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Die Gespräche des göttlichen Pietro Aretino

Pietro Aretino: Die Gespräche des göttlichen Pietro Aretino - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPietro Aretino
titleDie Gespräche des göttlichen Pietro Aretino
booktitleRagionamenti
translatorHeinrich Conrad
isbn3-7351-0075-9
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
year1903
senderhille@abc.de
created20040620
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Zweiter Teil

Dem liebenswürdigen und hochgeehrten Herrn Bernardo Valdaura, königlichem Muster der Vornehmheit, Pietro Aretino

Ganz gewiß, wenn mein Geist, der fast immer bei Euch weilt, mich nicht an Euch erinnerte, so wäre ich schlimmer dran als die Laster, die von dem Haß meiner freimütigen Natur, womit mich die Sterne begabt, auf frischer Tat ertappt sind. Da ich große Verpflichtungen gegen einen ganzen Schwarm von Halbgöttern habe, so wußte ich nicht, wem von ihnen ich dieses Geschichtenbuch widmen sollte, das ich hiermit Euch widme. Wenn ich's dem König von Frankreich darbrächte, so beleidigte ich damit den römischen König; böte ich's Cäsars großem Schwiegersohne an, dem Großherzog von Florenz, dem leuchtenden Muster von Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit, so erzeigte ich mich undankbar gegen die erhabene Güte Ferraras. Widmete ich's dem großen Antonio de Leva, was würde da die hochherzige Durchlaucht von Mantua von mir sagen, und der hochgeehrte Marchese del Vasto? Brächte ich es dem wackeren Fürsten von Salerno dar, so mißfiele das meinem treuen Gönner, dem Grafen Massimiano Stampa. Überschriebe ich's mit dem Namen des Don Lopez Soria, wie sollte ich dann die Stirn haben, dem Grafen Guido Rangone und seinem Schwäher, dem Herrn Luigi Gonzaga, gegenüberzutreten, dessen Vortrefflichkeiten den Waffen und den Wissenschaften ebensosehr zur Ehre gereichen wie die Waffen und die Wissenschaften ihm! Wenn ich's dem Lothringer überreichte, was würden dazu Seine Gnaden von Trient sagen? Welche Genugtuung könnte ich dem Herrn Claudio Rangone geben, dieser Leuchte des Ruhms, wenn ich mein Buch dem Herrn Livio Liviano zu Füßen legte oder dem großherzigen Ritter von Legge? Wie handelte ich gegen den trefflichen Herrn Diomede Caraffa und meinen S. Giambattista Castaldo, dessen Freundlichkeit ich soviel verdanke, wenn ich das Buch mit dem Namen eines anderen schmückte? Aber da seid Ihr mir in den Sinn gekommen, und das ist der Grund, warum ich Euch diesen Band der Gespräche darbringe. Eure Vorzüge haben es wohl verdient, denn sie leuchten an Euch, wie an allen meinen Wohltätern ihre Vorzüge leuchten. Und hätte ich an Euch gedacht, als ich die drei Tagesgespräche der Capricci meinem Affen dedizierte, weil er alle Eigenschaften der großen Herren besäße – die ich wegen ihres Geizes hasse –, so wären sie vielleicht unter dem Schutz Eures Namens auf dem Kampfplatz erschienen; denn Ihr allein besitzet jene Eigenschaften, die die großen Männer zieren, welche ich wegen ihrer Tugenden anbete. Ihr seid ein Kaufmann im Erwerben, ein König im Ausgeben, sonst wäret Ihr nicht durch Bande des Blutes wie des Herzens mit dem ebenso hochherzigen wie unglücklichen Marco di Nicolo verbunden. Und mögen alle Monarchen der Welt sich schämen! – Ich spreche nicht von dem weisen und tapferen Herzog Francescomaria, vor dessen Verdiensten ich mich morgens und abends verneige, sondern von jenen, die die Lobschriften, die man ihnen darzubringen pflegt, und die Bücher, die mit ihrem Namen gedruckt werden, nicht nur einem gewöhnlichen Edelmann, sondern sogar einem Affen überlassen. Einen Ehrenplatz verdiente in Giovios Chroniken die Handlungsweise des Molza und des Tolomen, die eine ihrer Komödien vor allen Lakaien und Stallknechten der Medici (glorreichen Angedenkens) spielen ließen, während das ganze vornehme Pack draußen stehen mußte.

