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Die Göttin die da harret

Augusta de Wit: Die Göttin die da harret - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorAugusta de Wit
titleDie Göttin die da harret
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year
firstpub
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091113
projectid 8a7cf37c
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I.

Einer, der das Leben sucht.

Er stand bereit, mitten in dem ausgeräumten Zimmer, zwischen Taschen und Koffern, die ein gebücktes altes Männchen in Hemdsärmeln mit den bunten Zetteln des »Asiatischen Lloyd« beklebte. Sein Freund, der ihn von dem Abschiedsfest im Klub heim begleitet hatte, saß in einer Ecke des Sofas unbequem zwischen all' dem Gepäck, hinter dem seine zarte Gestalt beinahe verschwand. Seine grauen Augen, die etwas mädchenhaft Sanftes hatten, hingen an dem schönen Gesicht des Reisefertigen.

Er suchte in seinen Taschen.

»So, da hab' ich's, die Schlüssel und ... all right, Hanedoes, um ein Viertel nach zehn Uhr am Bahnhof, verstanden?«

Der krumme Alte antwortete in dem Ton, in dem man eine zwanzig Mal gegebene Antwort zum einundzwanzigsten Mal wiederholt:

»Ich werde dafür sorgen, Herr van Heemsbergen.«

Während van Heemsbergens siebenjähriger Studentenzeit war er dessen Diener gewesen, und er kannte ihn, seine Verhältnisse und Pläne reichlich so gut wie der junge Mann selbst. Auch jetzt, und ohne daß er ein Wort darüber gehört hätte, wußte Hanedoes, welchen letzten Gang sein Herr noch antreten wollte.

Van Heemsbergen nahm seine Handschuhe vom Tisch.

»Also auf Wiedersehen später an der Bahn, Tilenius,« sagte er, während er dem auf dem Sofa Wartenden zunickte.

Tilenius stand hastig auf.

»Ich – – ich begleite dich noch ein Stück, ich – wollte doch – ich muß noch in die Stadt,« sagte er stotternd.

Van Heemsbergen stand einen Augenblick unschlüssig da.

»Wie du willst,« sagte er dann ein wenig verdrießlich.

Sie gingen zusammen zur Tür hinaus.

Die Straße, still und leer, lag grau da im Lichte des Oktobermorgens. Vor einer geöffneten Haustür stand ein Dienstmädchen und scheuerte die Treppe, den Rock hoch aufgeschürzt und die Ärmel aufgestreift. Ein Milchmann kam daher, seinen Handkarren schiebend, auf dem die großen Messingkannen blitzten. Van Heemsbergens Schritt klang auf den Steinen.

Plötzlich sprach Tilenius im Ton eines Menschen, der sich trotz vernünftigen Besserwissens durch sein Gefühl hinreißen läßt:

»Es ist doch schade, Gys, ich kann mir nicht helfen, ich finde es schade, daß du nach Indien willst.«

Van Heemsbergen warf dem Sprecher einen ungeduldigen Blick zu.

»Das ist jetzt schon das dritte Mal, seit heute nacht, als wir aus dem Klub kamen, jawohl, das dritte Mal ... früher hast du das nie gesagt, jetzt gerade am allerletzten Abend kommen wir zufällig mit so einem von drüben zusammen, der ein Protz ist und ein Hohlkopf, und jetzt tust du, als wären sie dort drüben alle so und als müßte ich als der einzig anständige Mensch zwischen all denen leben – oder am Ende gar selbst auch so werden.«

Tilenius antwortete hastig:

»Du weißt ganz gut, daß ich so etwas von dir nicht denke – unter keinen Umständen würdest du – ich meine nur, daß du hier ebensogut Karriere machen könntest wie in Indien, besonders jetzt mit dem Werk von Professor de Grave.«

Er sprach von einem Werk über die Rechtszustände in Niederländisch-Indien, das der mitten in der Arbeit verstorbene Verfasser van Heemsbergen als dem begabtesten seiner Schüler zur Vollendung hinterlassen hatte.

