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Die goldene Schmiede

Michael Georg Conrad: Die goldene Schmiede - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMnchen
isbn3-927984-55-8
titleDie goldene Schmiede
pages11-57
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Michael Georg Conrad

Die goldene Schmiede

(1885)

Es war die einzige Schmiede in der Sendlingergasse zu jener Zeit, der goldenen Zeit der Spitzeder'schen Bankherrschaft. Die Werkstatt befand sich im Eckhaus der Sendlinger- und Paradiesgasse, ein paar hundert Schritte rechts vom Sendlingertor herein. Der Name Paradiesgasse war jedoch nicht der offizielle, sondern stammte aus dem Volksmund, der ein ironisches Vergnügen daran fand, diesen engen, schmutzigen, von übelberufenen Frauen und Mädchen häufig als Stelldichein benutzten, in das Gäßchenlabyrinth des alten Heumarktes verlaufenden Winkel mit dieser hellen, reinlichen, an selige Phantasien erinnernden Bezeichnung aufzuputzen.

Gegen die Paradiesgasse hatte die Werkstatt einen erhöhten, mit einem besonderen, fast platten Dach versehenen Vorraum; hier standen Räder, Karren, Kutschen und andere Gegenstände, alte und neue, in malerischer Unordnung über-, unter- und nebeneinander, bis die Reihe an jedes einzelne Stück kam, von dem emsigen Schmied und seinen Gesellen in Arbeit genommen zu werden. Da waren über neue Räder eiserne Reifen zu ziehen, dort war eine Deichsel mit derben Ringen zu versehen, hier der lahme Vorderteil einer Landkutsche mit tüchtigen Klammern und Schrauben zu kurieren, dort eine gebrochene Achse zusammenzuschweißen.

Kurz, es fehlte nie an Arbeit. Und ließen die Aufträge der gewöhnlichen, meist kleinbürgerlichen und ländlichen Kundschaft einmal ein wenig nach, so nahm Meister Florian mit seinen Gesellen Bestellungen von Eisenwarenhändlern entgegen. Dann wurde altes Material umgeschmiedet, allerlei Hacken, Ketten und sonstige Gerätschaften wurden hergestellt, und die Hämmer tanzten früh und spät auf dem Amboß und die Funken stoben und die Blasbälge ächzten, daß es eine Lust war.

Von dem Vordach gaukelten die Ranken des wilden Weines nieder und umkränzten mit grünem Blattwerk in gar freundlicher Weise die schwarzen, rußigen Wände, die seit Menschengedenken keine anderen Farben gezeigt, als diejenigen, welche der Rauch und der Eisen- und Roststaub und der anfliegende Schmutz von der Straße in Sonnenschein und Regen selbst aufgetragen hatten.

Das Vordach, das auf blechbeschlagenen Holzpfeilern ruhte und fast die ganze Breite der Paradiesgasse einnahm, war mit einem einfachen schmiedeeisernen Gitter umgeben und diente der Familie, die über der Werkstatt wohnte, zugleich als Veranda und Lustgarten. Hier standen in großen Kübeln die wilden Weinstöcke, die so lustig auf- und abwärts rankten, und dazwischen in braunen Tontöpfen allerlei bunte Blumen, Nelken und Goldlack, Kapuziner und Fuchsien und Stiefmütterchen. All' diese Herrlichkeit war das Werk der frommen Frau Anastasia, die nicht eher geruht hatte, bis Florian ein schmales Fenster auf das Vordach zur Tür erweitern und das Gitter anbringen ließ. Sie wollte immer viel höher hinaus als der Gatte, der fast ganz in seiner harten Arbeit und im Horizonte der Werkstatt aufging, aber sie verstand auch die Kunst, ihren Kopf bei dem Meister Florian durchzusetzen.

Zuweilen kostete das freilich nicht wenig Mühe; der Schmied hatte seine eigene Art, das Hauswesen und die Dinge und Menschen zu betrachten. Wenn er auch nicht viele Worte machte, und dem ehelichen Frieden gern ein Opfer brachte, so konnte er unter Umständen doch durch seinen wortkargen, passiven Widerstand die hagere, fromme Gattin aufs äußerste reizen. Zuletzt fügte er sich, wenn's nun einmal nicht anders ging, und dachte: »Es is so weit nit aus.« Schließlich war ja seither doch alles gut geraten.

