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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Die Geschwister von Nürnberg

Eduard Bauernfeld: Die Geschwister von Nürnberg - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 5
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1840
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDie Geschwister von Nürnberg
pages1-2
created20060808
sendergerd.bouillon
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Erster Act.

(Nürnberg. Straße. Im Vordergrunde rechts das Haus der Geschwister.)

Erste Scene.

Roland, Claudius und Hedwig (kommen über die Stufen aus dem Hause).

Hedwig. Wie ich Euch sage: der Burggraf, der uns immer ein lieber und gnädiger Herr war, hatte bei dem Vater einen kostbaren Schmuck bestellt, den er bis zum Johannistage liefern sollte. Nun wißt Ihr, liebe Brüder, wie sehr dem Vater eine solche Arbeit am Herzen lag. Seine Augen waren schwach, seine Brust seit lange angegriffen; dennoch saß er am frühen Morgen bei den glänzenden Steinen, und konnte sich bis spät in die Nacht von seinem Werke nicht trennen. Darum harrte ich mit Sehnsucht der Stunde, wo diese verderbliche Arbeit aus dem Hause wäre, bis endlich der Abend vor Johannes kam, und das wunderbare Werk fertig fand, wie wohl kein Goldschmied in Paris oder Florenz jemals ein schöneres geschaffen. Nun hatte aber des Kaisers Majestät bei dem Burggrafen eingesprochen, welcher ihn Tags darauf mit großem Gefolge zum Reichstag nach Aachen geleiten sollte. Das wußte der Vater, und hätte sich's nicht um Alles nehmen lassen, den Schmuck selbst auf die Burg zu bringen. So hört' ich ihn auch schon am frühen Morgen in der Kammer rumoren; als ich aber eintrat, stand er halb angekleidet und blaß und zitternd da, daß ich erschrack. »Ihr seid nicht wohl, Vater!« rief ich, »laßt mich den Schmuck zum Burggrafen bringen.« Er aber weigerte sich dessen und kleidete sich mit einer ängstlichen Hast fertig, die ich nie an ihm gewahrt. Da mußt' ich ihm denn seinen Willen lassen. Er ging, und kam erst nach zwei Stunden zurück. Er warf den Hut auf den Tisch, und küßte mich auf die Stirn. »Ich habe des Kaisers Majestät gesehen,« sagte er, »und lange und traulich mit unserem gnädigen Herrn, dem Burggrafen, gesprochen. Er erinnert sich Deiner und Deiner Brüder auf das freundlichste, und will für Euer künftiges Schicksal statt Eures Vaters sorgen.« – Noch manches Seltsame, ja Unverständliche setzte er hinzu, so daß ich aufmerksam ward und mit Erschrecken die Fiebergluth in seinem Auge gewahrte. Ich trieb ihn zu Bette. Die Aerzte wurden berufen, aber das Fieber wollte nicht weichen. Wunderliche Träume und Gesichte schienen ihn zu umgaukeln, und er wurde nur ruhig, wenn ich wiederholt Eure Namen nannte. So mußt' ich ihn dahin siechen sehen und konnte nicht helfen. Am siebenten Tage – war er nicht mehr!

Roland (nach einer Pause). Der arme Vater! Daß wir zu spät zu seinem Segen kamen! Wir ritten doch rasch von Wittenberg her! – Du sagst, er war unser eingedenk?

Hedwig. Bis zum letzten Athemzug. Den schönen Ring, den Du jetzt trägst, zog er am Tage seines Scheidens vom Finger. »Das ist für unsern Roland,« sagte er, »er ist ein Freund von glänzenden und kostbaren Dingen.«

Roland. Der gute Vater!

Hedwig. Er hatte ein gleiches Ringlein verfertigt, welches unser Nachbar, der Kaufmann Humbert, ich weiß nicht für welchen Grafen oder Fürsten, auf die Frankfurter-Messe mit sich nahm.

Roland. Wie das funkelt! Der Ring ist kostbar, in der That.

Hedwig. Bewahre ihn sorgfältig, Bruder.