»In ein paar Jahren bist du selbst Professor, sie sagen es alle.«

Der zart gebaute kleine Mann blickte auf seinen gut gewachsenen Kameraden mit der bewundernden Anhänglichkeit, die ein seiner Schwäche sich bewußter Schwacher dem Stärkeren entgegenbringt, seinem stellvertretenden Lebenshelden, in dem er seine Wünsche zu Taten werden sieht.

»Du könntest de Graves Nachfolger werden,« beharrte er.

Van Heemsbergen zuckte ungeduldig die Achseln.

»Professor – Professor – und dann mit viertausend Gulden jährlich sein ganzes Leben lang hier in Leyden –«

»Sechs doch, später,« sagte Tilenius.

Van Heemsbergen beachtete seine Worte nicht.

Er blickte die vornehme Straße hinunter, die, geräuschlos und ehrbar, an eine riesenhafte Bibliothek erinnerte, in der die Häuser wie Bücherschränke standen.

»Danke bestens, ich will leben.«

»Ich meinte, daß dir diese Arbeit ...« begann der Kleine zögernd.

»Natürlich. Aber nicht auf diese Weise, wie ein Mönch in seiner Zelle – – Du nimmst auch immer alles so buchstäblich, unter »leben« verstehe ich doch nicht nur ... sich amüsieren, so wie es auch der erste beste Idiot kann, wenn er nur Geld genug hat, ich meine mitten darin stehen in allem, Lebens-Erfahrungen sammeln, handelnd in die Dinge eingreifen, und wenn alles drunter und drüber geht, mit den Händen in den Taschen danebenstehen und ruhig denken können: was liegt mir daran, jetzt fang' ich wieder mit etwas anderem an. Ich würde ...«

Er sah Tilenius an mit einem Gesicht, in dem alles leuchtete, aber plötzlich:

»Nun eben ...« murmelte er wieder mit einem Achselzucken ... »das alles ...« und er schwieg, während das leuchtende Licht in seinen Augen matter ward und langsam erlosch.

Der andere verstand, daß es ihm unangenehm war, seine Gefühle so preisgegeben zu haben, und sagte in sachlichem Ton irgend etwas über die Vorteile einer Karriere im juristischen Staatsdienst in Ostindien.

»Und übrigens ist es auch wohl wahr, was du neulich sagtest – dort drüben hat man ein weiteres Feld – »ein Land, das noch nicht urbar gemacht ist«, wie du dich ausdrücktest »jungfräulicher Boden«, während hier schon alles mit Beschlag belegt ist. Das ist wahr, man kann dort rascher Karriere machen und sich vielleicht auch einen berühmten Namen erwerben.«

»Nun ja,« sagte van Heemsbergen gleichgültig. Er blieb stehen.

»So, jetzt muß ich weiter, also auf Wiedersehen später.«

Tilenius hielt die flüchtig dargebotene Hand fest in einem Druck, der plötzlich etwas Krampfhaftes bekam. Er wurde rot bis über beide Ohren, und hastig, als fürchte er, daß der mühsam zusammengeraffte Mut ihm wieder entschwinden könne, noch bevor das große Wort gesprochen, sagte er:

»Wenn ich dir und Ada irgendwie nützlich sein kann, was immer es auch sein möge – du kannst auf mich rechnen.«

Und damit war er verschwunden.

Van Heemsbergen, der, schon halb abgewandt, verständnislos genickt hatte, begriff den Sinn der unklaren Worte erst nach einer Weile.

»Er hat von unserer Verlobung gehört,« dachte er stirnrunzelnd.

Er hatte um Ada de Graves Hand angehalten und ihr Jawort bekommen, aber der soeben erst ernannte Vormund, ein durch Spekulationen reich, hart und mißtrauisch gewordener Kaufmann, gegen den van Heemsbergen schon bei seinem ersten Besuch jenen Widerwillen empfunden, der der unerklärlichen unüberbrückbaren Rassenantipathie der Charaktere entspringt, verweigerte seine Zustimmung. Der Gedanke, daß dies bekannt geworden, war ihm unangenehm. Während er die Treppe zu dem de Graveschen Hause hinaufging, dachte er: »In solchem Nest wie Leyden weiß auch jeder gleich alles.«

Die Tür wurde geöffnet, noch bevor er geklingelt hatte.

