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Die goldene Schmiede

Michael Georg Conrad: Die goldene Schmiede - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDie goldene Schmiede
pages11-57
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Die fromme Anastasia hatte mit dem Scharfsinn des Mutterherzens, der weit feiner ist, als der des Kopfes, das Richtige getroffen: Joseph war der prädestinierte Priester. Seine äußere und innere Natur war darauf angelegt. Der moderne Priester der streitbaren Kirche im komplizierten Großstadtleben konnte nicht besser und interessanter dargestellt werden, als durch diesen Schmiedssohn aus der Sendlingergasse.

»Wo er das nur her haben mag? Von mir nicht«, brummte wohlgefällig der alte Meister Florian in den Bart, wenn ihm Frau Anastasia eine neue Heldentat des geistlichen Mustermenschen in preisender Rede schilderte.

Ehrwürden Joseph Florian Schropper war von feiner, schlanker Gestalt. Seine Physiognomie hatte etwas Sanftes, Nachdenkliches, Wohlwollendes; der leicht verschleierte Blick des samtartigen braunen Auges war schmeichelnd, karessierend, aber nicht ohne Malice, die Stirn von schöner Form ohne prahlerisch übertriebenen Umfang, die Nase leicht gebogen, der Mund sinnlich, liebenswürdig, lächelnd, das Kinn entschieden, aber doch weich in den Linien.

In dem Kopfe lag eine eigentümliche Mischung des Philosophischen mit dem Gläubigen, des Gefühlvollen mit dem Herrschenden, des Verzichtenden mit dem Unbefriedigten und Suchenden. Die Nasenflügel verrieten ebensoviel Lüsternheit nach dem süßen Geruch des Weihrauchs, als Behagen an den gemischten und stärkeren Parfüms des Salons und Alkovens. Und sprachen die Lippen: »Gnade und Friede und Freude!« so akkompagnierten die Augen: »Ich will, daß meine Liebe euch binde, daß meine Leutseligkeit das Joch eures Willens, meine Demut eure Fessel sei!« Es lag etwas genial Raffiniertes und berechnend Egoistisches in diesem salbungsvollen Doppelspiel der Lippen und Augen. Dazu kam eine modulationsfähige Stimme von vibrierendem Baritonklang als Organ einer Beredsamkeit, die ebenso geschickt war im verführerischen, subtilen Umgarnen und Einfangen des Hörers, wie im dialektischen Abweisen des Gegners und im entrüsteten Zermalmen des unbequemen Sünders.

Seine Seele empfand unbegrenzten Durst nach Popularität und Herrschaft, aber der kluge Geist schwebte zügelnd darüber und sorgte, daß die Befriedigung nicht überstürzt, sondern in kleinen Zügen, in weisen Schlucken geschehe. Damit hing zusammen das hoch entwickelte Talent, sich scheinbar ganz hinzugeben, das Herz weit zu öffnen, sich allen auszuliefern, während in der Tat Gedanken und Gefühle in geschlossener Reserve verharrten.

Diese mit den starken Instinkten des Volkskindes ausgestattete Natur war kostbares Material für die klerikalen Erziehungskünstler. In der Stille des Seminars und des Klosters wurde der Jüngling nach bester römischer Methode sorgfältig für die priesterliche Rolle präpariert, die er in der Welt, und hauptsächlich bei der für kirchliche Interessenpolitik so unschätzbaren weiblichen Hälfte, zu spielen hatte. Nachdem er in den Besitz der akademischen Grade und der kirchlichen Weihen gelangt war, wurde er von den hochwürdigsten Obern zuerst an einer kleinen Kirche probiert und dann seine Laufbahn festgestellt. Das Experiment hatte seine ganz spezielle Begabung für die Seelsorge der Frauen bestätigt; die Art und Bedeutung seiner Mission im Weinberge des Herrn war über jeden Zweifel erhaben.

