noch ein Haus und Altertümer und ein Auto und was weiß ich dazu. Und viele Bankkontos! Und dann? Dann ist das Gestudiere umsonst gewesen. Und dann wird wahrscheinlich wieder Tennis gespielt wie früher oder Golf oder so was.«

»Ja, aber sagen Sie mir nur mal, Fräulein Lenchen«, fragte nun Herr Zapf, »wie ist denn Ihr Fräulein eigentlich auf die Idee gekommen, Archäologie zu studieren?«

Lenchen erzählte nun von Herrn Hammer, und daß der frühere Lehrer Charlottens die Schotts in Griechenland erwarte.

»Wissen Sie«, meinte Herr Zapf, »daß mich das sehr interessiert? Ich bin nämlich auch eine Art von Archäologe. Ich studiere zwar weniger, denn von Büchern hab' ich niemals viel gehalten. Ich bin sozusagen ein Mann der Praxis. Ich handle nämlich mit Altertümern, Fräulein Lenchen. Und sehn Sie, dazu komme ich immer in den Orient. Auch diesmal. Mir ist da nämlich vor ein paar Monaten ein ganz ausgezeichneter Kauf gelungen. Also was ganz Besonderes. Und billig, sag ich Ihnen! Geradezu spottbillig. Eine Göttin mit Fackel –«

»Mit Fackel?« fragte Lenchen erstaunt.

»Ja, mit Fackel, Fräulein Lenchen. Zufall natürlich. Oder, wenn Sie wollen, feine Nase. Sie machen sich nämlich gar keine Vorstellung, was für eine feine Nase dazu gehört, um solche Gelegenheiten zu finden. Hör ich da von einem Dorf, wo's Altertümer geben soll. Kein Mensch will natürlich sagen, wo das Dorf liegt. Ich aber, nicht faul, mach mich auf und suche selbst. Na, ein paar Tage hab' ich natürlich umsonst gesucht Aber eines Abends komm ich in ein Dorf, kehr in einem Hotel ein und bestell mir mein Diner. Und während ich so dasitze und mir servieren lasse, seh ich an einem Tisch eine Gruppe griechischer Herren, die über einer Zeichnung sitzen und sie furchtbar genau angucken und leise miteinander tuscheln. Halt, denk ich, was haben die? So von ungefähr steh ich auf und geh vorbei und seh mir die Zeichnung an. Was war's? Was war's, Fräulein Lenchen? Die Göttin mit der Fackel natürlich. Na, Sie können sich denken, wie ich mich gefreut habe. Da war's ja nun leicht, herauszukriegen, wem sie gehörte. Und so hab' ich sie gekauft. Der Kerl verstand gar nichts. Der dachte – was weiß ich, was der dachte. Und so hat er sie mir spottbillig gegeben. Für ein Butterbrot, wie man sagt. Ich versichere Ihnen, Fräulein, eine erstklassige Gelegenheit. Unter Kennern – eine Stange Gold. Ich war jetzt mit der Göttin in Deutschland, hab' sie dort erstklassigen sachverständigen Professoren gezeigt. Eine Million, sagt der eine. Zwei der andere. Zweieinhalb der dritte.«

»Wirklich?« sagte Lenchen sehr erstaunt.

»So wahr ich hier auf einem Schiffstau sitze«, antwortete Herr Zapf. »Natürlich will ich nicht wuchern. Ich hab' das Ding billig gekauft, und ich will's auch billig abgeben. Selbstverständlich mit einem kleinen, ehrlichen Verdienst – –«

»Das ist aber sehr schenerös von Ihnen, Herr Zapf«, meinte Lenchen.

»Geschäftsprinzip. Einfach gesundes Geschäftsprinzip«, erklärte Zapf. »Kleiner Verdienst, großer Umsatz, sagt Henry Ford. Solche Gelegenheiten wie diese gibt's natürlich nicht alle Tage. Das versteht sich. Ich fahr jetzt nach Athen zurück. Dort ist der Markt gut. Zuverlässige Käufer immer am Platz. Sie können sich denken, daß in ein paar Tagen das Ding aus der Bude 'raus ist. Die Leute werden sich darum reißen –«

»Gewiß, Herr Zapf«, sagte Lenchen.

»Wollen Sie sie mal sehn, die Göttin?« fragte Zapf. »Dann kommen Sie mit in den Laderaum. Ich bin gern bereit, den Kistendeckel für Sie ein wenig abzuschrauben.«

Lenchen wollte. Sie verließen ihren Platz hinter der Tonne und gingen wieder dem Mittelschiff zu.

