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Gutenberg > Achim von Arnim >

Die Gleichen

Achim von Arnim: Die Gleichen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typedrama
authorAchim von Arnim
titleDie Gleichen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeDritter Band
editorReinhold Steig
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091107
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Fünfter Aufzug

1

Weideplatz vor Neugleichen wie im ersten Aufzuge, Abenddämmerung. Ritter Plesse liegt, von Gesträuchen fast ganz versteckt, neben dem Steine, er erhebt das Haupt mit Mühe.

Plesse: Ist es Tag jetzt, ist es Nacht?
Doppelt ist der Glanz erwacht
An des Himmels beiden Seiten,
Aber doppelt zweifelhaft.
Mond und Sonne sich befreiten
Mit der letzten Lebenskraft
Von des Weltlaufs strengem Zwang,
Sehn sich an in fernem Drang,
Sehn jetzt auf die Erde nicht,
Und sie schwankt im Dämmerlicht! –

(Er sinkt wieder nieder.)

(Anneliese kommt gelaufen und lehnt sich fast atemlos an einen Baum.)

Anneliese: Armes Herz, du rangst
Mit dir selbst in Angst,
Kannst nicht so allein
Bei der Toten sein,
Atme wieder auf
Nach dem schnellen Lauf! –
Unterm Baum ist Rast,
Denn mich deckt der Ast
Vor der Menschen Blick,
Nahe ist mein Glück. –
Weh, die guten Lehren
Überall mich stören,
Die der Toten Mund
Gab in letzter Stund',
Hör sie in dem Lallen
Von den Nachtigallen,
Sprechen möchten sie:
Anneliese, flieh! –
Furcht in Ungeduld
Treibt mich hin zur Schuld,
Jagt mich durch den Wald
Zu Herrn Bilibald,
Ach, in seine Arme,
Daß sich Gott erbarme! –
Er ist andrer Art
Als die andern all,
Und er singt so zart
Wie die Nachtigall,
Jedes seiner Worte
Dringt zur Herzenspforte.

(Sie trinkt aus dem Becher, welchen ihr Bilibald durch Gottschälkchen gesandt hat.)

Plesse (richtet sich wieder empor)
Also schweb ich, Ohren küssend,
Klingend zwischen Nacht und Tag,
Sie begrüßend, Sie vermissend,
Die ich nicht zu sehn vermag. (Er sinkt nieder.)

Anneliese: Ist's mein Bilibald,
Der da sprach im Wald?
Alles still umher!
Träumt mein Herz so schwer?
Hört noch Geister toben,
Wie im Schlosse droben? –
Würmer in den Schränken
Brachten schmerzlich Denken;
Konnt' es nicht aushalten,
Als der Tisch gespalten,
Bei dem Sarg der Alten,
Wie ein Herz das bricht,
Sprechen kann es nicht. –
Immer mußt' ich lauern
In den öden Mauern,
Überall ein Knistern,
Und des Zugwinds Flüstern
Und ein seltsam Schleichen
Durch die Burg der Gleichen
Wollte gar nicht weichen,
Daß ich mich im Bette
Fast ersticket hätte,
Wär' der dreiste Knabe
Mit der süßen Gabe
Nicht zu mir gedrungen,
Hätte mich umschlungen. –
Und ich lief hinaus
Aus dem Trauerhaus,
Schloß die Türe zu,
Und nun hab ich Ruh'! –
Habe nichts gestohlen,
Und wer soll mich holen?
Denn die bösen Brüder
Kommen heut nicht wieder.

Norbert (hat sich herangeschlichen und umfaßt sie)
Sieh, da ist der eine,
Ist es nicht der deine?

Anneliese: Laßt mich los, sonst schrei ich.

Norbert: Du schreist ja ärger, als du schreien willst. Ich muß dir den Mund mit Küssen stopfen.

Gangolph (läuft leise herbei) Was für Geschrei? Sind wir verraten?

Norbert: Ich habe einen Überläufer gefangen.

Gangolph: Bist du besessen, in der Stunde der Entscheidung die Zeit mit dem Mädchen zu verscherzen?

Anneliese: Das ist kein Scherz, es wächst kein Gras, wo der mich angefaßt, da seid Ihr doch noch etwas feiner. (Sie reißt sich los.) Ich bin nicht mehr die Eure, Ihr habt mir nichts mehr zu befehlen.

Gangolph (hält sie) Was soll das heißen?

Anneliese: Die Mutter hat vor ihrem Tode ausgesagt, ihr beide wäret Bastardsöhne.

Norbert: Ist sie gestorben? Die Lüge war ihr letzter Segen. Sie hat uns stets gehaßt, ich konnte sie nie leiden. Wer weiß, ob sie meine Mutter gewesen.

Gangolph: Anneliese lügt, die Mutter ist nicht tot, sie hat auch nichts gesagt gegen unsre Ehre.

Anneliese: Habt ihr die Glocken nicht gehört?

Norbert: Wahrhaftig, ja, wir nahmen's lustig auf in unsrer Hast; es war die Totenglocke.

Gangolph: Sie stellt sich tot, um unser Herz zu rühren wegen Joseph. Du steckst mit ihr zusammen. Dies Scherzen, was ihr beide oft getrieben, du und die Mutter, das war stets eure beste Arbeit; ich will's der Mutter ernstlich nun bedeuten.

Anneliese: Könnt ihr den Toten was bedeuten? Geht nur hinauf zum Schlosse, sie braucht um euch nicht aufzustehn, braucht keine trockene Kleider euch zu reichen; die Sorge ihres Alters ist vorüber, daß Schande komme durch euch aufs Haus der Gleichen. Herzlose Bastardsöhne, ich hab euch stets gehaßt, doch jetzt erkenne ich den rechten Grund.

Gangolph: Wo gehst du hin? (Er hält sie fester.)

Anneliese: Zum Schloßvogt Bilibald, schon stehen wir auf seinem Grund und Boden, er macht in Ehren mich zu seiner Frau, ihr habt mir nichts mehr zu befehlen.

Gangolph: Er führt dich an.

Norbert: Du bist ihm viel zu schön.

