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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
sendergerd.bouillon
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II

Sie gingen leise durch den weißen Gang mit den rotbraunen Mahagonitüren. Sie gingen ziemlich weit über einen dicken, weichen Teppich. Schließlich machte der Steward eine Tür auf und ließ sie in ihre Kabine eintreten: eine einfache Kabine, wie sie auf Postdampfern zu finden sind. Hell gestrichen, mit einer Kokosmatte am Boden. Zwei übereinandergeordnete Betten aus lackiertem Holz. Darüber ein rundes, dickglasiges Fensterchen in blitzblankem Messingrahmen. Ein Waschtisch aus Porzellan und ein Spiegel waren in die Wand eingebaut. Das Ganze hätte eher wie ein sauberes, aber allzu nüchternes Krankenhauszimmer ausgesehen, wären die Betten nicht mit bunt geblümtem Cretonne bedeckt gewesen.

Maja sah sich zufrieden um.

»Eine ausgezeichnete Kabine«, sagte Charlotte begeistert. »Die Luke führt aufs untere Promenadendeck, und so haben wir nachts in den Kojen frische Luft«

Sie hatte nun seit Wochen genug Schiffspläne studiert, um sich in diesen Dingen gründlich auszukennen.

»Aber klein!« sagte Lenchen, tief enttäuscht. »Und nur ein Schrank!« fügte sie nach kurzer Umschau noch enttäuschter hinzu.

»Ja, glauben Sie denn«, fragte Charlotte, »daß wir hier in einem Hotel sind, Lenchen? Das ist ein Schiff! Ein Seeschiff! Ein Wasserschiff! Haben Sie verstanden, Lenchen?«

»Ich sehe nur eins«, antwortete Lenchen leise, aber bestimmt, »daß die gnädige Frau hier unmöglich vier Tage wohnen kann.«

Und bei dieser Meinung blieb sie. Wo nur ein kleiner Schrank sei, keine Kommode, wo man die Kleider in Koffern aufheben müsse, das eigne sich nicht zum Aufenthalt für ihre Gnädige. Vergeblich versuchten Maja und Charlotte sie zu beruhigen, zu überzeugen: sie erklärte mit einem Nachdruck, den man noch nie an ihr gesehn, daß der »Quirinale« ein unmögliches Schiff sei.

Und das Klagen wäre wohl endlos weitergegangen, wenn ihr der gekränkte Dampfer nicht eine Überraschung bereitet hätte. Plötzlich hörte man ein Klingelzeichen in der Tiefe: kurz, hart und eindringlich. Dann ein zweites und drittes. Und schließlich begannen sich die Maschinen zu bewegen.

Ein leises Zittern, das Charlotte mit Freude erfüllte, ging durch Boden und Wände. Die Gläser über dem Waschtisch klangen leise an.

Aber Lenchen, die einmal irgend etwas von Seebeben gehört hatte, blieb die Sprache fort.

»Und was nun?« sagte sie nach langer Pause.

»Es geht los!« rief Charlotte. Und ehe sich die Zofe umsehen konnte, war sie verschwunden und an Deck geeilt.

Maja setzte sich nieder, denn der Tag in Venedig hatte sie doch ermüdet. Ein Mann kam und brachte das Handgepäck. Es wurde unter dem Bett verstaut.

»Und der große Koffer?« fragte Lenchen erstaunt.

Maja erklärte ihr, daß der Koffer im Laderaum untergebracht worden sei und während der Seefahrt nicht gebraucht werde.

»Packen Sie nur das Nötigste aus«, sagte sie. »Hängen Sie die Kleider in den Schrank, die Mäntel dort an die kleinen Messinghaken, und stellen Sie das Waschköfferchen so auf den Schemel, daß man gut daran kann. Sonst nichts.«

»Ich möchte wissen«, meinte Lenchen, während sie ihre Arbeit begann, »wozu mich gnädige Frau eigentlich mitgenommen haben.«

In dem Augenblick stürzte Charlotte herein.

»Weißt du, Mama«, rief sie, »daß wir fahren? Ganz langsam, denn die Lagune ist voller Schiffe. Es schaukelt sogar schon ein wenig.«

Es schaukelte gar nicht: die Lagune war still wie ein See. Aber Charlotte bildete es sich ein, weil sie wollte, daß es schaukle. Und Lenchen, die nun allein in der Kabine zurückblieb, bildete es sich auch ein, weil sie sich davor fürchtete.

Fast gewaltsam führte Charlotte ihre Mutter, die eigentlich gar keine Lust mehr dazu verspürte, hinaus. Sie nahm sie bei der Hand, zog sie die breite Treppe hinauf, die vom Kabinendeck zum Salondeck führte, und brachte sie auf den oberen Promenadenumgang. Es war auch hier bereits still. Nur einige wenige Passagiere saßen lesend im großen Speisesaal, denn der Rauchsalon war schon geschlossen worden. Es mochte fast zehn Uhr abends sein. Man konnte das auch an den Lichtern der Stadt erkennen, denn während das Schiff nun langsam die Riva degli Schiavoni entlang glitt und sich den Wohnquartieren näherte, die in der Gegend der königlichen Gärten liegen, sah man von Bord in halbdunkle Straßen und schwarze Höfe hinein. Bald konnte man nur noch die Lichter unterscheiden, die in der Lagune den Weg wiesen. Ein ganz leiser Wind, der von den Alberoni herwehte und in dem der Duft der Lidogärten war, schaukelte sanft die Leuchtbojen. Ihr Schein fiel ins Wasser, schlängelte sich zwischen zarten Wellenketten heran und schien so von Ufer zu Ufer zu wandern.