Bald darauf stand auch Charlotte auf, um nach ihrer Mutter zu sehen.

Als sie an die andere Seite des Schiffes kam, bemerkte sie, daß sich der »Quirinale« inzwischen der apulischen Küste genähert hatte: ein goldgelber Felsenstreifen stand über der See. Man erkannte auf seinem Rand weiße Städte. Die Sonne stand nun schon tiefer, das Meer war dunkler geworden. Der Wind hatte sich ganz gelegt, und die Wellen kamen als runde, weitgeschwungene Dünungen heran. Kleine Schaumeilande, silbrige Luftblasengerinnsel schwankten wie Wasserlilieninseln herbei. Still wanderten wieder braune Medusen dicht unter dem Wasserspiegel, und ein blinkender Fischkeil zog ruhig seinen unsichtbaren Weg.

Als Charlotte auf das Sonnendeck hinauf kam, fand sie ihre Mutter und Durkley, wie sie, ans Geländer gelehnt, die Küste betrachteten. Sie hatten sie nicht bemerkt. Unwillkürlich blieb Charlotte stehn. Wartete.

Muß ich wieder lauschen? dachte sie plötzlich.

Sie erschrak. Nein, sie wollte nicht lauschen. Sie durfte nicht lauschen! Wenn gerade jetzt der Engländer den Mut gefunden und gesagt hatte, was er seit Jahr und Tag sagen wollte? Wenn er nun wirklich den Punkt ›Brindisi‹ eingehalten hätte?

Charlotte bemerkte bald, daß die beiden schwiegen.

Aber was bedeutete das Schweigen? Hatte Durkley vielleicht gerade gesprochen und wußte Mama – die arme, liebe Mama – nun nicht, was sie antworten sollte? Oder bereitete sich Durkley nur vor?

Das alles ging Charlotte rasend schnell durch den Kopf. Denn schon wenige Augenblicke später trat sie vor, grüßte mit dem Kopf, fragte etwas verlegen und bloß, um etwas zu sagen:

»Nicht wahr, die Küste?«

»Die Küste«, antwortete Maja, wie immer ein wenig zerstreut.

Und Charlotte erschrak von neuem. Sie kannte diese Zerstreutheit. Aber ihre Gedanken waren so voll von dem, was Herr Durkley sagen wollte oder hätte sagen können oder gesagt hätte, daß ihr diese Zerstreutheit auffiel. Woran dachte ihre Mutter?

»Hast du dich nun endlich einmal gründlich ausgeschlafen?« fragte Maja plötzlich und sah ihre Tochter liebevoll und ein wenig besorgt an.

An dieser Frage erkannte Charlotte sofort, daß nichts Besonderes geschehen war. So fragte Mama immer. Genau so.

»Ich bin wieder ganz frisch«, antwortete Charlotte heiter. »Und freue mich auf unsern ersten Hafen. Ob das nicht schon der Leuchtturm ist? Sicher! In einer Stunde sind wir da. – – Und was habt ihr hier oben getan?«

»Ich hab' ein wenig gelesen, und Herr Durkley – nun ja, Herr Durkley hat ein wenig geschwiegen.«

»Ich wollte Sie nicht stören«, warf Durkley schüchtern ein.

»Jedenfalls war es ein sehr gemütlicher Nachmittag«, sagte Maja. »Wir sind zusammengesessen wie früher in Berlin. Da sprachen wir auch nicht viel. Aber nett war es doch. Erinnern Sie sich noch, lieber Durkley, als wir eines Abends durch den Schnee nach Hause wandelten? Ich glaube, wir kamen aus der Oper. Das war ein großes Schweigen! Aber ich weiß es noch sehr genau. Und Sie?«

Durkley nickte. Charlotte fühlte, daß es hinter ihren Ohren anfing heiß zu werden und wandte sich der Aussicht zu.

»Ich denke«, sagte Maja, »daß wir den schönen stillen Nachmittag auf dem Adriatischen Meer ebensowenig vergessen werden wie den Neuschnee Unter den Linden.«

Nichts also, dachte Charlotte. Auch Brindisi war kein Hafen in Thomas Durkleys Leben geworden. Sie fühlte sich sehr viel leichter bei diesem Gedanken, begann ihre Lebhaftigkeit wiederzufinden und erzählte, was sie von den Gesprächen Lenchens mit Herrn Zapf erlauscht hatte.