Roland. Wie meinen Finger. – Der gute, der liebe Vater! (Da Claudius seufzt.) Was fehlt Dir, Bruder? – Höre, Claud! Willst Du etwa den Ring haben, so nimm ihn. Wahrhaftig, es macht mir Freude, wenn Du ihn trägst.

Claudius. Nein, nein, ich danke Dir, lieber Bruder. Behalt' ihn nur.

Roland. Nun, wie Du willst! – Und jetzt genug von allen traurigen und betrübten Dingen! Vorbei ist vorbei! Begraben ist begraben! Das ist nun einmal nicht zu ändern. Hat man sich einmal herzhaft ausgeweint, so lebt man ruhig weiter. (Mit einem Blick auf Claudius.) Nicht wahr, Schwester Hedwig?

Hedwig. So seh' ich auch es an, und bin gefaßt;
Denn maßlos trauern soll kein guter Mensch.
Jetzt aber sagt, was werdet Ihr beginnen?
Der Vater meint', Ihr taugtet nicht zum Handwerk,
Das Uebung heischt, Geduld und stillen Geist.
Ihr seid der Welt, dem Leben zugewendet;
So wurdet Ihr nach Wittenberg gesandt,
Zur hohen Schule, und kehrt wohlgebildet
Zurück nach unserm treuen frommen Nürnberg;
Gewogen sind Euch Rath und Bürgermeister,
Und werden so gelehrten jungen Männern
Nicht Dienst und Amt versagen.

Roland.                                         Hm! Du meinst? –
Was sagst Du, Claudius, wie würd' ich wohl
Als Rathsherr mich in der Perrücke nehmen?

Hedwig. Ihr könnt es auch zum Bürgermeister bringen.

Roland. Kommt Zeit, kommt Rath! – Doch was geschieht mit Dir?

Hedwig. Ich nehme uns're Bas' in's Haus.

Roland.                                                 Frau Anne?
Da wird's zu keifen geben.

Hedwig.                                 Ei, warum?
Ich lebe still und spinne, summ' ein Liedchen,
Seh' in der Küche nach, daß die Herrn Brüder,
Wenn sie recht hungerig nach Hause kommen,
Auch was zu essen finden.

Roland.                                 Gut, recht gut!
Doch werden sie nicht stets zu Hause bleiben.
Gelt, Bruder Claud? Die Welt ist schön und weit!

Hedwig. Regt sich in Dir die alte Wanderlust?
Gib Acht, daß Dir die Fremde nicht Gefahr bringt!
Der Mensch hat seinen Boden, wie der Baum.

Roland. Das gilt für Weiber, für uns Männer nicht!
Der Mann folgt seinem Drang, das Weib dem Mann,
So wirst auch Du, wer weiß, noch einmal wandern.

Hedwig. Ich? O, wie das?

Roland.                           Ich meine – Du nicht auch? –
Du solltest bald an eine Heirath denken.

Hedwig. Bruder –

Roland.               Nu, nu! Du brauchst Dich nicht zu schämen.
Hast etwa schon gedacht?

Hedwig.                                 Wie kannst Du glauben?

Roland. Und was? Daß eine Dirn' an's Freien denkt?
Ich wette, Du hast längst gewählt – sonst, Schwester –
Ich wüßte Dir in Wittenberg Studenten –
Sag' doch, ist's jener Humbert? Doch Du willst
Wohl hoch hinaus – man spricht von einem Rathsherrn: –
Hab' ich's getroffen, wie?

Claudius.                             Laß doch die Schwester!

Roland. Ich sag' nichts mehr, doch munkelt man. – Komm', Claud!
Laß uns ein wenig durch die Straßen schlendern.

Claudius. Leb' wohl! – Bist Du noch böse, liebe Schwester?

Hedwig (küßt ihn).
Dies meine Antwort.

Roland.                         Gutes Schwesterchen!
Du Närrchen! Wollt' ich Dich denn kränken? Sprich!
Steht ihr, bei Gott, das Wasser in den Augen!
(Er wischt ihr die Augen.)
Du Jungfer Klugheit, Schürze voller Weisheit!
Willst was Apartes haben? Keinen Mann?
Du bist zu häßlich – wie? Es nimmt Dich Keiner.
Nun lacht sie. Wart! Daß Du mir ja – das rath' ich –
Daß Du mir ja nicht in das Kloster gehst! –
Komm', Bruder!