»Es ist, als ob man schwebte«, sagte Charlotte zu ihrer Mutter. »Ich spüre es deutlich, daß unter uns die Tiefe ist, und daß wir von etwas zart Bewegtem getragen werden. Du nicht auch?«

Maja fand, daß der »Quirinale« sehr ruhig seinen Weg durch die Lagune zog. Aber sie wollte Charlottens Phantasien nicht stören und sagte: ja.

»Hast du schon jemals gelesen«, fuhr Charlotte fort, »daß ein Mensch begeistert von einer Eisenbahnfahrt erzählt? Ich nicht. Aber Schiffsreisen – wer das erlebt hat, der hat's auch begeistert beschrieben. Und ich glaube, das hängt nicht nur mit den schönen Aussichten zusammen, die man auf Seereisen hat. Schöne Aussichten gibt's auch auf der Bahn. Auch gar nicht mit den Bequemlichkeiten, denn die tun zwar wohl, aber sie begeistern nicht. Was begeistert, Mama, das ist das Schweben! Du siehst den Himmel. Aber du weißt nicht, wo er endet. Du siehst das Meer, aber du weißt nicht, wie tief es ist. Und zwischen diesen beiden ungewissen Unendlichkeiten gehst du auf schwankendem Boden und meinst Flügel zu haben.«

Es war nun wirklich ein ganz klein wenig Seegang herangekommen. Der Dampfer zitterte etwas stärker und bewegte sich auch. Maja und Charlotte, die Arm in Arm auf und nieder gingen, fühlten sich manchmal leicht emporgehoben, und einmal wurden sie sogar gegen ihren Willen an das Geländer gedrückt.

»Es muß stürmisch sein draußen!« sagte Charlotte. »Wenn es schon in der Lagune so bewegt ist!«

»Da will ich mich lieber vorher zu Bett legen«, antwortete Maja. »Und außerdem nach Lenchen sehn, die wahrscheinlich bereits in Weltuntergangsstimmung auf den Koffern sitzt.«

Charlotte begleitete ihre Mutter in die Kabine. Und wirklich, Lenchen empfing sie mit tränenfeuchten Augen und mit der entsetzten Frage:

»Sturm?«

Es dauerte eine Weile, bis Charlotte die Zofe beruhigt, in ihre Kabine begleitet und dazu überredet hatte, sich ruhig und unbesorgt ins Bett zu legen. Als sie ging, hörte sie noch, wie Lenchen sorgfältig die Kabine von innen verschloß.

Das junge Mädchen wollte noch an Deck bleiben und die Ausfahrt ins offene Meer beobachten. Sie ging nun allein über das einsame Schiff. Fast überall an Bord waren die Lichter erloschen. Nur an einigen Kreuzungspunkten brannten noch in weiß lackierten Drahtgitterchen kleine Lampen, und von der Kommandobrücke warfen die zwei Weglaternen ihren roten und grünen Schein auf das Vorderdeck. Alle Formen verschwanden in der Dunkelheit. Masten und Taue dehnten sich hinauf in die Nacht. Ganz oben leuchtete unter den Sternen die Signallaterne des Vordermastes. Am Heck, wo ebenfalls ein helles Signallicht die brodelnden Kielwasser silbern erglänzen ließ, wurde, da man aus Stadtsicht kam, die grün-weiß-rote Fahne eingezogen.

Der Tag der Seeleute war beendet. Nur vor dem Glashaus der Kommandobrücke ging ein schmächtiger, kleiner Offizier hin und her und blies den Rauch seiner Zigarette in den Wind. Und dieser Rauch begleitete als winzige Parallele den schwarzen Qualm des Schlotes, der in sich überstürzenden Schwaden noch dunkler als die Nacht in der Fahrtrichtung davon trieb.

Charlotte suchte nun das oberste Deck auf. Eine schmale, messingbeschlagene Treppe führte hinauf. Es dehnte sich weiß und breit. In der Mitte erhoben sich einige längliche Kabinen, die Wohnung des Kapitäns, dazwischen stand der schwarze Schlot, und vorne wurde es von dem runden Bau der Kommandobrücke abgeschlossen. Zu beiden Seiten hingen die dickwanstigen Rettungsboote, die Charlotte schon am Tage beobachtet hatte.

Die schlafen immer, dachte sie. Ob nun wohl auch der dickwanstige Herr Kapitän schläft?

Sie setzte sich auf eine Bank, die zwischen den Rettungsbooten stand. Der Platz gefiel ihr, denn an dieser Stelle hatte man statt einer Reling, die beim Herablassen der Boote hinderlich gewesen wäre, ein Geländer aus Tauen geschaffen. Hier fühlte man sich freier: dichter an Luft und Meer. Hier schwebte man wirklich hoch über den Wassern; von hier sah man weit hinaus über Venedig, dessen Lichter nun immer schwächer leuchteten, erkannte andere, fernere Städte in der Lagune und all die hundert Leuchttürme und Leuchtfeuer, die sie bei Nacht beleben.

Charlotte beobachtete genau die Bewegungen des Schiffes: sie waren noch immer nicht stärker geworden. Im Gegenteil. Während man durch den Lidomund dem offenen Meere zufuhr, stand der Dampfer fast still, und der Wind schien zu schweigen. Zwei große Pappeln am Ufer reckten sich unbewegt. Kein Laut war überm Wasser. Bis die offene See erreicht war.

