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Gutenberg > Achim von Arnim >

Die Gleichen

Achim von Arnim: Die Gleichen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typedrama
authorAchim von Arnim
titleDie Gleichen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeDritter Band
editorReinhold Steig
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091107
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Erster Aufzug

1

Erstes Morgenlicht. Weideplatz mit alten Eichen; auf einer Seite ein großer Stein, auf der andern eine Kapelle, im Hintergrunde die Burg Neugleichen. Gottschalk liegt mit dem Kopfe auf einem Tönnchen schlafend unter einer der Eichen, sein Hirtenhorn neben ihm. Gottschälkchen kommt gelaufen, schüttelt ihn, doch ohne ihn erwecken zu können, endlich nimmt er das Horn und bläst Feuerlärm.

Gottschalk: Feuer blase ich? Warum denn? Wo ist Feuer, im Himmel oder auf Erden? Freilich, Himmel und Erde, Stirn und Magen, alles ein Feuer. Laß brennen, Gottschalk, laß brennen! Lauf und rette dein bißchen Leben, alter Narr! Das wäre zu viel, wenn du für deine paar Sünden lebendig verbrennen solltest!

Gottschälkchen: Vater, wenn das ein ehrlicher Mensch hörte!

Gottschalk: Nun – nun – wo ist denn das Feuer geblieben, das ich soeben angeblasen habe?

Gottschälkchen: Er denkt wohl noch, daß Er Nachtwächter ist, ja, wenn Er das Trinken hätte lassen können, so wären wir noch in dem guten Brot. Nun läßt Er die Pferde ins Korn laufen, da werden sie gepfändet, und Er muß Strafe zahlen. Muß ich Ihn da nicht wecken?

Gottschalk: Also du hast nur so geblasen, um mich zu wecken! So, so, – daß du mich geweckt hast, war gut, dafür gebe ich dir meinen stiefväterlichen Segen, daß du mich aber erschreckt hast, dafür wische ich dir mit diesem Backenstreiche den Segen rein ab.

Gottschälkchen: Der Backenschlag hat mich nicht getroffen, etsch, den Segen hab ich weg.

Gottschalk: Ein spitzfindiger Spitzbube. Junge, Junge, was könnte aus dir werden, wenn es Krieg gäbe; Junge, wie heißt der Reim des Herrn Bilibald, wenn er die Rüstkammer putzen läßt?

Gottschälkchen: Lauf Er lieber den Pferden nach.

Gottschalk: Junge, du sollst mir nichts vorschreiben, die Pferde haben vier Beine, und ich habe nur zwei, wer kann ihnen nachkommen! Wie heißt der Spruch vom Kriege?

Gottschälkchen: Wach auf, du friedlich müdes Schloß! Es schimmern die Helme, es wiehert das Roß, Wach auf, es steiget der Heldenglanz, Es glänzen die alten Lorbeern im Kranz Und treiben der jungen Zweige so viel, Viel tausend Blätter an einem Stiel; Es fällt ein Tau, der sie alle erfrischt, Es ist das Blut, das sich kämpfend vermischt Von Freund und Feind, von Roß und Mann, Es schimmert die Röte schon himmelan!

Gottschalk: Sing weiter, Allerweltsjunge, als ich so alt war wie du, konnte ich auch was behalten, aber die Feldzüge haben mir den Kopf geschwächt. Sing weiter!

Gottschälkchen: Die Hähne krähen und putzen die Sporn, Die Stiere zerwühlen die Erde im Zorn, Die Hündlein jagen aus Lust in dem Feld, Der Marketender der zählt schon sein Geld, Er geht nicht in den Streit, er zieht nur hinterher, Er hat das ganze Geld, stirbt uns das ganze Heer.

Gottschalk: Das soll ein Stich auf mich sein, ich wollt', es wäre wahr, da brauchte ich jetzt nicht Pferde zu hüten. Aber das Sprichwort sagt: wer im zwanzigsten Jahre nicht schön, im dreißigsten nicht kräftig, im vierzigsten nicht geehrt, im funfzigsten nicht reich ist, aus dem wird im sechzigsten Jahre ein Lump.

Gottschälkchen: Ihr werdet bald sechzig, was wird aus Euch?

Gottschalk: Ein Lump. Ich war im zwanzigsten Jahre grundhäßlich, im dreißigsten beständig krank, im vierzigsten wollte mich niemand ehren, funfzig bin ich arm und fromm wie eine Kirchenmaus, und der Schloßvogt hält mich für einen fressenden Schaden im Schloß, obgleich ich eigentlich mehr trinke als esse. Sohn, Sohn, wir haben viel Unglück erlebt, daß dein Gevattersmann, der alte Hartmann, mit dem Grafen im Morgenlande verloren ging, der hätte mein Glück gemacht und deins, – wir wollen miteinander weinen.

Gottschälkchen: Seine Tränenstunde hat wieder im Weinfaß angeschlagen. Wie kommt er nur zu dem Wein?

Gottschalk: Ein schlechtes Kellerschloß ist recht zum Trost der Armut vom Himmel eingerichtet; das öffnet sich vor meinen Fingern, als wären's Springwurzeln, husch, bin ich drunten, mein Fäßchen mit mir, keck ist der Hahn aufgedreht, zisch, zisch, ist mein Fäßchen voll. (Er trinkt.) Andre durstige Menschen schreien und singen, wenn sie trinken, aber ich mag gern dabei in aller Stille mein Unglück überdenken, wie deine Mutter, das Rabenhaar, – ja, schöne schwarze Haare hatte sie wie du – mit dem Venetianer und allem meinem Gelde davonlief. Dich ließ sie mir zum Angedenken, dich mußte ich nun selbst stillen.

Gottschälkchen: Wie will Er mich gestillt haben! Wer wird Ihm das glauben!

Gottschalk: Wie ich dich gestillt habe? Mit dem Ochsenziemer, wenn ich keine Ruhe vor dir hatte. Küß die Hand, Gottschälkchen, aus Dankbarkeit, du wärst sonst elendig in deiner Unart krepiert. Kannst du nicht aus Dankbarkeit beten, daß es bei uns einen langen, großen Krieg gibt, wobei viel Lebensmittel verbraucht werden? Auf dich wird noch geachtet im Himmel, denn du bist unschuldig, ich steh aber schon im Register schlecht angeschrieben.

Gottschälkchen: Es läßt sich wohl, um größeres Unglück abzuwenden, beten: in dieser Nacht war mir recht bange, Gott sei uns gnädig!

Gottschalk: Was sahst du denn, den alten Herrn Hug?

Gottschälkchen: Nein, viel mehr hab ich gesehn. Ich hatte mich eben aufs Stroh gelegt, da fuhr es über mich hin, ein solcher Sturm, als jagte er viel tausend scharfbeschlagene Rosse übers Dach. Die Ziegel klatschten nieder, die Glasscherben klingelten, als zöge eine Schlittenfahrt. Ich schöpfte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Grase. Endlich sprang ich ans Fenster.

Gottschalk: Und was sahst du?

Gottschälkchen: Die Wolken wirbelten, sonst sah ich nichts, aber fern hallte noch Waffengeklirr und Rosseschnauben und Trompeten.

Gottschalk: Küssen muß ich dich für die Botschaft, Tedeum wollen wir singen, alle Heilige bekränzen, und ich habe die Glücksbotschaft verschlafen können!

Gottschälkchen: Was für Botschaft?

Gottschalk: O hätte ich es doch mit meinen leiblichen Ohren alles das selige Geschmetter in den Lüften gehört, mir wäre zumute gewesen, als ob ein Beutel mit Gelde vor mir umgestürzt würde. Hast du es nicht von Frau Barbara vernommen, was dieser reisige Zug in den Lüften bedeutet? Da zieht Herr Hug mit seinen Waffenbrüdern, und das bedeutet Krieg.

Gottschälkchen: Der alte Narr meint wohl, er will mitziehen, und muß doch im Grabe still liegen. Was aber nun unsere Frau Barbara anbetrifft, so muß sie wohl Herr Hug diese Nacht mit für den Kriegszug geworben haben, ich finde sie nirgends.

Gottschalk: Laß die Frau Großmutter ihre Wege gehen, sie hat überall ihr bißchen Hexenwesen.

Gottschälkchen: Ich meine aber, ich hab sie hier bei dem Steine schreien und zanken hören, und darum kam ich eigentlich heruntergelaufen, ihr zu helfen.

Gottschalk: Laß sie nur, die weiß sich schon zu helfen, wir aber wollen den Marketenderwagen schmieren.

Gottschälkchen: Da backen wir auch Kuchen, den will ich den Landsknechten verkaufen.

Gottschalk: Aber friß mir nicht die Rosinen heraus, sonst geht's nicht gut, lieber die Stücken etwas kleiner, das Rosinenfressen merkt jeder.

Gottschälkchen: Verlaß Er sich auf mich, Vater, wenn ich Rosinen will essen, so esse ich sie vor dem Backen, wie gestern, als Barbara dem Ritter Plesse einen Kuchen backen mußte, den er den beiden jungen Hochzeitleuten schenkte. Ach, der hat wieder diese Nacht gesungen, ganz leise, daß ich nichts verstehen konnte, aber es klang doch verliebt.

Gottschalk: Du Narr, was verstehst denn du davon, ob etwas verliebt klingt?

Gottschälkchen: Das hab ich schon recht gemerkt, wenn es so auf der Brust kocht, dann ist es ein Liebeslied, auch verdrehen die Leute dabei die Augen und lesen allerlei Abschabsel, Lappen, Haare, verwelkte Blumen auf; o wie oft hab ich das vom Ritter gesehen, wenn er in das Gärtchen kommt, wo die Gräfin gesessen hat.

Gottschalk: Der Junge hat rechte Pfiffe im Kopf! – Wer weiß, ob uns nicht daher der Krieg kommt, denn Gangolph und Norbert von Altengleichen leiden sicher nicht, daß der Plesse die Gräfin heiratet und sich zum Herrn in Neugleichen einsetzt. Wenn's nur Krieg gibt, mag er kommen, woher er will, der Krieg deckt mir den Tisch.

Gottschälkchen: Aber denkt Er denn, Vater, weil die Kriegsgeister diese Nacht in der Luft gerumpelt haben, daß sie darum schon fertig sind mit allen Rüstungen? Da müssen sie vielleicht noch diesen wecken, jenen hetzen, haben wir doch nicht einmal einen guten Hefenkuchen in ein paar Stunden fertig.

Gottschalk: Hast recht, Allerweltsjunge! wollen die Pferde noch heut aus dem Korn herausjagen, komm schnell, ehe sie der Schloßvogt sieht. (Beide ab.)

2

Burg Altgleichen. Gewölbter Hausflur in erster Morgendämmerung. Gräfin Gisella pocht an eine Türe.

Gisella: Anneliese, steh auf und frag nicht lange, ob der Wächter sein Morgenlied abgesungen hat; die Hähne krähen, die Kühe rufen nach dir, der Hirte wird bald blasen. Wenn dich die Sonne im Bette bescheint, so kriegst du nimmermehr einen Mann! – Ist es nicht eine Schande, sie hört nicht mehr auf mich, seit Norbert und Gangolph mit ihr schön tun. Sie werden einander noch darüber feind werden, es gibt ein Unglück, aber was darf ich den herrischen Söhnen sagen? Wenn ich sie nur ansehe, so meine ich, daß ich verraten sei, die Strafe Gottes spricht aus allen ihren Gesichtszügen, und doch sagen die Leute, daß sie meinem seligen Manne ähnlich sehen. Wenn es nur niemand hört, was ich so für mich spreche, ich werde so schwach im Kopfe von aller Not. (Die Magd kommt.) Anneliese, wie die Augenlider herunterhängen, das bedeutet schlecht Wetter. (Die Magd geht gähnend nach dem Hofe, die Gräfin ruft ihr nach.) Schlag auch Feuer an zur Morgensuppe, meine Söhne werden bald von der Jagd zurückkommen. Wenn sie nur was mitbringen, ich weiß nicht, was ich heute kochen soll.