Wie hatte er sich nicht gewehrt, seinen zweiten Sohn Joseph in die geistliche Laufbahn eintreten zu lassen!

Von dem Leben der Priester hat er in seinem Herzen nie große Stücke gehalten, wie überhaupt von den gelehrten Leuten, die nur in Gedanken und Formeln und Büchern kramen. Er, der Mann der harten Arbeit, schätzte vor allen diejenigen, die durch körperliche Anstrengung und wahrnehmbaren Fleiß etwas vor sich brachten und praktische Ergebnisse aufzeigen konnten. Er begriff, daß die andern in Gemeinde und Staat auch notwendig seien, leider Gottes; aber im Grunde hielt er sie doch für schlaue Müßiggänger, die sich für ihre geringen Dienste von der Gesamtheit übermäßig gut ernähren ließen. Handwerkerei war ihm der ehrsamste Stand.

Seinen ältesten Sohn, einen strammen, muskulösen Burschen, ganz sein Ebenbild, nahm er, dem Widerspruch seiner Frau zum Trotz, frühzeitig in die Werkstatt, um ihn unter seinen Augen zu einem tüchtigen Schmied auszubilden und dann einige Jahre auf die Wanderschaft zu schicken, damit er als ein gereister Meister später das väterliche Geschäft zu übernehmen würdig wäre.

Der zweite Sohn, schwächlicher als der erste, aber wie Frau Anastasia früh herausgefunden hatte, geistig begabter und reger und verschlagener und daher vom lieben Gott sichtlich zu einem vornehmeren Dasein bestimmt, hatte alle Pläne des Vaters mit Hilfe der Mutter durchkreuzt.

Die Absicht Meister Florians war gewesen, den zarten und intelligenten Knaben, der sich nicht für die grobe Schmiedarbeit eignen wollte, zu einem technischen Beruf erziehen zu lassen. Ingenieur, Mechaniker oder so etwas. Darum sollte Joseph die Realschule absolvieren, dann ein paar Jahre auf dem Polytechnikum studieren und schließlich in einer großen Fabrik oder einer Maschinenwerkstätte sich zu einem selbstgemachten Mann hinaufarbeiten. Im Grunde also ein höherer, veredelter und sehr viel Geld verdienender Schmied: das war des Vaters Ideal.

Wenn Anastasia dem Meister Florian zuhörte, wie er am Feierabend oder über Tisch oder vor dem Einschlafen in der Nacht in kurzer, unbeholfener Rede die Zukunft des zweiten Kindes sich zurecht hämmerte, da kniff sie die Augen ein, zog die Lippen zusammen und schwor sich: daraus wird nichts. Dann machte die fromme Frau, die um jeden Preis etwas Geistliches und Hochehrwürdiges und Einflußreiches in der Familie haben wollte, sich hinter den Beichtvater, der ihr wegen ihrer eifrigen Kirchenbesuche und Spenden überaus gewogen war, und machte gemeinschaftliche Sache mit ihm, um den braven Joseph, den verhätschelten Liebling, dem Eigensinn und der Weltlichkeit des Schmiedes zu entreißen.

Und so geschah es wirklich, daß der feine Knabe nicht in die Realschule, sondern in die Lateinschule, nicht in das Polytechnikum, sondern in das Priesterseminar kam und dort zu einem helleuchtenden Kirchenlicht präpariert und geweiht wurde.

Wenn der alte Florian grollte, und sie fand es für angemessen, ihm ein begütigendes Wort zu sagen, war es gewöhnlich dies: »Du hast dein Ebenbild, den Max, nach deinem Kopf geformt, ich forme den Joseph, mein Ebenbild, nach meinem Kopf; so hat jedes sein Kind nach seinem Willen und jeder ist seines Glückes Schmied.«

Darauf wußte der gerechte Sinn des Meisters nichts zu erwidern.

Sagte ihm aber Frau Anastasia gar: »Schau, lieber Florian, eigentlich wird auch aus unserem Joseph ein Schmied; er schmiedet die Herzen der Menschen für das Reich Gottes!«, so klang ihm das zwar überspannt, aber er lächelte doch und setzte nach seiner kurzen Art hinzu: »Es is so weit nit aus.«

Und so war, als die Zeit erfüllet war, aus dem Muttersöhnchen mit Gottes und der Heiligen Hilfe ein recht kluger, artiger und beliebter Kirchenmann geworden. Das Glück der Mutter schien ein vollständiges zu sein, als der geistliche Herr Sohn in der Vaterstadt München selbst in die kirchliche Laufbahn einrückte, und alle Aussichten dafür sprachen, daß er hier von Stufe zu Stufe auf der hierarchischen Leiter zu immer höherem Glanz und Einfluß emporsteigen werde.

