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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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VIII

Tod und Leben

Ssergei Golowin hatte den Tod stets als etwas Nebensächliches, das ihn nichts anging, betrachtet. Er war ein kräftiger, gesunder und lustiger Bursche, mit jener ruhigen und hellen Lebensfreudigkeit begabt, die jeden schlimmen, lebensverneinenden Gedanken schnell und spurlos aus dem Organismus ausscheidet. Ebenso schnell, wie bei ihm jede Verletzung und Wunde heilte, drang alles Quälende, seine Seele Belastende unverzüglich nach außen und verschwand. Bei jeder Beschäftigung oder Unterhaltung, sei es beim Photographieren, Velozipedfahren oder Vorbereiten eines terroristischen Aktes, immer trug er denselben ruhigen und lebensfrohen Ernst zur Schau. Alles im Leben war lustig, alles im Leben war ernst, alles mußte gut gemacht werden.

Und er machte alles gut, segelte ausgezeichnet, schoß vorzüglich mit dem Revolver, war treu in Freundschaft und Liebe und glaubte fanatisch an das Ehrenwort. Seine Freunde sagten neckend von ihm, daß, wenn ein Spion oder berüchtigter Spitzel ihm auf Ehrenwort versicherte, er sei kein Spion, würde Ssergei ihm glauben und freundschaftlich die Hand drücken. Einen Fehler hatte er: Er war überzeugt, sehr gut singen zu können, während er keine Spur von Gehör hatte und schauderhaft falsch sang, sogar bei revolutionären Liedern, aber er ärgerte sich sehr, wenn man lachte.

– Entweder seid ihr Esel oder ich bin ein Esel, sagte er ernsthaft gekränkt. Und ebenso ernsthaft dachten die anderen: Der Esel bist du. An der Stimme kann man's erkennen.

Wie das häufig mit guten Menschen der Fall ist, liebte man ihn um dieser kleinen Schwäche willen fast noch mehr als wegen seiner Vorzüge.

Den Tod fürchtete er und dachte an ihn so wenig, daß er an jenem kritischen Morgen vor Aufbruch aus Tanja Kowaltschuks Wohnung ganz allein und mit Appetit tüchtig gefrühstückt hatte: zwei Glas Tee, zur Hälfte mit Milch; und ein ganzes Fünfkopekenbrot. Dann blickte er schmerzlich auf Werners unberührte Semmel und sagte:

– Warum ißt du nicht? Iß nur, man muß sich stärken.

– Ich kann nicht.

– Dann eß ich es. Ja?

– Über deinen Appetit kann man nicht klagen, Sseresha.

Statt aller Antwort sang Ssergei mit vollem Munde, dumpf und falsch:

– Feindliche Stürme umbrausen unsRussisches Revolutionslied. . . .

Nach der Verhaftung fing er fast an, sich zu grämen. Schlecht gemacht, durchgefallen! Dann besann er sich: Da war jetzt etwas Neues, das gut gemacht werden mußte – das Sterben nämlich, und er wurde wieder ganz munter. Wie seltsam es klingen mag, am nächsten Morgen begann er Gymnastik zu treiben, und zwar nach dem rationellen System eines Deutschen namens Müller, das ihm sehr gefiel. Er entkleidete sich bis auf die Haut, und zum großen Staunen des wachhabenden Soldaten führte er alle achtzehn vorgeschriebenen Übungen aus. Daß ihn der Soldat dabei beobachtete und sich natürlich wunderte, war ihm äußerst angenehm, als wäre er ein Propagandist des Müllerschen Systems; und obwohl er wußte, daß er keine Antwort bekam, sprach er zum Glotzauge im Fenster:

– Das stärkt, Freundchen. Das müßte man im Regiment einführen, rief er überzeugend und freundlich, um den Soldaten nicht einzuschüchtern, nicht ahnend, daß dieser ihn für einen Verrückten hielt.

Die Furcht vor dem Tode kam allmählich – stückweise – zu ihm: als packe jemand sein Herz von unten und stoße es mit der Faust. Dieses Gefühl war eher schmerzhaft als schrecklich. Dann verlor es sich, um nach einigen Stunden wiederzukommen, jedesmal anhaltender und stärker, und schon begann es deutlich die Gestalt einer großen, ja unerträglichen Angst anzunehmen. –

– Ich fürchte mich doch gar nicht, dachte er erstaunt. Das fehlt auch noch! . . .