Anneliese: Er meint's doch ehrlich.

Gangolph: Er läßt dich diese Nacht hier einsam seiner harren, er hat dich nur zum Narren.

Anneliese: Schon sind die Tore offen, um mich einzulassen.

Gangolph: Ist's wahr, die Tore offen?

Anneliese: Die Tore offen und die Wächter fortgeschickt; daran erkennt, wie er mich liebt.

Gangolph (zu Norbert) So muß sich alles fügen. Hast du mich verstanden?

Norbert: Seltsam. Du hast uns beiden Liebe vorgelogen, Anneliese, und lügst du diesmal wieder, so trotzest du vergebens auf die Schönheit, ich seh sie nicht, denn es ist Nacht, wie einen Schatten würd' ich dich zerhauen, und jeder von uns beiden nähm' sein Teil.

Gangolph: Gib uns ein Zeichen dessen, was er dir gelobte, so bist du frei.

Anneliese: Die Augen leuchten euch wie Katzenaugen, ihr wollet seine Gabe rauben; nehmt hin den schönen Becher, den er mir gefüllt hat zugesandt.

Gangolph: Es ist ein Zeichen, und der Becher sei das Banner, dem wir bei unserm Unternehmen folgen. Hör, Norbert, schenkst du mir das Mädchen, so laß ich dir die Wiesen bei Neugleichen.

Norbert: Ich lasse nicht von ihr bei meinem Leben, sie führt mich in mein Reich.

Anneliese: So schlagt euch tot um mich, so bin ich los euch beide. Leichter wär's, dem Wolf zu folgen, wenn er in den Schafstall schleicht, als euch zu folgen in dem Werk der Finsternis.

Gangolph: Du mußt uns zähmen, statt uns auszuschimpfen.

Anneliese: Bin keine Bärenführerin. Ich schrei um Hilfe!

Gangolph: Du hast uns beide angeführt, ein Schrei von dir, so bist du gleich des Todes. Norbert, laß das Los entscheiden, wem sie künftig dient.

Norbert: Zum Würfeln ist's zu dunkel, ich seh der Würfel Augen nicht.

Gangolph: Am Himmel werden schon der Augen viele sichtbar; mit meinem Degen scheide ich den Himmel, an wessen Seite so ein Glücksstern zuerst herabfällt, dem soll sie dienen.

Anneliese: O Himmel, halte deine Sterne fest, es fällt kein Haar vom Haupte ohne deinen Willen.

Norbert: Beim Teufel, sie hat die Steine festgebannt am Himmel.

Gangolph: So frag die vorlauten Nachtigallen; an wessen Seite eine schlägt zuerst, der sei des Mädchens Herr.

Anneliese: O hab ich je mit Lust euch zugehorcht in Schweigen, so schweigt nur diese Stunde mir zuliebe.

Norbert: Sie hat die Nachtigallen stumm gemacht! Ich möchte dich zum ew'gen Schweigen bringen.

Anneliese: Ich schrei um Hilfe.

Gangolph: Schweig, Mädchen, es geschieht dir nichts. Norbert, ich höre fremde Stimmen auf dem Weg von Hanstein. Wir führen sie hinweg, und schlägt die Stunde, so muß sie uns ins offene Tor einführen.

Anneliese: O wehe mir, daß ich leibeigen ihnen,
Ich hasse sie und muß doch ihnen dienen.

(Galeratus und ein andrer Diener leuchten mit einer Fackel voraus, ihnen folgen die Markesa und Ritter Bernhard von Hanstein, der Gräfin Bruder.)

Diener (zu Galeratus) Seid unbesorgt wegen der Seeräuber. Die guten Leute dort krebsen beim Kienfeuer.

Galeratus: Es sind mir doch so verdächtige, bewaffnete Männer begegnet.

Diener: Vielleicht ein paar Freijäger, die sich einen Pelz zusammenschießen. Die Welt ist nicht in so guter Ordnung wie die Sterne, da findet sich jährlich alles wieder zusammen, hier aber geht manches schöne Wildbret verloren, das durch den Wald glänzte. Ich habe viel von Italien rühmen hören, Euch wird es hier nicht gefallen.

Galeratus: Viel besser als bei uns, seit ich euer Schloß gesehen habe. Das nenne ich vollständige Einrichtung, da ist für hundert Jahre vorausgesorgt in Küche und Keller, nur eins fehlt mir.

Diener: Gewiß der heitre Himmel Italiens, die lieblichen Gegenden, die Marmorschlösser voll Bilderwerk? Es fehlt uns viel, und ich hoffe, mein Herr zieht bald dahin und nimmt mich mit.

Galeratus: Die Schlösser werden vom Ansehn doch nicht mein, und der Himmel ist sehr heiß, und auf schöne Gegenden verstehe ich mich nur, insofern sie eben und gerade sind, damit man nicht umwirft; aber eins fehlt mir und da schmeckt mir nichts, das ist der Parmesankäse. Ihr zuckt die Achseln, das scheint Euch Kleinigkeit? Der Parmesankäse ist mir, was Euch die Ritterehre, ich kann nicht leben ohne Parmesankäse. Jeder hat so etwas, die Frau Markesa ihre Liebe. Ihr wißt hier nicht, wie so eine Venezianerin liebt.

Diener: In deutsche Frauen könnt Ihr Euch wohl nicht verlieben?

Galeratus: Im Gegenteil, ich habe eine deutsche Frau, von der ich eure Sprache lernte; wie könnten wir uns sonst verstehen?

Diener: Ich dachte, daß wir Italienisch sprächen. Woher ist Eure Frau gebürtig?

Galeratus: Das weiß ich nicht, doch wenn ich nicht irre, so sah ich heut den ersten echten Mann von meiner Frau, die ich vom Kreuzzug ihm entführte. Er ist ein Marketender, sie nannten ihn schlechtweg den Gottschalk.

Bernhard: Der alte Gottschalk? o nehmt ihn auch mit fort, dem Schloß ist er hier zur Last.

Galeratus: Im Gegenteil, ich will den dürren, ausgeblasenen Schlangenbalg zurück ihm bringen, ich mag sie nicht, ich diene der Markesa, sie hat mit einem Zaubertranke mich geworben.