Man spürte es nicht an der Bewegung: das Meer schien heute stiller als die Lagune zu sein. Aber am Wind. Das war mit einemmal ein Wind, der weit, weit herkam. Aus Griechenland, dachte Charlotte. Über die Adria. Ein Wind, der schon tausend Wellen bewegt und tausend Möwen getragen und Segel getrieben und Blumen bestäubt hatte. Ein Wind, der salzig und feucht war wie die See selbst.

Sie stand auf. Dieser Wind regte sie auf. Es war der Wind einer weiten Reise, der plötzlich in ihre Haare gefallen war.

Leise, nur ganz leise. Denn sie stand fast im Windschatten. Aber sie ging nun in den Wind hinüber, um zu sehn, aus welcher Richtung er käme. Er kam aus Südwesten und trieb mit solch fester Kraft daher, daß er ihr die Haare um den Kopf schlug und sie plötzlich in Dunkel gehüllt war. Sie brauchte einen Augenblick, um sich von ihren Haaren zu befreien und um wieder sehen zu können.

Als sie aber wieder sah und ihre Blicke in die Ferne richten wollte, bemerkte sie vor sich einen Mann. Auch ihm hatte der Wind einen Streich gespielt: hatte seinen breitkrempigen Hut zusammengebogen, so daß er ihn mit beiden Händen fassen und wieder aufbiegen mußte.

An diesem Hut und unter diesem Hut erkannte Charlotte Thomas Durkley.

Und auch Durkley erkannte sie sofort.

»Sie können tun, was Sie wollen, sich in Kirchen verstecken und in Gondeln davonschwimmen, Herr Durkley, man findet Sie doch. Und sei es selbst nächtlicherweile auf dem Mittelmeer!« rief Charlotte. Sie gab ihm die Hand.

Thomas Durkley blieb trotz seines Berufes ein schüchterner Mensch. Nicht einmal als Diplomat – er hatte schon in mancher Herren Ländern seinem Land gedient – war es ihm gelungen, die Schüchternheit zu überwinden, die ihn in Eton zu einem viel verspotteten Stubenhocker und in Oxford zu einem bestaunten Einsiedler gemacht. Und wie alle schüchternen Menschen brachte ihn eine plötzliche Entdeckung in die peinlichste Verlegenheit. Er zog den Hut ab, was dazu führte, daß ihm der Wind sein seidenweiches Haar von rückwärts in die Augen wehte. Und da er nun wieder nichts sah, fühlte er sich doppelt behindert und erwiderte Charlottens Begrüßung zunächst durch ein langes Schweigen.

»Ja, wieso fahren Sie denn nach Griechenland?« fragte er endlich.

»Ja, wieso fahren Sie denn nach Griechenland?« antwortete Charlotte sofort.

Wenn das junge Ding nur nicht so rasch wäre! dachte der Engländer. Er hatte einen Winter in Berlin verbracht, beherrschte das Deutsche leidlich. Aber in diesem Augenblick, bei dieser nächtlichen Begegnung fühlte er seine Kenntnisse schwinden und schwinden. Er war froh, als Charlotte wieder das Wort ergriff.

»Ja, wir hatten uns Sie in Chile gedacht! Heute abend glaubten wir dann, Sie in San Marco zu sehen. Aber Mama meinte –«

»Auch Ihre Frau Mutter?« fragte Durkley unterbrechend.

»Auch Mama«, antwortete Charlotte. »Mama und ich reisen zusammen. Und – wenn Sie sich erinnern sollten – Lenchen ist auch dabei.«

Sie erklärte ihm nun Zweck und Ziel ihrer Reise: ausführlich, eingehend.

»Ihnen machen natürlich der ›Quirinale‹ und die Adria gar keinen Eindruck«, sagte sie. »Sie haben ja schon viel größere Reisen hinter sich! Sie sind wochenlang über See gefahren.«

Allmählich verlor auch Thomas Durkley die anfängliche Schüchternheit. Er war schließlich im Hause Schott aus- und ein gegangen. Er hatte mit Charlotte unzählige Male Tennis gespielt, hatte oft Ausflüge mit Schotts unternommen. Warum sollte er schüchtern sein?

Jedenfalls legte er sich diese Frage vor. Denn das war seine Art, diese verfluchte Schüchternheit wenigstens etwas zu überwinden. Sie half ihm auch diesmal. Sie machte ihn wenigstens fähig, zu erzählen, daß er sich in Chile gar nicht wohlgefühlt habe, um eine Versetzung eingekommen sei und sich nun auf seinen neuen Posten nach Athen begebe.

Er brachte das langsam vor, sehr langsam. Aber heraus kam es doch.

Seltsamer Mensch, dachte Charlotte. Schüchtern wie ein Kind. Ungeschickt wie ein Kind. Warum? Ein begabter, gescheiter, gut aussehender Mann wie Thomas Durkley!

»Mama wird sich sehr freuen«, sagte sie.

»Glauben Sie wirklich, daß sich Ihre Mutter freuen wird?« antwortete Thomas Durkley ganz ernst.

Charlotte sah ihn erstaunt an. Warum in aller Welt sollte sich Mama eigentlich nicht freuen? Das wäre doch gar nicht ihre Art gewesen. Mama hatte eigentlich alle Menschen gern – auch die, die es gar nicht verdienten –, war gut und herzlich zu ihnen und nahm sie freundlich auf. Warum sollte sie ausgerechnet Thomas Durkley nicht gut aufnehmen?