Hedwig.                   Claudius!

Claudius (zu Roland).               Ich folge Dir.

Roland. Dort bei der Waffenschmiede harr' ich Dein. (Ab.)

Zweite Scene.

Hedwig. Claudius.

Hedwig. Mein Claudius! Du senkst das Haupt und schweigst?

Claudius. Du kennst ja, Schwester, mein Gemüth! Ich liebte
Den Vater, und er liebte mich; doch blieb
Ein Fremdes zwischen uns, ein Hemmendes,
Ich konnte nie mein Herz ihm völlig zeigen;
Das martert mich. Ihr kennt nicht diesen Schmerz:
Von einem vielgeliebten Todten scheiden,
Mit einem stillen Vorwurf in der Brust.

Hedwig. Du irrst, mein lieber Bruder Grübler! Warst Du
Doch stets das liebste Kind dem Vater, und das beste.
Darum sei guten Muths! Versprich mir das.
(Da ihr Claudius die Hand reicht.)
Nun schön! Du gehst?

Claudius.                         Zu Roland.

Hedwig (zögernd).                               Höre, Bruder –
Der Roland, weißt Du, ist ein arger Spötter,
Und derb, so wie sein Körper, ist sein Sinn;
Auch spricht er gern und viel – Du mußt nicht Alles
Flugs glauben, was er sagt – das heißt, er lügt nicht,
Doch setzt er zu und nimmt hinweg – so bleibt
Am Ende doch was And'res als die Wahrheit.
So sprach er jetzt – Du hast es ja vernommen –
Von meiner Heirath –

Claudius.                         Wär' es wirklich?

Hedwig.                                                       Nein! –
Ob zwar die Base meint, ein reicher Freier,
Ein Rathsherr habe sich gemeldet; nun,
Sie brachte uns zusammen – mein Erschrecken
Kannst Du Dir denken, als die Bas' in's Ohr
Mir flüsterte: das sei der Freiersmann.
Was sonst nicht meine Weise, ich ward roth,
Heiß, glühend heiß, und stockte mit der Sprache;
Und als sie später mich erforschte, wie
Der Mann mir denn gefallen, sagt' ich: gut.
Gut – weiter nichts. Ganz kurz! Das ist die Sache.

Claudius. Du wirst Dich doch zuletzt entschließen müssen –

Hedwig. Vielleicht – vielleicht auch nicht. Doch wie in Allem,
Würd' ich hierin auch Deinen Rath erbitten.
Doch hat's noch Zeit. Jetzt bin ich ganz zufrieden,
Da ich Euch Beide wieder bei mir habe.

Claudius. Wer weiß!

Hedwig.                   Du meinst?

Claudius.                                   Ich meine, liebe Schwester,
Daß Du den Bruder bald mit andern Augen
Betrachten wirst, sobald ein treuer Gatte
Dich in die Arme schließt.

Hedwig.                                 Mit andern Augen?
Wie das? Du bleibst mein Bruder, und hast hier
(auf ihr Herz weisend)
Den ersten Platz. Das mag nur Jeder wissen,
Der um mich freit; und wenn mein künft'ger Mann –
Doch still! Die Base. Still!

Dritte Scene.

Vorige. Anne (mit einem Bündel).

Anne.                                   Da bin ich, Muhme,
Mit Sack und Pack. Ei, Neffe Claud, willkommen!
So eben sprachen wir von Euch. Es freut sich
Ein wack'rer Mann auf Euere Bekanntschaft,
Ein Mann von Anseh'n, der Euch nützen kann;
Die Hedwig kennt ihn – gelt? Ein Rathsherr.

Claudius.                                                         So?
Es wird mich freu'n – verzeiht –

Anne.                                             Wohin so eilig?

Claudius. Der Bruder wartet mein.

Hedwig.                                       Bleibt nicht zu lang.
Ihr kommt zur Vesper?

Claudius.                           Ja. Leb' wohl!

Hedwig.                                                   Leb' wohl!

(Claudius ab.)

Vierte Scene.

Hedwig. Anne.

Anne (sieht ihm nach).
Sieh doch! Der junge Mensch ist voller Hochmuth!