Diener: So hätte alles sich hier seltsam fügen müssen, damit dem alten Nimmernüchtern die entlaufne Frau zurückgeführt sollt' werden. Das nenn ich eine Weltgeschichte!

Bernhard (zur Markesa): Kann Euch denn nichts zerstreuen, edle Frau,
Seit Ihr erkannt, daß eine andre Seele
Des Ritters volle Liebe hat besessen,
Gibt's nicht der Ritter mehr in unserm Lande?

Markesa: Nie hat er mir verhehlt die starke Liebe,
Die seinen Geist wie seine Sinne band,
Und rühmen muß ich jenen zarten Sinn,
Der mich durch die Verkleidung hat geschont.
Das ist es nicht, was mich so niederdrückt,
Es ist die innere Gewitterluft,
Wie ich im eignen Unglück fremdes ahne,
Was mich zu seufzen zwingt aus enger Brust.
O könnt' ich weinen, würde mir schon wohler,
Betautes Gras durchschneidet leicht die Sichel,
Die dort am Himmel steht und mich bedroht.

Bernhard: Am Himmel? Meint Ihr den gekrümmten Ast?
Nein, der gehört zu jener trocknen Eiche.
Beruhigt Euch; Ihr seid vom Weg erhitzt,
Hier ruhet aus, eh Ihr zur Burg eingeht.

Markesa: Ich kann nur unter diesem Grase ruhen,
Das hell von Sternen wie der Himmel glänzt.
O diese Stille sollt' ich klagend stören,
Und dort im Schlosse find ich keine Stelle,
Ich bin zu schlecht hier unter euch, ihr Lieben,
Ich sollte büßen, wo ich möcht' genießen,
Und Sehnsucht nach der Sünde wird mein Jammer!
Der keusche Mond verbirgt sich unter Wolken;
Verbirg mich, Erde, vor mir selbst, vor ihm,
Es läutert mich vielleicht das Qualenfeuer,
Durch das die Seelen ziehen nach dem Tode,
Damit ich doch dereinst ihm nahen kann.
Ach, Plesse! Wirst du dich nicht von mir wenden?

Plesse (vom Boden sich erhebend): Soll diese Nacht des Lebens nimmer enden! –
Werd ich nie fertig mit derselben Qual!
Ist alles Leben ew'ge Wiederholung! –
In Fesseln lieg ich wieder unter Rosen,
Und meine Rettung war ein leerer Traum,
Die Schergen nahen, und ich bin gerichtet.

Markesa: Er ist's! was ist geschehn? Er spricht so schwach.

Bernhard: Die Fackel her! Liegt Plesse im Gesträuch?

Plesse: Seht, Gräfin, so entstellt des Todes Stunde,
Doch hier im Innern hat er keine Macht.

Bernhard: O wär' die Schwester hier, Euch beizustehn!
Nur sie versteht die milde Krankenpflege.

Plesse: Ihr seid mein Bernhard, nun erkenn ich Euch,
Und diese unglücksel'ge Frau hat Euch
Hieher geführt, o nun erkenn ich alles,
Mein Haupt ist schwach von Gift, das mich durchdringet.

Markesa: Von welchem Gift? Ich kenne Gegengifte!

Plesse: Vielleicht könnt Ihr mir helfen, doch Höh'res
Setzt diese Stunde auf das Spiel! Eilt, Bernhard,
Ihr seid bewaffnet, rettet Eure Schwester,
Den Grafen rettet aus der Jäger Schar,
Die Neuengleichen stürmen, plündern wollen,
Geführt von Norbert und von Gangolph. Eilt Euch,
Mein Kopf ist mir betäubt, ich bin zu schwach.
Von Hartmanns gift'gem Pfeile hingestreckt,
Hab ich der Brüder Anschlag hier vernommen,
Sie banden mich, daß ich sie nicht verriete.
O wär' ich stark genug, mit Euch zu ziehen.

Bernhard (bindet ihn los): Umsonst, Ihr seid zu schwach! Mir folgen Diener!
Und wär' auch Eure Sorge Fieberwahn,
Sie hat mich mit ergriffen. Stumme Wache
Hält hier Verzweifelung bei Euch, bald send ich
Euch Arzt und Hilfe aus dem Schloß.

Plesse: Gott, nein,
Quält mich nicht länger mit des Lebens Rechnung,
Die Summe ist gezogen, und ich meine,
Die Erde mag wohl eine Hölle sein
Für ein vergessnes Leben, das wir büßen,
Und mehr als einmal kann der Mensch hier sterben.

(Er sinkt nieder.)

Bernhard: Mein edler Plesse, Vorbild meiner Jugend,
Du warst zu rein für diese schuld'ge Erde,
Der reine Himmel zieht dich liebend an,
Nur Mittelgut von Sünden und von Buße
Mag hier sein quälend Dasein ganz erfüllen.

(Es kommen zwei bewaffnete Diener mit Fackeln.)

Auf, rüstig, seid bereit zum Kampf, es gilt;
Du, Fremdling, bleib als Wache bei der Frau.

Markesa: Zieh mit, denn ich befehl es dir, laß mich Allein!

Galeratus: Ich muß gehorchen.

Markesa: Halt dich tapfer,
Daß unsre Landsleut' deiner sich nicht schämen.
(Bernhard mit den Dienern und Galeratus ab nach dem Schlosse.)
Die Welt läßt ab von mir, die Sünde weicht,
Und mit den Sinnen, die mich sonst verführten,
Vernahm ich, was kein andrer Sinn vernimmt,
Und nicht umsonst trieb ich geheime Kunst
Und kochte Liebestränke. Heil der Alten,
Die mir gelehrt der Pfeile Gift aus Wunden
Zu ziehen, wie die Lust aus frischen Lippen.
Ich sehe ihn von gift'gem Pfeil verletzt
In Herzensnäh' mit schwindelnd trübem Auge,
O wie es alle Sinne mir entsetzt,
Zu seinem Herzen dring ich endlich jetzt,
Daß ich dies Gift aus seiner Wunde sauge!
Die Lippen sind zu rein für meine Lust,
Und nur durchs Gift gehört mir diese Brust,
Ich geb ihr Leben, Tod gibt mir die Wunde,
Ich saug ihn ein im Kuß von meinem Munde.