Joseph (springt in einem Mantel die Haustreppe hinunter): Hast du mich gerufen, liebe Mutter? wie mir das Herz schlägt, ich träumte so schön, so schön!

Gisella: Du armer Junge, warum hast du nicht länger geschlafen, wenn du so schön träumtest; leg dich wieder hin, vielleicht träumst du wieder fort wie vorher, ich will mich in acht nehmen und nicht so laut reden. Geh, lieber Joseph!

Joseph: Mutter, wie kommt's, ich hab's schon oft versucht, zu träumen, was mir gefällt, aber es geht nicht. Der Traum gehört einem gewiß nicht so recht an wie andere Gedanken. Ob es wohl die Engel sein mögen, die einem so was Gutes vorspiegeln?

Gisella: Freilich, wenn du artig bist, da spielen die Engel mit dir im Schlafe.

Joseph: Und dann werden die Engel müde, und dann ist der wunderschöne Traum aus. Nicht wahr, Mutter?

Gisella: Ja, du armes Kind, der Himmel wird seiner Gnade gegen uns müde und überdrüssig, und dann sind wir verlassen.

Joseph: Ich bin kein armes Kind, Mutter, ich werde sehr reich werden und dir will ich alles schenken; sei ruhig, du sollst keine Not mehr leiden, sollst ruhig ausschlafen, aus silbernem Becher trinken, und immer soll der Küchenschornstein rauchen. Wir wollen recht lustig sein und den ganzen Tag spielen.

Gisella: Du fabelst aus deinem Traume, der Fasttag gestern hat dich mit Eßlust eingewiegt, und mit Heißhunger bist du aufgewacht. Die Morgensuppe soll bald fertig sein.

Joseph: Nicht vom Fasttage, nein, aus der seltsamen Geschichte im großen Hausbuche kam der Traum: die Ameisen an der Wurzel der Eiche trugen edle Steine zusammen, und die Bienen auf dem Wipfel bauten Zellen von Silber und füllten sie mit Gold, und die Eiche war erwachsen auf unserm Wachtturm und drüben auf dem hohen Wachtturme in Neugleichen aus zwei Wurzeln, das tiefe Tal zwischen beiden war aber schon ganz mit Edelsteinen ausgefüllt, so daß die Eiche ganz fest stand. Norbert und Gangolph traten auf mich, um an der Mauer heranzuklettern, aber sie fielen, ich aber konnte fliegen, es ging so herrlich, und mir gehörte der Schatz der drei Brüder.

Gisella: Wenn dir dein Leben lieb ist, wenn du mich liebst, so schweig von diesem Traum, deine Brüder ärgern sich ohnedies an dir wegen .. nun, du weißt es ja, daß sie dich immer ärgern. Hätte nie gedacht, daß du schon so gut lesen könntest, verstehst mehr davon als ich, gab dir das Buch bloß wegen der schönen Bilder, und du sprichst daraus wie ein geistlicher Herr, und all das böse Geheimnis vom Dreibrüderschatze lastet nun auf deinem Gewissen. Versprich mir's in die Hand, denn du bist schwatzhaft, daß du keinem Menschen von dem Schatze erzählen willst.

Joseph: Warum sollte ich's erzählen? ich behalte es gern für mich.

Gisella: Nein, gib mir die Hand, es keiner lebenden Seele zu erzählen.

Joseph: Da meine Hand, liebe Mutter.

Gisella: Da hast du einen Kuß dafür, und sag mir nun auch, wie du so schnell hast lesen lernen und von wem.

Joseph: Von dem alten Pater Benedikt, der mich alle Tage bei der ausgebrannten Kirche in meinem Gärtchen besucht.

Gisella: Wer ist denn dieser geistliche Herr, seh ihn doch nie kommen oder weggehen? Es wird einem gar ängstlich bei so etwas in dem alten Hause. Geh nicht wieder nach der alten Kirche, die Leute erzählen so schon genug von einem alten Pater, der nachts da sitzt und blankes Geld zählt, daß es blitzt. Kein Mädchen will abends die Hühner da heraustreiben.

Joseph: Mutter, du warnst mich vor allem, und wenn wir uns auch vor allem in acht nehmen, es geht uns doch nicht gut.

Gisella: Du wirst ganz überklug bei deinem Lesen, wart nur, deine Brüder werden's schon an dir abstrafen, ich höre ihr Jagdhorn, sie bringen etwas für die Küche, sie jubeln.

Joseph: Ach, wäre ich auch dabei gewesen, da könnte ich mitjubeln!

Gisella: Bitte nicht darum, sie gehen nicht auf rechten Wegen, – aber die liebe Not!

(Norbert und Gangolph tragen singend ein Reh und legen es der Mutter zu Füßen.)

Norbert: Wenn der Baum kracht
In dem Nachtsturm,
Wacht der Leuchtwurm
Auf der Lustjagd.

Gangolph: Auf zur Freijagd
In das Grenzland,
Wem das Herz lacht
Nach dem Wildstand.

Norbert: Wir gaben nicht acht
Auf Bann und auf Acht.

Gangolph: Wir konnten nicht sehen,
Wohin wir da gehen,
Das Netz ward gestellt,
Kein Stern hat's erhellt,
Kein Hund hat gebellt,
Kein Bogen geschnellt.

Norbert: Da gab's kein Gehetz,
Da gab's kein Geschwätz.
Das Reh lief ins Netz,
Als wär's sein Gesetz.

Gangolph: Da schlugen wir's sacht
Und trugen's bedacht
Und warfen's ins Haus,
Nun teilet's zum Schmaus.

Norbert: Den Jägern zum Hohn
Ihr segnet den Lohn,
Zum Trotz und zum Spott
Behütet uns Gott.

Gisella: Gott sei gedankt, daß es so abgegangen, ihr seid warm, ich muß euch die Stirn trocknen. Das ist brav, lieben Kinder, ihr kommt zur rechten Zeit, wußte nicht, was ich euch heute kochen sollte.

Norbert: Wir wußten's, die Anneliese ließ uns keine Ruh', wir mußten auf die Jagd. Joseph, nimm dich doch in acht, das Reh schweißt noch.

Joseph: Das liebe Tier, wie weich sein Mund, wie klar seine Augen; wenn ich ihm den Atem wieder einhauchen könnte, wie wollte ich es füttern, es sollte mir nachlaufen wie ein Hund, es sollte bei mir schlafen.

Norbert: Da wäre noch ein unnützer Brotesser wie du im Hause. Was hast du heute getan, Junge? bist noch nicht einmal ordentlich angezogen.

Gisella: Schelte doch nicht immer und ewig mit ihm, du machst ihn am Ende ganz schüchtern gegen dich, und er ist dir doch so gut.

Norbert: Mutter, für den feinen Einschlag habe ich zu harten Aufzug, das gibt kein gut Gewebe. Was kümmern mich des Jungen Gedanken; aber fleißig soll er werden, denn wir haben's nötig.

Gangolph: Der Joseph luleit den ganzen Tag im Garten, bemalt die Mauern mit Eulen und Affen.

Joseph: Ei, Gangolph, wie kannst du so reden; die Gräfin, wie ich sie neulich mit dem Ritter Plesse lustwandeln sah, als ich im Dickicht an der Grenze die Vögel behorchte, die habe ich an der Gartenmauer abgemalt, ganz wie sie leibt und lebt, sonst habe ich den ganzen Tag geharkt und gelesen.

Gangolph: Du sollst geistlicher Herr werden, weil du so gern lesen willst. Aber, Mutter, das muß ich dir sagen, zwischen der Gräfin und dem Plesse ist's nicht richtig, es munkelt sich allerlei. Er ist gesund wie ein Fisch und läßt sich immer noch von der Gräfin pflegen, ohne an seine Kreuzfahrt zu denken; er hat ein Kreuz auf dem Mantel, den Schalk im Herzen.

Gisella: Von wem hast du das gehört?

Gangolph: Von Gottschalk; er ist ja der einzige von dem Gesindel drüben, der mit uns zu verkehren wagt und uns die Kunde bringt, wenn die Jäger drüben lieber schlafen als die Forst bewachen.

Norbert: Auch soll der Plesse schon in früher Zeit mit ihr verlobt gewesen sein, und alte Liebe rostet nicht.

Gangolph: Erben wir die Grafschaft gleich, wenn sie den heiratet?

Gisella: Freilich, und dann käme auch Frau Brigitte, die weiße Frau, zur Ruhe.

Norbert: Die Geschichte hast du mir noch nicht erzählt, ich glaube auch nicht an die Frau Brigitte, denn ich habe sie noch nicht gesehen.

Gisella: Nur Geduld. Eben der Herr Hug, von dem es heißt, daß er drüben umgeht, so wie seine Frau Brigitte die weiße Frau sein soll, die immer erscheint, wenn einer aus unsern Häusern stirbt –

Norbert: Laß sie nur kommen, will sie abweisen mit dem Jagdspieß, das alte Biest.

Gangolph: Du bringst die Mutter ganz ab von der Geschichte. Was verordnete Herr Hug?

Gisella: Aus Liebe zu seiner Frau Brigitte, die ihren jüngern Sohn viel mehr als ihren ältern Sohn liebte (Gott weiß, warum, die Leute sagen aber, aus bösem Grunde), teilte er die Äcker und Wälder so ungleich, daß der ältere Sohn, unser Ahnherr, darben mußte, während jener drüben schwelgte. Und wegen dieses Unrechts, woran wir noch leiden, haben jene beiden, Herr Hug und Brigitte, keine Ruhe im Grabe und sind verflucht, umherzuwandeln zu jedermanns Schrecken, bis beide Stämme der Gleichen sich wieder zu einem verbunden haben. Das ist auch meine Hoffnung für euch, ihr Kinder.

Gangolph: Hier darf keiner eine Hoffnung fassen, hier erfriert die Weinblüte alle Jahr, und die Kelter steht da zum Spektakel.

Norbert: Verdammt, daß so einem toten Mann der Wille gelassen wird und uns nicht, die wir tapfer leben und das Nest alle Tage erstürmen könnten.

Gangolph: Es ist zu merken an dem Unheil, daß es von einer Frau kommt, ein Mann hat doch zu viel Verstand zu solchen Einfällen, es ist immer die alte Geschichte mit der Eva.

Norbert: Eine Frau sollte in ihrer Spinnstube bleiben und nicht in der Gerichtsstube mitsprechen, eine Frau ist zu gar nichts gut, und meiner Stammutter zum Ärger will ich nicht heiraten, damit der ganze Plunder an fremde Leute fällt, die sie auslachen in der Ewigkeit. Was hilft mir die Grafschaft, wenn ich alt und stumpf bin, und habe meine Jugend verhungert und verkümmert. Begegnet mir nun einmal die Frau Stammutter, sie soll auf immer die Lust verlieren, aus ihrem alten Sargdeckel hervorzukriechen!

Joseph: Bruder Norbert, sprich ja nicht so; wenn sie nun da wäre und dich zur Rede setzte! – da bewegt sich so eine weiße Gestalt an der Türe.

Norbert: Der Teufel sei uns gnädig.

