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Die Gloriahose und andere Novellen

Ernst von Wolzogen: Die Gloriahose und andere Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst von Wolzogen
booktitleDie Gloriahose und andere Novellen
titleDie Gloriahose und andere Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus (Albert Wagner)
seriesDie Bücher des Deutschen Hauses
volumeBand 52
editorRudolf Presber
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0c7188b2
created20070417
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Ernst Freiherr von Wolzogen

Der moderne Literaturbetrieb, in dem Reklame und Mode eine ebenso große Rolle spielen wie in anderen Betrieben, braucht für die einzelnen Autoren, die mit ihren Werken auf den Büchermarkt kommen, wie für die Zigaretten eine Reklamemarke, das heißt einen Namen, unter dem man sie anpreisen kann. Der eine ist bekannt für jene etwas anrüchigen, aber dennoch salonfähigen Erzählungen, die man am besten mit angestoßenen Pfirsichen vergleicht, weil sie wie diese, und wie »Fallobst« überhaupt, ganz besonders pikant und süß schmecken. Ein anderer kultiviert das Grauen, ein dritter den Gymnasiastenroman und so fort. Wehe ihm, wenn der so Signierte sich einmal auf ein anderes als sein Spezialgebiet begibt. Er kann sicher sein, daß der größte Teil seiner Leser mit einem mitleidigen Achselzucken an seinem Werke vorübergeht.

Es gibt Fälle, in denen eine solche Signatur, die ihm irgendein mehr oder weniger glücklicher Zufall einbrachte, für den betreffenden Schriftsteller zu einem wahren Kreuz werden kann und gar, wenn sich daran ein Mißerfolg knüpft, zu einem Fluch, der in seiner Wirkung einer mittelalterlichen Ächtung nichts nachgibt. Niemand hat unter dieser gedankenlosen Laune des Publikums gegenwärtig so zu leiden, wie Ernst Freiherr von Wolzogen. »Als ich das Schlagwort vom Überbrettl erfand, unterschrieb ich mein Todesurteil«, sagte er im Jahre 1905 als Fünfzigjähriger in seinen Erinnerungen. »Der allgemeine Jubel über den Konferenzier im blauen Frack und grauen Hosen war stark genug gewesen, um den Roman- und Komödienschreiber beinahe vergessen zu machen.« Dieses Volksurteil ist um so weniger zu rechtfertigen, als der Erfinder des Namens und des Dinges Überbrettl (der Gelegenheitsbühne eines innerlich und äußerlich vornehmen Dilettantismus) sich in dem Moment für immer von allen Unternehmungen dieser Art zurückzog, in dem er einsah, daß sie nur mit Aufopferung seiner durchaus kulturellen Grundidee zu halten waren. Er hat damit einer Unmenge von literarisch anspruchsloseren Nachtretern die geöffneten Geldschleusen neidlos überlassen, weil ihm seine künstlerische Ehre zu hoch stand, daraus zu schöpfen. Und nun muß er erleben, daß man ihn am Ende gar mit diesem Marketendertroß seiner fröhlichen Kampfideen verwechselt.

Ernst von Wolzogen wurde in Breslau am 23. April 1853 als Sohn des späteren Intendanten des Schweriner Hoftheaters geboren. Frühzeitig erwachte in dem Knaben, der einen Schiller unter seinen Ahnen aufzählen konnte, das Interesse für Poesie, und wie fast alle deutschen Dichter begann auch er damit, seiner Muse »blutige Trauerspiele in Versen« abzulauschen. Auf dem Gymnasium in Wittstock blieb natürlich die erste Liebe und auch die erste Liebeslyrik nicht aus. Aber mehr noch als Schiller erkor sich der junge Poet Goethe zu seinem Lehrmeister. Ihm nachleben war sein höchstes Ziel. So wurde 1876 Straßburg als Universitätsstadt gewählt und das Interesse nach Goethes Vorbild zwischen den Naturwissenschaften und den schönen Künsten verteilt. Die Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses, die Kunst Wagners und der Verkehr mit den bedeutendsten Männern aus der nächsten Umgebung des Meisters, in der Ernst von Wolzogens Bruder, Hans von Wolzogen, eine führende Rolle spielte, sind wohl die wesentlichsten unauslöschlichen Eindrücke des jungen Studenten gewesen. Byron, Heine, und von den Lebenden Gottfried Keller, Friedrich Vischer und Paul Heyse sind dem Schaffenden in seiner eigenen Kunst jetzt Leitsterne. Die gebundene Form des Romans und der Novelle machte zur selben Zeit viel Aufsehen, Wolfs Verse drangen in jedes Haus. Wolzogen selbst hat sie bald darauf am Hofe in Weimar dem Großherzog vorlesen müssen. So wurden besonders Heyses Versnovellen für den jungen Poeten die Anregung, sich selbst darin zu versuchen. Seit 1878 in Leipzig und seit 1880 wieder auf den Spuren Goethes in Weimar am Hofe Karl Alexanders entstanden mehrere solcher Epen, zum Teil in Ottaverimen und eine historische Komödie, die am Hoftheater aufgeführt wurde. Aber im wesentlichen war auch die Weimarer Zeit noch eine Lehrzeit voller vielseitiger Anregungen jenes traditionellen Kreises erster Musiker, Literaten und Maler am Weimarer Hofe, zu dem damals Franz Liszt, der Maler Freiherr von Gleichen-Rußwurm, Helene Böhlau, Gabriele Reuter und viele andere gehörten.