Die unübersehbare Ausdehnung der modernen Arbeit in den Wissenschaften, in der Technik, in der Industrie, im Handel, in den Börsengeschäften, in der Politik, im Militärdienst, in der internationalen Verkehrswirtschaft, im kolonisatorischen Eroberungswesen hat bei sämtlichen Kulturvölkern den Mann derartig in Anspruch genommen und seine Kraft in Fesseln gelegt, daß er für die zarteren Seiten des Lebens, für die feinere Geselligkeit, für die Liebe, für die Galanterie, mit einem Worte für das entwickelte Ewigweibliche des Daseins nach seinen verschiedenen Ausstrahlungen nur noch einen winzigen Bruchteil an Zeit und Talent erübrigt. Der Kultus des Frauentums, wie ihn frühere Kulturperioden gekannt und geübt, ist beinahe bis auf die historische Erinnerung verschwunden. Ist damit auch der Schatz der Gefühle und Illusionen und phantastischen Bedürfnisse, der von der weiblichen Hälfte des Menschengeschlechts gehütet wird seit Anbeginn, plötzlich zerstreut worden, weil die männliche Hälfte nichts mehr damit anzufangen weiß? Keineswegs. Er hat nur einen anderen Schätzer und Ausbeuter gefunden: die Geistlichkeit. Und mit Hilfe dieses Schatzes wird dereinst die Kirche die glaubenslos und unkirchlich gewordene Männerwelt wieder in ihre dogmatische Gewalt zwingen.

Inzwischen haben die Kleriker sich in den Sympathien der liebes- und trostbedürftigen Frauenwelt, die ewig nach dem Idealen, dem Undefinierbaren und Unendlichen schmachten wird, als regelrechte Besitzer häuslich eingerichtet...

In diesem Ideenkreis bewegten sich heute die Gedanken des frühreifen Studiosus der Philosophie Ernst Gurlinger, als er auf die Wohnung des ehrwürdigen Herrn Joseph Florian Schropper, seines lieben und interessanten geistlichen Freundes, zuschritt. Trotz eines beträchtlichen Altersunterschieds waren sie auf der Lateinschule gute Freunde geworden, und obschon Joseph jetzt in Amt und Würden stand und Ernst noch eine vorläufig unbestimmte Zahl von Semestern auf einheimischen und fremden Universitäten als unersättlicher Säugling an den Brüsten der Weisheit liegen wollte, hatten sie doch die trauliche Intimität der ersten Bekanntschaft bewahrt und gepflegt.

Priester und Student verband eine schier zärtliche Neigung. Dem Priester war es Bedürfnis geworden, an dem zarten, feinsinnigen Philosophen von so ausgebreitetem Wissen und so ruhiger, diskreter Weisheit ein reines, ungefährliches Gefäß zu haben, in welches er die verborgensten Gedanken- und Gefühlsströme seiner kirchlich eingedämmten Zölibatär-Seele ergießen konnte. Denn es gibt einen Empfindungsüberschuß und ein Mitteilungsbedürfnis, womit selbst die Kirche und ihre Diener zuweilen nichts anzufangen wissen. Der Philosoph empfand dieses Vertrauen des Priesters nicht nur mit freundschaftlichem Stolz, sondern er würdigte es auch von dem Standpunkt des Wissenden, der sich nicht genug tun kann in der Aufstöberung und Sammlung humaner Probleme und philosophischer Rätsel.

Für heute hatte ihm Joseph ganz besonders intime und interessante Aufschlüsse versprochen. Jetzt trat er in das altertümliche, aber gar reinliche und anheimelnde Rochusgäßchen; hier lag die Priesterwohnung zwischen stillen, ganz urgroßväterlich gemahnenden Häuschen mit hohen, steilen Ziegeldächern, auf denen die Juninachmittagssonne spielte.

Er stieg eine schmale, blendend weiß gescheuerte Stiege hinan, klopfte an die Tür links und trat auf ein sonores »Herein!« über die Schwelle.