Hedwig (ablenkend).
Kommt, Base! Eure Stube ist bereit.

Anne. Dank, liebes Kind. – Ist das Studentensitte?

Hedwig. Ich denk', wir werden uns vertragen, Base;
Ich bin nicht faul, nicht mürrisch, halt' auf Ordnung,
Wie Ihr, auch laß ich gerne mich belehren.

Anne. Du bist ein Herzenskind, und wer Dich heimführt,
Ist zu beneiden.

Hedwig (sinnend).     Still davon!

Anne.                                       Warum?

Hedwig. Ja, seht, ich dachte schon an's Kloster.

Anne.                                                             Wie?

Hedwig. In stiller Ruh' und Sammlung, abgeschlossen
Von allem Lärm, ein Gärtchen etwa pflegend,
Und Gott am nächsten, den ein Jeder sucht,
Der Zustand lockte öfter schon mich an:
Denn was verlör' ich, ging' ich aus der Welt?
Und wem erregt' ich Kummer durch mein Scheiden?
So sagt' ich oft zu mir; doch fühlt' ich wieder
Den süßen Muth zu trachten und zu streben,
Zu sorgen – wenn auch nicht für mich: für And're;
Da dacht' ich Euer, die mir zugethan,
Da dacht' ich meiner Brüder – und so blieb ich
An meiner Stelle, die mir angewiesen.

Anne. Und so ist's recht, so ist's vernünftig.

Hedwig.                                                   Meint Ihr?

Anne. Ich mein', Ihr solltet Euch erheitern, solltet
Bisweilen einen guten Tag Euch machen.

Hedwig. Wer sagt Euch denn, daß ich nicht heiter bin?
Ich hab' nur eine Sorge: um die Brüder.

Anne. Die Brüder? Pah! Die sorgen für sich selber.
Der Roland ist ein Sonntagskind.

Hedwig.                                           Ja, Roland!
Doch bangt mir fast um Claudius; er ist
So düster immer und verschlossen.

Anne.                                                 Düster?
Ein Träumer ist's, und stolz dabei – und –

Hedwig.                                                         Muhme,
Schmäht nicht den Claudius – Ihr thut mir weh.

Anne. Es war ja nicht so schlimm gemeint.

Hedwig.                                                   So kommt jetzt
In's Haus hinein, denn es will Abend werden.

Fünfte Scene.

Vorige. Leopold (welcher schnuppernd herbeikam, und eben in das Haus treten will).

Anne. Was will der Mensch?

Leopold. Gott zum Gruß, meine artigen Frauen!

Anne. Wer seid Ihr, guter Freund?

Leopold. Ein Reisender, eine Gattung Pilger.

Anne. Der sich in die Häuser schleicht?

Leopold. Ja, seht! Euer Haus stand offen, so daß man ihm in's Herz sehen konnte, nämlich in die Küche, die einen gar lieblichen Athem aushaucht. Das zog mich an. (Schnuppernd.) Ich wette, es ist Kalbsbraten; und zwar: am Spieße gebraten.

Anne. Ihr scheint ein Kenner.

Leopold. Das macht, ich war vor Zeiten Küchenjunge, und arbeitete viel im Gebratenen. Es ist eine Wissenschaft, die mich auf immer fesselt. Horch! Es zischt und prasselt. Es zieht mich, es reißt mich hin – Jugend-Begeisterung erfaßt mich – ich kann nicht widerstehen: ich muß den Bratspieß drehen helfen. (Er will in das Haus.)

Anne (stellt sich ihm in den Weg). Halt!

Hedwig. Laßt ihn, Base! Es ist ein munterer Geselle.

Anne. Ein Schalk ist es!

Leopold. Still, vorlaute Magd einer freundlichen Herrin!

Anne. Magd! Was Magd! Ihr seid ein Windbeutel, ein Landstreicher! Der Hunger sieht Euch aus den Augen.

Leopold. Laßt ihm den Spaß! Es gefällt ihm in dem leeren Hause nicht, d'rum schaut er beim Fenster heraus.

Anne. Es ist ein Possenreißer. Kommt, Base! Man muß solch Volk nicht zügeln.