Seine Braut, blaß und schmal in ihrer tiefen Trauer, lächelte ihm halb schmerzlich zu. Er nahm sie in seine Arme und küßte sie schweigend und ungestüm.

»Ich wußte, daß du kommen würdest, noch bevor ich deinen Brief hatte,« murmelte sie, »das war kein Abschied gestern.«

Sie zog seinen Arm fester um sich, während sie zusammen den langen schmalen Gang des altfränkischen Hauses durchschritten.

»Ins Studierzimmer?«

Van Heemsbergen fragte es wie jemand, der die Antwort auf seine Frage schon weiß.

Das Mädchen neigte den Kopf zum Zeichen der Bejahung.

»Da haben wir beide wenigstens ein Recht zu sein,« sagte sie gequält.

Die Tür des Wohnzimmers wurde geöffnet, und Frau de Grave trat heraus.

Sie blieb stehen, als ob sie etwas sagen wollte, während sie van Heemsbergen mit einem langen, gleichsam prüfenden und zweifelnden Blick ansah, aber nach kurzem Zögern, und ihn noch stets mit demselben eigentümlichen Blick messend, schritt sie ohne ein Wort zu sagen an dem jungen Paar vorüber und schüttelte den Kopf als Antwort auf ihre eigenen Gedanken.

Ada war so rot geworden, daß die Tränen ihr in die Augen traten. Es schien fast, als müsse die feurige Röte ihre Wangen schmerzen. Mit einer hastigen Bewegung zog sie ihren Bräutigam ins Studierzimmer.

»Mama ist sonst nicht so,« sagte sie schüchtern, »wirklich nicht, Gys. Sie war gleich damit einverstanden, als ich ihr heute morgen sagte, daß du kommen würdest. Sie hat wohl Mitleid mit uns; aber sie hat nicht so recht den Mut wegen des Onkels.«

Sie sah ihn an mit Augen, die um Verzeihung baten.

»Sympathie läßt sich nicht erzwingen,« sagte er kurz, »ich werde schon wissen, wie ich ohne deinen Onkel fertig werde.«

Während er an den Schreibtisch trat, vor dem der Stuhl zurückgeschoben stand, gleich als wäre der, der dort gesessen, soeben aufgestanden, zog er einen mit feiner fließender Schrift bedeckten Bogen Papier aus einem Stapel schwarz bekritzelter Streifen und Zettel hervor.

»Ist das nicht das Kapitel über die Priesterräte?«

»Ja, – das, aus dem dir Papa vorgelesen hat, jenes – jenes letzte Mal,« sagte sie kaum hörbar, und die Tränen, die sie nicht länger zurückzuhalten vermochte, flossen ihr über die Wangen.

Er sah es und begriff, warum sie weinte. Der gezwungen gleichgültige Ausdruck verschwand aus seinen Augen.

»Weine nicht, Liebling,« sagte er innig. »Du siehst doch, ich nehme es mir nicht weiter zu Herzen, das kommt alles ganz von selbst in Ordnung ... komm, setz' dich her – hierher – auf deinen eigenen Platz ...«

Er zog sie neben sich auf die Fensterbank. Sie stützte den Kopf gegen das dunkle Holz des Rahmens; durch die Scheiben des altmodischen mit Blei eingefaßten Fensters, das ein wilder Weinstock mit blutroten Ranken umkränzte, fiel das Licht mild auf ihre blumenhaft weiße Schläfe und überstreute ihre mattblonden Locken mit silbernen Glanzlichtern. So hatte er sie hunderte von Malen sitzen sehen, wenn er zu Professor de Grave kam. Er nahm ihre beiden schlanken Hände, die sich so kalt wie Schnee anfühlten, in die seinen, gleich als wolle er durch diese Umschließung seine eigene Ruhe auf sie übertragen, und sagte:

»Höre mich jetzt an, mein Mädchen; es ist nur für ein Jahr, dann bist du großjährig, und ich habe meine Ernennung, und wir heiraten. Wenn deine Mutter dann sieht, daß sie doch nichts daran ändern kann, wird sie schon einwilligen. So lange mußt du dich zusammennehmen. Mein Gott, ein Jahr ist doch auch keine Ewigkeit. Du wirst sehen, daß du noch nicht einmal mit deiner Arbeit fertig bist, wenn es um ist,« fügte er scherzend hinzu, unwillkürlich lächelnd über das große Wort »Arbeit«, womit er ihr Kopieren von Professor de Graves unentzifferbarem Manuskript bezeichnete.