Nun galt es aber doch, sich nach einem Posten umzusehen, der nicht so fern ab von der literarischen Arbeit lag. 1882 bis 1892 lebte Ernst Freiherr von Wolzogen in Berlin als Berater und Herausgeber des Auerbachschen Verlags. Jetzt hatte er auch für eine Familie zu sorgen, und es blieb wieder nicht allzuviel Zeit für die eigenen Arbeiten übrig. Aber seit 1885 erschien doch mit ziemlicher Regelmäßigkeit jährlich ein Band Novellen, ein Roman oder eine Komödie. Die bekanntesten sind wohl das heute noch häufig aufgeführte Lustspiel »Die Kinder der Exzellenz«, das Drama »Lumpengesindel«, das erst im letzten Winter im Lessingtheater eine fröhliche Auferstehung feierte, und der 1899 erschienene Roman »Das dritte Geschlecht«, der die Münchener Bohême mit einem köstlichen urständigen Humor und einer feinen Satire behandelt. Aber auch die Novellenbände »Heiteres und Weiteres« (1886), »Geschichten von lieben, süßen Mädeln (1897), »Von Peperl und anderen Raritäten« (1897), sind vielgelesene Bücher geworden. In allem dokumentiert sich eine frische, gesunde Lebensanschauung, die der deutschen Gründlichkeit einen klaren Hintergrund gibt, ihn niemals aber zu falschem Pathos oder eitler Geheimniskrämerei verleitet hat. Dieses forsche Den-Dingen-zu-Leibe-gehen und sie ohne Sentimentalität beim rechten Namen nennen, zeigt uns Wolzogen so recht als einen norddeutschen Adelsmann vom Schlage der Stein und Bismarck. Er hat es nie mit den voraussetzungslosen Neuerern gehalten, die jeden Heldenkultus als eine Verkleinerung ihrer eigenen kleinen Größe furchtsam meiden, sondern ist tapfer mit ganzer Seele für alles eingetreten, was unsere Geschichte an großen Taten und Männern hervorgebracht hat. So recht ein Typus jener jungen Heißsporne, die vor fünfzehn Jahren dem alten Zopf in Literatur und Kultur offene Fehde erklärten, und für ihre neuen Ideale kämpften. Im Kreise der Hauptmann, Bölsche, Schlaf und Holz, dann in München, wohin er 1893 ging, neben Männern wie M. G. Conrad und der jungen heranwachsenden Generation, Halbe, Hirschfeld, Bierbaum und Wedekind, war Wolzogen stets einer der ersten, wenn es hieß, mit allen Scharteken und Vorurteilen aufräumen. Noch sein neuestes Essaybuch »Augurenbriefe« legt davon Zeugnis ab.

Schon in München – die unglückliche Ehe war inzwischen gelöst – trug Wolzogen sich mit den Plänen für eine neue Bühne. Da winkte ihm von Berlin zum zweiten Male die Erfüllung seiner Wünsche. Am Tage der Hundertjahrfeier des Königreichs Preußen eröffnete er das neue Überbrettl, das in der Folge soviel von sich reden und seinem Schriftstellernamen durch den Namen des Überbrettlbaron eine große, unverdiente Einbuße machte. 1905 zog er sich rechtzeitig aus dem Lärm des Großstadtklüngels zurück und lebt seitdem mit seiner zweiten Frau Elsa Laura Seemann in Darmstadt. In den »Büchern des Deutschen Hauses« gebührt ihm an erster Stelle unter den modernen Autoren ein Band, den wir in dieser Auswahl aus seinen Novellen mit gütiger Zustimmung der Verleger (F. Fontane u. Co.) unseren Lesern hiermit vorlegen.

W. M.

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