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Die glückliche Insel

Johann Elias Schlegel: Die glückliche Insel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Elias Schlegel
titleDie glückliche Insel
booktitleDeutschsprachige Erzähler
volume3
publisherDieterich'sche Verlagsbuchhandlung
year1979
pages231-238
senderhille@abc.de
created19990722
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Johann Elias Schlegel

Die glückliche Insel

Es sind seit einigen Jahrhunderten viel unbekannte Länder entdeckt worden und wieder verschwunden, sobald man keine Schätze oder keine Waren darinnen gefunden, die man den Europäern mit Vorteil hätte zuführen können. Es ist also kein Wunder, wenn man von den Inseln nicht einmal gehört hat, von denen ich aus einem durch die Zeit und durch die Unachtsamkeit der Besitzer hin und wieder beschädigten Tagebuche eines längst verstorbenen Ostindienfahrers einige Nachricht mitteilen will.

«Ich glaubte anfangs an eine bloße Klippe geworfen zu sein», sagt dieses mangelhafte Überbleibsel eines Tagebuchs. «Denn ich sah nichts als Felsen, hinter denen andre noch höhere Felsen hervorragten. Als ich mich unterdessen ein wenig erholet hatte, ward ich hin und wieder Steinbrüche gewahr und sah sehr große Stücke ausgehauener Steine liegen, welche für Gebäude zubereitet waren. Ich ging also am Ufer hin, um zu sehen, ob ich noch mehrere Spuren von Menschen gewahr würde, und entdeckte bald darauf einen Kanal zwischen zween Felsen, worauf viele Schiffer mit ihren Booten lagen. Weil ich nicht glaubte, daß jemand von ihnen mich anders als durch Zeichen verstehen würde, so nahm ich einige kleine Stücken Silbergeld aus der Tasche und winkte, daß man zu mir kommen möchte. Sogleich eilten drei bis vier Boote um die Wette, einander vorzukommen, und weil ich alles Reden für vergeblich hielt, stieg ich in das erste, das mir nahte, hinein und zeigte nur meine nassen Kleider, um zu weisen, daß ich an einen Ort gebracht sein wollte, wo ich mich abtrocknen könnte. Die Kanäle, durch die man mich führte, waren an den meisten Orten in Felsen gehauen, an vielen auch mit Steinen gefüttert. Zu beiden Seiten lag ein sehr wohlgebautes Land, dessen Ende man gleichwohl von allen Seiten übersehen konnte, und was mich in Verwunderung setzte, ich sah, daß dieses Land, ohne Hülfe des Zugviehes, durch Menschen gepflügt ward. Dieses setzte mich in solches Erstaunen, daß ich in meiner Muttersprache eine Ausrufung darüber hören ließ, welche mein Führer zu meiner noch größern Bestürzung verstand, indem er mir auf holländisch antwortete: ‹Alles das Land, das Ihr vor Euch seht, ist eigentlich nichts als eine bloße Klippe, welche bei allem Fleiße, den man anwendet, nicht einmal soviel Reis hervorbringet, daß die Hälfte der Einwohner davon genug zu essen hat, geschweige, daß sie vieles Vieh zu ernähren imstande sein sollten. Wir haben aus den gegrabenen Kanälen das Erdreich mit vieler Mühe von den Steinen abgesondert, um den felsichten Boden, der unter diesen Ackern verborgen liegt, damit zu bedecken und nur einigermaßen fruchtbar zu machen. Die magern Höhen, die wir hin und wieder gelassen, weiden kaum eine kleine Anzahl Schafe, und man hat nur wenigeWiesen mit unsäglicher Arbeit hier angelegt, um einiges Vieh darauf zu weiden, welches nicht zureicht, den zwanzigsten Teil der Einwohner dieses Landes zu ernähren.› Ich wußte nicht, worüber ich mich zuerst verwundern sollte; und indem ich die Augen überall herum warf, sah ich, daß diese Pflüge von einer ganz andern Zusammensetzung waren als die gewöhnlichen und mit ganz leichter Mühe gezogen wurden. Ich fragte meinen Führer, wie diese Insel hieße, und er berichtete mich, daß man sie mit einem Namen benennet hätte, welcher soviel hieße als die Ameisen-Insel. ‹Denn alles›, sagte er, ‹ist hier lauter Fleiß, und dieser Fleiß ernähret nicht allein die Einwohner, sondern er machet sie auch reich.