Dumme Frage! dachte Charlotte. Aber nun war plötzlich auch sie verlegen und sogar ein wenig verschüchtert.

»Es ist Zeit, daß ich mich niederlege«, sagte sie, »denn ich möchte morgen den Sonnenaufgang über der See nicht versäumen.«

Als sie in die Kabine kam, schlief Maja schon fest. Es gelang Charlotte, sich so leise niederzulegen, daß sie nicht aufwachte. Sie freute sich darüber, daß ihr die Mutter die obere Koje gelassen hatte, die, die hoch über dem Raume lag: sie fand es schiffsmäßiger, so zu liegen. Die Luke stand offen, der Seewind glitt leise an ihr vorüber. In der Ferne erkannte sie noch die Lichter eines vorüberfahrenden Dampfers.

Aber sie war zu erregt, um schlafen zu können: vom Wind, von der Bewegung des Schiffes und dem nervösen Zittern der Maschinen. Auch von der dummen Frage, die Thomas Durkley an sie gerichtet hatte.

Dazu kam, daß es gar nicht still werden wollte um sie. Hin und wieder hörte man in der Tiefe des Schiffsrumpfs einen Ruf, vielleicht einen Befehl der Maschinenmeister. Dann wieder vernahm sie das Scharren der Kohlenschaufeln. In regelmäßigen Abständen läutete eine Glocke auf Vorderdeck: das Signal zum Dienstwechsel. Und vor allem war es ein Geräusch, das sie am Schlafen hinderte: über ihrem Kopf, auf dem oberen Promenadendeck ging ein Mensch auf und ab. Man hörte, daß er nicht sehr sicher ging, daß ihn der Seegang hinderte, einen Fuß regelmäßig vor den andern zu setzen. Aber davon ließ er sich nicht abschrecken, hielt auch nicht einen Augenblick in seinem Spaziergang inne, und immer wieder vernahm Charlotte seine Schritte, ferner und dann wieder näher, mit einer ermüdenden Regelmäßigkeit.

Unruhig drehte sie sich ein paarmal in ihrer Koje herum. Bis die Mutter, die ebenfalls von den Schritten des Spaziergängers erwacht war, bemerkte, daß Charlotte nicht schlief, und leise sagte:

»Wenn der Mensch da oben nur endlich seinen Spaziergang einstellen wollte!«

»Ich wollte es ihm ja verzeihen«, antwortete Charlotte, »wenn's nötig wäre, wenn er Wache hätte oder sonst einen Dienst. Aber so, bloß um Luft zu schnappen – da könnte er auch auf dem Sonnendeck bleiben, nicht wahr?«

»Vielleicht ist es der Wachthabende«, meinte Maja.

»Der nicht«, erwiderte Charlotte. »Aber ich würde mich gar nicht wundern, wenn's Thomas Durkley wäre.«

Sie erzählte nun ihrer Mutter, wie sie Durkley begegnet war und was sie von ihm gehört hatte. Aber seine seltsame Frage verschwieg sie ihr. Sie wußte, daß Mama solche Fragen – Fragen, die etwas bedeuten wollten und zugleich überflüssig waren – gar nicht leiden konnte. Sie hätte sonst von vornherein etwas gegen den Engländer gehabt, der sich vielleicht in seiner angeborenen Schüchternheit nur verplappert und weiter nichts mit seiner Bemerkung gemeint hatte. Und so kam es, daß Maja die Nachricht mit wirklicher Freude aufnahm.

»Wir werden eine sehr angenehme Reisegesellschaft haben«, sagte sie. »Morgen früh wird seine Schüchternheit nur noch halb so groß sein, und du wirst sehn, daß er gegen Abend schon fast zu gesprächig geworden ist. Wie alle schüchternen Leute redet er nämlich entweder zu wenig oder zu viel.«

»Ich will mir von ihm ganz genau erklären lassen«, antwortete Charlotte, »wie die Ozeandampfer sind und was dem ›Quirinale‹ fehlt, um wirklich ein Hochseeschiff zu sein.«

»Wenn sich Thomas Durkley herabläßt, über solche materiellen Dinge mit dir zu sprechen«, erwiderte Frau Maja. »Aber du siehst ja, daß er noch immer der gleiche ist, spazierengeht, wenn andere schlafen und wahrscheinlich die Verse schreibt, von denen seine Freunde erzählen, und die noch nie ein Mensch gesehen hat.«

In dem Augenblick bemerkten sie, daß Thomas Durkley seinen nächtlichen Spaziergang eingestellt hatte. Sie horchten dann, wie sich in ihrer Nähe eine Kabinentür öffnete. Der Engländer legte sich nun auch nieder.

Bald darauf schliefen sie ein.

Die Wellen zogen ihren Weg um das Schiff, leise rauschend. Der Wind glitt an der offenen Koje vorüber.