Hedwig. Da, lustiger Pilger! Nehmt diesen Zehrpfennig.

Leopold. Dank, schönes Kind.

Anne. Darum war's Euch wohl nur zu thun, he? Und nun trollt Euch weiter! Mich für die Magd zu halten! – Fort, sag ich. Hier ist nichts weiter für Euch zu holen.

(Ab mit Hedwig, indem sie die Thüre zuschlägt.)

Leopold (allein). Gott hat die keifenden Weiber erschaffen, und wir müssen sie ertragen. Pah! Hab' ich doch nun einen Zehrpfennig, und so ist für heute gesorgt. Wie schön wäre das Leben, wenn sich's die Menschen nicht so sauer machten! Da haben sie die sogenannte Arbeit erfunden; dabei kann es einem wackern, arbeitscheuen Burschen, wie mir, begegnen, mitten zwischen Essenden zu verhungern. Sollte man nicht vielmehr ein ausgesprochenes Talent zum Müßiggang, als eine seltene und angenehme Ausnahme, auf Staatskosten erhalten? Aber niemand denkt daran! (Er setzt sich auf die Stufen des Hauses.) Mein Schicksal ist doch sonderbar! Als ein dünner, schmächtiger Junge ward ich aus meinem lieben Vaterlande, der Pfalz am Rhein, verjagt, und ging nach Spanien. Schönes, warmes Land für die Faulenzer, wo man des Nachts keine Decken braucht, und wo die Orangen umsonst zu haben sind, wie bei uns die Holzäpfel. Dort diente ich abwechselnd bei Adepten und Bartscherern, lernte Guitarre spielen und Olla potrida kochen, trank süße Weine und küßte hübsche Mädchen. So ging's durch zwanzig Jahre. Plötzlich ergreift mich das Heimweh nach dem deutschen Boden; ich laufe von Sevilla bis nach Nürnberg, um wieder Lebkuchen zu essen, und dabei wie ein Kind zu flennen. – Aber was nun? Ich will nach der Pfalz zurück, obschon ich damals einen fürchterlichen Eid ablegen mußte, mein Vaterland nicht wieder zu betreten. Hm! In zwanzig Jahren ist ein solcher Eidschwur wohl völlig abgenützt. (Steht auf.) Beschlossen ist's: ich kehre nach Hause zurück. – Aber holla! Was kommt dort für ein Paar junge schmucke Herren? Sie sprechen lebhaft mit einander. Der Eine ist derb und tüchtig, und sieht d'rein, als ob er die Welt nur so in den Sack schieben wollte; der And're zart und fein, und hört ungläubig lächelnd zu, während Jener mit Armen und Beinen gestikulirt. Sie kommen hieher! Ich wette, das sind feiner Leute Kind, vielleicht Studenten, die Batzen in der Tasche haben – und ich will auch mein Theil davon abkriegen, so wahr ich ein erfahrener Reisender bin.

(Zieht sich zurück.)

Sechste Scene.

Leopold (versteckt). Roland und Claudius.

Roland. Glaub' meinem Wort: was Nürnberg räth und schlichtet,
Wird bald von einem Ehrenmann verrichtet;
Das Pferd hinaus, den knappen Koller an,
Das Schwert zur Hand – das schickt sich für den Mann!
An jedem Tag zu Kampf und Krieg gerüstet,
Und jede Stunde, was das Herz gelüstet,
Was kümmert Heimath mich, und Hof und Haus!
Ein tücht'ger Mann muß in die Welt hinaus.

Leopold (für sich).
Brav, Herr Student! Das spricht sich kräftig aus;
Entweder wird ein Held oder ein Lump daraus.

Claudius. Du weißt, schon lange sehn' ich mich,
Die Welt zu seh'n, die Wunder in der Ferne;
Denn Alles Fremde lockte stets mich an,
Und Sprache, Sitte, wie Gewand und Tracht,
Hüllt mir den fremden Mann als Räthsel ein,
Das mich mit süßem Reiz zur Lösung ladet.

Roland. Was hindert uns, zu stillen diese Sehnsucht?
Sind wir nicht jung und haben Geld im Beutel?

Leopold (für sich).
Ei, das sind liebe Jungen!

