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Die goldene Schmiede

Michael Georg Conrad: Die goldene Schmiede - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDie goldene Schmiede
pages11-57
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Oder den besseren Fall angenommen: Die Eltern nehmen den ersten Teil des Geständnisses gelassen auf in der Hoffnung, es werde wenigstens das betreffende Mädchen vermögender Eltern Kind und aus einem respektablen Hause sein; der Vater fragte: »Na, es wird so weit nit aus sein, wie heißt sie denn?«

»Ursula Deixlhofer...«

»Ursula Deixlhofer? Jessesmaria und Joseph! Die Tochter von dem weitläufigen Vetter in Giesing, den die fromme Mutter stets verleugnet hat, weil er ein Habenichts war und ein Ungläubiger und ein Phantast und im Rausch in der Isar ertrunken ist? Dem seine Tochter?«

»Ja, dem seine Tochter, leider Gottes...«

»Und du fürchtest dich nicht der Sünd' und schämst dich nicht der Schand'?«

»Es ist nun einmal so, ich kann's nicht ändern...«

»Und so etwas kannst du, Max, deiner Familie und deinem geistlichen Herrn Bruder antun?«

Nun findet er keine Worte mehr. Was wird weiter geschehen? Hier erlahmt seine Phantasie, oder vielmehr sie getraut sich nicht, sich die böse Geschichte weiter vorzustellen und auszumalen.

Nein, es ging wirklich nicht. Jetzt am allerwenigsten, wo er mit seiner Mutter so große Finanzpläne hatte und kolossaler Reichtum winkte, der das Haus immer höher trug. Der älteste Sohn der goldenen Schmiede am Paradiesgassen-Eck sollte eine Habenichtsin aus Giesing mit einem Kind heimführen? Das reimt sich heute nicht. Da hätte er ja ebensogut ein Mädchen aus der Paradiesgasse nehmen können! Nein, nein, die Dinge mögen ihren Lauf haben; das gefährliche Geheimnis muß noch Geheimnis bleiben. So etwas konnte er den Eltern wahrhaftig nicht antun... Malefiz, wenn das Kind nur zu verheimlichen wär'; mit dem Mädchen allein wär' eher ein Fertigwerden... Ein Prachtweibsbild die Ursula... Da darf man schon lang suchen, bis man wieder so etwas von Gesundheit und Schönheit und Humor beieinander findet... Und der Körperbau! Zwei Brüste hat sie, die wie zwei feurige Fohlen aus dem Mieder herausspringen, und zwei Augen, warm und hell wie die Sonne, und eine Gestalt und ein Ebenmaß wie die Bavaria auf der Theresienwiese... Aber da geh' einer hin und mach' das den Alten klar in ihrer vertrackten Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit! O du benedeite Jungfrau! Da ist alles Schandfleck: die Dirn' und das Kind und die Armut und der tote Vater und die ganze Verwandtschaft... Nein, es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht.

Niemals bis auf den heutigen Tag wurde in Meister Florians Haus mit den beiden Söhnen ein Wort von der Liebe oder von der Geschlechtlichkeit gesprochen. So etwas schickt sich nicht für anständige Christenleute. Erst im äußersten Notfall nimmt man den Kindern gegenüber diese Dinge in den Mund. Freilich, im englischen Gruß betet man den Tag dutzendmal mit den Kindern zur himmlischen Jungfrau und preist die unbefleckte Empfängnis und segnet die Frucht des Leibes. Allein das läuft gewohnheitsmäßig über die Zunge, und man denkt sich nichts dabei und malt sich nichts aus. Sonst müßte ja eine fromme Frau wie die Mutter Anastasia gleich in den Erdboden versinken vor Scham. Man behält die Buben scharf im Auge und warnt sie ganz allgemein vor der Verführung, vor schlechter Gesellschaft und vor den bösen Beispielen. Das muß genügen. Für das übrige muß der Schutzengel und der Schutzpatron und die Heerschar der Heiligen sorgen, die man ja in unablässigem Gebet anruft.