Charlotte träumte, daß er viele Schiffe vor sich hertriebe: kleine erleuchtete Schiffe. Die blitzten immer wieder auf dem Wasser auf. Wie Leuchtkäfer oder wie Leuchtbojen. Oder weil die Wellen sie auf und nieder senkten. Und mitten unter ihnen war ein ganz kleines Schiff aus rotbraunem Mahagoniholz, messingbeschlagen wie die Koje, in der sie lag. Es schaukelte sehr. Und hatte einen langen, langen Mast. Und wie sich Charlotte diesen langen Mast genauer ansah, war's Thomas Durkley, der in dem Boot aufrecht stand und seine Hände emporreckte, ganz hoch, bis in den Wind hinauf. Und mit den Händen hielt er seinen großen hellen Hut ausgebreitet. Der war riesenhaft geworden, breit und aufgepustet, so daß er den Wind auffing. Und diente als Segel. Mit diesem Segelhut segelte Thomas Durkley in seinem mahagonifarbenen Kojenboot und mit seiner endlosen Mastgestalt immer wieder an Charlotte vorbei, bis der erste Tagesschimmer ganz zart im Messingrund der Luke erschien und das Mädchen aufwachte.

Sie war vollkommen wach, glitt lautlos von ihrer Koje auf den Boden, kleidete sich rasch an, ohne daß die Mutter es merkte, und kam dann gerade rechtzeitig auf Deck hinauf, um noch einmal die sinkende Nacht zu sehen, die wie eine riesige dunkle Gewitterwolkenbank im Westen über dem Meere stand. Schon gehörte der Osten dem Tag. Sein perlmutternes Licht fiel in eine leise bewegte See. Der Morgenwind kräuselte Wellengitter an Wellengitter und warf immer wieder seine schwarzblauen Böennetze nach schnappenden Spritzerfischchen aus. Aber die grauen Schatten, die noch von Westen hier ins Meer fielen, legten sich besänftigend in die Wellentäler. Auch blitzten bald die ersten klaren Sonnenstrahlen von Osten über die Kämme. Gläsern und klar wurde das Wasser unter ihrer Berührung. Das Metallische, das es nun mit einem Male durchsponn, gab ihm Halt: es schien plötzlich stillezustehn. Und als die Sonne dann endlich riesengroß und strahlend am Himmel stand und der Morgenwind schwieg und alle Wellen klein und golden wurden, da erkannte man, daß ein wundervoll ruhiger und sonniger Tag über der Adria begonnen hatte.

Sicher und still, begleitet vom Rauschen silbernen Kielwassers, zog der »Quirinale« seinen Weg; keinen fußbreit schien er abzuweichen von der unsichtbaren Straße, die durch die Wellenunendlichkeit für ihn gezogen war. Nirgends Land. Als Charlotte diese Sicherheit sah, erschien sie ihr fast als ein Wunder. Denn nirgends erblickte sie einen Menschen, der das Schiff lenkte; an Deck war es still wie auf der See. Bis sie schließlich das Sonnendeck erreichte und auf die Kommandobrücke zuging. Dort, im Steuerhäuschen stand ein alter Mann, unbeweglich, verträumt – als ob er die ganze Nacht so gestanden hätte – und hielt mit dem Gewicht seines Körpers das Ruderrad.

Doch allmählich mit dem überall vordringenden Sonnenlicht belebte sich auch das Deck. Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ein paar barfüßige Matrosen in hellblauem Leinenzeug aus dem Vorderkastell kamen. Sie schraubten an eine Pumpe, die dort neben den Ladewinden stand, einen großen, roten Schlauch an, hißten ihn dann mit einigem Umstand aufs Mitteldeck hinauf. Das Seewasser floß nun bald in Strömen über die Planken, rann in schmalen Kanälen die Bordwand entlang, wurde fächerförmig von ihren Besen über die hellen Bretter getrieben. Bald darauf erschienen andere Matrosen mit Lederlappen und Putzbüchsen und machten sich über das Messing her, das überall auf dem Schiffe verteilt war: Geländer, Treppenbeschläge, Klinken und Fensterrahmen. Andere wieder trugen große Segeltücher auf das oberste Deck hinauf und spannten sie gegen die Sonne aus. Dann wurde es im Salon lebendig. Die Stewards klapperten mit Tassen und Bestecken, öffneten und putzten Fenster, rieben die Mahagonimöbel und -täfelungen mit weichen Lappen ab, breiteten Tischtücher aus, ordneten Blumen in dickglasigen Vasen.

Charlotte spazierte von Deck zu Deck und beobachtete alles, was es nur irgend zu sehen gab. Denn nichts schien ihr uninteressant, was sich hier am Morgen auf dem Dampfer ereignete. Etwas erstaunt sahen Matrosen und Stewards das junge Mädchen an, das schon so früh aufgestanden war und so emsig hin und her ging, als ob es all diese Morgenarbeiten der Seeleute zu überwachen hätte. Und das nun auch als erste im großen Salon erschien und ein Frühstück verlangte.

Dann, während Charlotte auf ihren Kaffee wartete, kamen allmählich auch die anderen Bewohner des Schiffes hervor. Allen voran der Kapitän. Kaum hatte er seinen runden Leib durch die Tür geschoben und seine Mütze abgenommen, blieb er erschreckt stehen. Das junge Mädchen, dachte er, das kannte er ja! Sehr genau sogar. Er hatte es ganz aus der Nähe gesehn: mit dem Fernrohr. Der Kapitän fühlte sich peinlich getroffen. Aber Charlotte half ihm über die Verlegenheit fort, sah ihn freundlich und sogar herzlich an. Frech war er ja gewesen, aber der Kapitän war er doch. Ihr Kapitän, der Kapitän ihres Schiffes.

Und der Kapitän, sichtlich befreit, raffte sich zusammen, machte einen Versuch, seinen Bauch einzuziehen, und grüßte. Charlotte war sehr begeistert darüber, daß ihr Kapitän sie so freundlich gegrüßt hatte.