Joseph saß im gepolsterten Lehnstuhl, ein Pastellbild, sein eigenes Porträt, betrachtend. Ohne sich zu erheben, streckte er dem Freunde beide Hände zum Gruß entgegen. Bei der Bewegung streifte er mit dem Ellbogen ein mürbes Milchbrötchen vom Tisch.

»Sei willkommen, mein Sohn!«

Ernst Gurlinger bückte sich, hob das Brötchen auf und betrachtete es lächelnd.

»Einfaches Gebäck, lieber Ernst, mein gewöhnlicher Nachmittagsimbiß mit einem Gläschen Bordeaux, wie du weißt. Was findest du Merkwürdiges daran, mein Philosoph?«

»Am Brötchen?«

»Ja.«

»Am Brötchen an sich wenig, aber einiges an seiner Geschichte.«

»Du machst mich neugierig; laß' hören, mein Sohn!«

Indem Ernst das Brötchen vorsichtig auf den Tisch legte: »Es berührt eigentümlich, daran zu denken, daß gegen dieses unschuldige Gebäck von den Kanzeln herabgeeifert wurde, daß die Geistlichkeit die ersten Milchbrötchen als eine teuflische Neuerung verdammte und behauptete, das sei eine dem Leib und Seele gleich schädliche Speise, erwecke unreine Gedanken und sündhaften Appetit.«

»Wann geschah das?« fragte Joseph sanft.

»Nach der Einführung des neuen Brotes, vor etwas über zweihundert Jahren, unter der allerchristlichsten Königin Maria de Medici von Frankreich.«

»Das ist etwas lange her. Und wie erklärt deine Philosophie die geistliche Abneigung gegen dieses wohlschmeckende Gebäck?«

»Im allgemeinen aus der fatalen Lust der Geistlichkeit, sich in die unbedeutendsten Dinge zu mischen und sich sogar zu Vormündern der Bäcker und Köche aufzuwerfen, wenn Aussicht besteht, durch diese Einmischung ein Titelchen der kirchlichen Autorität beizufügen und die große Herrschaft der Kirche selbst durch ein Nichts zu befestigen.«

»Fehlgeschossen, mein Sohn!« erwiderte Joseph sich erhebend und seinem Freunde zärtlich die Wange streichelnd. Deine Philosophie ist im Irrtum.«

»Wieso?«

Joseph trat an seine Bücherei und zog einen schweren Folianten heraus. Nach einigem Blättern »Da, lies! Oder gestatte, daß ich dir vorlese, wenn es dem Theologen wohlansteht, dem Philosophen das Leben so bequem als möglich zu machen: Da es Mode geworden war, den Namen der geliebten Person auf ein noch warmes, eben erst aus dem Ofen gekommenes Milchbrötchen zu schreiben, weil der Aberglaube einem solchen, wenn es von der bezeichneten Person verspeist wurde, die Kraft andichtete, Gegenliebe zu erwecken, so verordneten die kirchlichen Obern von Paris usw. Du siehst, wir sind gegen jede Anklage gewappnet!«

»Habe ich auch gewußt, lieber Joseph; ich wollte dich nur ein wenig necken, weil ich dich so gedankenschwer brütend im Großvaterstuhl fand.«

»Ich habe in der Tat heute keinen guten Tag.«

»Darf ich so indiskret sein, zu erraten warum?«

»Setz' dich an meiner Stelle in den Großvaterstuhl und sei so indiskret wie möglich! Doch laß dich zuvor umarmen, braver, trauter Junge!«

»Du hast darüber nachgesonnen, welchen Namen du im gegebenen Fall auf das warme Milchbrötchen schreiben würdest...«

»Sündhafter Schelm!« drohte Joseph, sich auf die Armlehne setzend und seinen Arm um den Nacken des philosophischen Freundes schlingend. »Hast du mein neuestes Bild schon gesehen?«

»Das wievielte in der Reihe?«

»Das Dutzend ist jetzt voll. Dies ist aber in der Tat ein Kunstwerk von entschiedenem Wert und keine wohlgemeinte Stümperei, die man nur um des Spenders willen nicht ablehnen mag.«