»Nun, Scriba,« – er gab ihr den Namen, bei dem ihr Vater sie halb neckend, halb liebkosend zu nennen pflegte, wenn er sie für das Lesbarmachen seiner Aufzeichnungen lobte, – »sagst du nichts?''

Sie hatte regungslos dagesessen und ihn mit einem zugleich zerstreuten und gespannten Blick angesehen, als suche sie seine Gedanken in seinen Augen, während sie seine Worte unbeachtet über sich hingehen ließ. Mit einem Ernst, der im Vergleich zu seinem leichten Ton seltsam klang, sagt sie plötzlich: »Das gehört uns jetzt, Vaters Buch, zusammen. Ich bin so stolz darauf, daß er es dir gegeben hat, Gys,« sie drückte seine Hände mit einer solchen Kraft, als wolle sie ein feierliches Gelübde zugleich ablegen und einfordern; »ich glaube, daß du sein Werk so gut zu Ende führen wirst, wie er es selbst getan haben würde. Du wirst alles das zustandebringen, was er sein ganzes Leben lang gewollt und gehofft hat. Tausende von Menschen werden durch dich glücklicher werden.«

Ihre Augen strahlten.

Van Heemsbergen fühlte unbestimmt, daß ihre Ekstase zu einer Höhe emporstieg, auf der er nicht stand und vielleicht auch niemals würde stehen können, und sagte daher absichtlich nüchtern: »Nun, die Javaner glücklich zu machen, darauf kommt es wohl nicht in erster Reihe an. Das heißt,« fuhr er fort, als er sah, wie sich ein Schatten über ihre Augen legte »indirekt natürlich wohl, es versteht sich von selbst, daß eine gute Rechtsprechung zu der Wohlfahrt eines Volkes beiträgt, zu seinem Glück, wenn du willst.«

»Ja, so meine ich es,« sagte sie dankbar, »daran wirst du arbeiten und so gut, wie es dir nur irgend möglich ist. Du weißt nicht, wie ich mich bemühen werde, genug zu lernen, um dir helfen zu können, Gys.«

Mit plötzlicher Heftigkeit umspannte er ihre beiden Pulse: »O Ada, und wenn sie dir nun alles mögliche erzählen, um dich von mir loszureißen, wirst du sie dann nur reden lassen, deine Familie und deinen Vormund und – alle, alle? Ich weiß genau, womit der Kerl dir kommen wird, Pfennigfuchserweisheit – daß ich so viel Geld vergeudet und daß ich sieben Jahre studiert habe und daß ich nur durch deinen Vater zum Arbeiten gekommen bin und daß ich in Indien schon lange zum Teufel sein werde, bevor wir ans Heiraten denken können, und daß ich dich niemals glücklich machen kann, – sag, wirst du dann nicht auf sie hören?«

Sie schüttelte immer wieder verneinend den Kopf, lächelnd, als sage er Ungereimtheiten, über die man nicht einmal nachdenken könne.

»Ich kenne dich doch,« sagte sie endlich glücklich und voll Vertrauen, und ihre ganze Seele kam ihm in ihrem Lächeln entgegen.

»Ja, nicht wahr? Du kennst mich, und ich kenne dich, wir wissen, daß wir zu einander gehören, wir sind Mann und Frau, sprich es mir nach, ich will es von dir hören.«

»Wir sind Mann und Frau,« wiederholte das junge Mädchen.