(Sie sinkt auf ihn nieder, dann steht sie mit Würde auf.)

Die Seele siegt, ist nicht mehr zum Gespötte
Der Welt in ihrer Sehnsucht, hat ihr Ziel
Gefunden, daß sie ihn der Welt errette!
Vergebens ist kein inniges Gefühl,
Ich rette ihn dem reinsten ird'schen Bunde;
Wie Nacht und Tag, so trennet uns die Stunde,
Ich bin die Nacht, denn ich gefall ihm nicht,
Ich darf nicht schauen seiner Augen Licht,
Nicht fühlen seines Herzens erste Schläge,
Es trennen sich auf ewig unsre Wege.
Ja, ohne Dank so sterbe ich für ihn,
Mein Herz steht still, sein Herz wird neu erglühn.

(Sie sinkt neben Plesse nieder.)

2.

(Nacht. Innerer Hof von Neugleichen, im Hintergrunde der Eingang zur Kirche, daneben das große steinerne Becken eines fließenden Brunnens, an welchem eine Rolandsäule mit dem Schwerte aufgerichtet steht. Norbert, Gangolph und Anneliese an der Spitze vieler Freijäger schleichen heran.)

Anneliese: Ach laßt euch noch bereden, kehret um,
Noch hat euch keiner hier bemerkt im Schlosse.

Gangolph: Das ist die Frage, ob sie uns nicht locken,
Um dann so sicherer uns einzufangen.
Es ist nicht denkbar, daß der Bilibald
Das Schloß so preisgibt um ein schönes Mädchen.

Norbert: Fast eine Viertelstunde ist versäumt,
Die Wachen, die nicht wachen, auszuspähen.
Was scheust du noch und gehst mit halben Schritten,
Als könnten uns die Pflastersteine treffen
Wie aus dem Wurfgeschütz, die ganz gedrückt,
Zu tiefen Gleisen ausgefahren sind!
Es ist so still, daß ich die Heimchen höre.

Gangolph: Doch eben diese Stille macht mich sorglich.
Daß Wächter fehlen, ist kein Wunder hier,
Doch daß die kleinen Häuser alle leer,
Und daß kein Feuer an den Herden brennt,
Daß mir die Witterung der Menschen fehlt,
Daß ich nicht raten kann, wo alle stecken,
Das ist's!

Norbert: Die Klugheit führt dich wieder irre,
Der Schloßvogt wird sie eingerufen haben
Zu einer Arbeit, die viel Hände fordert,
Um seiner Liebschaft sicher hier zu warten;
Sieh, steht er dort nicht an des Brunnens Rand?
So wollen wir ihm gleich den Mund verbinden.

Gangolph: Es ist der alte Roland mit dem Schwerte.

Norbert (zu den Jägern) Das Schloß ist unser, wie gefällt es euch?
(zu Anneliesen) Gelt, Mädchen, hier ist's besser als bei uns,
Hier kannst du nun die gnäd'ge Frau vorstellen.

Anneliese: Es dreht sich alles mit mir um vor Angst.

Erster Jäger: Hier ist ein guter Raum für unsre Hunde,
Hier können sie sich beißen nach Gefallen.

Zweiter Jäger: Gern schnitt' ich mir ein einzig Stockwerk ab,
Könnt' ich es auf mein altes Felsloch setzen.

Dritter Jäger: Mir kommt es hier nicht ganz geheuer vor,
Es ist, als ob hier böse Geister hausen,
Die alle Menschen ausgetrieben haben.

Norbert: Sahst du schon einen Geist? ich sah noch keinen.

Dritter Jäger: Ich sah noch keinen Kaiser, fürcht ihn doch,
Der die Gesetze gibt.

Norbert: Der Kaiser lebe,
Und ich verehr sein Schwert in diesem Bilde,
Das jedes Recht und auch das meine schützt.
Mit diesem Helmtrunk aus dem klaren Brunnen,
Den Rolands Bild bewacht als ew'ger Zeuge,
Nehm ich Besitz vom Schlosse Neuengleichen
Mit allem, was dazu gehört an Rechten.

Gangolph: So hatten wir die Sache nicht besprochen.

Norbert: Du neid'scher Schelm, willst jetzt dein Wort verleugnen.

Gangolph: Nachdem wir uns so manches Jahr beschwert,
Wie jene Brüder ungleich hier geteilt,
Da sollte ich dieselbe Torheit machen?
Du hast mir noch das ferne Feld versprochen.

Norbert: Sag, was du willst, ich hab Besitz genommen
Und lasse nur davon mit meinem Leben.

Anneliese: O haltet Friede, hört ihr nicht den Sang?
Sie feiern heut des Grafen Hochzeitfest. (Sie läuft zurück.)

Norbert: Ich glaub, sie ist mit Geistern auch befreundet,
Daß sie von ihren Hochzeitfesten weiß.

Jäger: Ihr Freunde, hört ihr dort die Geisterhochzeit?
Zu solchem Fest sind wir nicht eingeladen.

Viele: Die Ritter zanken, und die Geister freien,
Fort, fort, hier ist es nimmermehr geheuer!

(Viele laufen fort.)

Norbert: Ihr Toren, schreckt euch dieser Kirchensang,
Und habt so oft den Eulen zugehört?
Hinein, hinein, wir dringen in die Kirche,
Und auf dem Altar ist mein Grafensitz!

Ein Jäger: Ich folg Euch nicht, ich bin kein Grafensohn.

Gangolph: Halt, Norbert, sieh, der Kirche Tor geht auf,
Sie flammt im Innern, und ein Geistlicher
Im Prachtgewand blickt durch die Nacht zu uns.

Norbert: Auch du gehst rückwärts, Gangolph? schäme dich!
Wenn ich zurückgeh, stoß mich strafend nieder,
Ich reiß das Herz mir aus, wenn es sich fürchtet.

(Beide und die Jäger ziehen sich nach der Ecke zurück.)