Nein, nicht er fürchtete sich, sein junger gesunder Körper war es, der sich nicht durch Müllersche Übungen und kalte Abreibungen betrügen ließ. Je kräftiger und frischer er vom kalten Wasser wurde, um so stärker und unerträglicher war das Gefühl sekundenlanger Angst. Gerade in Momenten, wo früher, in Freiheit, er eine besondere Steigerung der Lebenslust und -kraft empfunden hatte, morgens nach festem Schlaf und physischer Anspannung, stellte sich jetzt diese schneidende, gleichsam fremde Angst ein. Er bemerkte es und dachte:

– Du bist wirklich sehr dumm, Ssergei. Um leichter sterben zu können, muß man den Körper schwächen und nicht stärken. Dumm, sehr dumm!

Er gab Turnen und Abreibungen auf. Dem Soldaten rief er wie zur Erklärung und Entschuldigung zu:

– Laß dich dadurch nicht irre machen, daß ich es sein lasse. Es ist doch etwas ganz Famoses, Freundchen. Nur für solche, die gehängt werden, taugt es nichts; für alle andern ist es ausgezeichnet . . .

Tatsächlich wurde ihm scheinbar leichter. Er versuchte, weniger zu essen, um noch schwächer zu werden, aber ungeachtet des Mangels an frischer Luft und freier Bewegung war sein Appetit sehr gut, so daß es ihm schwer war, diese Absicht auszuführen und er alles vertilgte, was man ihm brachte. Darauf versuchte er folgendes: Vor dem Essen goß er die Hälfte in den Eimer, und das schien zu helfen. Eine dumpfe Erschöpfung bemächtigte sich seiner.

– Ich werde dir zeigen, drohte er seinem Körper und strich dabei kummervoll über die erschlafften, weichen Muskeln.

Bald hatte sich sein Körper auch an dieses Regime gewöhnt, und die Angst vor dem Tode kam wieder – allerdings nicht so brennend und schneidend wie vorher, aber ekelhafter und steigerte sich bis zur Übelkeit. – Das kommt von diesem langen Hinziehen, sagte Ssergei, man müßte die ganze Zeit bis zur Hinrichtung verschlafen und versuchte soviel wie möglich zu schlafen. Anfänglich gelang es ihm, aber bald stellte sich wohl als Folge davon, oder aus einem anderen Grunde, Schlaflosigkeit ein, und mit ihr kamen scharfe, hellseherische Gedanken und die Trauer um das Leben.

– Fürchte ich mich denn vor diesem Teufel? sagte er in Gedanken an den Tod, mein Leben tut mir leid. Es ist doch etwas herrliches um das Leben, was auch die Pessimisten sagen mögen. Wie wäre es, wenn man alle Pessimisten hängen würde? Schade ums Leben, sehr schade! Warum mußte mir auch gerade jetzt der Bart wachsen? Er wuchs und wuchs nicht und jetzt mit einem Mal. Und wozu?

Ssergei schüttelte kummervoll das Haupt und seufzte tief und schwer. Schweigen. – Ein schwerer, tiefer Seufzer. – Dann kurzes Schweigen und wieder ein noch tieferer, schwererer Seufzer.

So ging es bis zum Gerichtstage und dem letzten schrecklichen Wiedersehen mit den Eltern. Als er in seiner Zelle mit dem klaren Bewußtsein erwachte, daß es mit dem Leben vollständig aus war, daß ihm nur noch ein paar leere Stunden der Erwartung und der Tod bevorstanden, wurde ihm ganz eigentümlich zumut. Als hätte man ihn entkleidet – auf besondere Art entkleidet – nicht nur die Kleider, sondern auch Licht, Luft, Sonne und die Fähigkeit zu handeln genommen. Noch war der Tod nicht da, aber ein Leben gab es auch nicht mehr, etwas anderes, Neues, Unfaßliches, halb Sinnloses halb mit einem Sinn, einem so tiefen, geheimnisvollen und übermenschlichen Sinn, daß es unmöglich war, ihn zu enträtseln.

– Pfui Teufel, dachte Ssergei gequält und erstaunt – ja was ist denn das? Wo bin ich denn? Ich? – Wer ist ich?