› Ich kam nunmehr dem mittelsten und höchsten Felsen nah, auf dessen einer Seite ich in der Höhe eine große und wohlgebaute Stadt entdeckte. Das Boot hielt endlich an sehr breiten Stufen still, welche bis zu der Stadt hinangingen und von Volke wimmelten. Zu beiden Seiten derselben sah ich eine ziemliche Anzahl in Maschinen an Seilen heran- und hinuntergehender Wagen, welche in ein solches Gleichgewichte gesetzet waren, daß ein jeder Wagen, der herunterlief, einen andern mit ziemlicher Geschwindigkeit hinaufzog. Und um zu machen, daß die Last dererjenigen Dinge, die herunterkämen, diejenigen Lasten überwog, die hinaufgezogen wurden, war verordnet, daß jedermann, der in die Stadt wollte und imstande zu gehen war, zu Fuße hinaufgehen oder sich hinauftragen lassen; jeglicher aber, der wiederum aus der Stadt wollte, in einem von diesen Wagen heruntergelassen werden mußte. Für alles, was auf diese Art hinaufgezogen ward, bezahlte man nach dem Gewichte eine gewisse Fracht, welches, wie ich hernach erfuhr, der einzige Zoll ist, den man daselbst foderte, und welcher von allen desto williger bezahlt ward, da sie es unter dem Namen eines Frachtgeldes erlegten. Indem ich diese Stufen hinaufstieg, ward ich hinterwärts in einem Hafen, welcher bis an den Fuß dieses hohen Felsens ging, eine Menge von Schiffen gewahr, welche mich in Verwunderung setzte, da ich in dieser kleinen Gegend doch nirgends einiges Holz sah, das zum Schiffbau hätte dienen können. Der Eifer und die Emsigkeit dererjenigen, die beschäftigst waren, hier aus einem Schiffe neuangekommene Waren ans Land zu bringen und dort ein andres mit unzählichen Ballen und Kisten zu beladen, gab den allerschönsten Anblick, bei welchem ich mich nicht enthalten konnte, eine Zeitlang stillezustehen. Eine ganze Gegend von Felsen zu sehen, die mit Kanälen durchschnitten waren und deren Rücken überall zur Saat beackert ward, einen Haufen Schiffe zwischen unfruchtbaren Klippen mit einer Menge von Waren befrachtet zu sehen, von denen ich nicht begreifen konnte, wo sie herkamen, dieses erweckte in mir eine nicht geringe Verwunderung. Mit diesen Gedanken kam ich in der Stadt an, wo ich die Kennzeichen des Fleißes noch häufiger bemerkte, die ich schon überall wahrgenommen hatte. Die ganze Stadt wimmelte von Menschen, welche mit der größten Eilfertigkeit Kisten auf kleinen Wägen fuhren, große Fässer vor sich hin wälzten oder allerlei Waren ausruften. An allen Seiten sah man offene Läden, welche mit den schönsten Sachen angefüllet waren. Ungeachtet der großen Menge Volks war überall die größte Reinlichkeit. Die Gebäude waren schön, die Menschen, die einem auf der Gasse begegneten und keine Handarbeit taten, prächtig gekleidet; vergüldete Sänften, welche von wohlausgeputzten Menschen getragen wurden, begegneten einem überall; und unterdessen, daß man in einer Straße die Hämmer der Arbeitsleute erschallen hörte. erklangen in andern Straßen wohlerbaute Paläste von der schönsten Musik. Ich hatte meinen Führer vom Boote durch ein nicht geringes Trinkgeld überredet, mit mir zu gehen, indem er beteuerte, daß es ihm schwerfiele, sein Boot zu verlassen, welches ihm sehr vieles eintrüge. Er führte mich in ein Wirtshaus, wo ich kaum angekommen war, als man mich mit vielem Eifer fragte, was ich verlangte, und mir alles anbot, was darinnen zu finden war. Ich verlangte Feuer, meine Kleider zu trocknen, und augenblicklich war es da. Alles