Er ließ sich in einem breiten Stuhle nieder, der am Ende des Mitteltisches stand, schlenkerte seine steif gestärkten weißen Manschetten aus den dunkelblauen Ärmeln seiner Uniform heraus und tat einen Blick in die Tasse, die vor ihm stand. Dieses Schiffsgeschirr sah aus wie der Kapitän: blau und weiß und sehr dick. Die schwere Silberkanne saß auf dem Tisch so fest wie er auf seinem Stuhl. Die rundlichen Löffel hatten die Gestalt seiner Finger.

Kaum hatte er sich gesetzt, eilten die Stewards herbei, um ihn zu bedienen. Aber sie mochten ihm bringen, was sie wollten, er rümpfte die Nase, verzog die Mundwinkel, schickte immer wieder in die Anrichte zurück. Trotzdem begann er dann mit Behagen sein Frühstück zu verzehren und ließ sich darin auch nicht stören, als ein weiterer Passagier den Raum betrat und sich neben ihn setzte.

Es war ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig Jahren. Seine schwarzen, glatten Haare trug er an der Seite sauber gescheitelt, seine dunkle Haut glattrasiert. Er hatte ruhige, dunkle Augen, eine leicht gebogene Nase, einen kleinen, sauber gekämmten Schnurrbart. In blauem Anzug, steifem weißem Kragen und dunkler Krawatte sah er äußerst korrekt aus, und Charlotte hielt ihn mit Recht für einen italienischen Offizier in Zivil.

Der Kapitän kannte ihn offenbar schon, sie waren wahrscheinlich von Triest an zusammen gereist. Jedenfalls redete der Breitschultrige sofort auf den Kapitän ein, der aufmerksam zuhörte. Es konnte Charlotte nicht entgehen, daß sie selbst der Gegenstand ihrer Unterhaltung war, denn von Zeit zu Zeit blickten die beiden Männer vorsichtig zu ihr hinüber. Das wurde auch nicht anders, als ein dritter Mitreisender den Speisesaal betrat, der sich ebenfalls sofort zu den beiden setzte: ein kleiner, kugelrunder, kahlköpfiger Herr mit grauem Schnurrbart, blitzblankem Kneifer und einem auffallend fuchsroten, stark auf Taille gearbeiteten Anzug. Charlotte gelang es nicht, diesen dritten einzureihen. Sie bemerkte nur, daß die Unterhaltung jetzt nicht mehr auf italienisch, sondern auf französisch geführt wurde, daß der Kahlköpfige also offenbar kein Italiener war. Auch er mußte den beiden anderen schon von Triest her bekannt sein. Denn er nahm sofort Anteil an ihrem Gespräch, und auch er schielte hin und wieder zu Charlotte hinüber, die, in Verlegenheit gebracht, das Muster aus Ankern und Merkurstäben betrachtete, mit dem das Schiffsgeschirr des »Quirinale« geschmückt war.

Sie fühlte sich erleichtert, als schließlich auch Thomas Durkley im Salon erschien. Er sah blaß und müde aus. Seine Haut war durchscheinend wie Seide, und seine hellblauen Augen lagen in dunklen Gruben. Auch schien sein Schritt etwas unsicher: die leichte, ganz leichte Bewegung des Schiffes teilte sich seinem Gange, seiner langen Gestalt mit, als er nun mit einem freundlichen, aber immer noch etwas verlegenen Lächeln auf Charlotte zukam und ihr die Hand gab.

In dem Augenblicke verstummte die Unterhaltung am Tische des Kapitäns, und alle drei Männer richteten ihre Augen auf Thomas Durkley. Es war ein Glück, daß er ihnen den Rücken kehrte, daß nur Charlotte ihre neugierigen Blicke sah, sonst wäre der lange Engländer vor lauter Verlegenheit wahrscheinlich überhaupt nicht zum Sprechen gekommen.

»Gut geschlafen, Fräulein Charlotte?« fragte er höflich.

»Zum Glück sehr früh aufgestanden«, sagte Charlotte. »Der Morgen war herrlich. Und Sie?«

»Leider zu spät ins Bett gegangen«, antwortete Durkley. »Die Nacht war wundervoll. Und dann –«

Er unterbrach sich.

Gedichte gemacht, dachte Charlotte.

Thomas Durkley erkundigte sich danach, wie Maja geruht habe.

»Ich glaube, gut«, antwortete Charlotte. »Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie überrascht Mama gestern war, als sie hörte, daß auch Sie auf unserm Schiff reisen! Sie hat sich natürlich sehr gefreut, Sie so unerwartet wiederzufinden.«

Charlotte dachte darüber nach, warum diese Bemerkung den Engländer wieder in eine so seltsame Verlegenheit brachte. War es ein Zufall, daß er plötzlich schwieg? Daß er die Eier kalt werden ließ, die ihm der Steward mit flinker Handbewegung vorgesetzt hatte?

Oder machte Thomas Durkley wieder Verse?

Was für Verse? Worüber? Verse, von denen alle seine Freunde wußten, und die niemals ein Mensch gesehen hatte, sagte Mama. Charlotte fühlte plötzlich eine ganz unbändige Lust, diese Verse kennenzulernen.

Wahrscheinlich vertraute ihnen Durkley all die Worte und Sätze an, die er tagsüber verschluckte. Und das waren sehr viele. Wahrscheinlich schlief er deswegen schlecht und sah blaß aus am Morgen und kam immer in Verlegenheit. Ein Mensch, der Verse zu schreiben gewohnt ist, der sich in Versen ausdrückt, muß in Verlegenheit kommen, wenn er Prosa zu sprechen hat. Er kann vielleicht überhaupt nur in Versen sprechen. Und sie beschloß bei sich, diese Seereise dazu zu benutzen, um Thomas Durkleys Gedichte kennenzulernen.