Wie der Max und Joseph noch halbwüchsige Buben waren, da standen sie wohl manchmal in der Abenddämmerung auf der Veranda und lugten mit brennenden Blicken in das Dunkel der Paradiesgasse hinab, wo die Mädchen hin- und herliefen und mit vorübergehenden Mannsleuten Scherz trieben. Eine eigentümlich wogende Nervenstimmung bemächtigte sich der beiden Schlingel, wenn sie sahen, wie ein Männlein und ein Weiblein sich um die Hüfte oder um den Hals faßten und sich küßten oder im Lichtschein einer halbgeöffneten Haustür verschwanden. Sie wußten nicht, was das zu bedeuten hatte, aber es entflammte doch ihr Interesse, und sie stellten sich auf die Zehenspitzen, um besser zu sehen, und vor lauter Sehen wurde ihnen ganz trocken im Halse, und es verging ihnen das Hören, so daß sie gar nicht merkten, daß die Mutter herausgetreten war und hinter ihnen stand. Wie nun die Hand der Mutter sie plötzlich bei der Schulter packte, da fuhren sie zusammen wie Bösewichter, die man auf schwerer Untat ertappt – und doch hatten sie gar nichts getan, ja nicht einmal ein Wort gesprochen, nicht einmal etwas Bestimmtes gedacht. Was war das nur, was sie so ängstlich machte?

Nach der Firmung schlich Max doch einmal, von einer unwiderstehlichen Neugierde getrieben, durch das dunkle, feuchte Gäßchen mit der stinkigen Luft. Diese stinkige Luft hatte etwas Berauschendes. Er wollte sich diese Mädchen der Nacht doch auch einmal in der Nähe ansehen; das konnte keine so große Sünde sein. Sein Blut kam in Wallung, sein Herz klopfte hörbar, seine Knie schwankten. Wenn jetzt jemand dazu käme? Wenn ihn der Vater oder die Mutter erwischte? Zögernd kehrte er um; es war ihm doch gar nicht wohl bei der Sache.

Richtig hatte es der Vater gesehen und, ohne ein Wort zu sagen, ihm ein paar Ohrfeigen versetzt, daß ihm grün und blau vor den Augen wurde. Das war die einzige Erziehungshandlung, die ihm den väterlichen Standpunkt in dieser heiklen Sache fürs ganze Leben klar machte. Er kam in die Schmiede, Joseph in die Schule und ins Seminar – und von keiner Seite wurde dieses Abenteuers mehr mit einem Worte gedacht.

Frau Anastasia aber hatte damals nicht versäumt, die wilden Weinranken und die Blumenstöcke auf der Veranda so zu ordnen, daß jeder Ausblick in die Paradiesgasse unmöglich war.

So vergingen die Jahre des reiferen Knabenalters in strenger Arbeit und Ehrbarkeit unter den Augen des fleißigen, einsilbigen Vaters und der frommen, sorgsamen Mutter. Max schien keinem Weibsgesicht mehr zu trauen, und was Joseph von diesen Kreaturen halte, das vermochte er auch nicht zu ergründen, denn die Brüder sahen sich nur selten allein, und der junge Kleriker wurde ohnedies mit der fortschreitenden Bildung immer verschlossener gegen die Eltern und den Bruder. Sicherlich war er der keuscheste aller Josephe geblieben und machte seinem heiligen Namen alle Ehre. Max wollte hinter dem jüngeren Bruder nicht zurückbleiben und befleißigte sich eines exemplarischen Lebenswandels.

Da kamen die Jahre der Vollreife heran, der entschiedenen Mannbarkeit, und das Unabwendbare mußte sich ereignen.

Bei einem frommen Vereinsfest im Walde zu Planegg, veranstaltet von einer kirchlichen Bruderschaft, sah der stramme, markige und durch die Schmiedearbeit prachtvoll gestählte Bursch die schöne, blühende Ursula zum erstenmal. Die Begegnung mit dem fast gleichaltrigen und fast in gleicher Klausur herangereiften Mädchen wirkte auf sein Gemüt und seine Sinne wie ein Blitzstrahl.

»Die und keine andere!« schrie die Stimme seines Blutes. »Ich muß sie haben!«

Und wie sie sich an den Händen faßten und sich in die Augen schauten, da stotterte der Jüngling und redete einfältiges Zeug und die Jungfrau errötete bis über die Ohren, und das Mieder wurde ihr zu enge. Aber der Schmied kam bald über Verlegenheit und Blödigkeit hinaus. Mit der Gier eines im Käfig halb verhungerten Raubtiers hätte er sich auf seine Beute stürzen mögen, hätten Ursulas flammende Blicke nicht gebeten: »Gedulde dich, ich gehöre dir ja!«

Um vor den frommen Vereinsbrüdern nicht aufzufallen, mußten sie sich heute trennen. Eine Begegnung an der nämlichen Stelle wurde für den nächsten Sonntag verabredet.

»Komm' allein!« flehte Max und seine Augen leuchteten elektrisch.