Gangolph: Ich habe nichts gegen die gnädige Frau gesprochen, ich weiß von nichts, es muß der Joseph gewesen sein.

Gisella: Mir wird so schwach, das wird wohl mein Tod sein, ach Gott, warum scheue ich mich zu sterben, und meine eigene Kinder achten mich doch nicht.

Joseph: Nein, Mutter, du mußt leben, oder ich sterbe mit dir, hier ist ohne dich kein Auskommen mehr.

(Frau Barbara Hartmann steht an der Tür.)

Barbara: Laßt mich nur los, ihr bösen Knaben; sehen sie drüben, daß ich hier vom Schloß komme, so gibt's nur üble Nachrede.

Norbert: Du bist es, altes Fegefeuer.

Gangolph: Die ist's, die alte Hexe Barbara, da hatten wir uns selbst eine Rute gebunden.

Norbert: Ich möchte die Alte wie einen Raubvogel ans Tor nageln, aber da besuchte uns gar niemand, es mag so keiner in unsre magre Küche blicken. Alte, was gibst du Lösegeld?

Barbara: Wenn ihr nicht so böse wäret, ich könnte euch reich machen.

Joseph: Mutter, beruhige dich, es ist die alte Hartmann von drüben.

Gisella: Wie kommt sie denn so früh hieher?

Gangolph: Sie ist gar nicht gern gekommen, sie trieb da drunten bei den Eichen ihr Hexenwesen und fiel in unser Jagdnetz, da nahmen wir sie mit und haben sie draußen im Hof vergessen. Ja, wenn man sich die ganze Nacht herumgetrieben hat, vergeht einem das Gedächtnis.

Norbert: Der Spaß ist uns recht versalzen, es lief mir eiskalt über den Rücken! – Nun gesteh, Alte, was du da unten triebst, oder ich werf dich ins Verließ zu Ottern und Schlangen.

Barbara: Dir sag ich's nicht, du störriger Krauskopf, aber der Mutter will ich's vertrauen.

Gisella: Mag nichts mit Eurem Hexenkram zu tun haben.

Norbert: Mir sollst du alles sagen, oder ich zwicke dich mit der glühenden Kohlenzange.

Gangolph: Sag's mir nur, wenn dir der zu wild ist. Was treibst du bei dem großen Steine?

Barbara: Nun ja, dir will ich's sagen, bist du auch nicht viel besser wie dein Bruder, das böse Blut tritt dir doch nicht gleich so ins Gesicht. Ich tat gar nichts Böses, ich sag's euch, ich hatte mir nur eine frische Wünschelrute geschnitten, um zu prüfen, ob der große Hausschatz, der Dreibrüderschatz, noch läge, oder ob er schon gehoben.

Gisella: Ich befehle Ihr, Sie schweigt und geht, will Sie uns mit ihrem aberwitzigen Zeuge den Kopf verrücken? wir wollen nichts von dem Schatze wissen.

Norbert: Mutter, so heftig habe ich dich nie gesehen, fährst ja gegen sie an wie eine Glucke, die ihre Küchlein führt.

Barbara: Ich schweige bis zum jüngsten Tage, wenn's die Gräfin, eure Frau Mutter, nicht dulden will, sie muß am besten wissen, ob die drei Söhne den Schatz heben können, das Blut vom Grafen Heinrich klebt noch an dem Steine. Freilich, es ist gefährlich.

Gisella: Geht nur, alte tückische Seele, Ihr könnt doch das Reden nicht lassen, ich muß Euch noch selbst zur Burg hinausführen. Ich sag dir, Norbert, halt sie nicht, bei meinem Fluche!

Barbara: Ich geh ja gerne, hätte Euch sonst noch viel erzählen können von unsrer Gräfin, was wir da für Not haben mit dem Ritter Plesse, da darf nur einer eine Türe hart zumachen, so wird er ausgescholten, sie bewahrt ihn wie ein rohes Ei.

Gisella: Geht, Alte, geht, und laßt Euch niemals wieder sehen.

Barbara: Gräfin, Gräfin, bei aller Demut, die ich gegen Euer Haus im Herzen trage, wenn Ihr mich so hinausweist, die ich viel früher schon darin gewesen, Euch wird's gereuen, daß ich Euch hier erschienen bin, als wäre ich die weiße Frau gewesen.

Gisella: Ich meine, daß Ihr's seid, so ernst und leuchtend blickt Ihr aus den weißen Tüchern, beim allmächtigen Gott, wie das Bild von Frau Brigitten auf dem Saale. Fort, fort, Ihr deutet Tod mir an! (Geht ab mit Barbara.)

Norbert: So zornig habe ich die Mutter noch nie gesehn, ich fürchtete mich vor ihr wie sonst, als ich noch ein Kind war. Und dann predigt sie mir Sanftmut!

Gangolph: Mit dem Schatz muß es eine eigne Bewandtnis haben; wie sie sagte, daß meine Mutter es wissen müsse, ob wir den Schatz heben dürften, da ward die Mutter so wild und angst wie beim Gewitter.

Norbert: Ich habe keine Ruhe, bis ich die Geschichte vom Schatz weiß, bei Gottschalk will ich mich aufs Kundschaften legen.

Joseph: Ich weiß alles, ich weiß alles.

Gangolph: Gelbschnabel, was wirst du wissen!

Norbert: Wie der Naseweis sich angewöhnt, mitzureden!

Joseph: Ich weiß alles aus meinem Buche, aber die Mutter hat's mir verboten zu sagen.

Gangolph: Der Junge ist am Ende mit seiner Leserei doch zu etwas gekommen, wie die blinde Henne zum Gerstenkorn. Sprich nur, Joseph, die Mutter ist nicht hier, und wir sagen's ihr nicht wieder.

Joseph: Ich hab's ihr in die Hand zugesagt, es keiner lebenden Seele zu sagen.

Norbert: Ich schlag dich tot, wenn du nicht sprichst.

Joseph: Ich sage kein Wort.

Gangolph: Ich schenke dir mein Eichhörnchen im Rade.

Norbert: Du schüttelst doch mit dem Kopfe?

Gangolph: Das Heil'genbildchen sollst du auch haben.

Joseph: Ich hab's der Mutter in ihre Hand versichert, es keiner lebenden Seele zu sagen, sonst sagte ich's gern, wenn du mir das Eichhörnchen und das Bild gibst und es mir nachher nicht wieder nimmst.

Gangolph: Keiner lebenden Seele sollst du's sagen, so erzähl es dem heiligen Georg dort.

Joseph: Der hat auch eine Seele, die sitzt halb im Himmel und halb sieht sie aus jenem Bilde hervor, o der weiß alles, der ist so gescheit.

Gangolph: Ei Narr, so erzähl's der Mauer, hab ich ja oft gefunden, wie du dich mit den Mauern unterhalten hast, wir hören nicht zu, wir wollen unser Reh ausweiden.

Joseph (wendet sich gegen die Mauer): Ich hab was Neues gelesen, du alte ehrliche Mauer, das habe ich dir noch nicht erzählt, du mußt es aber nicht wiedererzählen.

Gangolph: Die Mauer sagt kein Wort, hab noch nichts von ihr gehört.

Joseph (nimmt ein Buch und liest): Drunten im Tale da liegt ein Schatz unterm großen Steine, das ist der Dreibrüderschatz, den Graf Hug mit seinen beiden geistlichen Brüdern zusammenlegte aus der Beute im Wendenlande, fingerdicke goldne Armringe, silberne Schilder, Degenhefte, alles in einer kupfernen Braupfanne, die damals eben durchgebrannt war. Und weil es mit vielem Blutvergießen erworben war, so hatte der Teufel sein Recht daran, und sie wurden ihn dadurch los, daß sie das Geld eingruben. Und ging der Geldteufel die Bedingung ein, es solle so lange sein werden zum Spielen in der Erde, bis drei eheliche Söhne des Hauses, die alle dreie kein Geld hätten, den Stein vor Sonnenaufgang miteinander abhüben. Es war aber ungleich geteilt worden von Herrn Hug zwischen seinen beiden Söhnen, Weizen und Wein wuchs lustig auf den Feldern von Neugleichen, aber bei Altgleichen wurde es immer schlechter und fror alles ein, so daß schon die Enkel von Herrn Hug, die Grafen Jost, Heinrich und Hennig, in große Not gerieten. Da sie nun kein Geld hatten, gedachten sie des Schatzes an der Grenze, gingen in der Mainacht hin und riefen: Da sind wir drei eheliche Söhne des Hauses Altgleichen, haben kein Geld und wollen unsern Schatz heben; Geldteufel, zähl auf, und daß nur nichts fehlt! Da bullerte es in der Tiefe, der Stein schlug auf, und sie sahen die Braupfanne voll Gold, Silber und Edelgestein, und eine Schlange lag darauf, streckte den Kopf mit rotem Kamm in die Höhe und fragte: Seid ihr auch eurer drei eheliche Söhne? Da sahen sich Jost und Hennig zugleich um und sahen, daß Bruder Heinrich nicht bei ihnen, sie schimpften, daß er ein furchtsamer Hase sei, aber er war fort und blieb fort. Da brummte und zischte die Schlange: Kommt wieder, wenn ihr eurer drei seid, und der Stein klappte zu. Sie fluchten, aber es half nicht, sie suchten den Grafen Heinrich am Morgen, aber sie fanden ihn nicht, endlich sahen sie seinen Leichnam in den Ästen der Eiche über dem Steine hängen, und sein Blut klebte am Steine, die Leute aber sprachen: Wir wußten es wohl, der war ein Kaiserssohn aus dem Hoflager zu Goslar, der konnte den Schatz nicht heben. (Er macht das Buch zu.)

Norbert: Teufel, wir könnten so leicht reich werden, und die Mutter gönnt uns das nicht. Auf jeden Pfennig ist sie ersessen, und den Schatz läßt sie verschimmeln.

Joseph: Mein Eichhörnchen, Gangolph? Mein Heil'genbild?

Gangolph: Du sollst es haben, aber du mußt einmal nachts mit uns gehen nach dem Steine. Wir wollen den Schatz heben und der Mutter eine heimliche Freude machen, dann kann sie ruhig, sorgenlos leben.

Joseph: Sie würde aber so betrübt werden, wenn sie mich vermißte, sonst machte ich ihr gern die Freude.

Gangolph: Wenn wir ihr den Schatz hieher stellen am Morgen, ist alle Sorge vergessen, wer weiß, ob sie es merkt, du schleichst dich fort, wenn sie eingeschlafen ist. Hat sie sich nicht übers Reh gefreut? und gestern verbot sie uns, daß wir nicht drüben auf die Jagd gehen sollten.

Joseph: Es ist wohl wahr – auch habe ich geträumt, daß ich den ganzen Schatz erhöbe, aber ihr beide, nehmt euch in acht, ihr kommt dabei zu Schaden. – Die Mutter ruft draußen nach mir – ich komme gleich! (ab.)

Norbert: Wie boshaft der Joseph von uns träumt, das schenk ich ihm nicht.

Gangolph: Träume deuten das Gegenteil an. Hör, Norbert, wenn ich alles zusammenhalte, was die Leute, als wir noch klein waren, sagten, als Joseph so spät nachgeboren ward, er sei des Landgrafen Sohn, der hier eine Woche herbergte – warum ängstete sich die Mutter, wir möchten das Geheimnis vom Schatze erfahren? Das Gewissen, daß sie uns ein Unrecht getan.