im Hause, auch sogar die Feuerstätten, waren so eingerichtet, daß es schien, man hätte viele Jahre darauf gesonnen, nicht den geringsten Vorteil zu verlieren, den eine Sache nur zu geben fähig wäre. Hier bekam ich Zeit, mit meinem Führer weiter zu sprechen, und fragte ihn, woher aller dieser Überfluß an einem so unfruchtbaren Orte käme. Und er antwortete mir: ‹Vom Fleiße. Wir arbeiten hier›, sagte er, ‹für eine ganze Menge benachbarter Inseln; wir holen von einer jeden dasjenige, was sie hervorbringst, und nachdem wir es hier auf alle Arten, wie es nur möglich ist, brauchbar gemacht, führcn wir es ihnen wieder zu. Es sind mehr als hundert Arten von Künstlern hier, deren größter Teil nichts als Kleinigkeiten und Spielwerke verfertiget; und diese Spielwerke sind gleichwohl unser Reichtum bei fremden Völkern. Der eine färbet die schönsten und weichsten Federn der Vögel mit hellen und schönen Farben, der andre flicht aus denselben einen schönen Kopfputz, der dritte macht eine Tapete mit künstlichen Figuren daraus. Der eine schleift glänzende Steine, die man an den Ufern einer der andern Inseln ohne Entgelt auflesen kann und die auf derselben Insel, wenn sie zubereitet sind, ihr um einen hohen Preis wieder verkauft werden. Es ist nicht leichtlich ein Mensch hier, welcher nicht ein Mittel finden sollte, sein Brot zu erwerben. Unter allen Völkern, die ich gesehen habe, ist keines, deren Magen sinnreicher wäre, etwas auszudenken, wodurch er zu essen bekomme, als dieses. Man erwischt hier alle Gelegenheiten, etwas zu tun zu bekommen, un d man erfindet täglich etwas Neues, das hierzu dienen könne.› Ich fragte ihn, wie es käme, daß es gleichwohl schiene, daß dieses Volk soviel auf Pracht und Lustbarkeiten hielte, welches sich doch zu ihrem außerordentlichen Fleiße nicht allzuwohl schickte, indem notwendig mehr gearbeitet werden würde, wenn diese Leute, anstatt sich lustig zu machen, ebenfalls nicht müßig gingen. ‹Wie dieses kömmt›, antwortete er, ‹weiß ich eigentlich nicht. Ich weiß aber, daß die meisten Leute mit ihrer Arbeit nicht fortkommen würden, wenn es nicht andre gäbe, die ihnen alles, was sie Neues erdenken, zuerst abkauften und sie durch ihren Beifall ermunterten, daß sie sich von dem Fortgange ihrer Arbeit etwas versprechen können.› Ich fragte ihn nach der Einrichtung des Landes. Mein Führer aber, der zwar nicht unverständig redete, aber von Waren mehr als von Staatssachen wissen mochte, wußte mir hierauf nichts zu antworten, als daß er sagte: ‹Wir verdienen ein jeder sein Brot, auf welche Art er will und kann. Das ist unsre Einrichtung. Und dieses macht uns fleißig, weil wir nichts haben, wenn wir nichts erwerben wollen. Das wunderbarste ist bei allem diesem›, setzte er noch hinzu, ‹daß dieses Land ebenso unfruchtbar an Menschen ist als an andern Dingen. Es sterben jährlich hier noch einmal soviel Menschen als geboren werden. Gleichwohl wird diese Insel immer mehr und mehr bevölkert. Jedermann, der durch Fleiß etwas vor sich bringen will, begibt sich hieher, weil er hier zu tun findet, und so kömmt jederzeit der Kern von den Bürgern aller andere Nationen zu uns herüber. Eine benachbarte Insel zinset uns jährlich etliche tausend Leute, die die Schiffe zu führen wissen; indem diese Leute häufig sich auf unsre Schiffe verdingen, weil ihnen in ihrem eignen Lande, wo man Schiffe genug haben könnte, niemand etwas zu tun gibt. Ich bin auf diese Art hiehergekommen›, fuhr er fort, ‹indem ich von Ort zu Ort gegangen und etwas zu tun gesucht, da ich eigentlich aus einer Nation bin, mit der die Europäer handeln.› Dieses erklärte mir das Rätsel, wie es käme, daß dieser Mann holländisch spräche.