Er besah sich aufmerksam und interessiert, angefangen von den großen Arrestantenpantoffeln, bis zum Bauch, wo der Schlafrock weit abstand. Dann begann er mit gespreizten Fingern durch die Zelle zu wandern und betrachtete sich von oben bis unten, wie eine Frau in neuem, etwas zu langem Kleide. Er versuchte den Kopf zu drehen – der Kopf drehte sich. Und dieses alles ein wenig Unheimliche war Ssergei Golowin und sollte es bald nicht mehr sein.

Und sonderbar wurde alles.

Er versuchte durch die Zelle zu gehen – wie sonderbar war's, daß er ging. Er setzte sich; wie sonderbar, daß er saß. Versuchte Wasser zu trinken; wie sonderbar, daß er trank, schluckte und den Krug hielt, daß er Finger hatte und diese Finger zitterten. Er verschluckte sich, fing an zu husten, und beim Husten dachte er: wie sonderbar, daß ich huste.

– Werde ich denn verrückt? fragte sich Ssergei. Es überlief ihn kalt. – Auch das noch, Teufel noch einmal!

Er rieb sich die Stirn, aber auch das war sonderbar. Dann saß er stundenlang wie erstarrt, suchte jeden Gedanken, lautes Atmen, jede Bewegung zu unterdrücken, denn jeder Gedanke war Wahnsinn, jede Bewegung war Wahnsinn. Zeit gab es nicht mehr; luftleer und durchsichtig hatte sie sich in eine Strecke, einen Riesenplatz verwandelt, auf dem alles: Menschen, Erde, Leben zusammen war; alles konnte er mit einem Blick übersehen, alles, bis ans Ende, bis zu dem rätselvollen Abgrund: Tod. Die Qual bestand nicht darin, daß er den Tod sah, aber daß er Tod und Leben neben einander sah. Mit frevler Hand war der Vorhang beiseite geschoben, der von Ewigkeit her das Geheimnis des Lebens und das Geheimnis des Todes verschließt, und sie waren keine Geheimnisse mehr, blieben aber unverständlich, wie die Wahrheit, in fremder Sprache geschrieben. Das menschliche Hirn hat keine Begriffe, die menschliche Sprache keine Worte, um das Gesehene darin zu kleiden. Und die Worte »ich fürchte mich« erklangen nur darum, weil keine Worte, keine Begriffe existieren können, welche zu diesem neuen, überirdischen Zustand gepaßt hätten. So wäre dem Menschen, wenn er innerhalb der Grenzen menschlichen Begreifens, Gefühls und menschlicher Erfahrung bleibend, plötzlich Gott gegenüber stände. Er wird ihn sehen und es nicht begreifen; obschon er weiß, daß es Gott ist, wird er zittern in nie dagewesener Qual, nie dagewesener Verständnislosigkeit.

– Da hast du's, Müller! brachte er plötzlich laut und besonders nachdrücklich hervor und schüttelte den Kopf. Und mit jenem plötzlichen Gefühlsumschlag, dessen die menschliche Seele ja so fähig ist, lachte er laut und herzlich auf:

– O Müller! O Müller, Müller! Du mein einziger, guter Deutscher. Und dennoch hast du recht, Müller, und ich bin ein Esel!

Ein paarmal ging er hastig in der Zelle auf und ab, dann entkleidete er sich zum erneuten, nicht geringen Staunen des Soldaten, der ihn durchs Fensterchen beobachtete, bis auf die Haut und machte vergnügt und übereifrig alle achtzehn Übungen, dehnte und streckte den jungen, etwas abgemagerten Körper, setzte sich, atmete die Luft ein und aus, reckte Arme und Beine. Und nach jeder Übung sagte er befriedigt:

– So, so, so, . . . so ist's recht, Freund Müller. – Seine Wangen röteten sich, aus den Poren trat in heißen, angenehmen Tropfen der Schweiß, fest und ruhig klopfte das Herz.

– Die Sache ist nämlich die, lieber Müller, philosophierte Ssergei und blies die Brust auf, daß die Rippen deutlich unter der feinen, gestrafften Haut hervortraten. – Die Sache ist die, daß es noch eine neunzehnte Übung gibt: unbeweglich am Halse hängen . . . sie heißt: Hinrichtung. Verstanden, Müller? Man nimmt einen lebendigen Menschen, sagen wir Ssergei Golowin, wickelt ihn wie eine Puppe ein und läßt ihn am Halse hängen, bis er tot ist. Das ist dumm, Müller, aber nichts zu machen, es kommt vor.

Er machte die Rumpfbeuge nach rechts und wiederholte:

– Es kommt vor, Freund Müller . . .

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