Norbert: Die Tollader schwillt mir. Der Junge, den sie verhätschelt, der sollte ihre Liebe zu uns stehlen, ohne von unserm Stamm zu sein? Er gehört nicht zu uns beiden, es muß ihm jeder das ansehen, ich dulde ihn nicht, und wenn auch kein Schatz hier zu teilen wäre. Ich prüfe ihn am Stein, ob er ein echter Gleichen ist.

Gangolph: An dem Jungen ist nichts gelegen, aber die Mutter wird uns verfluchen, es ist ihr Augapfel.

Norbert: Wir sind im Recht, da schadet uns kein Fluch. Ist der Joseph echt, so ist der Schatz unser, nichts fehlt uns, wir können der reichen Gräfin drüben lachen. Ist Joseph unecht, war's unsre Schuld? Unsre Ehre fordert, daß wir kein falsches Blut in unserm Hause dulden, kein Halbgeschlecht kann mit Würde in dieser Höhe hausen, unsre Not, unsre Ehre mit Dauer ertragen,

Gangolph: Es mag wohl etwas Unrechtes hier geschehen sein, alle Not heckt hier tausendfältig, und das Glück stirbt uns ab wie die Fruchtbäume; wenn wir eine vergnügte Stunde haben, ist gewiß immer ein Unglück in der Nähe.

Norbert: Es ist was hier, das nicht ins Haus gehört, die Hausgeister quälen uns so lange, bis wir es hinausgeschafft. Am Stein, da prüfen wir das Gold unsers Adels. Es muß anders werden, oder ich entführe einmal die reiche Gräfin drüben. Gottschalk hat mir die Anstalten im Schloß genau erzählt. Da ist nichts in Ordnung, der Schloßvogt denkt nur ans Sparen, und das Geld verschwendet die Gräfin an die Pilger. Die guten, starken Reisigen müssen Schafe hüten. Einige von unsern entschlossenen Freijägern mit uns, und ..

Gangolph: Unser eignes Erbe, unser Haus feindlich anzufallen, das ist hart; da möchten die heimlichen Richter mit ihren Messern unsre Herzen kitzeln. Nein, Bruder, lieber mit allen Teufeln beim Schatz gerungen.

Norbert: Das versuch ich zuerst, wenn das aber nicht hilft, so ..

Gangolph: Nur auf den Joseph heute Achtung gegeben, daß er der Mutter nichts wiedererzählt! du hast ja gesehen, wie wenig seinem Versprechen zu trauen ist, er ist noch ganz Kind.

Norbert: Stirbt er, so ist er selig, denn er ist ein Kind.

Gangolph: Was gibt's wieder für neues Unglück draußen?

Norbert: Die Mutter zankt mit Pilgern, die zum heiligen Lande ziehen, sie sind nie zufrieden mit dem, was sie ihnen schenkt, und ich habe ihr schon lange anbefohlen, daß sie dem Gesindel gar nichts geben soll. Es tut doch nur heilig, um betteln und faulenzen zu können.

Gangolph: Wir wollen doch Frieden stiften. (Beide ab.)

3

Neugleichen. Ein Blumengarten zwischen dem Schlosse und der Wallmauer. In einer Wandvertiefung steht das steinerne Bild eines geharnischten Ritters. Vor einer Tür des Schlosses steht ein Tisch, worauf ein zierliches Kästchen und ein Gebetbuch zu sehen. Nicht fern der Türe ist ein Portal, durch welches Ritter Plesse mit Jagdspieß und Horn eintritt.

Plesse: Wohin verirr ich mich! Das tut Gewohnheit!

Zum Burgtor wollte ich hinaus mich schleichen,
Und geh den Seitenweg zum kleinen Garten,
Den ich ihr angelegt. Wie sie ihn pflegt,
Wie alles hier gedeiht durch ihre Hand!

(Er blickt aufmerksam auf einzelne Pflanzen.)

Gebetet hat sie hier, an dieser Stelle,
Wo ihre Kniee in den Sand gedrückt,
Dies Büchlein hielten ihre zarten Finger,
Die Lippen atmeten so fromm hinein,
Den tiefen Worten ging ihr Auge auf,
So ward das Wort Gedanke und auch Wille,
Der Garten feiert es in Demut stille,
Es hält der Morgenwind den Atem an
Und hat das Blatt des Büchleins nicht gewendet,
Das mit dem Rosenblatt bezeichnet ruht.
O dieses Büchlein wär' mein letzter Wunsch,
Vielleicht gewährt sie es dem schweren Abschied.
Ich hör den Schritt der Gräfin durch die Zimmer,
So geht kein andrer Fuß, so fest und leicht,
Jetzt still, mein Herz, du mußt dich ruhig stellen,
Nun sel'ge Schauder über dich hinwallen
Wie eine höhre, unsichtbare Flut.
Die Vögel singen alle ihr entgegen,
O sagt nicht wieder, was mich hier entzückt,
Und werd' ich rot, so ist's der Morgenglanz.

(Die Gräfin tritt aus ihren Zimmern heraus.)

Gräfin: Wie, treff ich Euch mit Jagdspieß und mit Horn
Bei dem Gebetbuch? Wollt Ihr beten für
Die Sünde, wie Ihr Euch vernichten wollt?
Vom Fieber kaum genesen, wollt Ihr Fieber
Im feuchten, kühlen Dunst des Waldes sammeln,
Wo nie ein Sonnenstrahl den Boden wärmt?

Plesse: Mir ist es gut, daß ich, der Ruh' entrissen,
Allmählich den Beschwerden mich gewöhne,
Der Müßiggang ziemt dem Genes'nen nicht.

Gräfin: Genesen meint Ihr Euch, und seid noch krank,
Ihr wacht so manche Nacht und seufzet viel,
Und müßig sah ich Euch noch nimmermehr,
Seit Kraft zurückgekehrt in Eure Arme.
Dies liebe Gärtchen dank ich Eurer Mühe,
Jetzt ist's mein liebster Aufenthalt am Morgen.

Plesse: Ihr dankt für solche kleine Müh' – und ich,
Wie soll ich schweigen bei so großer Mühe,
Die Ihr in treuer Pflege mir geschenkt,
Nur als ein Opfer pflanzte ich die Blumen,
Euch wollte ich des Jagens Beute opfern.

Gräfin: Mein Herz verlangt so blut'ge Opfer nicht,
Ihr kleidet ein als Dienst, was Euch vergnügt,
Seid heute noch vernünftig, laßt das Jagen,
Es läßt Euch gut im Jagdstaat, seid zufrieden,
Ihr gleicht dem Jäger auf dem Bilde droben,
Wie heißt der Mann?

Plesse: Adonis war sein Name,
Und sein Geschick war lieblich und doch schmerzlich,
Der Venus Kuß verschloß den Mund im Sterben,
Als er die Jagd geübt, die sie verboten.

Gräfin: Kein Heil ist bei der Jagd, Ihr könnt's da drüben
Bei unsern Vettern merken. Das sind Jäger,
Sie achten nicht der Freunde Grenzen, nicht
Die Schonungszeit, ihr Jagen ist Vertilgen.
Sie scheuen keine Mühe und kein Wachen,
Und sind doch arm, versäumen ihre Äcker,
Und wenn hier alles freudig blühend prangt,
So steigt das Unkraut drüben übers Korn;
Das treue Milchtier muß im Winter darben,
Das abgetriebne Roß nagt an der Krippe,
Die Wirtschaft sinkt mit jedem Jahre tiefer.

Plesse: Ihr kennt die Wirtschaft gründlich und auch klüglich,
Ihr solltet sie belehren, güt'ge Gräfin,
Es sind die nächsten Lehnsverwandten Euch,
Ich gründe die Bekanntschaft auf der Jagd,
Was gehn Euch an des Hauses Streitigkeiten,
Ich führe sie zu Euch an diesem Abend,
Und Ihr bleibt nicht vereinsamt, wenn ich scheide.

Gräfin: Vergeblich ist das Mühen guter Herzen,
Wo Haß und Neid schon seit Jahrhunderten
Wie Winterfrost den Stamm gespalten hat,
Wo jede Hälfte lebt ein eignes Leben
Und sich der anderen verschlossen hat.
Ich hab's versucht, ich ward dafür gestraft,
Sie wuchsen auf im Haß und in der Falschheit,
Und was sie nährte, können sie nicht missen,
Sie neideten um alles, was sie wünschten,
Und mochten nicht die kleinste Habe nehmen.
Sie säten böse Saat und Streit ins Haus,
Mein Ansehn suchten sie zu untergraben
Und milde Gaben nannten sie Verschwendung,
Um die sie zur Verantwortung mich zogen;
Um zu bestehen, machte ich mich los
Von dieser Bettlerschar, die mich verhöhnte.

Plesse: Ich fühle Euer Recht, doch tut mir's leid,
Die Krone der gesell'gen feinen Freuden,
Euch hier zu lassen ohne eine Seele,
Die Euren Reiz, die Euren Wert versteht.

Gräfin: Ihr sprecht vom Scheiden, eh ich's Euch erlaubte,
Der Arzt hat Rechte über seinen Kranken,
Wenn Ihr genesen, weiß ich ganz allein;
Ihr seid hier mein Gefangner, gebt die Waffen.

Plesse: Hier ist mein Jagdzeug, hier zu Euren Füßen,
Ich fühl in Dankbarkeit mich lang gefangen,
Vergelten möchte ich und muß noch fordern,
O könntet Ihr dies heil'ge Buch mir leihen?
Es wird mir Ruhe geben und Geduld!

Gräfin: Ihr könnt es doch nicht lesen, guter Plesse.

Plesse: So gebt mir Unterricht wie einem Kinde
Und laßt mich dann zum Lohn mit Euren Schätzen,
Die in dem kleinen Kästchen glänzen, spielen,
Die seltnen Sachen regen meine Neugier.

Gräfin: Gar mancher Schmuck aus meiner eitlen Zeit,
O laßt ihn ruhn, erst müßt Ihr lesen lernen.

Plesse: Dies Wort heißt Liebe; hab ich recht gelesen?

Gräfin: Gott ist die Liebe, stehet da geschrieben.

Plesse: So darf ich nun mit Eurem Schmucke spielen
Zum Lohn, daß ich dies schöne Wort entdeckte?

Gräfin: Genügt Euch nicht Gespräch mit mir wie sonst?

Plesse: O laßt mein Herz sich künstlich selbst zerstreuen,
In jener Zeit da durfte ich Euch hören.

Gräfin: So seht die schönen Kleinigkeiten an.
Dies Halsband gab zum Abschied mir der Graf.
Granaten sind die Steine, sind die einz'gen,
Die in der Trauer selbst getragen werden.

Plesse: So scharfe Ecken und so dunkles Blut,
Ihr legt's um Euren Hals, da läßt es schön
Und macht mich nachdenklich wie jenen Ritter,
Von dem Ihr gestern abend vorgelesen:
Die Tropfen Blut, die er im Schnee gesehn,
Er mußte weinen um die ferne Liebe.

Gräfin: So fern von Euch, so nahe geht Euch Liebe,
Daß Rührung Eure Stimme fast erstickt.

Plesse: So fern wie jene Sonne unsrer Tage,
So nahe wie die Glut, die sie entzündet,
Vergangenheit in engster Gegenwart,
So ist die Rührung, die mich heut durchdringt;
Zum Glück gibt mir dies Kreuz die Richtung wieder,
Das an dem Halsband hängt in schöner Mitte.

