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Die Göttin mit der Fackel

Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Göttin mit der Fackel
authorTheodor Däubler
firstpub1931
year1931
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
addressBerlin
titleDie Göttin mit der Fackel
pages3-242
created20050105
sendergerd.bouillon
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Kephissiaallee. Rechts durch die Vorstadt. Ein sandiger Weg, der in einen Bergpfad übergeht. Dann ein fruchtbares Tal. Antike Quelle und byzantinische Kirche.

Eigentlich, dachte Charlotte, kann nur dies Kaessariani der Ort sein, den Durkley meint.

Sie schlug den Baedeker zu, schaute nach der Uhr, die auf der vergoldeten Spiegelkonsole stand. Fünf Uhr nachmittags vorüber. Im Hotel war Durkley noch nicht. Angerufen hatte er auch noch nicht. Also konnte er nur in der Gesandtschaft sein.

Sie stand auf, wollte gerade in die Halle hinuntergehn und versuchen, ihn telephonisch zu erreichen. Da trat Maja ein.

»Nun, ausgeschlafen, Kind?« fragte sie.

Charlotte nickte.

»Ich habe jetzt erst gesehen«, meinte Maja, »wie nötig ich Ruhe hatte. Nach so vielen unruhigen Nächten! Nun bin ich aber auch ganz frisch und, wenn du willst, können wir ausgehn.«

Ausgehn? dachte Charlotte. Wenn Durkley inzwischen kommt? Oder anruft?

»Sieh dir doch einmal den Himmel an, Mama«, sagte sie. »In der nächsten Stunde gibt es ein gewaltiges Gewitter.«

Als Maja ans Fenster trat, sah sie wirklich, daß der Himmel voll tintenschwarzer Wolken hing. Über den hellen Häusern der Kephissiaallee lag ein fahles Licht.

»Du hast recht«, antwortete sie. »Wir wollen erst einmal Tee trinken.«

Sie gingen in die Halle hinunter.

»Daß Durkley gar nicht kommt!« sagte Charlotte nach einer Weile.

»Er wird zu tun haben, Kind«, erwiderte Maja.

»Daß er nicht wenigstens anruft!«

»Vielleicht ist er eingeladen.«

Charlotte wußte nicht, was sie ihrer Mutter antworten sollte. Schließlich fand sie einen Vorwand, um sich für einen Augenblick zu entfernen, verschwand rasch in einer Telephonzelle und rief die britische Gesandtschaft an.

Herr Legationsrat Durkley sei ausgegangen. Ob er vielleicht beim Gesandten wäre? Nein. Ob man ihn vielleicht sonst irgendwo erreichen könne?

Die Stimme am Telephon bedauerte und wußte nichts.

Charlotte kehrte sehr beunruhigt zu ihrer Mutter zurück. Immer wieder sah sie verängstigt zum Himmel auf. Wohl war der Sonnenuntergang noch fern, von dem Durkley in seinem Tagebuch gesprochen. Aber die dunklen Gewitterwolken, die sich immer dichter zusammenscharten, gaben Charlotte die Vorstellung, daß die Nacht schon angebrochen sei. In den Straßen ballte sich ein schattenloses Grau. In der Hotelhalle stand schwefliges Licht an den hohen Wänden.

Ich werde mit Mama sprechen müssen, dachte Charlotte. Ich werde ihr alles erklären müssen. Denn sonst wird es zu spät l

Aber zunächst sagte sie nur:

»Was für eine unerträgliche Luft!«

Kurz darauf rollte der Donner heran. Blitze jagten über die Palmenbüscheln des Hotelgartens vorüber, die im Vorgewitterwind zitterten.

Kellner eilten durch die Halle, schlossen klirrend Fenster, zogen rasselnd Rolläden herab.

Und dann brach plötzlich der Himmel, und mit mächtigem Rauschen, wie ein allgegenwärtiger Wasserfall, stürzte der Regen nieder.

Maja und Charlotte traten an die Tür, unter den Schutz des Auffahrtsdaches. Solch ein Gewitter hatten sie noch nie gesehn! Ein Regen wie in den Tropen: dicht, schwer, warm und wohlriechend. Darin ein Aufbrausen wie von mineralischem Staub. Er verhüllte den Himmel, die Häuserfronten, die Bäume. Er verwandelte die Straßen in Ströme. Die ein wenig abschüssige Kephissiaallee war überkräuselt von einem goldgelben Fluß brodelnden Schlammwassers, übergurgelt von Wellen und Strudeln. In Silbersturzbächen fiel der weiße Kalkstaub der Häuser in den goldgelben Straßenstrom herab.