Geistlicher: Alle Sterne sind beisammen,
Blinken, winken zu uns nieder,
Es erwachen alle Flammen
Aus der dunklen Tiefe wieder,
Offen scheinen alle Herzen.
Und das innre Auge sieht
Bei der Hochzeit Flammenkerzen,
Wo ihm treue Liebe glüht.
Sie kommen nicht, vergebens harrt die Menge,
Die Gräfin kann sich wohl noch nicht erholen,
O wenn sie sich doch nur entschließen könnte,
Dem Rechte an den Grafen zu entsagen.
Doch wer mag diesen Rat des heil'gen Vaters
Der Frau aufdringen, die des Landes Stütze,
Der Armen Trost, Verpflegerin der Kranken war –
Sie sollte von uns scheiden, unser Segen?
Sie hat sich gegen Hartmann fest erklärt,
Daß keine Macht sie hier vertreiben würde.
So muß ich denn die Doppelehe segnen,
Ihr Himmelslichter, deckt euch bei dem Greuel,
Den ich aus kirchlichem Gehorsam segne.

(Der Graf tritt auf in der Rüstung Hugs, ihm leuchtet Gottschälkchen vor, als Amor gekleidet.)

Norbert (leise zu Gangolph): Der Graf, der längst im Morgenland gestorben,
Ein Engel trägt ihm vor die Todesfackel. (Er zieht sich weiter zurück.)

Graf: Wo blieb denn Hartmann, kannst du ihn nicht finden?

Gottschälkchen: Drei Männer riefen ihn vors Schloß hinaus,
Er wies mich schrecklich ernst zurück und ging.

Graf (zum Geistlichen): Es hat die Gräfin eben sich erholt,
Ich weiß nicht, was sie zu der Laute bannt,
Die mir im Morgenlande Amras Liebe
Gewann, und die ich hier vorm Schloß ablegte,
Wie die Schiffbrüchigen zerbrochne Ruder
Der Heil'gen weihn, die sie dem Meer enthob,
Um ihr allein zu leben, zu vergessen
Die Braut des Morgenlands. Nun ist's vergebens,
Dies Geisterwesen schreckt mich von ihr ab,
Nie war ich zweifelhafter ohne Ziel,
Die Kirche steht mir offen, und ich zage.

Geistlicher: So übereilt Euch heute nicht; die Feier
Sei ausgesetzt, es kann sich anders fügen,
Der Himmel gab Euch die Vernunft zur Wahl.

Graf: Es stellt Vernunft sich nie der Welt entgegen,
Ich wär' beschimpft vor allen meinen Leuten.
Sie alle wissen, was der Tag mir bringt,
Auch naht die Gräfin jetzt mit Amra und den Frauen.
Was Hartmann hat erdacht, muß ich vollbringen,
Ich bin die Hand, die sein Entschluß bewegt,
Denn er sagt aus, was ich mir nicht gestehe.

(Die Gräfin naht, von Amra, welche die Laute trägt, unterstützt, ihr folgen Jungfrauen mit
Fackeln, der Geistliche geht zurück in die Kirche. )

Gräfin (zu Amra): Mir ist's, als hört' ich noch die lieben Töne.

Amra: Gewiß nun ist's vorüber, alles still,
Wenn ich die Laute an das Ohr mir lege.

Gräfin: Vorüber! Argwohn ist mir sonst nicht eigen,
Und doch bedrängt mich eine Frage, wie der Graf
Zu jener Rüstung kam, die Plesse trug,
Die er bei der Kapelle abgelegt?
Erfinderisch an Qualen ist mein Herz,
Es knüpft den Trauerruf damit zusammen.

Amra: Er soll dir vor der Kirche Rede stehen,
Sonst weigre dich, ihm deine Hand zu reichen.

Gräfin: Es ist zu spät, das brächt' uns allen Schimpf,
Ich höre nicht auf meines Herzens Beben,
Wenn ich das Heil der Meinen muß beachten.

Graf: Die Kirche harrte lang auf unsre Ankunft,
Was soll die Laute, Amra? –

Amra: War sie's nicht,
Die uns zusammenführte in der Ferne?
Und hier vereinigt uns die Laute wieder
Mit einem Klang, der durch die Seele dringt.

Norbert (an der Ecke zu Gangolph, während sich jene im Zuge sammeln):
Was hülf' uns Reichtum, quälte uns die Furcht!
Ich gehe drauf und wären's alle Teufel,
Was in mir tobt, soll alle Geister zwingen.

Gangolph: So muß ich wohl mit dir zum Teufel fahren.

(Sie ziehen gegen den Grafen los; die Frauen springen im ersten Augenblicke der Überraschung auf die Seite.)

Graf: Hier dachte ich noch nicht in Mord zu fallen.
Es sind der gift'gen Pfeile mehr noch ausgeteilt,
Wo wär' ich sicher, nehmt mein Leben hin!

(Der Graf reißt seinen Harnisch auf und wirft sein Schwert fort, während Gottschälkchen
seinen Pfeil gegen Norbert schießt und ihn verwundet.)

Norbert: Verdammter Junge, wie der Pfeil mich sticht,
Denkst du, daß wir ein Knabenspiel hier treiben?
Verschließ die Kirchtür, Gangolph, es sind Menschen,
Und ruf die Jäger, es sind keine Geister.

Gräfin: Der Graf entwaffnet sich, er ist verloren,
Ich werf mich über ihn, um ihn zu schützen.

(Sie wirft sich dem Grafen in den Arm, während Amra die Laute vorstreckt, die von Norberts Hiebe zerschmettert wird.)

Norbert: In welchen Leib fuhr dieser gute Hieb!
Der klang entsetzlich, wie die Totenglocke.

(Bilibald springt mit einer Fackel aus dem Schlosse.)

Bilibald: Es klingen Waffen, Frauen schrein Verrat,
Ich trag die Schuld, ich ließ die Tore offen.

(Er treibt mit der Fackel Norbert zurück vom Grafen.)

O ich erkenn euch, Mörder eures Stamms,
Fluch über euch, Festschänder, Bastardsöhne.