»Und wenn du mich fragst, Mama«, sagte sie, »so möcht ich wetten, daß diese Göttin mit der Fackel gewiß besser daran tut, ihr Licht nicht anzuzünden. Sie könnte sonst entdecken, daß Herr Emil Zapf ein finsterer Geselle und sie selbst eine finstere Existenz ist. Aber ich bin dafür, daß wir Lenchen nichts sagen. Es geht schon deswegen nicht, weil sie sich wohl sehr wundern würde, wenn sie hörte, daß ich ihre Gespräche belausche. Und dann möchte ich wissen, wie diese Sache weitergeht und was Herr Zapf noch mit uns vorhat.«

Auch Maja wollte es wissen. Sie beschlossen also, mit Lenchen nicht über die Göttin zu reden.

»Und doch wäre die Vorstellung schön!« sagte nun mit einmal Durkley. »Eine Göttin, die mit uns übers Meer fährt, die uns leuchtet auf unserer Reise nach Hellas!«

»In der Kiste des Herrn Zapf«, sagte Charlotte lachend.

Wieder hatte sich der »Quirinale« ein weiteres Stück dem Ufer genähert. Schon ließen sich über den goldgelben Felsen weiße Kuppeln und Kirchtürme unterscheiden. Als silbriger Schatten lag das Laub der großen apulischen Ölwälder über dem Horizont. Der Leuchtturm von Brindisi überragte die braunen Forts, die seine Hafeneinfahrt schützen. Hinter ihm mauerte sich die dichtgeballte Stadt empor.

Und wieder, wie an der Riva degli Schiavoni, ließ der Dampfer seinen starken, metallischen Ruf vernehmen. Aber das flache Land gab kein Echo wie Venedigs Paläste: klar und weit verhallte die Sirene über dem Meer. Sie bogen jetzt in die Hafeneinfahrt ein. Überall auf dem Schiff züngelten nun die Flaggen empor: die Trikolore im Heck, die gelbe Sanitätsfahne über dem Vordermast. Und schon grüßte vom flachen Kai, an dem dichtgedrängt eine wartende Menge stand, eine andere Fahne, die Fahne der Schiffahrtsgesellschaft: dunkelblau mit zwei goldenen Schlüsseln. Unsere Fahne, wie Charlotte sagte. Ihr dampfte der »Quirinale« langsam entgegen. Ruhig – ein riesiges Wesen, das sich schlafen legen will – wendete das Schiff sich dem Ufer zu. Weit und vorsichtig zog es seinen Kreis. Noch hörte man nicht die Stimme der Menschen am Ufer. Und an Bord war es still: die vorsichtigen und klugen Bewegungen ihres Schiffes ließen die Passagiere den Atem anhalten und beschäftigten die Besatzung. Bis ein schriller Signalpfiff über Deck hallte und wenige Augenblicke später, rollend und rasselnd, der Anker die blauen Wasser des Hafens aufschäumen ließ.

Das Schweigen war gebrochen. Im nächsten Augenblick kam wieder Leben an Bord. Eine Pinasse eilte vom Lande herüber; sie brachte die Polizei, den Arzt, den Hafenkommandanten.

Dazu einen Postboten mit feuerroter Tasche. Er eilte, rufend und winkend, die Treppen herauf:

»Signora Schott! Signora Schott!«

Charlotte ging ihm entgegen. Ein Telegramm. Als Frau Maja es öffnete, las sie mit Staunen:

»Erwarte Sie schon Korfu, Hammer.«

»Nun?« fragte Charlotte und lachte. »Hab' ich recht mit dem, was ich über Hammer sage?«

»Ach laß doch den Unsinn, Kind!« antwortete Maja ein wenig ärgerlich.

»Da ist ein Herr«, so wandte sich Charlotte an Thomas Durkley, »mein früherer Lehrer, der wollte uns in Athen erwarten. Dann schrieb er uns, daß er uns bis Patras entgegenreist. Nun depeschiert er, daß er morgen schon in Korfu an Bord kommen will. Und Mama findet, daß der Herr gar keine Eile hat. Was meinen Sie, Herr Durkley?«

»Ich müßte den Herrn kennen«, erwiderte der Engländer, »um zu wissen, welche Geschwindigkeit seinem Temperament angemessen ist.«

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