Kein Mensch weit und breit, kein Wagen, kein Auto. Still duckte sich die Stadt unter der Wassermasse, die mit solch ungeheurer Gewalt über sie hereingebrochen war.

Jetzt fährt Durkley nicht nach Kaessariani! dachte Charlotte. Und dieser Gedanke beruhigte sie für einige Zeit.

Aber schon bald ließ der Regen nach. Die Schlammströme begannen abzulaufen, sammelten sich in den Rinnsteinen. Hin und wieder ging auch ein Mensch vorüber. Ein Auto fuhr, ringsum goldgelbe Strahlen vorspritzend, die Allee herauf. Schon blitzte der erste Sonnenstrahl auf feuchten Palmenblättern.

Charlotte blickte angestrengt auf die Kephissiaallee hinaus. Das war die Straße, die nach Kaessariani führte! Konnte nicht auch Durkley auf diesem Weg vorüberkommen?

»Wie wär's, wenn wir uns ein Taxi nehmen und zur Akropolis führen?« fragte Maja plötzlich. »Ich denke mir, daß es dort herrlich sein muß – jetzt nach dem erfrischenden Gewitter.«

Charlotte sah ihre Mutter furchtsam an.

»Meinst du?«

»Warum nicht, Kind?«

»Ja, warum nicht?«

Es schien nun wirklich nicht mehr zu vermeiden, daß sie mit ihrer Mutter sprach und ihr alles erklärte.

Aber sie fand noch einmal einen Vorwand, ging ans Telephon. Wieder hatte man auf der englischen Gesandtschaft keine Ahnung, wo Durkley zu erreichen sei.

In höchster Aufregung kehrte Charlotte zu ihrer Mutter zurück.

»Weißt du was, Mama?« sagte sie schließlich, sich zusammennehmend. »Ich möchte so gern ein wenig marschieren und lieber zu Fuß auf die Akropolis gehn. Quer durch die Stadt. Nach solch einer langen Seereise braucht man Bewegung. Wie wär's, wenn wir uns erst auf der Burg träfen?«

Sie wußte genau, daß ihre Mutter heute zu müde war, um diesen weiten Gang zu wagen.

Maja war einverstanden. Und Charlotte machte sich sofort auf den Weg.

Es hilft nichts! dachte Charlotte. Ich kann's nicht vermeiden! Mama muß einmal vergeblich warten. Sie wird schließlich ins Hotel zurückkehren und mich dort suchen. Aber wenn ich ein Auto nehme, dann bin ich vielleicht rascher zurück als sie.

Schon am Schloßplatz, wenige Minuten vom Hotel entfernt, winkte sie ein Auto heran.

»Nach Kaessariani! Zur Kirche von Kaessariani!«

Bis dahin führe keine brauchbare Straße. Man könne höchstens ein Stück auf den Hymettos zufahren. Dann beginne ein steiniger Bergpfad.

»So weit es geht! So weit wie's irgend geht!« sagte Charlotte.

Sie glitten die Kephissiaallee hinunter, bogen dann rechts in die Vorstadt ab.

Genau wie's im Baedeker steht, dachte Charlotte.

Das Auto holperte schwer durch aufgeweichte Vorstadtstraßen, dann über einen breiten, sandigen Weg, der die Ebene durchquerte.

Richtig, dachte Charlotte, ganz richtig.

Schließlich blieb der Wagen mitten im freien Felde stehn. Der Weg bestand hier nur noch aus kantigen Felsbrocken. Und der Chauffeur forderte Charlotte auf, auszusteigen.

Sie stieg aus, ließ sich die Richtung weisen, gab dem Führer Befehl, zu warten:

»Eine Stunde. Oder zwei.«

Dann eilte sie den Bergen entgegen.

Mächtig erhob sich der Hymettos vor ihrem Weg. Seine blaugrauen Kalkmassen drängten sich ihr, von den Schatten des sinkenden Tages erfüllt, in gewaltigen Mauern entgegen. Schwere, felsige Vorberge umklammerten mit zerzacktem Gestein, mit kühnen Bastionen den Pfad, der bald immer entschiedener anstieg und sich in ein Tälchen hineinzwängte, dessen Grund ein Trockenbach mit seinem Geröll ausfüllte. Stellenweise verschwand der Weg ganz: Charlotte mußte über große runde Kiesel und zersplitterte Felsstücke springen. Und wenn er wieder auftauchte, neben dem Bachbett ein eigenes Dasein führte, dann wurde er von stacheligen Büschen und mächtigen Disteln umfaßt, die ihn an manchen Stellen sogar breit überwucherten.