»Nächstes Jahr im August wirst du großjährig, dann werden wir die Verlobung veröffentlichen, und sobald ich Hilfsaktuar bin, heiraten wir. Wenn's nicht anders geht, dann eben mit einer notariellen Anfrage.«

»Ja, Gys.«

»Du hast das Recht, über dich selbst zu verfügen, bedenke das wohl. Du mußt wissen, daß du mir gehörst, mir und keinem andern, auch nicht deiner Familie, nicht einmal deiner Mutter, wenn du sie auch noch so sehr liebst. Du bist ihnen gegenüber zu schwach, das habe ich dir schon so oft gesagt, du mußt versuchen, selbständiger zu werden.«

»Ja, Gys.«

»Ich werde die Papiere ordnen, mein Bruder weiß um die Sache, wenn es soweit ist, depeschiere ich dir, und was sie dir dann sagen werden von »Kindespflicht« und »von mehr Erfahrung« und von »nur zu deinem eigenen Wohl« und all' solchen Unsinn mehr, das nimmst du dir alles gar nicht zu Herzen, hörst du? Du hältst dich an mich.«

»Ja, Gys,« sagte sie zum dritten Mal mit einer beinahe straffen Stimme.

Er sah sie an, wartend.

Aber sie rührte sich nicht, und als er ihre Hände losließ, sanken sie in ihren Schoß herab und lagen dort regungslos mit den weißen rotumränderten Striemen seines umspannenden Griffes.

Ein langsamer Männerschritt kam durch den Korridor, ein anderer leichterer folgte schnell. Sie machten einen Augenblick vor der Türe halt und kehrten zusammen wieder zurück.

Ada begann hastig zu sprechen.

»Ich werde dir Papas Manuskript schicken und die Notizen, sobald ich kann. Es geht so langsam, weil er so viel durchgestrichen hat und überall Verweisungszeichen stehen, nach denen ich dann lange suchen muß ... und natürlich schreibe ich auch das ab, was ich in den Zeitschriften für dich finden kann ... ich werde weiter regelmäßig in die Bibliothek gehen, so wie ich es zuletzt für Papa tat ... ich weiß schon, welche Blätter ... ja ... was war doch sonst noch?«

Sie preßte die Handfläche gegen die Schläfen.

»Da war so viel, was ich dir zu sagen hatte, wo ist das jetzt nur hin?« fragte sie klagend. Sie schaute mit einem verlorenen Blick um sich her.

»Die Arbeit, immer die Arbeit,« dachte van Heemsbergen bitter, »kann sie denn so ein letztes Mal, da wir zusammen sind ...«

Er folgte den sich von ihm entfernenden Augen, immer tiefer verletzt durch eine Empfindung entrüsteten Schmerzes. Warum versuchte sie ihm so auszuweichen?

»Was wollte ich doch nur wieder?« wiederholte Ada, gleichsam unstät.

Mit einer gebieterischen Bewegung nahm er das abgewandte Gesicht zwischen seine beiden Hände und zwang es zu sich hin.

»Ada, sieh' mich mal an.«

Sie begann so zu zittern, daß er es sah.

Sie schloß die Augen unter seinem starren Blick und sagte mit einer Stimme, die fast keinen Klang mehr hatte:

»Nicht so ungestüm, Gys, ich bitte dich.«

Er ließ sie los.

»Was hat sie nur?'' dachte er befremdet.

Es war, als werde sie sichtlich bleicher. Ihr Kopf lag kraftlos gegen den Fensterrahmen gelehnt.

»Es wäre vielleicht doch besser gewesen, wenn ich nicht gekommen wäre, was haben wir einander nun anders gesagt, als was wir uns schon hundert Mal gesagt haben? Es ist nur eine unnütze Quälerei,« dachte er.

Er warf einen Blick auf die Uhr, deren Zeiger nur um wenige Minuten von der 10 entfernt war.

Gleichviel, je eher die Sache ein Ende hatte, desto besser.

Er stand auf.

»Nun also – mein Mädchen.«

Sie erhob sich gleichfalls, so mechanisch, als habe seine Bewegung die ihrige verursacht.

»Mußt du ... mußt du fort?«

Ihr ganzes Gesicht veränderte sich, und es trat ein beinahe wilder Ausdruck in ihre Augen.