Inzwischen war auch Max von der Wanderschaft zurückgekehrt. Das Auffallendste, was er sich in dieser Zeit angeeignet, war für das Auge des Vaters ein mächtiger Vollbart und ein ungemein geläufiges Mundwerk. Die Gedanken aber, die in schneidiger Rede aus dem Munde des gereisten Sohnes hervorbrachen, wollten dem alten Meister Florian nicht übermäßig einleuchten. Dafür gefielen sie der Frau Anastasia um so besser.

Joseph wollte jetzt seinen Weg allein machen, und der mütterlichen Geschäftigkeit war nach dieser Seite hin wenig Spielraum mehr geboten. Sie wandte sich daher mit um so stärkerem Interesse der Nutzbarmachung der Anregungen zu, welche von dem welterfahrenen Max kamen. Es war ganz eigentümlich, wie der Erstgeborene, der früher nicht von der Seite des Vaters gewichen war, sich jetzt der Mutter zuneigte. In den lauen Sommerabendstunden konnte man die beiden stundenlang auf der Veranda über dem Vordach im eifrigsten Gespräche sitzen sehen, während unten in der Werkstatt Meister Florian mit seinen Gesellen glühende Eisenbarren auf dem Amboß bearbeitete und mit den schwersten Hämmern darauf losschlug, daß das Haus bebte.

»Eine glückliche, beneidenswert glückliche Familie!« meinten die Nachbarsleute; »Söhne, die außerordentlich geraten sind, Arbeit, Wohlstand, Eintracht im Hause – wahrhaftig die goldene Schmiede des Glücks am Paradiesgassen-Eck!«

Der Schmied war trotz seiner Fünfziger noch eine ungebeugte, riesenhafte Gestalt. Nur das Gehör fing an nachzulassen. Dadurch wurde seine gewöhnliche Schweigsamkeit noch mehr befördert. An Stärke und Arbeitslust vermochte es keiner seiner jüngeren Arbeiter mit ihm aufzunehmen. Er hantierte immer noch seine zwölf bis fünfzehn Stunden am Tage. Und er hätte es des Erwerbs wegen in der Tat nicht nötig gehabt, sich so scharf einzuspannen. Er wußte zwar nicht genau, wieviel das Geschäft abwarf, denn die Buchführung und alle Geldangelegenheiten wurden von Frau Anastasia und Max besorgt, aber das wußte er, daß seit der Versorgung des geistlichen Sohnes das Vermögen in der erfreulichsten Zunahme begriffen war und jährlich eine stattliche Summe auf Zinsen angelegt werden konnte. Ja, die Frömmigkeit und geistliche Eitelkeit hatte Frau Anastasia nie gehindert, im Hause nach dem Rechten zu sehen und ein strenges, knappes Regiment zu führen. Nächst Gott und seiner kirchlichen Verehrung lag ihr nichts so sehr am Herzen, als die Zusammenhaltung und Vermehrung des Gutes, das Florian und Max im Schweiße des Angesichts erarbeiteten. Und Max hatte nicht nur die Bedürfnislosigkeit des Vaters, er hatte auch den Sparsinn der Mutter. Mehr noch: auf seiner Wanderschaft hatte er gelernt, wie man mit den modernen Mitteln der Spekulation und der Ausnutzung günstiger Verhältnisse das Geld auf eine mächtige Weise vermehren könne. Dem Verstand des Vaters gebrach es an Feinheit, diese Ideen zu begreifen und zu würdigen, aber die Mutter erfaßte sie mit der Inbrunst einer rastlos strebenden Seele. Stundenlange Unterredungen zwischen Mutter und Sohn drehten sich um diesen Punkt, und der weiße Rand des »Münchner Fremdenblattes«, das die Geschäfte Gottes und der Kaufleute mit der nämlichen unermüdlichen Hingabe treibt und immer auf dem Tische lag, war stets mit langen Zahlenreihen, mit Multiplikations- und Divisionsexempeln vollgekritzelt, wenn sich die fromme Anastasia und ihr spekulationslüsterner Max in die Geheimnisse des Börsenspiels vertieft hatten.