Gangolph (stößt Bilibald zurückkommend nieder):
Ein toter Feind ist mir der beste Segen.

Bilibald: Ich fall durch eigne Schuld, verzeih mir's Gott.

Amra (ergreift des Grafen weggeworfenes Schwert und geht auf Gangolph ein):
Du führtest mich durch größere Gefahren,
Heut schütz ich dich und zahle meine Schuld.

Norbert: Ich sag euch Weibern: weichet aus dem Kampf,
Wir schonen euch nicht mehr, uns drängt die Zeit.
(Zu Gangolph) Ich weiß es nicht, was meinen Arm gelähmt,
Des Pfeiles Wunde ist doch kaum zu fühlen.
Ich weiß nicht, welcher Frost in allen Gliedern
Die Kräfte mir versagt, sie hinzustrecken.

Graf: Ich bin verraten, opfert euch nicht auf.

Gräfin: Gib dich nicht auf, so wird uns Gott noch retten.

Graf: Ist's wahr, du wolltest mich hier nicht ermorden?
So hab ich auch ein Schwert, um dich zu schützen.

(Er reißt der Statue Rolands das Schwert aus der Hand und kämpft dann gegen mehrere der Freijäger.)

Norbert: Ha, werft ihn in den Brunnen, eh er's ablangt.
Ich bin erstarrt, als wär' im Pfeile Gift.

Graf: Wohlauf, das Rolandsschwert, des Rechts Vollziehung,
Es soll mich schützen gegen diese Mörder.

(Bernhard dringt fechtend ein mit seinen Dienern und Galeratus gegen mehrere Jäger, die sie auseinandersprengen.)

Gangolph: Nun, stolze Amazone, bist du matt?
Nun küß ich dich auch gegen deinen Willen,
Der Widerstand befeuert jede Lust.

Amra: Wer mich befreit, dem sei die Hand gelobt,
Der Fürstentochter Hand, und sei's ein Sklave.

Bernhard: Mein Arm ermüdet, doch dies Wort erfrischt.
O lieblich Bild, muß ich mein Herz verlieren,
Nun ich's so nötig brauche gegen Feinde?

Amra: Geliebtes Ebenbild der edlen Freundin,
O nimm mein Herz für deins, das ich gewonnen,
O schütze dich und schütz auch mich in dir.

Bernhard: Das Feuer deiner Augen dringt ins Schwert,
Es sinkt ein Feind, der stärkste hier von allen.

Gangolph: Ich kann nicht mehr, der Stich drang in die Brust,
Ich möcht' Euch ein Geheimnis noch vertrauen.

(Er sticht nach Bernhard.)

Bernhard: Die Todesschwäche lenkte ab die Tücke,
Du hast genug, ich schenk dir keinen Stich.
Dich, schöne Braune, hab ich mir erobert,
Es hörte Sankt Georg der Not Gelübde.

Amra: Ich schwör, du bist der Bruder dieser Gräfin,
Ich habe dich in ihr schon lang geliebt!
Doch eil zu ihr, befreie sie vom Feinde.

(Bernhard dringt durch die Jäger und stößt Norbert nieder.)

Norbert: Die Beine brechen ein wie morsche Zacken
Und muß ich knien, will ich doch nicht beten.
O wär' mein Geifer wie von tollen Hunden,
O hätt' ich Adlerklaun, dich zu zerreißen!

Bernhard: Will deine Klaun mit gutem Schwert beschneiden,
Will deine Zähne dir ausbrechen, alter Eber.

(Norbert stirbt.)

Graf: Die Führer sind gefallen, unterwerft euch!

(Er entwaffnet einen Jäger.)

Jäger: Der Toten sind gleich viel auf beiden Seiten.

Galeratus: Helft, Herr, zum erstenmal bin ich verwundet,
Ich focht zum erstenmal in guter Sache.

Graf: Bald helf ich dir, noch drängt die Menge mich.

(Die Kirchentür wird von innen aufgebrochen, es stürzt eine Schar Männer mit eisernen Stangen, Kreuzen, Leuchtern bewaffnet unter mancherlei Anruf gegen die Freijäger, die ihrer Wut und Überzahl entfliehen.)

Graf: Triumph, die Burg der Väter ist gerettet!
Ich glaubte mich verraten von den Frauen
Und wollte sterben, doch sie schützten mich.
Dir, edler Fremdling, danken wir die Rettung.

Gräfin: Mein Bruder Bernhard ist's! Wie wunderbar,
Daß unser Bote dich so früh erreichte;
Der Himmel sandte dich.

Bernhard: Mich sandte Plesse.
Er hatte Euren Feind im Wald belauscht,
Es sind die nächsten Vettern Eures Hauses,
Hier Gangolph, dort der Norbert von Altgleichen.
Ich wollte ihm kaum glauben, als er mich
Und meine Leute bat, Euch zu erretten.

Gräfin: Nun weiß ich, daß der Plesse tödlich krank,
Sonst hätte er wohl selbst den Kampf gestritten.

Bernhard: Noch lebte er; wir eilen hin zu ihm.

Graf: Wie soll ich Euch so tapfern Dienst belohnen?

Bernhard: Ich ward hier überreich durch schöne Beute.
Von Gangolph überdrängt in dem Gefechte
Und preisgegeben seinen wilden Küssen,
Verschwor sich mir die schöne Streiterin,
Ich schwor ihr Treue, ohne sie zu kennen.

Graf: Wie, Amra?

Bernhard: Ist's die Sultanstochter, die
Euch hat befreit, mein teurer Schwager, seht,
So biet ich ihr die Hand mit größrer Freude,
Weil meine Schwester ihr so hoch verpflichtet.

Graf: Ist es dein Wille, Amra? Gibst mich auf?

Amra: Du warfst dein Schwert hinweg, du gabst uns auf,
Noch bin ich frei, ich hab dich nie belogen:
Den Blonden liebt' ich in der Schwester schon,
Und ich bin sein, denn er hat mich gewonnen.

Graf: Wer könnte nicht in solcher Stund' entsagen?
Mir ist, als ob du mir gestorben wärst.
O dies Entsagen macht mich wieder froh
Und fesselt mit Gedeihen an das Leben.