Gräfin: Wer liebte nicht in Ehrfurcht dieses Zeichen,
Das alle Welt zum innern Heil geführt?
Doch jenes äußre, das am Mantel klebt,
Das Ihr beschaut, als hättet Ihr's vergessen,
Das unsre Zeit zum Todesstrudel rollt,
Zum Morgenland, aus dem kein Wiederkehren,
Es schreckt mich wie ein drohender Komet,
Der schuld'ge Völker in unschuld'gen Menschen
Bestraft, – das hat den Grafen mir entrissen
Am Tag, der mich im Sterben ihm vermählt.
Mir war's, als würde ich dem Tod verbunden,
Und Tote schienen mir die Ritter alle,
Die mit ihm zogen zu dem Heer des Kaisers;
Und keiner kehrte heim aus jenem Grabe,
Die frisch und blühend mich umstanden,
Nur ich genas für diese Einsamkeit
Und trag die Jugend zögernd hier zu Grabe.

Plesse: Sie läßt sich nimmermehr von Euch begraben
Denn sie hat Euch durchlebt wie keine andre.
Ich seh Euch noch, leichtfüßig wie ein Reh,
Mit wildem Rosenkranz geschmückt, so sprangt
Ihr nieder von dem Schloß zur Gartenhecke
Und über Hecken, Beete, Gräben in den Wald,
Um grüne Zweige zu der Ehrenpforte
Mit eignen Händen eilig abzureißen.
Ich konnte Euch nicht nach in meinem Harnisch,
Der zum Turnier schon prüfend angelegt,
Ich ward von Brombeerranken fest umschlungen,
Ihr spranget ungehemmt zurück mit Büschen,
Und eilig schlangt Ihr sie um grüne Bogen.
So schwebet Ihr mir ewig deutlich vor,
Und fern ist nun, unendlich fern der Tag.

Gräfin: Ihr nanntet diesen Tag mir nicht bisher,
Bei allen Rosen! ja, es trägt der heut'ge
Dieselbe Zahl und ist doch nicht derselbe,
Zehn Jahre sind's – und damals war ich sechzehn
Und mehr geneigt zum Tanz als zum Gebetbuch.
Es war mein letzter froher Tanz. Mich traf,
Die Unbesonnene im Eigensinn,
Die Hand des Herren, wollte mich in Krankheit zähmen
Und warf mich nieder wie das wilde Roß,
Das durch die Wälder schweift und keinem nutzt,
Bis es dem Zügel folgt und Lasten zieht.
Und ein Gelübde tat ich für der Kranken Pflege
Und meiner Eltern Willen zu gehorchen,
Als ich von Schmerz und Schwachheit war gebeugt.

Plesse: So dank ich jenem Unglückstag mein Leben,
Das Eure milde Pflege mir erhalten.

Gräfin: Neunhundert Pilger hab ich schon verpflegt,
Wie Euch – doch waret Ihr der erste Freund,
An dem ich die gelobte Hilfe konnte üben.
O wüßtet Ihr, was dieses Kästchen birgt,
Ihr spieltet nicht mit seinen kleinen Schätzen;
Eröffnet nicht dies Täschlein von Korallen,
Nicht heut, – es ist das Grab der ersten Liebe.

Plesse: Zu spät – schon ist der Grabstein aufgesprungen,
Der Demant, der die goldne Feder hielt.
Was ist denn so Erstaunliches darin?
Das Armband hier mit zweien goldnen Händen,
Die ineinander greifend sich verbinden.

Gräfin: Ihr ändert Eure Farbe, fasset Euch.

Plesse: Mein Auge fühlt sich träumend festgehalten,
Was zweifle ich: die Flechten sind mein Haar,
Zwar dunkler ist, was jetzt die Stirn umschattet,
Dies glänzt noch heller von dem Jugendschein.
Sie sind's, die Ihr zerrissen und zerstreut!
Sagt, welche Nixe hob sie aus dem Strom,
In den Ihr sie an jenem Tag gestreut,
Als meine Eifersucht von Euch verlangte,
Mit Gleichen nicht zu tanzen, den die Eltern
Als Bräutigam mit Euch verbinden wollten;
O da erkannte ich, Ihr liebtet ihn.

Gräfin: Wer zweifelt noch, daß Seelen der Verstorbnen
Aus Grabestiefen können wiederkehren,
Um ein geliebt Geheimnis zu enthüllen,
Wenn so des Zufalls Geist Verschwiegnes öffnet;
Wie soll ich widerstehen seinem Drange!
Erkennt den Trotz von mir und Eure Wildheit:
Es war mein Haar, in gleicher Art gefaßt,
Das ich an jenem Tag Euch schenken wollte,
Als Zeichen eines nahen ew'gen Bunds,
Das ich dem Strom hinwarf, der uns umrauschte;
Das Eure trug mein Arm, bedeckt vom Mantel,
Ich wollte Eifersucht mit Eigensinn
Bekämpfen, Euer Stolz trat zwischen uns
Geharnischt.

Plesse: Ach, es fällt die Scheidewand;
Weh diesem blinden Stolz, der mich betörte,
Daß ich in Wut mich auf das Roß geworfen
Und bis in fremde Länder vor Euch floh;
An solchem Haar hängt überm Haupt das Schwert
Des Richters der Lebendigen und Toten.
Ihr Heiligen, ihr, denen ich mein Leben
So flehentlich empfohlen, ihr, um deren Haupt
Die hellen Strahlen hoher Weisheit schimmern,
O warum sandtet ihr nicht solchen Strahl
Der dunklen Stunde, die mein schuldlos Lieben
In eines Irrtums Sturm verschlang;
Ist meiner Leiden Ziel noch nicht erreicht?
Wo bin ich? gebt mir Rat, mir scheint, die Zeit
Hat still gestanden, und wir sind dieselben.

Gräfin: Und rücktet Ihr auch noch so nahe mir,
Zehn Jahre bauten eine Mauer zwischen uns.

Plesse: Unwiederbringliches hab ich versäumt!
O laßt mich träumen noch von jenem Tage,
Der uns so grausam voneinander riß,
Als ich mit Lautenklang zur Schiffahrt weckte.
Ich ruderte, Ihr sangt, ich legte nieder
Die Ruder, ganz in Eurem Reiz verloren,
Mit offnen Augen träumend, bis das Schiff
Vom Blütennetz der Wasserlilien fest
Umfangen in dem Lindenschatten ruhte;
Die Bienen summten in den tausend Blüten,
Du liebes Grün, du liebliches Verstummen,
Das Glück war noch, die Welt unendlich weit –
Hätt' uns der Wasserfall an diesem Tage
Ergriffen und verschlungen in dem Anschaun,
Wir wären reif der Himmelslust gewesen!

Gräfin: Ich floh aufs Land, nur weil ich schwach mich fühlte.

Plesse: Nein, dies Entzücken war kein leerer Traum!
Hat mich der Irrtum von Euch abgewendet,
So warf die Wahrheit mich an Eure Schwelle
Besinnungslos wie einen Strandenden
Zurück, und wenn in meinen Fieberträumen
Ich je von einer Frau gesprochen habe,
Ihr hättet Euch darin erkennen müssen,
Denn keiner naht' ich seit dem Schreckenstage.

Gräfin: Mir deuteten sich Eure Fieberreden
Auf eine höhre Liebe, nicht auf mich.

Plesse: Und keine Liebe hat Euch mir entrissen?

Gräfin: Die Antwort müßte ich Euch wohl verschweigen,
Wenn ich den Umfang meiner Pflicht erkenne!

Plesse: Für das Gefühl sind wir schon ausgeglichen,
Wir ahnen uns ganz schuldlos eins den andern,
Ach könnt' ich mich auch frei wie damals fühlen:
Wer zwang Euch, Gräfin, ihm die Hand zu reichen?

Gräfin: Der Gram um Eure Flucht brach meinen Willen,
Die Krankheit nahm mir jeden eignen Sinn,
Und meiner Eltern Wille zwang der Hartmann,
Des Grafen Dienstmann, der ihn auferzogen
Und ihn regierte mit gewohnter Macht.
Nur meines Ringes Zeichen war sein Wunsch,
Den sollte ich zum Trost dem Grafen geben,
Als ihn der Kaiser zu dem Kreuzzug lud,
Die Hochzeitstunde wählte er zum Abschied. –

(Nach einer Pause.)

Er hoffte heimzukehren in dem Jahre.
Der Tag, der uns den Kaiser hat geraubt,
War auch der letzte, wo er mir geschrieben,
Und wohl mag jenes Halsband mir sein Blut,
Das für das Kreuz vergossen, vorbedeuten.

Plesse: Ein grauenvoller Tod, der von dem Himmel
Ihn trennte, und ich muß den Mann bedauern,
Der meines Herzens Eigentum geraubt.

Gräfin: Sein Tod ist noch durch niemand mir verkündet.

Plesse: Ich sage Euch von allen Pflichten los.
In zehen Jahren ist ein Mann verschollen,
Und nur die Liebe schafft sich Ewigkeit.

Gräfin: Erschreckt mich nicht, wie Ihr so frevelnd sprecht,
Es hat ein fremder Geist Euch heut ergriffen,
Es brennt die Hand von Euren heißen Küssen.

Plesse: Es ist der Geist, den ich so lange bannte,
Gott Amor nennen ihn die Meistersänger,
Ich aber weiß, es ist der Strahl der Augen,
Der Lippen Hauch, der zu mir niederdringt.
Ich weiß es nun, Ihr übt Gewalt an mir,
Zu Euren Füßen liegen meine Waffen.

Gräfin: Nehmt sie zurück, ich laß Euch wieder frei,
Für Euch ist hier bei Blumen mehr Gefahr
Als in des Waldes feuchten, dunklen Schatten.
Zerstreut den Geist im weiten Jagdrevier,
Hier sind die Schranken Euch zu eng geworden,
Folgt lieber einem Hirsch durch dichte Äste
Als Eurem heftig angeregten Geist;
Ja, eine Krankheit droht Euch hier bei mir,
In der ich Euch nicht warten darf und heilen.

Plesse: O daß ich Euch noch immer höher ehre,
Je strenger Ihr mir jeden Wunsch versagt,
Ach wohl gefährlich war dies Wiedersehn!
Es kommt der Frühling oft der Erde wieder,
Eh eines Menschen Leben untergeht,
Doch einen Frühling nur hat Menschenleben,
Wo selbst der Himmel alles uns verzeiht,
Was freie Lust gesündigt in Begeistrung;
Ob er genossen ist, ob er verloren,
Das steht dann in der Hand des Menschenkinds,
Doch nimmer wird Vergütung ihm gewährt
Und nimmer wird vom Himmel abgezogen,
Was er dem Menschen hat zu viel verliehn,
Es ist da alles Gnade, nichts Verdienst!
Doch dieser Frühling läßt sich nicht bewahren,
Und wenn er wiederkehrt, so ist's nur Schein;
Die Liebe steigt aus ird'schen Blütentagen
Zum ew'gen Himmel reichbefruchtet auf,
Ihr nachzuschauen und ihr nachzudenken,
Ihr nachzuziehen endlich ist das Leben! –
Dasselbe kehrt auf Erden nimmer wieder,
Und meine Glut strebt zur Vergangenheit;
Darum beruhigt Euch und deutet gut,
Was ich in erster Überraschung sprach. (Ab.)

Gräfin: Ein gutes Wort, o wäre es mir wahr,
Vorüber ist ja unsre Frühlingsliebe.
Nein, nein, es war ein künstlich falsches Wort:
In dieser Ungeduld, ihm nachzusehn,
Lebt alte Zeit und jener alte Frühling.
Gern säh' ich ruhig nach der Spindel Faden,
Ich will nicht, muß zum Turm, ihm nachzublicken,
Bis er den Schritt zurücklenkt nach der Burg;
Weh mir, daß sterbend mich ein Schwur gebunden,
Ich lebte auf, das Herz es will nicht sterben. (Ab.)