Aber Charlotte ließ sich nicht abschrecken: tapfer drang sie zwischen Steinen und Sträuchern vor. Fast niemals sah sie sich um. Und nur hin und wieder warf sie einen verängstigten Blick nach der Sonne, die sich immer mehr dem Rande der westlichen Berge näherte.

Sie mochte etwa eine halbe Stunde gegangen sein, durch immer engere Felsspalten und zwischen immer wilderen Büschen hindurch, in einer Landschaft, die immer großartiger und steinerner wurde, als ihr Weg plötzlich um einen klippenförmigen Bergvorsprung bog und sich gleich darauf einem winzigen Tale zusenkte, das die Steinmassen von allen Seiten umklammerten.

Kein Tal konnte überraschender sein als dies! Und so eilig Charlotte auch marschiert war, sie mußte einen Augenblick stillstehn, um diese Oase im Gebirge zu betrachten.

Da erhoben sich über feuchten Grund, aus dunkelgrünem Buschwerk, in dem man das glänzende Blatt des Lorbeers, silbriges Ölbaumlaub und ziegelrote Granatapfelblüten erkannte, schwere, schwarze Zypressensäulen. Ringsum lagen kleine saftgrüne Wiesen, von Rosenhecken eingefaßt. Gemüseterrassen kletterten den Berg hinan, stuften sich im Schatten breitkroniger dunkler Johannisbrotbäume. Und über dieser Fülle von Grün wölbte sich die Kuppel eines Kirchleins.

Bald stand Charlotte auf einer kleinen Wiese, die sich wie ein Teppich vor seinen Torstufen breitete. Rote Tulpen blühten darauf und weiße Narzissen.

Kein Mensch weit und breit. Kein Tier. Kein Laut. Man hörte nur das Murmeln einer wasserreichen Quelle, die wirklich einem marmornen Widderkopf entströmte, die Wiese berieselte, hinausdrang unter die Bäume und Büsche und Gärten und so das Pflanzenwunder im Felstal vollbrachte.

Das war Kaessariani.

Das war der Ort, von dem Durkley in seinem Tagebuch geschrieben. Mit Bäumen und Quelle und Kirche. Konnte es einen anderen Ort geben, den man mit diesem hätte verwechseln können?

Oder vielleicht doch?

Denn so sehr Charlotte sich auch umsah, Durkley war nirgends zu sehen.

Sie ging um die Kirche herum. Dann betrat sie für einen Augenblick den kleinen tiefdunklen Raum. Sie durchquerte die Gärten. Suchte das Buschwerk ab. Nirgends ein Mensch. Nirgends.

Und auch Thomas Durkley nicht.

Schließlich setzte sie sich auf die Kirchenstufen, dicht neben die Quelle, und wartete.

Und noch einmal überdachte sie alles, was sie in Durkleys Tagebuch gelesen. Noch einmal versicherte sie sich: das ist Kaessariani! Das sind seine Quelle und seine Kirche. Das kann kein anderer Ort sein als der, den er gemeint.

Warum nur kommt er nicht? dachte Charlotte. Warum ist er noch nicht da? Oder hat er sich anders entschlossen? Und wandert er überhaupt nicht mehr den Weg nach Kaessariani?

Oder ist er gar ins Hotel gegangen?

Charlotte erschrak: Wollte Thomas Durkley vielleicht an einem andern, weniger schönen Orte seinem Leben ein Ende machen? In einem Hotelzimmer?!

Ich muß zurück! dachte Charlotte. Sofort muß ich zurück! Wenn er doch noch hier heraufkommt, so werde ich ihm auf dem Wege begegnen. Und sonst –

Gerade wollte sie aufstehn und heimkehren, als sich gegenüber ihrem Platz, an der anderen Seite der Blumenwiese, die Lorbeerbüsche öffneten und Durkley im Gezweig erschien.

Er sah Charlotte nicht. Er sah gar nicht auf. Ganz langsam, mit gesenktem Kopf, als ob er damit das Laub zerteilen wollte, bewegte er sich; ganz langsam bogen seine langen Arme die Äste zurück. Unmittelbar vor den Büschen blieb er stehn und setzte vorsichtig seinen weiß beschuhten Fuß in die feuchte Wiese.

Dann sah er sich unter den Blumen um, die vor ihm blühten, streckte seine Hand nach einer Tulpe aus und pflückte sie.

Und nun stand er still, drehte die Tulpe mit gespitzten Fingern und betrachtete sie mit großen Augen.

Charlotte schaute ihm aufmerksam zu. Ziemlich lange.

Aber das Schauen machte sie ungeduldig. Auch begann es zu dunkeln, und sie dachte an ihre Mutter, die sich gewiß ängstigte.

