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Die Geschichte von der 1002. Nacht

Joseph Roth: Die Geschichte von der 1002. Nacht - Kapitel 3
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authorJoseph Roth
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III

Seine Kaiser- und Königliche Apostolische Majestät empfing die Kunde von dem Besuch des Schahs gegen acht Uhr morgens. Es waren gerade knapp zweihundert Jahre vergangen, seitdem der grausamste aller Mohammedaner gegen Wien herangerückt war. Damals hatte ein wahres Wunder Österreich gerettet. Weit schrecklicher noch als einst die Türken bedrohten jetzt die Preußen das alte Österreich – und obwohl sie fast ungläubiger waren als die Mohammedaner – denn sie waren ja Protestanten –, tat Gott gegen sie keine Wunder. Es gab keinen Grund mehr, die Söhne Mohammeds mehr zu fürchten als die Protestanten. Jetzt brach eine andere, schrecklichere Epoche an, die Zeit der Preußen, die Zeit der Janitscharen Luthers und Bismarcks. Auf ihren schwarzweißen Fahnen – beides Farben der strengen Trauer – war zwar kein Halbmond zu sehn, sondern ein Kreuz; aber es war eben ein eisernes Kreuz. Auch ihre christlichen Symbole noch waren tödliche Waffen.

All dies dachte der Kaiser von Österreich, als man ihm von dem bevorstehenden Besuch des Schahs berichtete. Ähnliches dachten auch die Minister des Kaisers. Man raunte in Wien, man munkelte in den Kanzleien, vor den Türen, hinter den Türen, in den Kabinetten, in den Korridoren, in den Redaktionsstuben, in den Caféhäusern und sogar in den Chambres séparées. Allenthalben bereitete man sich auf den Besuch des Schahs vor.

Am Tage, an dem der Zug des Schah-in-Schah im Wiener Franz-Josephs-Bahnhof einlief, sperrten vier Ehrenkompanien und zweihundert Wachleute zu Fuß und zu Pferde die Straßen ab. Die fürsorgliche Gastfreundschaft Seiner Kaiser- und Königlichen Apostolischen Majestät hatte dafür gesorgt, daß alle Wagen des Zuges, der den persischen Herrscher nach Wien brachte, weiß gestrichen waren, in einem bräutlichen Weiß, wie das Schiff, das der Schah in Konstantinopel bestiegen hatte. Auf dem Perron stand eine Kompanie des Regiments der Hoch- und Deutschmeister. Der Kapellmeister Josef Nechwal befahl die persische Nationalhymne. Tschinellen und Kesselpauke und die sogenannten Tschandressen machten mehr Lärm, als die persische Nationalhymne unbedingt erfordert hätte. Die Kesselpauke, aufgebürdet auf dem sonst so geduldigen und musikalischen Maulesel, wollte auch nicht zurückbleiben; und der Maulesel bebte von Zeit zu Zeit, er revoltierte gleichsam; aber weder der Pauker merkte es noch der Kapellmeister Josef Nechwal. Der dachte an die Orden im Schaufenster Tillers.

Der Kaiser fühlte sich unbehaglich in der fremden Uniform. Es war überdies heiß: einer jener frühreifen Maitage, die den Hochsommer vorwegzunehmen scheinen. Das Glasdach über dem Perron glühte.

Die Hymne gefiel dem Kaiser durchaus nicht. Mit deutlichem Respekt hörte er sie an – mit ostentativem Respekt ...

Als der Schah ausstieg, umarmte ihn der Kaiser flüchtig. Der Schah schritt die Ehrenkompanie ab. Der Kapellmeister kommandierte das »Gott erhalte«. Die Perser erstarrten.

Man stieg in die Kutschen, man fuhr ab. Hinter den blauen Mauern der Soldaten schrien die Leute: »Hoch, hoch, hoch!« Die Rosse der berittenen Polizisten wurden böse, und gegen den Willen der Reiter schlugen sie aus und verletzten zweiundzwanzig Neugierige. Der Polizeibericht im »Fremdenblatt« sprach von »drei Ohnmachtsfällen«.

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