4

(Alkair. Sklavenhütte und Garten neben dem Harem des Sultans von Egypten. Graf von Gleichen in Sklavenkleidung, eine Laute in Händen tragend.)

Gleichen: Ich möchte spielen, und ich mag nicht stimmen,
Durch diesen Mißton wag ich nicht zu dringen!
Ich hoff, die Saite zieht sich selbst zum Wohlklang.

(Er legt die Laute fort.)

Die Mittel sind's, die mich in allem lähmen,
Die mich mit aller Wirklichkeit entzweien,
Das macht mir andre Menschen überlegen
Und gibt mich in den Willen dieses Hartmann.
Weh jener Einsamkeit in meiner Jugend,
In der mich Hartmann ängstlich hat bewahrt,
Daß sich Neugleichens Stamm in mir erhalte!
Entfernt von jedem Widerstand des Lebens
Verschwelgte ich die Jugend in Gedanken.
Weh jener Kraft, die alles sich erschafft
Aus nichts und alles macht zu nichts!
Denn nichts kann ihr die Wirklichkeit gewähren
Und stört sie nur in der Beschaulichkeit.
Ach, diese Schwelgerei schien mir der Himmel,
Sie zieht mich immer wieder zu sich hin,
Wenn ich sie gänzlich mir bezwungen glaube,
Und nichts genügt mir auf der reichen Erde,
Als was in mir sich regt; es stellt sich endlich,
Als würd's verkörpert durch ein langes Denken:
Ich werd des selbstgeschaffnen Scheins nicht los!
O wer vergessen könnte alte Sehnsucht!
Ich möchte himmlisch meine Tage nennen,
Dem Wohlklang und der Liebe sind sie eigen;
Doch dieser Wohlklang will erhalten sein,
Und diese Liebe dringt zu ihrem Ziele,
Und wenn ich möcht' in Amras Arme sinken,
So drängt der Gräfin lieblich Bild sich ein
Und duldet nicht, daß ich die Holde küsse;
Sie nennet zarte Scheu, was mich bezwingt,
Und liebt mich um den Abscheu noch viel mehr.
Wie soll ich's nennen, was mich also foltert?
Ist es die Gräfin wirklich? will mich warnen?
Ich wag's, die Sündenlast auf Hartmann trauend
Mir auf den Nacken spielend hinzuwälzen.
Noch bin ich schuldlos, noch ist's nicht zu spät,
Ich sage Amra, daß ich bin vermählt.
Will sie mich dann nicht retten, wohl, ich bleibe:
O bliebe der Entschluß mir treu und sicher!

(Harmann tritt ein mit einem prachtvollen Bogen und Pfeilköcher.)

Hartmann: Den Bogen und die Pfeile hat sie mir
Verehrt, es mag wohl Gift dran sein, so besser;
Weh jedem, der uns auf der Flucht will halten:
Gold, Perlen, Edelsteine sind schon eingepackt,
Nie ist in Deutschland solch ein Schatz erschienen,
Nie solche Braut: es ist ein Feuerengel,
So funkelt sie mit ihren dunklen Augen.

Graf: Du bist mit allem fertig, guter Hartmann,
Ich nicht, mich quält der Himmel um dies Band,
Das ich mit frevelhafter Klugheit knüpfte.

Hartmann: Des Himmels Wille und der Klugheit Wirken
Besteht zusammen und beschränkt sich stets,
Bald gibt die Klugheit nach und bald der Himmel,
Und diesmal sind zum erstenmal sie einig.

Graf: Der Himmel gibt nicht nach und ist entzweit,
Verschwende nicht an mir die Überredung,
Dein Eifer treibt mich zu der größten Sünde.

Hartmann: Habt Ihr mich nicht getrieben, hierhin, dorthin,
Fast meilenweit auf meinen alten Füßen,
Um Eurer Flucht Gelegenheit zu schaffen?

Graf: Weh mir, daß ich zu spät das Gute denke.

Hartmann: Nein, Herr, in Euren Zweifeln liegt der Fehler.
Was Ihr hier wagt, könnt Ihr im Beichtstuhl sagen,
Es soll Euch da kein Vaterunser kosten;
Doch wenn Ihr meine Treu zum Narrn gehabt,
Ist das der Lohn für meine Treu um Euch:
Das kann kein Priester und kein Papst vergeben.

Graf: Ich möchte lohnen, was ich dir verdanke,
Du weißt zu gut, daß ich dein Herz erkenne;
Doch hör, du gabst mir selbst zur Frau die Gräfin,
Sie zwingt mein Herz, der Amra zu bekennen,
Daß ich ihr nicht nach christlichem Gesetz
Vermählt kann werden ungeteilt und ewig.

Hartmann: Ist's Ernst damit, so nehmt den Bogen, Graf,
Und schießt mich nieder aus Barmherzigkeit.
Allein mag ich nicht einziehn auf Neugleichen,
Auch mag ich nicht von Henkershand hier sterben.

Graf: Wie magst du das Entsetzlichste gleich denken?
Vielleicht geht sie doch mit, wenn sie gleich weiß,
Daß ich im Vaterlande schon vermählt,
Auch nach dem Christentum verlangt ihr Herz.

Hartmann: Nach Christentum nur, weil sie Euch allein
Besitzen will durch ein geweihtes Recht,
Euch zu verlieren, wär' ihr sichrer Tod.
Gönnt ihr das Leben, das Euch ganz gehört,
Wenn Eure Gräfin in der Zeit gestorben,
Vor zehen Jahren war sie krank zum Sterben.

Graf: Du rechnest auf so schlimme Möglichkeit.

Hartmann: Ich sah Euch sonst in Ritterscharen stechen,
Eh Ihr der Feinde Helme nachgezählt,
Ich rannte nach, wohin der Mut Euch führte.
Wie sollten wir, bei andrer Kühnheit Werk,
Hier ängstlich rechnen und des Glückes Stunde
So überhören? Gott, der Euch geschaffen,
Der schönen Heidin einzig zu gefallen,
Der will durch Liebe sie zur Taufe führen,
Laßt ihn nur sorgen, ihn und mich für Euch.

Graf: Wärst du mir immer nah, das schlüge nieder
Die Grillen, die so mancher Tugend nennt;
Hör, Freund, du weißt wohl nie von der Beklemmung,
Wenn sich der Zweifel fürs Gewissen ausgibt?

Hartmann: Ich war nie krank und stets bei festem Willen.

Graf: Hältst du's für möglich, daß der Mensch zwei Frauen
Zugleich und gleich inbrünstig lieben kann?

Hartmann: Hat doch der Mensch zwei Augen, sieht mit beiden,
Als wären beide eins; liebt beide gleich,
So könnte es bei Euch wohl möglich sein,
Daß Euch zwei Frauen sind von Gott bestimmt.

Graf: Ob geistliche Gerichte das erkennen?

Hartmann: Ich kenne Rom, die will ich schon bereden,
Und dann – wir haben Gold und Edelsteine.

Graf: Du meinst im Ernst, das könne möglich sein?
Du machst mich hell und heiter mit dem Worte,
Die Gräfin ist so gut, sie wird es einsehn,
Daß ich mein Leben dieser Amra danke,
Und Amra wird die frühre Pflicht erdulden.

Hartmann: So seid nun ruhig zur Entscheidungsstunde,
Die mit dem Untergang der Sonne naht.

Graf: Bei Gott, nicht die Gefahr bewegt mein Blut,
Sie gibt Zerstreuung meinen andren Sorgen,
Von Neuengleichen droht das Ungewitter,
Und heiter säh' ich gern die Burg der Väter.

Hartmann: Wer mag denn immer ruhig sein auf Erden!
Wär' längst gestorben, gäb's hier nichts zu tun.

Graf: Ich mag in jedem Tun gern ruhig sein!
Wär' alles nur vorüber dort auf Gleichen.
Der Einzug, die Erklärung, der Verein,
Das Ungewisse hat so eigne Schrecken
Und schwärzt den Glanz von allen ird'schen Tagen.
Hör, Alter, nun ich Egypten fliehen soll,
Da scheint es mir recht herrlich, die Stunden
Der Glut sie gehn in Schlaf so schnell vorüber,
Ein winterloses Jahr zählt noch einmal
So viele Tage, deren wir gedenken,
Mein Tagewerk war Lautenspiel und Sang,
Des Herrschers Trübsinn fand sich drin erheitert,
Nie lebte ich so sorgenlos dem Tage.

Hartmann: Und alle Tage habt Ihr, Herr, geklagt,
Wie Sehnsucht Euer treues Herz verzehre
Nach Vaterland und Eigentum und Frau,
Wie Wahnsinn schon in Eurem Hirn sich rege,
Daß Eure Jugend ruhmlos, tatenlos
Den Launen eines Heiden sei geopfert.

Graf: Hast recht, vielleicht nahm's mir schon den Verstand,
Denn ich vergesse, was mich schwer betrübte.
Wie viele Nächte habe ich verseufzt,
Wie viele Tage habe ich verflucht,
Wie manchen Augenblick mit mir gerungen,
Ob ich gewaltsam dieses Leben ende!
So war's, doch das Gefühl der Gegenwart
Behauptet stark sein Recht, es waren Nächte,
Die ich verweint, so milde, wie sie selten
Im hohen Sommer unser Land beglücken,
Halbdunkel nur und feuerhell bestirnt,
Wie Amra, wenn sie in den Saal getreten,
Wo sich der Sultan mit dem Hof entfernt,
Und ich im Winkel scheinbar eingeschlafen
Vom Hofgesinde listig mich vergessen ließ.
O käm' sie wieder jetzt, in dieser Glut
Möcht' ich ihr Dank für die Befreiung sagen.

(Amra erscheint an einem Fenster des Harems, läßt einen Sack von buntem seidnen Zeuge an einem Seile herunter und sich dann selbst daran herab.)

Hartmann: Herr, Herr, so mag denn Euer Will' geschehn, –
Die Mitgabe! – Daß sie sich an dem stein'gen Boden
Nur nicht zerstößt, Herr, fangt sie doch im Arm,
Sonst muß ich's selbst, ich alter Mann, noch tun.

Graf: In meinen Armen wirst du sicher landen.

Amra: Land, Land! und Amra weint, gib Kuß der Armen,
Die Amra zittert, doch ihr Herz, ist frisch,
Kann dir's nicht sagen in der fremden Zunge.

Graf: Du wagst so viel für mich, wie soll ich lohnen?
Wirst du auch finden, was du dir versprichst?
Ein armes Land mit langem, ernsten Winter.

Amra (Sie schlägt die Arme kreuzweis über die Brust):

In frommer Glut will Amra wilden Frost
Bezwingen, taufe sie, du frommer Christ,
Ein sel'ger Glaube ist's: ein Mann, ein Weib.

(Sie reicht dem Grafen die Hand.)

Die Amra wird dein Frau, lebt, stirbt mit dir,
An einem Tag ist alles, alles aus.

Graf (vor sich): Was? Meine Frau, da steht sie wieder nah
In dem Gedächtnis mir, als trennte sie
Mit freundlich mildem Lächeln mich von Amra,
Daß ich die liebe Hand nicht fassen kann.
(Laut.) O sel'ge Zeit, wenn ich ganz dein für immer.

Amra: Wär' Hartmann nur ein Priester deiner Lehre,
Von der er mir so vieles hat erzählt!
Hab Sprach' und Glauben so um dich gelernt,
Nicht wahr, du kannst jetzt Ambra schon verstehn?
Die Zung' ist ihr gelöst von lauter Liebe,
Sie spricht so sinnlos wie ein Star im Gitter,
Sie wird dich schon verstehn, sprich nur, mein Graf,
Und tu ihr schön, so wie sie dir getan.