Ich will's Euch sagen: Als Homer seinen Odysseus schuf, da schminkte er ihm nicht eine Menge von Wissenschaften an, sondern er schilderte in ihm einen Mann, der das Getriebe der Menschen kennt. Darum bemühe auch ich mich, die Charaktere mit jener Lebhaftigkeit zu schildern, womit der wunderbare Tizian dieses und jenes Antlitz malt. Und da die guten Maler gerade eine kaum ausgeführte Gruppe von schönen Gestalten höchlich zu schätzen wissen, so laß auch ich meine Werke drucken, so wie sie sind, und kümmere mich nicht im geringsten darum, an Worten zu feilen. Denn das Schwierige liegt in der Zeichnung, und wenn die Farben an sich auch noch so schön sind, so bleiben die Blasen, worin sie sind, doch immer Blasen. Es kommt darauf an, schnell zu arbeiten und selbständig zu schaffen; alles, was man sonst redet, ist Geschwätz. Da sind meine ›Psalmen‹, da ist meine ›Geschichte Christi‹, da sind meine Komödien, meine Gespräche, da sind Erbauungs- und Erlustigungsbücher, je nach dem Gegenstand. Fast jedes dieser Werke habe ich beinahe in einem Tage entworfen. Und damit man vollends sehe, was es mit einem Talent auf sich hat, womit ein Künstler von Kindesbeinen an begabt ist, so wird man bald etwas vom Wüten der Waffen und vom Leiden der Liebe hören, obwohl ich es eigentlich unterlassen sollte, diese Gegenstände zu besingen, um vielmehr die Taten des Erhabenen Karl zu besingen, der den Namen ›Mensch‹ erhöht, indem er einwilligt, Mensch zu heißen, und der den Namen der Götter herabsetzt, indem er nicht duldet, daß man ihn ›Gott‹ nennt. Und wenn ich um der Phantasie willen, womit ich meinem Stil Leben einhauche, keine Ehre verdiene, so verdiene ich doch wohl ein bißchen Ruhm, weil ich die Wahrheit in die Gemächer und vor die Ohren der Mächtigen gebracht habe, zur ewigen Beschämung der Schmeichelei und der Lüge. Und um mir nichts von meinem Range nehmen zu lassen, so will ich hier die eigenen Worte des einzigen Herrn Gianjacopo, des Gesandten von Urbino, hersetzen: ›Wir, die wir unsere Zeit im Dienste der Fürsten opfern, wir Hofleute und Männer von Talent, wir werden jetzt von unseren Herren anerkannt und geehrt, und das verdanken wir den Züchtigungen, womit Pietros Feder sie gegeißelt hat.‹ Und ganz Mailand kennt die Worte aus dem geheiligten Munde des Edlen, der binnen weniger Monate mich um zwei goldene Becher bereichert hat: ›Aretino ist dem menschlichen Leben notwendiger als alle Predigten, denn diese bringen die gewöhnlichen Leute auf den rechten Weg, seine Schriften aber die hohen Herren.‹ Ich sage das nicht, um mich zu berühmen; dieses Verfahren wurde auch schon von Äneas angewandt, um sich an einem Ort, wo man ihn nicht kannte, zur Geltung zu bringen. Zum Schluß: Nehmet das Geschenk, das ich Euch mache, mit demselben aufrichtigen Herzen an, wie ich es Euch darbringe. Und zum Lohn dafür empfehlet mich dem Don Pedro di Toledo, Marchese di Villafranca und Vizekönig von Neapel.

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