Roland.                               Höre, Bruder!
Längst hecken wir den Plan im Kopf; laß uns
Ihn auszuführen denken. Unser Vater,
Der stets dagegen stimmte, lebt nicht mehr –

Claudius. Allein die Schwester –

Roland.                                     Eben d'rum! Die Schwester!
Gib Acht! Sie hetzt die Basen bald auf uns,
Den Bürgermeister und die Herrn vom Rath;
Die schmieden uns in enger dunkler Stube
Fest an den Aktentisch, und reichen uns
Papier und Feder, und diktiren uns,
Was Hinz und Kunz an Gaben schuldig ist;
Da sitzen wir am Fensterlein und seufzen,
Da draußen aber lacht die frische Welt.
Nein, nein, ich lasse mich nicht fah'n und ketten!
Beschlossen ist's: ich wand're.

Claudius.                                     Doch die Hedwig?

Roland. Die Hedwig denkt an Heirath, glaube mir,
Wir sind ihr nur im Weg.

Claudius.                             So scheint es fast –

Roland. Denkst Du wie ich, wir machen uns fein still
Und sachte eines Tages auf die Reise –

Claudius. Wie? Ohne Abschied?

Roland.                                     Und wozu ein Abschied?
Ich bin kein Freund von Widerspruch und Thränen.
Sieh, kehren wir zurück als fert'ge Männer,
So tritt die Hedwig auf der Schwelle wohl
Uns an der Hand des Bräutigams entgegen,
Und dankt uns noch, daß wir bei Zeiten gingen.
Sprich, ist mein Plan nicht gut?

Claudius.                                     Allein wohin
Soll uns're Reise gehn?

Roland.                             Das wird sich finden.
Nur in ein Land, wo Arm und Schwert zu brauchen,
Nur fort, denn wir versauern hier zu Landes.
Darum hinaus! Hinaus!

Leopold (tritt vor).               Das sag' ich auch.

Roland. Wer seid Ihr? Was? Ein Lauscher?

Leopold.                                                   Nicht doch, Junker!
Ich hört' Euch da von Reisen discuriren,
Und weil ich selbst, von Kindesbeinen an,
Ein Reisender mit Passion, so konnt' ich
Nicht widersteh'n, mich in's Gespräch zu mischen.

Roland. Ihr wär't ein Reisender?

Leopold.                                   Euch aufzuwarten.
Ich, wie Ihr mich da seht, ich komm' aus Spanien;
Wollt Ihr die Welt beseh'n, nehmt mich zum Führer.

Roland. Ein flinker Bursch!

Claudius (zu Leopold).         Du scheinst mir ein Cumpan,
Der ohne Zweck und Ziel die Welt durchstreift.

Leopold. Mein Ziel und Zweck ist, Herr, mich satt zu essen.
Zwei Sorten Menschen gibt es nur: die hungern,
Und die, so nicht. Nun ist der Lebenszweck,
Sich von den Hungerleidern los zu machen,
Und zu den Satten zu gehören. Seht,
Das ist die Welt: um das dreht sich das Ganze.
Wär' ich ein schmucker Ritter, so wie Ihr,
Die Welt wär' mein. Ich setzte mich auf's Roß,
Und dächt' ein fettes Ländchen zu erobern.

Roland. Für Ritter hältst Du uns? Du irrst.

Leopold.                                                 Pah! Pah!
Was vornehm ist, dem steht es auf der Stirne. –
Doch hört! Ihr spracht vorhin von Kampf und Fehde!
Ist's Euer Ernst, so nenn' ich Euch ein Land,
Wo jetzt zwei mächt'ge Grafen sich bekriegen.

Roland. So nenn's!

Leopold.                 Es heißt: die Pfalz.

Claudius.                                             Am Rhein?

Leopold.                                                               Am Rhein,
Wo Städt' und Burgen Euch entgegenlachen,
Und Wein, so hell wie Gold. Dort liegen sich
Der Pfalzgraf und der Raugraf in den Haaren;
Da ließe sich ein Rittersporn verdienen.

Roland. Sein Rath ist gut. Was meinst Du, Claud? Bedenke:
Der Burggraf, unser Gönner, ist in Aachen,
Und wird uns gerne seinen Schutz verleih'n.