»Das geht unter keinen Umständen... Ich werde meinen kleinen Bruder Hans mitbringen... Meine Mutter ist schrecklich strenge und läßt mich nie eine Stunde allein fort... Aber ich komme ganz bestimmt.«

Das war eine schwere Woche für den jungen Schmied. Und eine Ewigkeit lang! Zuerst glaubte er das Ende gar nicht mehr zu erleben. Er tobte in der Werkstatt wie ein Wilder und schlug auf das Eisen los, als wollte er den Amboß in den Boden wettern. Kein Hammer war ihm schwer, keine Zange wuchtig, keine Glut heiß genug. Er arbeitete für zwei und räumte mit den Bestellungen auf, als wär's Kinderspiel. Das flog nur so von der Hand weg. Haufen alten Eisens, die bestäubt und vergessen in den Ecken lagen, wurden von ihm hervorgezogen und zu allerlei Phantasiesachen verarbeitet, wenn gerade keine andere Arbeit wartete. Ein künstlerischer Geist kam über ihn und trieb ihn an, ein Gitter zu schmieden mit Verzierungen, die einem verschnörkelten U ähnlich sahen. Max war in der Frühe der erste, am Abend der letzte in der Werkstatt.

Der Schmied betrachtete seinen Sohn von der Seite und sagte vergnügt in sich hinein: »Es is so weit nit aus, der wird mit jedem Tag besser.«

Der Sonntag kam. Die Ungeduld hatte Max früher, als zur verabredeten Stunde, in den Wald getrieben. Es wurde ihm ganz eigen zumut, als er unter dem Geflüster der breitästigen Buchen über das weiche Moos dahinschritt. Die Wildheit des Blutes schwieg in der großen Einsamkeit. Sanfte, zärtliche Regungen, weihevoll wie fromme Andacht, erfüllten seine Seele. Der hohe, grüne Wald erschien ihm wie ein Tempel. Wie vor dem geheimnisvoll leuchtenden Hochaltar der Frauenkirche, glaubte er sich hier der Gottheit näher. Es fiel ihm das Lied ein, das sie neulich auf dem Vereinsfest gesungen: »Der liebe Gott geht durch den Wald.«

Dann dachte er wieder gar nichts und schaute zu, wie rote Eichhörnchen von Ast zu Ast huschten, wie ein Hase hinter einer Buche auftauchte, bei dem Geräusch sich aufrecht setzte, die langen Ohren spitzte und dann plötzlich in großen Sätzen davonjagte...

Endlich bedrückte ihn das lange Warten, und die Schwüle des Junitages brach auch in den Wald ein. Er zog die große silberne Taschenuhr aus der Westentasche: »Noch eine gute halbe Stunde.«

Nun verspürte er Hunger und Durst. Er schritt über die Lichtung dem Waldwirtshaus zu, ließ sich auf der Bank unter der großen Fichte nieder und bestellte sich eine Maß Bier und eine Knackwurst. Auch das ging vorüber. Nun kaufte er sich noch zwei Knackwürste, wickelte sie in Zeitungspapier: »Für sie! Sie wird gewiß auch Hunger haben und sich freuen, wenn sie sieht, daß ich ordentlich an sie gedacht.«

Jetzt ertönt der schrille Pfiff der Lokomotive durch den Wald. Er eilt klopfenden Herzens an die verabredete, abseits von den besuchtesten Wegen und Plätzen gelegene Stelle... Zahlreiche Menschen steigen aus, er kann sie von seinem Versteck aus sehen. Sie schwärmen aus dem kleinen, frei gelegenen Bahnhof wie Bienen aus dem Korb nach allen Richtungen, dahin, dorthin, wo eine Trinkbude, ein Wirtshaus, ein schattiger Platz lockte. Ein fröhlicher Lärm erfüllt die Gegend.

Der Zug saust wieder davon auf dem einspurigen Geleise und verschwindet zwischen hohen, bewaldeten Böschungen in der Richtung nach Starnberg.

Ursula war nicht gekommen. Sie hatte offenbar den Zug verfehlt. Ärgerlich wickelt Max das Zeitungspapier auf und, sich die Wartezeit zu vertreiben, verspeist er eine Wurst nach der andern.

Nach einer Stunde ein neuer Zug. Das nämliche Schauspiel. Ursula kam nicht. Jetzt fluchte der Schmied aus Leibeskräften und ging, durch das Menschengewühl wie ein Nichtsehender und Unsichtbarer schreitend, auf das nächste Wirtshaus zu und kaufte sich eine zweite Maß, um den Ärger hinabzuspülen, und dann noch eine dritte Maß für den Extradurst.