»Wundervoller Morgen heute, nicht wahr?« sagte sie. –

Durkley nickte und sah auf seinen erkaltenden Tee hinab.

»Eine Beleuchtung heute früh!« fuhr Charlotte fort. »Dieser Übergang von der Nacht zum Tage, dies erste Licht auf den Wellen! Sie hätten es sehen müssen, Herr Durkley.«

Der Engländer schwieg.

»Ich möchte wissen, was es auf Sie für einen Eindruck gemacht hätte«, meinte Charlotte. »Ich jedenfalls – wissen Sie, es ist schwer zu beschreiben. Aber wenn ich Verse machen könnte – heute früh hätte ich welche geschrieben!«

Sie unterbrach sich einen Augenblick. Dann legte sie ihre Hand auf Thomas Durkleys Arm, neigte sich ein wenig zu ihm hinüber, lächelte ihn ein wenig an – sie hatte diese Art, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, der Mutter abgeguckt – und sagte:

»Nicht wahr, Thomas Durkley, auch Sie schreiben Verse?«

»Meine Freunde«, antwortete der Engländer trocken, »trauen mir trotz meiner dreißig Jahre solche Dummheiten zu.«

Charlotte kannte Durkley gut genug, um zu wissen, daß auch das eine Verlegenheitsantwort war. Aber sie beschloß, für den Augenblick nicht weiter zu forschen.

»Ich will sehen«, sagte sie, »was die Sonne inzwischen aus dem Meer gemacht hat.«

Während sie den Saal verließ, spürte sie im Rücken die Blicke, die das Drei-Männer-Kollegium der Kapitänstafel ihr nachsandte: sehr eindringliche und sehr neugierige Blicke.

Es ist, als ob solche Leute Fernstecher statt Augen hätten, dachte Charlotte.

Sie mochte vielleicht eine halbe Stunde allein in der Sonne spazierengegangen sein, als sie auf dem unteren Promenadendeck an einer offenen Kabinenluke vorbeikam. Ein kleines hellgraues Gardinchen, das darin hing, war halb zurückgezogen. Sie sah im Hintergrund die Mahagonibetten, die geblümte Cretonne und den weißen Waschtisch, die sie aus ihrer eigenen Kabine kannte. Die obere Koje war leer. Und daran lehnte, ellenlang wie er war, mit einem Arm gestützt, Thomas Durkley. Und schrieb.

Offenbar Verse, dachte Charlotte.

Kurz darauf kam Durkley auch an Deck.

»Und Ihre Mutter?« fragte er. »Schläft sie noch?«

»Ich wollte gerade einmal nachsehen, wie es ihr geht«, antwortete Charlotte. »Sie ist zwar gewöhnt, sehr spät aufzustehn, aber es ist jetzt mindestens zehn Uhr.«

Sie verschwand im Stiegenhaus.

Sie ging die Mitteltreppe hinunter, hielt sich einen Augenblick bei der Seekarte auf, die dort aufgehängt war, und betrat dann den Gang. In langer Reihe sahen sie die geschlossenen Türen an. Nur eine stand offen: es war die Tür, die in Thomas Durkleys Kabine führte.

Charlotte wußte genau, daß sie etwas sehr Unschickliches tat, als sie nun diese Kabine betrat. Sie sah sich vorher noch einmal um, ob kein Steward sie bemerke, ob Mamas ganz nahe gelegene Tür noch geschlossen sei. Alles war ruhig. Was macht's? dachte Charlotte. Ich muß doch einmal sehen, ob diese Räume wirklich alle gleich sind. Und ich tu's doch nur, weil mich das Schiff so interessiert und alles, was damit zusammenhängt. Schließlich unternehme ich zum erstenmal in meinem Leben eine Seereise. Und wenn ich neugierig bin – –

Thomas Durkleys Kabine sah ganz genau wie Schotts Kabine aus. Was Charlotte natürlich im voraus gewußt hatte. Es war also wirklich sinnlos und außerdem frech, daß sie die Schlafstätte des Engländers betrat. Wie peinlich das dem schüchternen Durkley gewesen wäre, wenn er's gewußt hätte, dachte Charlotte.

Charlotte sah sich um: der grüne Vorhang war zugezogen, man konnte von außen nicht hineinsehen. Kleider, Wäsche und Waschzeug waren sorgfältig fortgepackt. Auf dem unteren Bett, in dem Durkley schlief, lagen ein paar Bücher: der Reiseführer von Griechenland, Shelleys Gedichte, Lord Byrons Briefe. Sonst nichts. Oder doch? Was dieser Durkley doch für ein langer Mensch war! Daß er auf diesem oberen Bett schreiben konnte. Und Gedichte, sogar Gedichte!

Wirklich, da lag auf dem geblümten Cretonne ein schwarzes Wachstuchheft. Offen.

»Thomas Durkley: Gedichte«, dachte Charlotte.

Sie war sich eigentlich nicht klar darüber, was sie an diesen Gedichten so sehr interessierte. Das, was Durkley in seiner Schüchternheit nicht aussprechen kann, so dachte sie. Aber was ging das Charlotte eigentlich an? Warum wollte sie das so leidenschaftlich gerne wissen?