Plötzlich riß sie ihren Kragen auf und zog eine kleine Kette hervor, an der ein Medaillon hing.

»Da, da nimm es, es sind die ... die Veilchen, die du mir mitgebracht hast, damals ... aus ... aus Scherz, ich hatte es dir niemals sagen wollen, jetzt weißt du's, ich kann mir nicht helfen.«

Hilflos stand sie vor ihm, bleich wie eine Tote, mit starren Lippen.

Er blickte erstaunt auf ein silbernes Medaillon in seiner Hand, ein glanzloses kleines Ding mit vielen Beulen, das sie sicherlich als Kind getragen haben mußte. An dem Glas klebten ein paar violett-bräunliche Blumenblättchen.

Und plötzlich, wie bei einem Blitzstrahl, durch den hunderte von dunklen Dingen eine Sekunde lang grell beleuchtet werden, sah er den Studentenball, dem sie im letzten Augenblick ferngeblieben, um ihrem Vater Gesellschaft zu leisten, der über Schmerzen klagte, seinen Besuch am nächsten Tage, als er ihr aus Scherz, wie sie jetzt sagte, ein für sie mitgebrachtes Kotillonbukett überreicht, ihr purpurnes Erröten, als sie die Blumen annahm.

Alles blitzte vor ihm auf in dieser einen Sekunde, während er von dem Medaillon in seiner Hand auf ihr weißes gleichsam versteinertes Gesicht blickte.

Ada machte eine unsichere Bewegung, suchte eine Stütze und wankte.

Er fing sie in seinen Armen auf.

»Mein Liebling, mein Schatz, Gott weiß, daß ich ... bis zu meinem Tode werde ich dir dafür dankbar bleiben, ... verzeih mir, verzeih mir ...«

Er sprach diese unzusammenhängenden Worte hastig, ohne selbst zu wissen, was er sagte, was er wollte, noch wofür er sie so leidenschaftlich immer und immer wieder um Verzeihung bat. Und plötzlich:

»Ich bleibe hier, Ada, ich gehe nicht fort von dir, ich würde nicht einen einzigen Tag aushalten. Hörst du, mein Mädchen, wir bleiben zusammen, ich kann in Holland auch Karriere machen.«

Er führte sie wieder nach der Fensternische und setzte sich neben sie.

»So, jetzt bleiben wir hier still so sitzen, bis du dich ganz beruhigt hast. Nur ein Viertelstündchen; dann ist der Zug fort, und ich erreiche das Schiff nicht mehr und die Sache ist dann ganz von selbst entschieden. Was sagst du dazu?« fragte er triumphierend, gleich als habe er dadurch plötzlich alles gewonnen.

»Nicht? Willst du doch nicht?«

Er neigte sich über sie, wie um sich Gewißheit zu verschaffen, daß sie wirklich verneinend den Kopf geschüttelt.

»Willst du, daß ich fortgehe? Doch? Ist das wirklich dein Ernst, Ada?«

Die Stunde schlug.

Er fühlte plötzlich ihre Wangen an den seinen und die krampfhafte Umklammerung ihrer Arme um seinen Nacken. Dann war es ihm, als würde er weggestoßen.

Eine Tür öffnete sich und fiel hinter ihm zu. Er stand auf der Straße, einem Mann gegenüber, der ihn erstaunt ansah.

Es kam eine Droschke dahergerasselt, ein bekanntes Gesicht erschien an dem geöffneten Fenster.

»Van Heemsbergen! – Halt, halt, Kutscher! Van Heemsbergen, du kommst zu spät, Mensch, steig ein, hier ist noch Platz.«

Der Freund packte ihn am Arm und zog ihn neben sich in den Wagen.

»Zum Bahnhof, – schnell!«

»Ich gehe also doch ...« dachte van Heemsbergen, »aber natürlich auch.«

Die Wirklichkeit drang zu ihm, wie plötzliches Tageslicht in die Augen eines Träumers.

»Wir haben noch zehn Minuten,« sagte er, indem er seine Uhr hervorzog.

*

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