Claudius. Längst zog der deutsche Rhein mich mächtig an,
Es läßt sich d'rüber sprechen. – Komm', mein Bursche!
Du sollst beim Vesperbrot uns Kunde geben
Von Deinen Reisen.

Leopold.                       Gern, recht gern.

Claudius.                                                 So komm'!

Leopold. Herr, da hinein?

Claudius.                         Nun ja.

Leopold.                                       In dieses Haus?
Nein, das betret' ich nicht.

Claudius.                               Und das warum?

Leopold. Ein böser Drache wohnt darin.

Roland.                                                 Ein Drache?

Leopold. Ein keifend Weib.

Roland.                               Ja, ja! Das ist die Base.
Hilf Gott, hört die von unserm Reiseplan!
Und auch die Schwester wird das Näschen rümpfen.

Leopold. Ihr sprecht von Basen und von Schwestern? Prost!
Mit Weibern will ich nichts zu schaffen haben.
Lebt wohl, Ihr Herren!

Roland.                             Wohin?

Leopold.                                         Ich such' mir Einen,
Der unabhängig ist und frei, der mit mir
Auf lust'ge Kriegesabenteuer zieht.

Roland. Frei bin ich auch.

Leopold.                           Dann fehlt Euch die Courage,
Trotz Eurem langen Schwert und derben Fäusten,
Sonst würdet Ihr nicht ängstlich Euch besinnen,
Und flugs Euch auf die Beine machen.

Roland.                                                   Nun,
Man hat doch Manches zu bedenken.

Leopold.                                                 So
Bedenkt und bleibt zu Hause hinter'm Ofen.
Lebt wohl!

Roland.           Wart doch, Du närrischer Geselle!

Leopold. Ihr seid mir Helden! Warten! Bis zum Frieden,
Und bis der Krieg vorbei, nicht wahr? Nichts da!
In fünf Minuten bin ich reisefertig;
Auf! Seid Ihr Männer: kommt! Ich nehm' Euch mit.

Roland. Hör', Bruder! – Tritt bei Seite, guter Freund –
(Leise zu Claudius.)
Den Burschen hat der Himmel uns gesendet,
Zum raschen Handeln uns zu wecken. Bruder,
Ich ziehe nach der Pfalz.

Leopold (für sich).                 Sie sind schon mein!

Claudius (zu Roland).
Du wolltest –?

Roland.                 Mit dem Burschen zieh'n.

Claudius.                                                     Und Hedwig?

Roland. Erfährt durch ein geschrieb'nes Lebewohl
Den lang gehegten Plan. Sprich nichts dagegen!
Der rechte Augenblick ist da; ich kehre
Nicht mehr in's Haus zurück.

Claudius.                                   Du sagst, wir sind
Ihr nur im Weg?

Roland.                   Gewiß! Schlag' ein –

Claudius.                                                 Du ziehst
Mich fort, wohin's mich selber mächtig treibt.
Unthätig bin ich hier, ein nicht'ger Träumer,
Nach schönen Fernen lockt mich dunkler Trieb,
Als sollte dort mein Schicksal erst sich lösen.

Roland. Das ist die Stimme, die zu Thaten ruft,
Mir klang sie auch. Frisch auf! Wir folgen ihr. –
Nun, Bursche mit dem großen Maul! Bist Du
Bereit? Ein Wandern gilt's. In Kampf und Fehde!
In's schöne Rheinland!

Leopold.                           Topp! Ich nehm' Euch mit.
(Für sich.)
Die beste Art, umsonst nach Haus zu kommen.

Claudius. Mein Bruder –

Roland.                           Zög're nicht! Die Ehre winkt,
Der Ruhm, das Kriegesglück in fernen Landen!
Wer aus den Quellen nicht der Fremde trinkt,
Dem bleibt das reichste Leben unverstanden.
Komm', Bruder, komm'!
(Zu Leopold.)             Du lust'ger Bursch, mach' fort
Von Land zu Lande geht's, von Ort zu Ort!

Leopold (schürzt sich, schnallt das Ränzel fest).
Vivat die Ritterschaft! Das ist ein Wesen!
Man soll von uns noch in der Chronik lesen!

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