Das waren Fragen, die sie sich selbst nicht mehr vorlegte. Sie fühlte nur, daß sie ihrer Neugier nicht widerstehen konnte. Sie legte sich wenige Augenblicke später die andere Frage vor, woher sie eigentlich den Mut genommen hatte, in diesem Heft zu blättern, ruhig die letztbeschriebene Seite zu suchen – die, die Durkley heute morgen gebraucht hatte – und darin zu lesen. Trotzdem der Verfasser jeden Augenblick hereinkommen konnte. Trotzdem es nicht die erwarteten Gedichte waren, sondern

Thomas Durkleys Tagebuch.

Die letzten beiden Eintragungen – die eine im Laufe der Nacht, die andere an diesem Morgen geschrieben, lauteten:

»In der Adria, 16. März, nach Mitternacht.

Wäre mein Herz wie die See! – ruhig. Wäre die See wie mein Herz! – wild erregt. Wie gern führe ich ruhigen Herzens über eine wilde See, statt unruhigen Herzens über ein ruhiges Meer zu fahren. Aber mein Schicksal hat's wieder einmal anders gewollt.

Ich verbrachte nach der Abfahrt von Venedig ein paar Stunden in der Kabine. Ganz ruhig. Keine andere Erregung war in mir als die, die von Shelleys Gedichten auf mich überging. Zu wenig, um mich zu erschüttern (heute wenigstens). Zu viel, um mich schlafen zu lassen. So ging ich noch einmal an Deck.

Es kam ein wundervoller Wind von Süden, duftend und salzig zugleich. Ein griechischer Wind. Ein Wind, auf dessen Wehen einst Byrons Herz in die gehaßte Heimat zurückkehrte. Und alle meine Gedanken waren bei diesem Wind und bei Byron und bei Griechenland, das meine neue Heimat werden soll.

Wären meine Gedanken doch in Griechenland geblieben! Aber nun sind sie hier, auf diesem engen Schiff, in diesem dumpfigen Kabinengang. Und nirgends, nirgends anders. Die kleine Charlotte Schott hat sicher nicht gewußt, was sie tat, als sie mir ganz ruhig, ganz selbstverständlich sagte: ›Ich reise mit Mama... Mama reist mit mir... Sie wird sich freuen zu hören, daß auch Sie...‹ Und ich dummer, ungeschickter, tolpatschiger Mensch frage: ›Glauben Sie wirklich, daß Mama sich freuen wird?‹

Sie hat begriffen, daß diese Frage dumm war, und daß ich sie, wie immer, aus Verlegenheit gestellt habe. (Wann werde ich einmal nicht aus Verlegenheit ›handeln‹?) Aber sie hat nicht im geringsten verstanden, woran ich dabei dachte. Und wenn etwas gut war an diesem nächtlichen Gespräch mit der Kleinen, so war es das.

Denn sonst ist's schlimm. Bin ich darum nach Chile gegangen? Habe ich mich darum Monate hindurch wie ein Wahnsinniger mit Salpeterstatistik und mit Kupferminen beschäftigt? Bin ich darum Wochen und Wochen über See gereist? Griechenland sollte mir Trost bringen. Ja, Griechenland! Und nun bin ich schon auf dem Wege dorthin, wo ich vor zwei Wintern in Berlin war – – in einem Zustand, den ich meinen schlimmsten Feinden nicht wünsche.

Dabei hab' ich sie noch nicht einmal gesehn. Sie schläft. Hier, in der Kabine neben mir. Sie weiß noch nicht einmal, daß ich da bin. Und wenn sie's weiß? Ja, wenn?! Dann wird sie vielleicht sagen – wie Charlotte sagt –, daß sie sich ›sehr freut‹.

Das sagte sie auch damals schon in Berlin. ›Es ist so nett von Ihnen, lieber Herr Durkley, daß Sie auch heute gekommen sind. Wir freuen uns immer so sehr, Sie zu sehen.‹ (›Wir‹! – Sie und Herr Bankdirektor Schott nämlich.) Und dann legte sie mir die Hand auf die Schulter, neigte sich ein wenig zu mir herüber, lächelte mich mit ihren großen dunklen Augen ein wenig an –

Was werde ich tun, wenn mich morgen diese Augen wiederum anlächeln?«

»17. März, morgens.

Ich habe sie immer noch nicht gesehen. Habe mit Charlotte gefrühstückt, die mir freundlich sagte, daß ihre Mutter schläft, sehr gut schläft. Und daß sie spät aufsteht.

Inzwischen hat mich Charlotte angelächelt und hat mir die Hand auf die Schulter gelegt – genau so wie ihre Mutter. Auch sie hat dunkle Augen. Aber es ist ein blitzendes Licht darin. Nicht das sanfte, warme der Maja. Auch sie hat diese wundervollen Haare, aber sie sind ein wenig matter. Auch sie ist sehr schön.

Sie sieht mich etwas fragend an. Und dann hat sie sich tatsächlich erkundigt, ob ich Gedichte schreibe! Wenn sie wüßte, wem diese Gedichte gelten.

Oder galten. Sie hat mich eigentlich erst daran erinnert, daß ich einmal Gedichte schrieb. Und daß ich sie alle versenkt habe, ins Meer, bei den Feuerlandsinseln – – damals, als ich vor der Frau geflohen bin, die mir heute wieder so furchtbar nahe ist.

Maja weiß, daß ich an Bord bin. Aber sie steht immer sehr spät auf, sagt Charlotte.«

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