(Er will sich mit Zärtlichkeit zur Gräfin wenden.)

Gräfin: Ich fleh euch alle an, ist keine Hilfe?

Graf: Für wen?

Gräfin: Er lebt noch, sagtest du, mein Bruder.

Graf: Wer lebt?

Gräfin: Der all mein Denken an sich reißt.
Mein Plesse, ach, die Laute ist zerschmettert,
Die seiner Leiden Kunde mir gebracht.

Bernhard: Ja, eilt Euch, schafft ihm Hilfe, lebend ließ
Ich ihn am Kreuzweg liegen bei dem Steine,
Der fromme Vater kennt der Wunden Balsam.

Gräfin: Ich fleh Euch an; was soll ich noch verhehlen,
Wie nah sein Leben meinem Herzen geht.

Graf: Vieldeutig ist die Welt, und mir verschwindet
Die einz'ge Schuld, daß ich hier doppelt liebte.

Geistlicher: Ich habe hier die Sterbenden getröstet,
Ich folge Euch, doch gebet an vorher
Der Wunden Art, daß ich die Mittel suche.

Bernhard: Er fiel von gift'gem Pfeil durch Hartmanns Hand.

Amra: Gewiß der gift'gen Pfeile einer, die
Ich Hartmann übergab zu unsrer Flucht.

Gräfin: Bewahr mich Gott, ich wähne niemand schuldig,
Obgleich die Rüstung mir den Argwohn gibt.

Amra: O diese Nacht bringt vieles noch zu Tage.

(Gräfin mit Amra, Bernhard, der Geistliche, der Graf in Begleitung von Fackelträgern ziehen ab.)

Anneliese (schleicht heran) Die Finger kann ich kaum gerade machen,
So hab ich sie in Angst zusamm'geklemmt.
Ja, wüßten sie, daß mich die Räuber zwangen,
Vorauszugehn und ihrem Weg zu leuchten! –
Es hört doch keiner, alle zogen nach,
Sie ließen mich hier einsam bei den Toten.
Der arme Bilibald, er regt sich nicht,
Und wie versteinert ist sein Angesicht.
Hier, wo ich dachte lustig mich zu machen,
Muß ich schon wieder bei den Leichen wachen;
Käm' ich nur ungesehn zurück zur Alten,
Kein Spuk sollt' mich erschrecken, mögen spalten
Die Tische, ist's doch eine Kleinigkeit,
Wenn Köpfe spalten so bei Lebenszeit.

Gottschalk (springt hervor) Halt, Herzensdiebin, Hauptverräterin,
Du sollst uns nicht entkommen.

Anneliese: Ach, so geht's mir,
Hab ich den besten Vorsatz, wird nichts draus.

Gottschälkchen (kriecht unter dem Brunnen hervor):
Laß Er sie gehen, Vater, schickt sich das
Für Ihn, was Er bei Riekchen mir verboten?

Gottschalk: Was willst du, kleiner, aberwitz'ger Schelm?

Anneliese: Ach Gott, der weiß um alles, ich muß laufen. (Läuft fort.)

Gottschälkchen: Das war ein gutes Plätzchen hier am Brunnen.
Da traf mich keiner in dem grimm'gen Metzeln.

Gottschalk: Warum bist du nicht früher vorgesprungen?
Weißt du's denn nicht, du tatest hier das Beste.

Gottschälkchen: Ich?

Gottschalk: Freilich, siehst du nicht den Pfeil da stecken
In Norberts Hals? Es scheint der Pfeil vergiftet.

Gottschälkchen: Es ist mein Pfeil, der Bogen schießt gewaltig,
Den mir der Graf zum Spiel geschenkt im Keller.
In meiner Unschuld hätt' ich ihn erschossen,
Das hätte ein Spektakel geben sollen.

Gottschalk: Hör, Jung', du bist der beste Schütz im Lande,
Es wird gewiß was Großes aus dir werden,
Du nahmst die rechte Zeit beim Zielen eben.

Gottschälkchen: Er hat das alles müßig angesehn!

Gottschalk: Ich wär' euch gern zu Hilf' gekommen, doch
Ich konnte nicht so recht in Furie kommen,
Die Zähne klapperten, es schlotterten
Die Beine, ja, ich schwör, die größten Feldherrn
Sie haben nicht zu allen Zeiten Mut;
Doch dauerte der Kampf nur noch ein Stündchen,
So hätt' ich ganz gewiß den Platz behauptet.

Galeratus (erhebt sich schwach): Hör, Kind, glaub nicht dem Hahnrei,
ich sag Wahrheit,
Ich sterbe drauf, daß der da keinen Hund
Vom warmen Ofen lockt. Ich schein dir fremd,
Ich bin dein Vater, du mein kleiner Schütze.
Dich ließ ich ihm und stahl ihm Weib und Geld,
Ich mag dem armen Lump nichts schuldig bleiben:
Das Weib ist in Venedig, hier ein Beutel,
Der doppelt wiedergibt, was ich genommen.

Gottschalk: Ach, nun erkenn ich Euch, Herr Galeratus,
Habt Ihr auf Erden andres nicht zu sagen,
Als mich bei meinem Sohne zu verklagen?

Galeratus: Noch hört mich an und saget es dem Grafen,
Ich fürcht mich nicht, ich bin nun bald im Hafen:
Ich war's, nicht Plesse, der ihn angefallen
Dort in Venedig unter dunklen Hallen.
Von Amras großen Schätzen hörte ich,
Deswegen gab ich ihm zuerst den Stich,
Für ihn erhielt ich hier den großen Schnitt,
Die Rechnung geht nun auf, und wir sind quitt. (Stirbt.)

Gottschalk: O lebt' er noch, ich hätte ihn gefordert,
Doch sieh, der Teufel hat ihn einbeordert,
Daran erkennst du einen Hasenfuß,
Er fürchtete sich tot vor meinem Schuß.

Barbara (tritt ein): Was treibt Er hier für Leichtsinn bei den Toten?

Gottschälkchen: Großmutter, leid Sie's nicht, dies ist mein Vater,
Den will er nun im Tode noch beschimpfen.