So sprang sie ganz plötzlich auf und lief eilig über die nasse Wiese, gerade auf Thomas Durkley zu.

Da ließ Durkley vor Staunen die Tulpe fallen, trat erschreckt einen sehr langen Schritt in den Lorbeer zurück, so daß sich die Zweige wieder vor seiner Brust kreuzten.

Und Charlotte mußte ihm die Hand in den Busch hineinreichen, als sie ihm guten Abend sagte.

 

Fast zwei Stunden hatte Maja vergeblich auf der Akropolis gewartet und war schließlich voller Angst ins Hotel zurückgekehrt. Als sie dort erfuhr, daß man von Charlotte und Durkley – sie erkundigte sich auch nach Durkley – nicht das geringste wußte, begann sie sich ernstlich zu fürchten. Denn es wurde dunkel über der Stadt. Zwischen den Palmen des königlichen Gartens erschien der Mond. Sterne bekränzten den Hymettos. Aber Charlotte kam immer noch nicht zurück.

Wiederholt war Maja in der Halle gewesen, um nach ihr zu fragen. Nun beschloß sie, noch einmal hinunterzugehen und die Polizei anzurufen. Als sie aber ihr Zimmer verlassen wollte und die Tür öffnete, stand plötzlich ein hochgewachsener bärtiger Mann vor ihr. Er trug griechische Nationaltracht, weißes Faltenröckchen, gestickte Weste und weichen Fez, und stellte sich ihr als der Kawasse der englischen Gesandtschaft vor.

Er habe ihr ein Paket von Legationsrat Durkley zu überbringen, sagte er mit ernster Stimme. Zu eigenen Händen.

Dann reichte er ihr ein in Papier gehülltes Päckchen, verbeugte sich tief und zog sich wieder zurück.

Hastig begann Maja die Fäden zu durchschneiden. Der seltsame Besuch und seine feierliche Art hatten sie erschreckt. Aber dann fiel ihr ein, daß das Paket wohl ein Geschenk enthalte, ein Buch oder Schokolade, und sie ging wieder an ihren Platz zurück, um es ruhiger zu öffnen.

Aber in dem Augenblick tat sich die Tür auf, und Charlotte stürzte herein.

Sie war vollkommen atemlos und setzte sich erschöpft neben ihre Mutter. Maja aber ließ die Hand von dem Päckchen ab, legte sie Charlotte auf die Schulter und sagte:

»Aber du bist ja ganz abgehetzt, Kind!«

Charlotte konnte nicht antworten. Sie war zu rasch gelaufen. Und dann war es ja auch so schwer, ihrer Mutter zu sagen, warum sie sie hatte warten lassen und warum sie so spät kam. Und tausend Gedanken jagten sich in ihrem Kopf.

Aber sie sah so fröhlich aus, daß Maja rasch ihre Angst vergaß und Charlottens vergnügtes Gesicht ansah.

Sie wartete eine Weile, ehe sie fragte:

»Wo bist du denn gewesen, Kind?«

»Mit Durkley«, antwortete Charlotte.

»Und da hast du mich einfach im Stich gelassen?«

Charlotte nickte.

»Und deswegen habt ihr mir wohl dies Trostpaket hier geschickt?« fragte Maja und hielt ihrer Tochter das halbgeöffnete Päckchen hin.

Charlotte sah das schwarze Wachstuchheft: Durkleys Tagebuch. Und rasch griff sie danach.

»Ach«, sagte sie, »ich weiß schon, was das ist. Eine lange Geschichte, Mama! Eine traurige Geschichte.«

Ihre Mutter sah sie verwundert an.

»Aber es ist besser, Mama, daß du das jetzt nicht liest. Die Geschichte hat zwar ein freundliches Ende. Aber das Ende – von dem steht in diesem Heft da nichts.«

»Das Ende?« fragte Maja erstaunt.

»Ja! Und ich will dir erst das Ende erzählen, ehe du das andere liest. Und das kann ich jetzt nicht. Denn Durkley wartet unten und möchte dir guten Abend sagen.«

Maja sah ihre Tochter fragend an.

»Nicht wahr, Mama, du bist mir nicht böse? Du weißt doch, daß ich sonst immer pünktlich bin. Aber heute, wo Durkley plötzlich so viel zu sagen hatte –«

»Aber was denn, Kind?«

»Das erzähl ich dir später, Mama. Aber du wirst verstehen, daß ich zuhören mußte. Morgen wär's ihm vielleicht nicht mehr geglückt, zu sagen, was er mir sagen wollte.«

»Dir?«

»Ja, mir. Und das hätte mir leid getan.«

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