Nach einigen Fragen erfuhr ich endlich, daß diese Insel eine Kolonie einer andern sehr fruchtbaren Insel wäre, die in der Nähe läge und zum Spotte von dieser ihrer Tochter die Gähn-Insel genannt würde. ‹Diese Insel›, berichtete man mich, ‹hat einen Überfluß an allen Sachen, die man jemals zur Nahrung brauchet, und man kann sagen, daß die Natur daselbst für die Menschen arbeitet. Gleichwohl ist sie nichts weniger als reich. Es herrscht daselbst keine Wollust, von welcher man sagen könnte, daß sie die Reichtümer der Nation verschwendete. Aber es fehlt den Einwohnern, ich weiß nicht, aus was für einer Ursache, die Gabel ihren Fleiß recht anzubringen und ihn immer durch etwas Neues hervorzutun und also immer neue Mittel auszusuchen, um sich zu ernähren. Die Künstler arbeiten daselbst nicht mehr, als sie notwendig brauchen, und damit sie auf ihre saure Arbeit sich wieder gute Tage machen können, so nehmen sie dieselbe doppelt bezahlt. Durch ein Schicksal, dessen Ursache nicht so leicht zu begreifen ist, pflegen die geschicktesten und fleißigsten Künstler des Landes sich anderwärts niederzulassen, und an ihrer Stelle kommen Fremde dahin, wovon ein Teil selbiges Land nicht gesucht haben würde, wenn sie geschickt genug gewesen wären, in ihrem eigenen Lande Nahrung zu finden. Bei einer kleinen Teurung, welche sich eräußerte, fiel ihnen ein, daß das Land von Einwohnern überladen wäre; und man beschloß, sogleich einen Teil der Menschen hinauszuschicken, damit die andern desto bequemer leben könnten. Diejenigen also, die nichts Eigentümliches daselbst hatten, sondern bloß von dem lebten, was sie erwarben, mußten das Land räumen; und weil sie weder kriegerisch noch mächtig genug waren, ein schon bewohntes Land zu erobern, so sahen sie sich gezwungen, sich auf diesem Felsen, als der einzigen von allen umliegenden Inseln, die noch nicht bewohnt war, niederzulassen. Unterdessen haben sie noch beständig den meisten Teil ihres Reises und der andem Eßwaren, die sie brauchen, aus ebendiesem Lande, woraus sie, in der Einbildung des Mangels derselben, weggeschickt worden sind; und die Nahrung, die man ihnen als Einwohnern versagt hat, verkauft man ihnen als Fremden gegen Dinge, die man selbst machen könnte, wenn man Lust dazu hätte. Daher kömmt ein Sprüchwort, welches man auf dieser reichen und unfruchtbaren Insel hat:

Daß dasjenige Land das fruchtbarste sei, wo der meiste Fleiß blüht.›»








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