»Sie wird ja heute überhaupt nicht mehr kommen. Ich bin ein Narr. Sie hat mich zum Besten...«

Inzwischen rollte ein Zug von Starnberg herauf. Sollte er mit heimfahren? Es kommt noch ein später Nachmittagszug von München heraus. Vielleicht! Es wäre ja doch möglich, die strenge Mutter...

Max blieb und bestellte sich eine vierte Maß. Fremde Leute setzten sich zu ihm, erst bleibt er einsilbig auf ihre Fragen, dann redet er sich in die Hitze hinein, plötzlich springt er auf. Der schrille, durchdringende Pfiff des entscheidenden Zuges hatte ihm alles Blut zu Kopf getrieben. In größter Aufregung eilt er auf die alte, verborgene Stelle zu und späht mit brennenden Augen durch die grünen Zweige.

Alle Heiligen! Diesmal gilt's: sie ist's, Ursula! Unbeweglich steht er da, wie ein Jäger auf dem Anstand, aber in seinen Adern rollt das Blut gleich Feuerströmen, und eine wilde Kraft spannt alle seine Muskeln. Er hätte die dickste Eiche entwurzeln und wie ein Streichholz knicken mögen, eine so fabelhafte Machtempfindung jauchzte in ihm. Sein Gefühl war eine wundersame Mischung von Liebe und Zorn, von Stolz und Anbetung, von Seligkeit und bestialischem Trieb. Jetzt mußte etwas Außerordentliches, Unerhörtes geschehen...

Auch Ursula schien in großer Aufregung zu sein. In ihrer Begleitung waren zwei Knaben im Alter von zehn bis zwölf Jahren.

»Ich denke, Hans,« sprach sie jetzt zu dem einen, »du willst dich doch mit Korbinian allein unterhalten. Da habt ihr etwas Taschengeld, falls ihr Hunger oder Durst verspürt. Geht mir nicht zu tief in den Wald hinein. In einer Stunde müssen wir wieder nach München zurückfahren. Wenn das erste Zeichen gegeben wird, seid ihr in der Nähe des Bahnhofs, nicht wahr? Ich verlaß' mich drauf. Ich habe jetzt allein zu gehen, um etwas zu suchen, was ich vorigen Sonntag hier verloren habe.« Bei diesen Worten nahmen ihre Augen unwillkürlich die Richtung nach dem Dickicht, wo Max versteckt stand.

»Sollen wir dir nicht suchen helfen, Ursula?« fragte Hans gutmütig.

»Nein, ich muß allein suchen und finden.«

Sie ließ die Knaben stehen und ging mit der Miene der Suchenden auf gewundenen Wegen der verabredeten Stelle zu.

»Wird er noch da sein, wird er fort sein? Ach, die strenge Mutter!... Wird er mir zürnen oder so lieb mit mir sprechen wie das erstemal?« Es schwindelte ihr im Gehirn; sie hielt einen Augenblick die irrenden Schritte an und schaute zurück... Dann marschierte sie geradeaus auf das Ziel los.

Wie der junge Schmied in dem durchsonnten Dickicht die so heiß Ersehnte zwischen den goldbraun leuchtenden Föhrenstämmen dahinschreiten sah, erst langsam, auf Umwegen, dann geradeaus und immer schneller und schneller, da vermochte er nicht mehr an sich zu halten. Er stöhnte und schluchzte und stammelte vor Sehnsucht und Liebesbrunst. Er glaubte, seine breite, mächtig gewölbte Brust müsse zerspringen. Er schleuderte den Hut weg, riß sich den Rock vom Leibe, dann die Weste – und nun stand er da wie in der heißen Werkstatt am Amboß, die Brust frei, nur mit dem Hemd bekleidet, die Muskeln bis zum Krachen angespannt....Er streckte die Arme weitaus, die Zweige gingen auseinander, es war ihm, als ob sich der Himmel öffnete – und mit einem Schrei stürzte sich Ursula, die Herrliche, Stolze, Geliebte, an seine weiße Brust.

Und in den Wipfeln rauschte es wie Hochzeitsmusik.

Und die Sonne lachte hin durch den Himmel und durch den Wald.

Und das Leben brauste wie ein Ozean und wälzte schäumend seine Wogen gegen die bebenden Ufer.

Und die ganze Natur schien sich auf den Kopf zu stellen vor unendlichem Glücksgefühl und Beifall zu klatschen, daß sich zwei Menschen in Liebe gefunden.

*

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