Barbara: Mein Sohn, du machst dich blutig an den Toten,
Ihm aber ist das Schelten auch verboten.

Gottschalk: Ich tu's, wenn Sie verbietet; Sie kann gehen!

Barbara: Soll ich dem Hartmann klagen solch Vergehen?

Gottschalk: Mit Ihrem Reich ist's aus, Sie mag nur sehen,
Wo Hartmann bleibt, der wurde heut geladen
Vor ein Gericht, das tut ihm sicher Schaden,
Er sagte da, es käm' von Ihrem Plaudern,
Von Ihrem Horchen in der Mitternacht;
Sonst hätt' er wohl verständig können zaudern
Und hätte nicht den Plesse umgebracht.

Barbara: Das Alter und die Züge machen schwach,
Die Schuld doch keiner auf sich laden mag,
Wenn solcher Mord aus gutem Willen kommt,
Der einem schadet und den meisten frommt.

Gottschalk: Er sagte auch, daß er vom Geist besessen.

Barbara: Wer kann das hier so eigentlich ermessen.
Der Bruder Hartmann war ein stiller Knabe,
Eh ich den Geist zu ihm beschworen habe,
Daß er von schwerer Krankheit ihn befreie;
Seit dem, da ward er tapfer wie ein Leue,
Es glühte ihm das Hirn fürs ganze Haus,
Er war der erste stets bei blut'gem Strauß
Und nichts wird ihm im Herzen weher tun,
Als daß er heut beim Kampfe mußte ruhn.

Gottschalk: Das nenn ich Ruh', wie die ihn ausgefragt!
Ich horchte zu und wurde selbst verzagt,
Und endlich mußte er mit ihnen gehen,
Wir werden ihn gewiß nicht wiedersehen.

Barbara: Sie taten heut noch keinen Schlag ans Tor,
Und das geschieht beim Femgericht zuvor,
Auch wird der Geist für ihn schon reden müssen,
Der hält ihn aufrecht wie ein gut Gewissen.

Gottschalk: Ich möchte solchem Geist mich auch verschreiben,
Da würd' ich länger nicht verachtet bleiben.

Gottschälkchen: Er kann mit mir nicht einmal fertig werden,
Wie hielt' Er aus die geistigen Beschwerden!

Barbara: So ein papieren Männchen hat sich was,
Mit solchem Geist ist gar ein schlechter Spaß.
Ich weiß doch mehr davon, und mir wird bange,
Wenn ich mit ihnen nicht verkehrte lange.

Gottschälkchen: Das Fieber hab ich fast bekommen,
Als Sie zum Blocksbergsritt mich mitgenommen,
Und wenn ich eigentlich daran gedenke,
So sah's dort aus wie hier in unsrer Schenke.

Gottschalk: Den Jungen nimmt Sie mit, mich läßt Sie heim,
Wie mach ich mir daraus wohl einen Reim?

Barbara: Er ist nie nüchtern, wie wollt' Er's aushalten,
Auf dünnem Besenstiel die Luft zu spalten?
Ach, wenn nur alles heute gut abgeht,
Daß keiner mir im Bett den Kopf abdreht;
Hab Kerzen mir gegossen, die recht leuchten,
Und morgen will ich meine Sünden beichten.
Die schönsten Blumen hab ich auferzogen:
Hat mich der Geist bis morgen nicht betrogen,
Will ich damit den hohen Altar schmücken
Und all mein Geld zur Meß ins Kloster schicken.

Gottschalk: Sie wird doch nicht; bedenk sie mein Gottschälkchen
Mit einer Kerze, einem goldnen Nelkchen,
Der Junge fällt gewiß in große Sünden,
Er wird umsonst auch keinen Ablaß finden.

Gottschälkchen: Sie schwor ja sonst, mir Ihre sieben Sachen,
Wenn ich recht artig, alle zu vermachen.

Barbara: Es kostet was, den Teufel auszutreiben,
Von meiner Erbschaft wird nichts übrig bleiben,
Doch sag ich Euch: es ist dem roten Jungen
So mancher Diebesgriff hier schon gelungen;
Und daß er so den Norbert hat getroffen,
Das hält ihm hier die Gnadentüre offen.
Er weiß sich mit dem Teufel schon zu balgen,
Der kommt zu Ehren oder an den Galgen.

Gottschalk: So helft nur mir, ich bin doch auch des Teufels,
Soviel ich weiß.

Barbara: Ach, freu Er sich des Zweifels,
Denn wer ihn kennt, der mag nicht von ihm reden;
Er hält uns fest an ganz geheimen Fäden,
Wir können uns nicht frei von ihm erheben,
Gemeinen Seelen wird hier viel vergeben.

(Sie geht nach der Kirche ab.)

Gottschalk: Gemeinen Seelen wird hier viel vergeben –
Wie vornehm mich die Hexe abgekappt,
Das hat sie von der Gräfin aufgeschnappt.
Ich muß doch auch versuchen, wie man's macht,
Ein fromm Gesicht zu schneiden über Nacht,
Nachdem man hat den ganzen Tag gesündigt,
Und dir, mein Sohn, dir sei's zuerst verkündigt;
»Geh, liebes Kind, verricht die fromme Pflicht,
Versorg die Toten und versäume nicht,
Die Taschen alle wohl zu untersuchen.«

Gottschälkchen: Bei einem find ich Geld, beim andern Kuchen,
Das ist für uns heut eine rechte Ernte,
Weil sich ein jeder braver Mann entfernte,
Um in dem Wald die Räuber aufzusuchen.

Gottschalk: Gottlob, ich bin kein Freund vom Streiten, Fluchen
Und solchem Blutvergießen, lieb den Frieden,
Er ist das schönste Gut für uns hienieden.

Gottschälkchen: Wenn sie Euch hören, lachen sie Euch aus,
Sie kennen Euch zu gut in diesem Haus.

Gottschalk: Ich sag dir, Jung', du sollst nicht widersprechen,
Sonst werd ich Teufel, will's Genick dir brechen.

(Gottschälkchen flieht, Gottschalk folgt ihm.)

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