Graf: O welche Angst, die Gräfin stellt sich vor
Und reißt das Halsband ab, das ich ihr schenkte,
Und wirft's mir zornig vor die Füße hin,
So zornig hab ich sie noch nie erblickt. (Zu Hartmann.)
Sag, Hartmann, siehst du nichts hier an der Mauer?

Hartmann: Ich seh den Schatten gar bedenklich an.

Graf: So ist's kein Trug, den ich mir selbst geschaffen?

Amra: Was ist euch, Freunde? Amra muß es wissen.

Hartmann:Der Mauer Schatten sagt mir deutlich an,
Seht, hier in diesen Stein schnitt ich den Streifen,
Daß bald die Sonne sinkt. Jetzt winkt die Zeit.

Amra: Prophet, Gott, Allah, Christus, alle helft,
Ach, Vater sei nicht böse, laß dich trösten,
Seit Herz nicht mein, sind sein auch die Gedanken,
Hand, Fuß ist alles sein und folget ihm,
Und Amra weiß von nichts und weint so sehr.

Graf: Ich trag die Schuld, mich soll die Rache treffen,
Du neugeschaffnes Kind im Paradies
Sollst sorgenlos, solang es uns verstattet,
Hinwandeln auf der Liebe sel'gen Bahn;
Beschwör den Gram mit deinem schönen Weinen,
O könntest du die Geister auch beschwören!

Amra: Versteh dich nicht, geht immer so mit dir,
Und doch ist alles lieb, was du mir sagst.

Hartmann: Und doch ist jetzt ein jedes Wort zu viel,
Hier sind die Kleider, Herr, die Euch verstecken.

Amra: Das wird dir gut stehn, dieses Herrekleid,
Hab ich dich gleich im Sklavenkleid verehrt.

(Der Graf zieht das Kleid eines vornehmen Egypters an.)

So setz den Bund hier tiefer in die Stirn,
So schön ist keiner, werden dich erkennen.
Mach Sonnenfinsternis im Angesicht,
Mit dieser Farbe wird dich Amra bräunen,
Wie schade ist's um deine liebe Farbe.
Nimm Säbel um, wenn Vater hinter uns!

(Sie kniet nieder und streckt den Kopf vor.)

Hau Kopf ab deiner Amra, laß sie liegen,
Und eile fort, er weilet dann bei Amra.

Graf (vor sich): Es mag ein Gleichnis sein, doch ist es wahr,
Nur ihr Verderben konnte mich erretten.
(Laut.) Laß dich von böser Ahndung nicht bestricken.

Amra: Die Amra ahndet lauter Seligkeit.

Hartmann: Es pfeift ganz leise, dreimal – unser Schiffer!

Amra (küßt die Erde): Leb wohl, nicht wiedersehn, sonst haß ich
dich. (Sie lacht.)

(Hartmann führt Amra voran.)

Graf: O könnt' ich hier der Gräfin Bild festbannen,
Wie ruhig würd' ich durch die Wogen schwanken! (Ab.)

5

(Neugleichen. Ein Saal voll Rüstungen in Mondscheinbeleuchtung. Ritter Plesse tritt leise ein und geht an ein Fenster. Ihm nach schleicht eine weiße Gestalt durch den Saal und verschwindet hinter den aufgestellten Rüstungen.)

Plesse: Mondenschein
Schläfert ein,
Wenn er an dem Harnisch blinkt
Und den Tau vom Stahle trinkt.

Mondenschein
Glänzt wie Wein,
Hält die Augen freudenwach,
Scheinet er auf Liebchens Dach.

Vielleicht zum letztenmal seh ich den Mond
Dies liebe Dach und seinen Turm beglänzen!
Frau Barbara wollt' gar nicht von ihr weichen,
Ich konnte kein vertraulich Wort ihr sagen,
Hier will sie mich anhören. Wär's vorüber!
Kein Licht am Fenster, alles Ruhe hier,
Die Nachtigallen sangen sich schon müde.
War das nicht ihre Tür? Es war ein Fenster,
Das sich im milden Luftzug leise schloß.
Es brennt mein Mund, es pocht mein Herz so heftig,
O hätt' ich einen Trunk aus jenem Brunnen,
Der plätschernd überfließt im engen Hof
Und jeden Morgen ihren Becher füllt!
Doch leichter, als den rechten Weg zu finden,
Ist das Verirren in dem wunderlichen Hause,
In den bedeckten Gängen, die auf Bögen
Mit solcher Willkür auf- und niedersteigen
Und kreuz und quer Getrenntes kühn verbinden,
Als hätte sie der Stammherr sich erbaut
Für künft'ge Geisterstund', um ungehindert
Mit alter Lieb' im Schloß herumzuschleichen.
Geharnischt soll er gehn, sagt Barbara,
Und mancher sieht ihn nicht, er geht vorüber
So wie ein Lufthauch, wie ein Leichenduft
Im Dunkel dieser vielgewundnen Treppen.
Wenn so ein Geist noch teilnimmt an dem Weltlauf,
Sollt' ihn die Macht, die mit dem Ew'gen kämpft,
Wo sie nicht selbst das Ew'ge ist, die Liebe,
Nicht auch in seines ird'schen Lebens Nachlauf
Ergreifen? Konnt' er jahrelang hier wandern
Und gar nicht fühlen, was mich tief entzückt?
Da mag er trauern um den toten Leib,
Da mag er trauern, daß sein irdisch Wallen,
Daß seine Nähe nur erschrecken kann.
Du armer Hugo, bist noch schmerzlicher
Als ich von ihr getrennt, und liebst sie doch vielleicht
Wie ich! – Beim heiligen Georg, ein Harnisch
Tritt ein, jetzt halt dich fest, mein liebend Herz,
Und laß die Haare grausend sich erheben!

(Die Gräfin tritt geharnischt ein.)

Still naht er mir! Es ist mein eigner Panzer,
Es ist mein Helm, ich seh das heil'ge Kreuz,
Ich selber bin's, der sich in Glückes Ahndung
Mit schmerzlichem Gelübd' entgegentritt.
Fort, spiegelnd Bild, ich habe dich verstanden!

Gräfin: Ihr weist mich fort, Ihr wendet Euch von mir,
Nachdem Ihr mich so ernstlich habt beschieden:
Seid Ihr noch stets im Widerspruch mit Euch?

Plesse: Ihr seid es, edle Gräfin! – welche Wärme
Umfängt mich nach dem Eis wie milder Frühling,
Ich war entsetzt vor der, die mich entzückt.
Die Kindermärchen üben altes Recht,
Ich glaubte in dem Harnisch zu erblicken
Des Stammherrn Geist, den eignen Geist, was weiß ich,
Es ist vergessen und ich bin so selig.

Gräfin: Ihr drangt so ernst auf eine Unterredung,
Ihr schient verwildert in des Waldes Wildnis,
Ich mußte mich wohl waffnen gegen Euch.

Plesse: Ihr könnet mich noch immer mißverstehen?

Gräfin: Ihr wollt die Vorsicht immer nicht erkennen.
Nein, Ritter, nur um jene Vettern drüben,
Die hier mit meinen Leuten im Verständnis
Das Unbedeutendste mir übel deuten,
Nur ihretwegen zog ich an dies Eisen,
Das ich in kranken Tagen Euch genommen,
Und spielte heut des Hauses ernsten Geist,
Vor dem sich alle in die Betten drücken,
An deren Tür der Harnisch wandernd klirrt;
Durch diese List sind wir hier unbelauscht.
Was drängt Euch, Herr? Bekennt mir, was Entscheidung
Von diesem unruhvollen Tage fordert.

Plesse: (öffnet ein Fenster und rückt zwei Stühle zusammen)
Der keusche Mond sei meiner Rede Zeuge,
Ich sah zu ihm, als der Entschluß gereift,
Die Zweifel meines Daseins heut zu lösen.
Ihr selber gabt mir heut mein Jagdgewehr,
Ihr selber warntet mich vor Eurer Nähe;
Es ist auch Schuld, zum Bösen sich zu sehnen,
Dem Unerlaubten die Gedanken schenken,
Und seit Ihr heut gestanden, was ich Euch
Gewesen, ach, da hemmt mich kein Gebot,
Mein ganz natürlich Recht scheint mir verletzt,
Auch scheint nur nicht unmöglich, was ich wünsche.

Gräfin: Ich bin vermählt, sagt Euch das nicht genug?

Plesse: Mir scheint dies Band, im Arm des Tods geschlossen
Für eine Stunde und getrennt seit Jahren,
Die Ihr verlort in Hoffnung seiner Rückkehr,
Leicht auflöslich vor geistlichem Gericht
Und längst getilgt in dem Gewissensbuche.
Gibt's solche Wiederkehr zum alten Glück,
So laßt des Zufalls Willkür uns vermeiden,
Laßt festen Schritts uns zur Entscheidung wenden,
Befragt das geistliche Gericht, ich eile
Zum Morgenland und streite für den Ausgang
Und eile heim, wenn ich das Grab geküßt.

Gräfin: Ich sollte wohl erschrecken, zum Besinnen
Mir Zeit erbitten nach der Frauen Sitte,
Doch unser Schicksal ist so außerordentlich!
Wohlan, ich sage frei, daß ich schon oft
Bei stiller Flamme an dem Webstuhl sitzend
Im Herzen heimlich mir die Zeiten dachte,
Die ich in Eurer Nähe könnte leben.
Es ahndet vieles sich, noch eh's gesprochen,
Und alle Wünsche stammen aus zwei Herzen.

Plesse: Es lebt ein Wille in der ganzen Welt
Und gleichet aus, was Unwill hat zerstört,
So darf ich alles, alles wieder hoffen
Und bin des Glückes noch so ungewohnt.

(Er läßt sich auf ein Knie vor ihr nieder.)

Gräfin: Ihr hofft zu viel, Ihr höret mich nicht aus,
Noch ist die Hand nicht Euer, die Ihr suchet.

Plesse: Das eine bleibt mir doch, was ich gehört,
Und alles andre weiß ich zu erdulden.

(Eine weiße Gestalt drängt sich ans dem Hintergrunde hervor, während er ihre Hand küßt.)

Gräfin: Euch bleibt die Hand, mein Herz ist Euch gewiß,
Wenn mir des Grafen Tod beglaubigt ist.
Doch zehen Jahre hab ich durch die Treue
Der Nachbarn diese Grafschaft mir bewahrt
Und den Ertrag den Pilgern ausgespendet
Und gegen Altengleichen mich behauptet,
Weil ich des Grafen Tod als unerwiesen
Geleugnet, dem Gericht in treuer Wahrheit
Geschworen habe, daß mir keine Kunde
Von seinem Sterben überkommen wäre.
Verletzt wär' meine Ehre, mein Gewissen,
Und wagte keiner es zu rügen, ich,
Ich selbst erschien' mir als Betrügerin,
Wenn ich nun sagte ohne andre Nachricht:
»Jetzt ist er tot, denn ich will mich vermählen;
Ungültig unbeendet ist die Ehe,
Um die ich hier als Gräfin ward geehrt,
Weil ich ein andres Eheband will knüpfen;
Und listig war die Sorge für die Pilger,
Um einen schönen Freier zu gewinnen;
Ihr waret auch nicht krank, ich pflegte Euch,
Um unsrer Lust Gelegenheit zu schaffen.«
Ist meine Ehre und mein Ruf Euch wert? –
O ratet mir, wie soll ich mich entscheiden.