Ernst Gurlinger griff nach dem Bilde: »Sag' um der Spenderin willen. Wahrhaftig, sehr feine Leistung und sprechend ähnlich. Wieviele Sitzungen hast du daran gewendet?«

»Keine einzige. Das Bild ist offenbar nach meiner neuesten Photographie bei Stuffler gemacht. Künstler und Spender sind mir gleich unbekannt...«

»Ich muß dich wieder korrigieren. Man sagt: Künstlerin und Spenderin!«

»Wie du befiehlst. Ich habe das Werk heute früh anonym zugestellt erhalten.«

»Du hast keine Ahnung?«

»Was sollen Ahnungen besagen, wenn man nach Gewißheit verlangt?«

»Ahnungen weisen oft auf den Weg, der zur Gewißheit leitet.«

»Offen gestanden, die ganze Bildermanie fängt an, mir unerträglich zu werden. Das Dutzend ist, wie gesagt, jetzt voll. Meine Beichtkinder haben wie auf Verabredung mir mein Porträt nun in allen möglichen und unmöglichen Saucen serviert, in Kreide, in Pastell, in Öl, auf Leinwand, auf Glas, auf Pappendeckel. Es ist lächerlich. Es ist auch unwürdig.«

»München ist Kunststadt, darin muß sich auch der Geistliche, der beliebteste Prediger und Beichtvater der Damenwelt zumal, in christlicher Geduld fügen.«

»Spotte nicht! Es wird wirklich zu bunt. Das nächste Bild wird unbarmherzig zurückgewiesen. Da sieh her: drei Briefe allein in der heutigen Post, wovon zwei mich mit der ewigen Bettelei um eine Sitzung oder wenigstens um Überlassung einer speziell aufgenommenen Photographie in einer bestimmt bezeichneten Pose quälen.«

»Und der dritte Brief?« fragte Ernst mit Betonung.

»Interessiert nur den Gewissensrat und Seelenarzt.«

Joseph und Ernst hatten sich erhoben.

»Dann interessiert er auch als menschliches Dokument, wie die französischen Naturalisten sagen, den Psychologen in hohem Grade.«

Joseph betrachtete seinen Freund lange mit einem forschenden Blick.

»Ein neuer Beweis meiner großen Freundschaft für dich: hier, lies den Brief!«

Es waren zwei engbeschriebene Seiten. Ernst begann halblaut zu lesen:

»Hochwürdiger Herr! Geliebter Seelsorger! Hoffnung und Trost meiner Seele! Ich leide unaussprechlich. Die Brutalität des Lebens erdrückt mich. Die Wirklichkeit des lieblosen Seins ruht wie ein Zentnergewicht auf meinem Gemüte. Ich ersticke. Wie der totmatte Hirsch schreit nach einem frischen Wasserquell, so schreit meine Seele zu Gott; Gott aber hat mich an Ihre Liebe und Barmherzigkeit gewiesen. Sie sind mein Ideal. Im Traum schwebe ich in Ihr Herz wie in eine selige Unendlichkeit. Verstoßen Sie mich nicht länger. Sie sind mein einziger Rettungsanker. Gewähren Sie mir ein letztes mündliches Wort, nicht in der Kirche, nicht im Beichtstuhl, an einem dritten Ort...« Von hier ab überflog der Leser stumm das Blatt. Unterschrift »Sine.« Soll das »ohne« bedeuten oder Abkürzung eines Namens sein? fragte sich Ernst nachdenklich.

«Und du hast wieder keine Ahnung, wer die Briefschreiberin ist?«

»Keine. Du siehst ja, sie wünscht in der Nachschrift die Antwort postlagernd unter ›Sine‹. Die Handschrift sehe ich zum erstenmal. Gänzlich unbekannt.«

»Du wirst antworten?«

»Ich habe geantwortet; das gebietet mein Gewissen.«

»Wie?«

»Nach der gewöhnlichen Schablone. Du kannst die Antwort übrigens in meinem Konzeptbuch gleichfalls lesen.«

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