Ganz München, ganz Altbayern war damals vom Dämon des Gewinnes erfaßt, seit die fromme Adele Spitzeder dem Gott der Spekulation den phantastischen Tempel erbaut und wahre Orgien der unsinnigsten Profitmacherei mit dem Glanze und der Weihe wunderbarer Kultushandlungen zu umgeben gewußt hatte. Allen war das Millionenfieber in die Glieder gefahren. Auch Anastasia und Max waren der Seuche der gehirnvernebelnden Spitzeder-Schwindelei zum Opfer gefallen. Wie weit sie mit den sauer erworbenen Kapitalien schon gekommen waren, verheimlichten sie natürlich dem Meister Florian. Sie lebten noch in den goldigsten Hoffnungen und wollten den Alten und auch den geistlichen Herrn erst in die Unternehmungen einweihen, wenn der Segen so überströmend geworden, daß er alle Beutel und Kästen sprengte.

Und der nichtsahnende Schmied stand Tag für Tag nach alter Gewohnheit am Amboß und schwang seine schweren Hämmer. Sein Gesicht und seine Arme waren schwarz von der Asche des Feuerherdes und dem Eisenstaub der Metalle. Seine guten Augen lachten aus dem mächtigen, harten Kopf mit den wirren, leicht ergrauten Haaren, die tief in die Stirn und in den Nacken hinabgewachsen waren. Aus seiner breiten Brust zog der Atem mit dem kräftigen Geräusch des Blasbalgs. Und wenn die roten und blauen Flammen auflohten, die Werkstatt mit ihrer heißen Helle erfüllten und einen Feuerschein bis hinaus in die dunkle Paradiesgasse warfen; wenn die rotglühenden Eisenbarren unter der Wucht der in großem Bogen niedersausenden Hämmer sich streckten, und die Funken wie ein Sternschnuppenfall nach allen Seiten versprühten; wenn im Wettkampf der Gesellen die krachenden Schläge auf dem Amboß wie Donner rollten, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und neugierig erstaunte Blicke durch die offene Tür in die grandiose Bewegung, in den Höllenlärm und die lohenden Flammen der Werkstatt warfen: da fühlte sich Meister Florian stolz wie ein König der Arbeit in seinem Reich. Das Hemd stand weit auf und zeigte die behaarte, von den Rinnsalen des Schweißes durchfurchte Brust, und der Schattenriß der energischen Gestalt war umleuchtet von dem roten Schein der Flammen. Er stemmte die knotige Faust in die Hüfte, um einen Augenblick zu verschnaufen.

*

So nahe gerückt sie sich auch waren, Mutter und Sohn, so eng verbunden durch das Geheimnis einer Spekulation, wodurch fast das gesamte Barvermögen der Familie in ihre, weder vom Vater noch vom Bruder kontrollierten Hände gelangt war, in einem Punkte waren sie sich doch so fremd geblieben, als wären ihre Herzen durch einen unüberbrückbaren Abgrund geschieden.

Max hatte einen Fehltritt auf dem Gewissen; das drückte ihn oft fürchterlich. Er hatte sich's fest vorgenommen, sofort nach der Rückkehr von der Wanderschaft der Mutter alles zu beichten. Es ließ sich ja doch nicht ewig verheimlichen; über kurz oder lang mußte er sich vor die Frage gestellt sehen: wen erwähle ich mir zur Gefährtin und Hausfrau? – und die Frage mußte vor den Ohren und Augen der Eltern beantwortet werden. In welcher unangenehmen Lage würde er sich befinden, wenn er dann ohne jeden Übergang mit dem Geständnis herausrücken müßte: »Vater und Mutter verzeiht, ich habe, wenn ich ein rechtschaffner Kerl sein will, keine Wahl mehr!«

Und wie beschämend, wenn er auf die Frage der peinlich überraschten Eltern nach dem Warum und Wieso gestehen müßte: »Weil ich vor drei Jahren einem bis dahin unbescholtenen Mädchen ein Kind angehängt habe und...«

Die fromme Frau Anastasia würde bei diesen Worten vielleicht der Schlag treffen, und der Vater würde, wer weiß, die Hand gegen ihn erheben, und es gäbe ein blutiges Unglück.

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