Plesse (steht auf, die Gestalt verschwindet hinter Rüstungen):
Ihr habt mit einer Klarheit Euch entschieden,
Die meinen Weg zugleich mir deutlich zeigt,
Ein Glanz der Hoffnung bleibt nun treulich mein
Und leitet durch sein Leuchten wie ein Stern.
Verdienen muß ich, was unschätzbar ist! –

Gräfin: Was meinet Ihr? – kaum kann ich Euch verstehn.

Plesse: Ich selber will der treue Bote sein,
Der Euren Grafen sucht im Morgenland,
Und mein Gelübde sei zugleich erfüllt;
Und habe ich die heil'ge Stadt gesehn
Und bringe ihn Euch lebend nicht zurück,
So bringe ich Euch Auskunft über ihn,
Das schwör ich Euch, sonst kehr ich nimmer wieder.

Gräfin: Du Herrlicher, aus zagendem Mißtrauen
In eigne Festigkeit erhebt mich dein
Entschluß mit stolzem Flügelschlag, wie Flammen,
Die stets empor zu ihrem Ursprung wallen.
Erst jetzt werd ich des höhern Feuers froh,
Das mich seit früher Zeit in deiner Nähe
Erwärmte, nein, nicht wesenlos wie Traum
Und irdisch nicht wie der Geschlechter Zwang,
Doch irdisch wirklich und auch himmlisch wahr,
So fühl ich Ätherström' im Blute jagen
Und seliges Vertraun zu deinem Herzen;
Ja, dir vertrau ich, dir vertrau ich ganz,
Was in dem frischen Tau der Stunde keimt.

Plesse: Du stehst noch an, dies Liebste zu vertrauen,
Und legst die Hand bedächtig vor die Augen?

Gräfin: Ich suche Ruhe, um ganz allgemein,
Als ob die Frage uns ganz ferne läge,
Euch vorzutragen dieser Stunde Einfall. –
Ist's einer Frau vergönnt nach strenger Sitte,
Wenn sie des Mannes zehen Jahr geharrt.
Wenn sie vergebens Boten hat gesendet,
Selbst auszuziehn mit einem treuen Freund,
Ihn aufzusuchen, ob sie ihn erlöse
Aus der Gefangenschaft, worin vielleicht
Der Arme während dieser Jahre schmachtet?
Darf sie die Übung, die des Vaters Laune
Und eigne jugendliche Kühnheit ihr verliehn,
Darf sie die Waffenübung ernstlich brauchen,
Als Ritter mit den Rittern sich verbinden,
Ins Land der Heidenvölker einzudringen,
Die ihr im Frauenkleid verschlossen sind?

Plesse: Gott, führe mich nicht in Versuchung heut!
Welch freundliches Geschick, mit Eurer Nähe
Den öden Sand des Orients zu beleben,
Das heilige Gelübd' an Eurer Seite
Vollenden, Euch begleiten als ein Marschall,
Als Führer Eurer tapfern Dienerschaft!
Nichts könnte da die Ritterwelt verdammen,
Wenn ich als Diener, nicht als Freund Euch folgte,
Sie würde achten diesen seltnen Dienst,
Drum gebt mir heute Eurer Farbe Zeichen,
Und was mich drängte, fühl ich ausgedeutet.

Gräfin: Nehmt hin die Farben meines alten Wappens
In diesem Band um Euren edlen Nacken,
Ihr beuget Euch vor mir aus freiem Willen,
Bald beug ich mich vielleicht vor Euch, mein Marschall.

(Die Gestalt erscheint wieder.)

Plesse: Und welches Handgeld gebt Ihr mir dazu?

Gräfin: Ein ernstes Werk bedarf des ernsten Anfangs,
Es blicken zu uns her die Himmelslichter,
Und auch des Hauses Geist blickt zu uns her:
Ich bitt Euch, Ritter, was erscheint Euch dort?

(Die Gestalt verschwindet hinter den Rüstungen.)

Plesse: Nichts schaue ich, dieweil ich nichts mehr scheue,
Wir sind hinaus weit übers Geisterreich
Im Bunde dieser ernsten Nacht geschritten;
Wohin Ihr deutet, seh ich eine Rüstung,
Die mir wohl passend scheint, wir tauschen heut
Nach Freundesart die Rüstung miteinander.

Gräfin: Und eben diese Rüstung, die Ihr wünscht,
Ist jenes Stammherrn Kleid, der oft erscheint,
Er mag Euch schützen in dem Eisenkleid;
Nehmt diese Rüstung morgen vor den Leuten,
Fast möcht' ich heute sagen, denn bald tagt's
Und blässer sinkt das Mondenschiff zur Bläue.

Plesse: O welche Nacht!

Gräfin: Sie hat mich ganz verwandelt,
Die Zukunft geht mir wieder tätig auf,
Vor der ich viele Jahre still und lächelnd
So wie ein Kind vorm ersten Winterschnee
Gestanden.

Plesse: Nie durchwachten Liebende
So schuldlos eine warme Frühlingsnacht;
Erfüllen darf ich mein Gelübde jetzt
Im Dienst der allerfrömmsten Frau auf Erden.

Gräfin: Still, lobt mich nicht, dort schallt ein heilig Lied
Von Pilgern, die im Schlosse übernachtet;
Die Demut ist des Menschen reinstes Dasein,
Und betend nur dringt er zur eignen Tiefe.

Ein Pilger draußen: Sei begrüßt im Mondenschiff,
Reine Mutter unsres Herrn,
Wer für ihn das Schwert ergriff,
Schauet in den Glanz so gern,
Und er scheinet sich zu nahen,
Wenn ihn fromme Augen sahen.

Ein andrer Pilger: O, wie würde ihre Nähe
Alle andre Liebe stillen,
Ach, daß ich sie einmal sähe,
Um mein Herz ganz zu erfüllen.

Ein dritter Pilger: Mond und Sterne schon verschweben,
Laßt zur Ferne uns erheben,
Durch den nächt'gen Tau hinschreiten,
Wo andächt'ge Völker streiten.

Viele Pilger: Morgen leuchtet, Tau befeuchtet,
Lerchen singend sich erschwingen!
Der uns führet und erfüllet,
Herzen rühret, Schmerzen stillet,
Ruft den einen, ruft den andern,
Daß sie weinen, daß sie wandern.

Andre Pilger: Ja, sie kommen, nah und fern,
Die vernommen ihn, den Herrn,
Seinen Willen ganz im stillen
Zu erfüllen,
Und erschrecken, daß so viele
Sind erweckt zu gleichem Ziele;
Und es mehren, ihn zu ehren,
Sich die Scharen jetzt im Klaren.

Alle Pilger: Jeder Weg aus Ost und Westen
Führt zum Segenstrost die Besten,
Völkerstimmen, die geschieden,
Hier verschwimmen in dem Frieden.
Heilig schallt sein Wort in allen,
Gott's Gewalt im sel'gen Wallen.

Zweiter Pilger: Der uns führet und erfüllet,
Herzen rühret, Schmerzen stillet –
Herr der Wahrheit, die entzücket,
Deine Klarheit uns entrücket,
Dort wo Sonne aufgegangen,
Glaubenswonne zu empfangen;
All den Deinen aus dem Grab
Reichst du einen Wanderstab.

Alle Pilger: Sei begrüßt im Morgenschein,
Der du aus der Nacht empor
Strahlest in den Wald hinein,
Weglos standen wir davor.
Jede Milde ist dein Zeichen
Und das Zeichen wird zum Wesen,
Ja, du bist in Neuengleichen
In der Mild' uns nah gewesen.

Zweiter Pilger: Segne dieses Schlosses Frau,
Führe ihr zurück den Herrn
In das Schloß auf grüner Au,
Das den Pilger pflegt so gern.

Dritter Pilger: Sie verspricht ein hohes Glück
Jedem, der ihn bringt zurück.

Vierter Pilger: Altengleichen bietet viel,
Wer die sichre Kunde brächt',
Daß der Graf im Kreuzzug fiel,
Denn da erbet ihr Geschlecht.

Dritter Pilger: Nein, die Kargen sind nicht wert,
Daß sie trifft ein solch Geschick,
Nein, der Gräfin sei's beschert,
Daß der Graf bald kehrt zurück!

Plesse: Die guten Seelen alle lieben Euch.

Gräfin: Geht, eilet, Marschall, haltet sie zurück,
Nie finden wir ein treueres Geleit,
Und bittet sie, daß sie nur wenig Stunden
Mir schenken zu der Reise Vorbereitung.

Plesse: Es fügt sich alles wie durch höhern Willen,
Was diese Stunde hat erweckt im stillen.

(Eilt fort, die Gräfin nach einer andern Seite.)
(Die weiße Gestalt tritt aus den Rüstungen hervor und erhebt den Schleier, es ist Barbara.)

Barbara: Wie ist der Tugendspiegel angelaufen,
Wie lange mußte ich vergebens lauern!
Nun soll sie mir nicht mehr befehlen dürfen:
Jetzt tu ich, was ich will, denn sie ist mein!
Ach hätt' ich nur verstanden, was sie sagten,
Doch als ich näher trat, kam mir ein Grauen,
Als ob die Glieder voneinander bebten;
Was brauch ich mehr? – sie war hier nachts verkleidet,
Der Ritter hat gekniet zu ihren Füßen,
Wer weiß, wohin sie sich bestellet haben,
Ich schleiche ihnen nach, bald seh ich mehr!

(Die Rüstung Hugos stürzt bei ihr nieder.)

Ach, Was ist das?

(Sie sinkt ohnmächtig nieder hinter den Rüstungen, so daß sie dem Auge verschwindet.)
(Marschmusik und freudiger Anruf der Pilger draußen.)

Zweiter Pilger: Alle weihen sich der Treuen,
Alle warten hier der Zarten,
Bis zur Reise sie bereitet
Mild und weise vor uns schreitet:
Sie soll leiten, und wir streiten,
Ja, wir dienen ihr, der Kühnen.

Viele Pilger: Der uns führet und belebet,
Sie berühret und erhebet,
Unsre Scharen sie bewahren
Diese Fromme, die in Treuen
Ist gekommen, zu befreien
Ihren Herrn von Sklavenketten.
Ja, der Herr wird ihn erretten
Und erweckt den schwachen Arm
Und erschreckt den Heidenschwarm,
Gibt den Segen frommen Degen,
Wird vereinen all die Seinen.

(Der Marsch nähert sich, die Gräfin tritt voran mit Plesse, ihr folgen die Pilger mit ihren Fahnen.)

Gräfin (zu Plesse): Die Rüstung scheint für Euch herabgenommen,
Hier nehmt sie, Marschall, an aus meinen Händen,
Sie ist ein Heiligtum in unserm Hause,
Und nur im heil'gen Streite für dies Haus,
Für ihn, der des Geschlechtes letzter Sprosse,
Dürft Ihr sie tragen und des Stammherrn Segen,
Den er in letzter Stunde ihr gegeben.

(Plesse verneigt sich schweigend, nimmt die Rüstung auf und trägt sie im Zuge fort, an den sich viele Bewohner der Burg mit Zeichen der Bewunderung und gefaltenen Händen anschließen.

Pilger: Der uns führet und regieret,
Herzen rühret, Flammen schüret,
Wie ein Brand durch Zug sich mehret,
Alles Land zum Zug sich kehret,
Wo wir ziehen unter Mühen,
Alle glühen mitzuziehen,
Und die Häuser bleiben leer,
Zieht des Kaisers Kreuzesheer.

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